Grosser Hammerhai
Sphyrna mokarran
© 2000 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Nur wenige andere Tiere fürchtet der Mensch so
wie die Haie. Dies ist insofern wenig überraschend, als
unter den Haien die grössten Raubtiere unseres Planeten
zu finden sind. Allerdings ist die Gefahr, jemals von einem Hai
angefallen zu werden, äusserst gering. Weltweit sterben
im Jahr keine zehn Menschen infolge eines Haiangriffs. Das Risiko,
von einem Blitz getroffen zu werden, ist einhundertfünfzigmal
grösser...
Zu den besonders eindrucksvollen Haien gehört
sicher der bis über sechs Meter messende Grosse Hammerhai
(Sphyrna mokarran), der in den tropischen und subtropischen
Meeren und Ozeanen rund um den Erdball herum vorkommt. Von ihm
soll hier die Rede sein.
Fortschrittliche Knorpelfische
Die Haie gehören zusammen mit den Rochen innerhalb
der Sippe der Wirbeltiere zu den Knorpelfischen (Klasse Chondrichthyes).
Diese verdanken ihren Namen der Tatsache, dass ihr Skelett aus
Knorpelsubstanz besteht und zwar teilweise verkalkt, aber nie
echt verknöchert ist wie bei den Knochenfischen (Klasse
Osteichthyes). Die Klasse der Knorpelfische ist weit artenärmer
als die Klasse der Knochenfische: Während letztere weit
über 20 000 Arten zählt, setzt sich erstere aus nur
rund 1000 Arten zusammen.
Im allgemeinen werden die Knorpelfische aufgrund verschiedener
körperbaulicher Merkmale und ihres hohen erdgeschichtlichen
Alters als «primitiver» eingestuft als die Knochenfische.
Ökologisch gesehen ist das aber keineswegs richtig: Die
Haie und die Rochen bilden heute wie früher in vielen marinen
Ökosystemen unangefochten die dominanten Raubtiere. Sie
haben es verstanden, sich im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte
immer wieder den veränderten Gegebenheiten anzupassen und
stellen heute sehr fortschrittliche Fischformen dar. In manchen
Aspekten ihrer Biologie, insbesondere in ihrer Fortpflanzungsweise,
scheinen sie sogar höher entwickelt zu sein als die grosse
Mehrzahl der Knochenfische.
Es gibt weltweit dreissig Haifamilien mit insgesamt
rund 370 Haiarten. Die Hammerhaie (Sphyrnidae) bilden eine der
kleineren Familien, welche zwei Gattungen mit zusammen neun Arten
umfasst: einerseits die Gattung Eusphyrna mit einer einzigen
Art, dem bizarren Flügelkopf-Hammerhai (Eusphyrna bochii),
andererseits die Gattung Sphyrna mit acht Arten, darunter
der Grosse Hammerhai.
Im Gegensatz zum durchaus haitypisch geformten Leib
weist der Kopf der Hammerhaie eine höchst eigentümliche,
hammerähnliche Form auf: Die Kopfseiten sind zu abgeflachten
«Flügeln» verlängert, an deren äusseren
Enden sich die Augen und die Nasenöffnungen befinden. Grösse
und Form dieser Ausstülpungen sind von Art zu Art verschieden.
Beim Grossen Hammerhai ist die Vorderkante ziemlich geradlinig,
also weder stark eingebuchtet noch bogenförmig, wie dies
bei anderen Arten der Fall ist, und die Kopfbreite bemisst sich
bei ihm auf über ein Viertel der Körperlänge,
kann also bei gross gewachsenen Individuen mehr als einen Meter
betragen.
Haie und Rochen auf dem Speisezettel
Das Verbreitungsgebiet des Grossen Hammerhais umfasst
die warmen Zonen sowohl des Atlantischen als auch des Indischen
und des Pazifischen Ozeans. Im Westatlantik reicht es von Nordkarolina
(USA) südwärts über die Bahamas, den Golf von
Mexiko und das Karibische Meer bis nach Südbrasilien. Im
Ostatlantik erstreckt es sich von den Küstengewässern
Angolas im Süden bis zu denjenigen Marokkos und Südspaniens
im Norden und dehnt sich zusätzlich auf die südlichen
Bereiche des Mittelmeers aus. Im Indischen Ozean reicht es von
Südafrika im Westen über den Arabischen Golf und Indien
bis zum indomalaiischen Archipel im Osten. Und im Pazifik erstreckt
es sich von der chinesischen und der australischen Ostküste
ostwärts bis zur amerikanischen Westküste zwischen
Nordmexiko und Nordperu.
