Harpyie

Harpia harpyja


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



In den Wäldern Guyanas, dem im Norden Südamerikas gelegenen Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, leben vielerlei einzigartige Vögel. Einer davon ist die Harpyie, jener sagenumwobene Adler, der als der mächtigste Raubvogel der Welt gilt. Das Verbreitungsgebiet der Harpyie erstreckt sich über die Tropenwälder Lateinamerikas von Mexiko südwärts bis nach Bolivien, Südbrasilien und Nordargentinien. Innerhalb dieses weiten Areals ist der spektakuläre Vogel aber leider überall sehr selten geworden und gilt heute als vom Aussterben bedrohte Art.

 

Der Federschopf verleiht ein grimmiges Aussehen

Die Wälder Guyanas bilden eine natürliche Erweiterung der Amazonaswälder. Hinsichtlich ihrer Pflanzengesellschaften unterscheiden sich die beiden Waldareale nur geringfügig, und dasselbe gilt für ihre gefiederten Bewohner. So trifft man beispielsweise auch in Guyana jene ungemein farbenprächtigen Vogelarten, welche für die Wälder des Amazonasbeckens so typisch sind und wohl jeden Vogelliebhaber entzücken: Kolibris, Papageien, Tangaren, Pipras (Schnurrvögel), Kotingas (Schmuckvögel) und wie sie noch alle heissen. Die Wälder Guyanas beherbergen aber auch eine ganze Anzahl äusserst seltener Neuweltvögel. Beispiele hierfür sind der Zebrareiher (Zebrilus undulatus), ein in vielerlei Hinsicht mysteriöser Waldreiher, und der Langschwanz-Urutau (Nyctibius aethereus), eine Nachtschwalbe, die bislang erst wenige Male gesichtet werden konnte.

Nicht zuletzt sind in den Wäldern Guyanas auch vier bedrohte Greifvögel beheimatet, nämlich der Graubauchhabicht (Accipiter poliogaster), der Rotfussfalke (Falco deiroleucus), der Würgadler (Morphnus guianensis) und die Harpyie (Harpia harpyja), von der auf diesen Seiten die Rede sein soll.

Die Harpyie ein sehr eindrucksvoller Vogel: Sie weist eine Flügelspannweite von 190 bis 240 cm, eine Länge von 80 bis 100 cm und ein Gewicht von 4 bis 9 kg auf, wobei die Weibchen im Durchschnitt deutlich grösser und fast ein Drittel schwerer sind als die Männchen. Das auffälligste Kennzeichen der Harpyie ist zweifellos ihr breiter Federschopf am Hinterkopf. Ist der grosse Adler entspannt, so liegen diese Schmuckfedern dem Nacken glatt an. Ist die Harpyie jedoch aufgeregt, etwa wenn sie ein mögliches Opfer oder eine Gefahr wahrnimmt, so «sträubt» sie ihren Federschopf und erhält dadurch ein für den menschlichen Betrachter bedrohliches, grimmiges Aussehen.

Weltweit gibt es nur drei Adlerarten, die hinsichtlich Grösse und Kraft mit der Harpyie «mithalten» können. Es sind dies der fischfressende Riesenseeadler (Haliaeetus pelagicus), dessen Heimat das östliche Sibirien ist, der Kampfadler (Polemaetus bellicosus), welcher die afrikanische Savanne bewohnt, und der Affenadler (Pithecophaga jefferyi), der auf vier Inseln der Philippinen zu finden ist. Bei allen drei Arten ist es möglich, dass grosse Individuen mehr Gewicht auf die Waage bringen als die durchschnittliche Harpyie. Riesenseeadler und Affenadler übertreffen die Harpyie auch bezüglich der Grösse des hakenförmigen Schnabels. Und der Kampfadler hat von allen vier Arten die grösste Spannweite. Ihre ausserordentlich muskulösen Läufe, ihre kräftigen Zehen und ihre massiven, bis zehn Zentimeter langen Krallen haben jedoch dazu geführt, dass die Harpyie in der «Hierarchie der Adler» (sofern es so etwas überhaupt gibt) gewöhnlich an die erste Stelle gerückt wird und als der mächtigste Greifvogel der Welt gilt.

