Halfterfisch
Zanclus canescens
© 1999 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion,
Groth AG, Unterägeri)
Korallenriffe - jene Unterwassergärten der tropischen
Gewässer - gehören mit ihrer Vielfalt an leuchtenden
Farben und bizarren Formen zweifellos zu den faszinierendsten
Ökosystemen unseres Planeten. «Keiner, der nicht eines
der lebenden Korallenriffe gesehen hat, kann sagen, dass er die
Naturpracht dieser Erde wirklich kenne», hielt der berühmte
Naturforscher Raoul Francé in seinem Buch «Die Welt
der Tiere» einst treffend fest.
Ein typischer Korallenriff-Fisch ist der Halfterfisch
(Zanclus canescens), der im gesamten Indo-Pazifik - von
Afrika im Westen bis Mexiko im Osten und vom Oberflächenwasser
bis in eine Tiefe von 180 Metern - vorkommt. Oft wird der Halfterfisch,
der eine Länge von bis zu zwanzig Zentimetern erreicht,
für ein Mitglied der Familie der Gaukler (Chaetodontidae)
gehalten. Jene haben zwar eine ähnliche Körperform
und besitzen teils ebenfalls eine verlängerte Rückenflosse
sowie eine schwarz-gelb-weisse Körperzeichnung, sind aber
nur entfernt mit dem Halfterfisch verwandt. In Wirklichkeit gehört
der Halfterfisch zur separaten Familie der Halfterfisch (Zanclidae),
welche der Familie der Doktorfische (Acanthuridae) nahe steht.
Über das Verhalten des Halfterfischs ist so gut
wie nichts bekannt: Der elegante Fisch gleitet stets dicht über
und zwischen den Korallen dahin. Er ernährt sich vor allem
von Schwämmen, aus denen er mit seinem spitzen Mund kleine
Stücke herauspickt. Und er ist ausschliesslich tagsüber
rege und ruht nachts in Spalten und Nischen des Riffs. Das ist
schon alles, was wir sicher wissen. Über das Fortpflanzungsverhalten
ist gar nichts bekannt. Selbst über die Form der Vergesellschaftung
sind sich die Wissenschaftler nicht im Klaren. Vielfach werden
nämlich kleine Schwärme von Halfterfischen angetroffen;
zu anderen Zeiten wandern sie einzeln über das Riff; mitunter
finden sich aber auch kopfstarke Schwärme. Einige Fachleute
sind der Ansicht, dass die Halfterfische ausserhalb der Fortpflanzungszeit
ein mehr oder weniger solitäres Leben führen, sich
aber zeitweilig zu Trupps oder gar Schwärmen zusammenschliessen,
um sich bei der Nahrungssuche besser gegen die zahlreichen territorialen
Riffbewohner durchsetzen zu können. Möglicherweise
dient die Schwarmbildung aber auch dem Schutz vor Fressfeinden.
Korallenriffe bilden dynamische Gebilde. Sie werden
einerseits ständig aufgebuat und verstärkt durch die
Tätigkeit der Korallenpolypen. Andererseits sind zahlreiche
Tierarten damit beschäftigt, das Riff abzubauen: Papageifische
und Kugelfische brechen Korallenstücke ab; Schmetterlingsfische
fressen die Tentakeln der Korallenpolypen; Schnecken, Würmer
und Schwämme bohren Gänge in die Korallenstöcke.
Ferner können auch Stürme schwere Schäden an den
Riffen verursachen.
Diese natürlichen Einwirkungen vermögen
die Korallenriffe allerdings nicht grundlegend zu schädigen.
Es ist einmal mehr der moderne Mensch, der diesen marinen Ökosystemen
wirklich gefährlich wird. Da sind zum einen die direkten
Einwirkungen auf die Korallenriffe: Durch die Verwendung von
Dynamit beim Fischen werden, obschon heute fast überall
verboten, noch immer grosse Riffbereiche verwüstet. Korallenkalk
wird für den Hausbau verwendet. Strassen, Häfen, Hotels
usw. werden im Bereich von Korallenriffen angelegt. Und ausserdem
werden Korallen tonnenweise von den Riffen abgebrochen und an
Touristen verkauft.
Verheerend wirken sich aber auch die indirekten Einwirkungen
erstens durch die globale Verschmutzung der Meere mit Erdöl,
Chemikalien und Abwässern aller Art und zweitens durch die
allgemeine Erwärmung der Meere aufgrund des so genannten
«Treibhauseffekts» aus: Die empfindlichen Korallenpolypen
werden in einer Art Stressreaktion von den winzigen Algen, mit
denen sie in enger Symbiose leben, verlassen. Sie werden dadurch
erheblich geschwächt, verlieren ihre Farbe, hören auf,
Kalziumkarbonat zu produzieren, werden anfällig auf Infektionen
und sterben vielfach gänzlich ab.
Neueren wissenschaftlichen Abklärungen zufolge
sind die Korallenriffe weltweit bereits auf zehn Prozent ihrer
insgesamt 600 000 Quadratmeter grossen Fläche abgestorben
und auf weiteren sechzig Prozent mehr oder weniger stark gefährdet.
Hält diese ungute Entwicklung an, und darauf deutet leider
alles hin, so werden dereinst selbst weit verbreitete Korallenriffbewohner
wie der Halfterfisch in Bedrängnis geraten.
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