Der Grosse Hammerhai hält sich hauptsächlich,
jedoch nicht ausschliesslich, in küstennahen Gewässern
auf. Gerne bewegt er sich am äusseren Rand der Kontinental-
und Inselschelfe umher, wo der Meeresgrund in die Tiefe abfällt,
doch besucht er mitunter auch das Seichtwasser in unmittelbarer
Küstennähe. Die grösste Wassertiefe, in der er
bisher gesichtet wurde, beträgt achtzig Meter.
Wie alle Hammerhaie scheint der Grosse Hammerhai ein
sehr wanderfreudiger, teils sogar nomadisch umherstreifender
Fisch zu sein. Im Gegensatz zum kleineren, häufigeren und
besser bekannten Bogenstirn-Hammerhai (Sphyrna lewini),
der ein ausgeprägt geselliges Tier ist und häufig in
kopfstarken Verbänden anzutreffen ist, begegnet man dem
Grossen Hammerhai fast ausnahmslos einzeln. Er scheint also ein
weitgehend einzelgängerisches Leben zu führen.
Wie alle Knorpelfische ist der Grosse Hammerhai ein
Jäger im weitesten Sinn des Wortes: Er ernährt sich
ausschliesslich von anderen Tieren. Sein Speisezettel umfasst
in erster Linie Fische aller Art, daneben aber auch wirbellose
Meerestiere wie Krebse und Tintenfische. Auf die Jagd geht er
hauptsächlich in der Dämmerung.
Seiner Körpergrösse entsprechend bevorzugt
der Grosse Hammerhai bei der Nahrungssuche gros-se Beutetiere.
Zum Opfer fallen ihm insbesondere Rochen, aber auch andere Haie,
ferner grosse Knochenfische wie Meereswelse und Zackenbarsche.
Ein Grossteil seiner Nahrung scheint sich aus Tieren zusammenzusetzen,
welche am Meeresboden leben.
«Hydrodynamische» und «elektrosensorische»
Vorteile
Von alters her hat den Menschen die Frage beschäftigt,
welchem Zweck die bizarre Kopfform der Hammerhaie wohl diene.
Eine abschliessende Antwort konnte jedoch bis heute nicht gefunden
werden. Die Haiforscher äussern aber mindestens drei Vermutungen:
Erstens glauben sie, dass die seitlichen Kopfausstülpungen
die Manövrierfähigkeit der Hammerhaie unter Wasser
verbessern. Als eine Art «Bugtragfläche» stabilisiert
der «Hammer» ihrer Meinung nach den Haikopf beim
schnellen Schwimmen und vermindert gleichzeitig den Wasserwiderstand
bei Seitwärtsbewegungen, so dass engere Kurven geschwommen
werden können. Tatsächlich sind die Hammerhaie deutlich
wendiger als die meisten ihrer Vettern.
Zweitens sind die Haiexperten der Ansicht, dass die
seitlichen Kopfausstülpungen die ohnehin vorzüglichen
visuellen und geruchlichen Sinnesleistungen der Hammerhaie weiter
optimieren. Zum einen dürfte die grosse Distanz zwischen
den beiden Augen ein aussergewöhnlich gutes räumliches
Sehen erlauben, so dass Entfernungen sehr präzis eingeschätzt
werden können. Zum anderen dürften die ebenfalls weit
auseinander liegenden Nasenöffnungen den Hammerhaien ein
für uns Menschen schwer vorstellbares stereoskopisches,
richtungsweisendes Riechvermögen vermitteln. In der Tat
sind die Hammerhaie stets unter den ersten Haien, welche bei
ausgelegten Ködern eintreffen.
Drittens vermuten die Fachleute, dass die abgeflachte
Kopfpartie der Hammerhaie eine elektrosensorische Einrichtung
darstellt, vergleichbar mit der Platte eines Metalldetektors.
Sie weisen darauf hin, dass die Hammerhaie wie alle Knorpelfische
im vorderen Bereich ihres Kopfs so genannte «Lorenzinische
Ampullen» besitzen. Es handelt sich um kleine, ampullenförmige
Sinnesgruben, welche selbst schwächste elektrische Impulse
wahrnehmen, wie sie durch die Muskelkontraktionen und die Nerventätigkeit
anderer Tiere erzeugt werden. Sie sind den Knorpelfischen beim
Orten von Beute in trüben Gewässern oder von ihm Sand
verborgenen Beutetieren sehr dienlich. Die Hammerhaie verfügen
dank ihres seitlich verbreiterten Kopfs über erheblich mehr
Lorenzinische Ampullen als ihre Vettern. Entsprechend leistungsfähig
dürfte ihr elektrosensorischer Sinn sein. Die Tatsache,
dass Stechrochen, die sich gern im Sand des Meeresboden verstecken,
eine Hauptspeise des Grossen Hammerhais bilden, stützt diese
Vermutung.
Elf- bis zwölfmonatige Tragzeit
Nicht nur hinsichtlich ihrer Schwimm- und Sinnesleistungen
sind die Hammerhaie besonders hoch entwickelte Tiere. Sie haben
auch eine sehr fortschrittliche Fortpflanzungsweise.
Die meisten Haie legen wie ja auch die meisten
Knochenfische Eier ab und betreiben keinerlei Brutpflege.
Man bezeichnet diese simple Fortpflanzungsweise als «ovipar»
(«eiergebärend»). Dann gibt es Haie, bei denen
die Jungen in den mütterlichen Eileitern aus den Eiern schlüpfen
und sich noch eine Weile im Mutterleib weiter entwickeln, wobei
sie sich von ihrem Dottersack ernähren. Ist dieser Vorrat
aufgebraucht, werden sie «endgültig» geboren.
Man nennt diese Fortpflanzungsart «ovo-vivipar» («eier-lebendgebärend»).
Die Hammerhaie gehen noch einen Entwicklungsschritt weiter: Sie
sind tatsächlich «vivipar» («lebendgebärend»),
denn es findet eine echte innere Keimlingsentwicklung statt.
Bei den weiblichen Hammerhaien weisen die Eileiter eine gebärmutterartige
Aussackung auf, und die Dottersäcke der Embryos sind zu
einer Art Placenta umgebildet, über die sie von der Mutter
mit Nährstoffen versorgt werden. So können sich die
Jungen im Schutz des mütterlichen Leibs sehr weit entwickeln,
bevor sie geboren werden, und haben dadurch einen grossen Überlebensvorteil.
Beim Grossen Hammerhai dauert die Tragzeit elf bis
zwölf Monate. Die Geburten scheinen mehrheitlich im Frühling
und Frühsommer stattzufinden, und zwar im allgemeinen in
seichten, küstennahen Gewässern. Die Wurfgrösse
schwankt zwischen zehn und vierzig Jungen, welche bei der Geburt
eine Länge von 50 bis 70 Zentimetern aufweisen. Sie sind
vom ersten Moment an völlig selbständig und gehen sogleich
auf die Jagd. Zu Beginn halten sie sich im Schutz der unmittelbaren
Küstennähe auf, mit zunehmender Körpergrösse
wagen sie sich dann allmählich in tieferes Wasser vor. Die
Weibchen erreichen die Geschlechtsreife, wenn sie eine Länge
von 2,5 bis 3 Metern aufweisen, die Männchen, wenn sie zwischen
2,4 und 2,7 Meter lang sind. Sie weisen dann ein Alter von gewöhnlich
acht bis zehn Jahren auf. Welches Höchstalter die Grossen
Hammerhaie unter natürlichen Bedingungen erreichen können,
entzieht sich unserer Kenntnis, doch dürften es gewiss mehrere
Dutzend Jahre sein.
Gejagte Jäger
Gegenüber Tauchern verhält sich der Grosse
Hammerhai zwar neugierig, jedoch nicht aggressiv. Hingegen gibt
es einzelne verbürgte Berichte, wonach Grosse Hammerhaie
badende Menschen in seichtem Wasser angegriffen haben. Die Art
gilt deshalb als «gefährlich».
Grundsätzlich ist es jedoch der Grosse Hammerhai,
welcher den Menschen zu fürchten hat, und nicht umgekehrt.
Obschon er nirgendwo häufig vorkommt, wird er in grosser
Zahl gefangen, sowohl von spezialisierten Haifischern mittels
Leinen als auch von gewöhnlichen Fischern mittels Netzen.
Sein Fleisch wird verspeist, seine Haut zu Leder verarbeitet.
Aus seiner Leber wird vitaminreicher Lebertran gewonnen, aus
seinem Knorpelskelett werden Heilmittel gegen alle möglichen
Gebresten hergestellt. Vor allem aber sind seine Flossen in der
chinesischen und japanischen Küche sehr begehrt für
die Zubereitung von Haiflossensuppe. In Hongkong und Singapur
wie auch an anderen fernöstlichen Umschlagplätzen werden
für grosse Haiflossen mehrere hundert US-Dollar bezahlt.
Es überrascht daher nicht, dass der Fangdruck auf den Grossen
Hammerhai in vielen Bereichen seines Artverbreitungsgebiets massiv
ist.
Nach Schätzungen von Marinbiologen werden weltweit
jedes Jahr dreissig bis siebzig Millionen Haie getötet.
Diese Fangmenge gefährdet zwangsläufig den Bestand
zahlreicher Haiarten. Untersuchungen im Golf von Mexiko haben
beispielsweise gezeigt, dass die Populationen der dort vorkommenden
Haiarten allein in den vergangenen zwanzig Jahren um über
achtzig Prozent zurückgegangen sind.
Die «Anfälligkeit» der Haie auf die
Nachstellungen seitens des Menschen hat damit zu tun, dass sie
wie ja auch die grossen Landraubtiere eine sehr geringe
Fortpflanzungsrate aufweisen. Mathematische Modelle zeigen, dass
sie nicht in der Lage sind, langfristig eine mehr als drei- bis
fünfprozentige Abfischung im Jahr auszugleichen. Diese Quote
wird heute zweifellos im Fall vieler Haiarten massiv überschritten
und der Fischereidruck lässt derzeit keineswegs nach,
sondern steigt im Gegenteil ständig an. Kein Wunder müssen
bereits 69 Haiarten darunter auch der Grosse Hammerhai
als in ihrem Fortbestand gefährdet eingestuft werden.
Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang nicht zuletzt
der Umstand, dass die Haie als die «Tiger und Löwen
der Meere» das oberste Glied vieler mariner Nahrungsketten
darstellen. Werden sie vom Menschen aus dieser ökologisch
bedeutsamen Position entfernt, so kann dies unabsehbare Folgen
für die betreffenden marinen Ökosysteme haben. Das
Überfischen der Haie wird deshalb von Experten als «ökologische
Zeitbombe» eingestuft.
Der Welt Natur Fonds (WWF) und andere internationale
Organisationen weisen seit geraumer Zeit auf die Missstände
bei der Haifischerei hin und fordern die Fischereinationen dazu
auf, endlich seriöse Statistiken über Fang und Handel
von Haien zu führen sowie nachhaltige Bewirtschaftungspläne
auszuarbeiten und durchzusetzen. Noch gibt es aber höchstens
nationale Schutzbestrebungen. Wirksame internationale Regelungen
für den Haifang lassen noch immer auf sich warten. Offenbar
ist der Mensch einmal mehr nicht gewillt, aus Fehlern
zu lernen, die er früher schon gemacht hat: Die Geschichte
der Fischerei ist nämlich reich an Beispielen der Übernutzung
von Fischpopulationen, was zum Kollaps nicht nur der Fischbestände
selbst, sondern letztlich auch zum Niedergang der betreffenden
Fischfangindustrie geführt hat.
Legenden
Der Grosse Hammerhai (Sphyrna mokarran) ist ein
imposanter Meeresbewohner: Gross gewachsene Individuen können
eine Länge von über sechs Metern erreichen, wobei die
Weibchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Männchen.
Die Art kommt in den Küstengewässern der tropischen
und subtropischen Meere und Ozeane rund um den Erdball herum
vor.
Der eigentümliche «Hammerkopf»
des Grossen Hammerhais, an dessen äusseren Enden sich die
Augen und die Nasenöffnungen befinden, kann bei gross gewachsenen
Individuen über einen Meter breit sein. Die Wissenschaftler
vermuten, dass er sowohl die Manövrierfähigkeit als
auch die Sinnesleistungen der Tiere optimiert und so zu ihrer
überragenden Jagdtüchtigkeit entscheidend beiträgt.
Wie alle Haie ist der Grosse Hammerhai ein «Vielzähner»:
Seine Zähne werden nach der Abnutzung abgestossen und durch
neue ersetzt. Hinter jedem Zahn befindet sich eine Reihe jüngerer
Zähne gleichsam in Wartestellung. Fällt der vorderste
Zahn aus, so rückt der nächste nach und schliesst die
Lücke.
Wie alle Haie ist der Grosse Hammerhai ein Jäger
im weitesten Sinn des Wortes: Er ernährt sich ausschliesslich
von anderen Tieren. Sein Speisezettel umfasst in erster Linie
grosse Fische wie Rochen, andere Haie, Zackenbarsche und Meereswelse.
Auf dem Bild unten hat er soeben eine (als Köder ausgelegte)
Stachelmakrele gepackt.
Gegenüber Tauchern verhält sich der Grosse
Hammerhai zwar entnervend neugierig, jedoch in aller Regel nicht
aggressiv. Hingegen soll er verbürgten Berichten zufolge
schon badende Menschen in seichtem Wasser angegriffen haben.
Die Art gilt deshalb als «gefährlich».
Dem Grossen Hammerhai begegnet man fast ausnahmslos
einzeln. Er scheint also ein weitgehend einzelgängerisches
Leben zu führen. Dies im Gegensatz zum kleineren Bogenstirn-Hammerhai
(Sphyrna lewini; Bild), der ein ausgeprägt geselliges Tier
ist und häufig in kopfstarken Verbänden anzutreffen
ist.
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