In der griechischen Mythologie waren die Harpyien vogelähnliche Wesen - Dämonen des Sturms mit Frauenkopf und Raubvogelkörper. Eine Harpyie, die einen Affen in ihren Greiffüssen durch die Lüfte trägt, bietet einen eindrücklichen Anblick, und dies mag die Ornithologen des 18. Jahrhunderts dazu bewogen haben, dem riesigen Greifvogel den Namen jener einst angsteinflössenden Dämonen zu geben.

 

Eine Vorliebe für Faultiere

Die Harpyie ernährt sich von einer breiten Vielfalt grosser Wirbeltiere, die sie hauptsächlich in den oberen Urwaldstockwerken erlegt. Die meisten davon sind Säugetiere - Affen (v.a. Kapuziner, Totenköpfchen, Wollaffen), Faultiere, Opossums, Nasenbären und Baumstachler etwa. Sie nimmt aber mitunter auch grosse Vögel wie Aras, erbeutet hie und da eine Schlange oder einen Leguan, und es wurde auch schon beobachtet, wie sie ein Aguti (Riesennagetier) oder einen Mazama (Spiesshirsch) am Boden überfiel.

Eine Langzeit-Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten der Harpyie hat gezeigt, dass sie eine Vorliebe für das Zweifinger-Faultier (Choloepus didactylus) und das Dreifinger-Faultier (Bradypus tridactylus) besitzt. Es wird vermutet, dass dies mit dem Verhalten der Faultiere am frühen Morgen zusammenhängt: Bei Tagesanbruch halten sie sich oftmals sehr hoch oben im Kronendach auf, um sich dort nach den kühlen Nachtstunden von den ersten Sonnenstrahlen wärmen zu lassen. Genau zu dieser Zeit begeben sich aber im allgemeinen die Harpyien auf ihren ersten Beutesuchflug durch die Wipfelregion, und da die Faultiere dann sehr exponiert sind, bilden sie natürlich eine leichte Beute für den Greifvogel.

Im Flug erscheint die Gestalt der Harpyie etwas unproportioniert: Gemessen an der beachtlichen Grösse des Vogels erscheinen die breiten, abgerundeten Schwingen relativ kurz und der Schwanz lang. Kurze «Tragflächen» und ein langes «Steuerruder» - sie kennzeichnen den typischen Waldgreifvogel: Sie geben der Harpyie eine aussergewöhnliche Manövrierfähigkeit und erlauben ihr, bei der Jagd im dichten Pflanzengewirr engste Kurven zu fliegen. Aufgrund dieses Körperbaus vermag sie sich mit der Wendigkeit und Leichtigkeit eines Habichts durch das Kronendach ihrer Heimat zu bewegen.

Jagt die Harpyie im pfeilschnellen Flug durch das Geäst, um sich auf ein Opfer zu stürzen, so erreicht sie Geschwindigkeiten von 60 bis 80 Kilometern je Stunde. Den meisten ihrer Opfer bleibt überhaupt keine Zeit, irgendwelche Anstalten zur Flucht zu treffen. Aber selbst wenn sie ihren Feind frühzeitig erkennen, ist ihr Fluchtversuch zumeist vergeblich, da die Harpyie ungleich schneller ist als sie. Nur wer sich sofort fallen lässt - und das tun nicht wenige in ihrer Verzweiflung - hat eine gewisse Überlebenschance, sofern er den Sturz heil übersteht. Im Falle der Faultiere, die gewiss nicht für ihre schnellen Bewegungen berühmt sind, sich dafür aber mit besonders festem Griff im Geäst zu verankern vermögen, erweist sich die enorme Wucht, mit welcher der grosse Adler zuschlägt, als verhängnisvoll. Mühelos reisst er die bedächtigen Tiere von ihrer Unterlage los. Die massiven Krallen der Harpyie sind im übrigen tödliche Waffen, mit welchen die Opfer jeweils auf der Stelle erdolcht werden.

 

Siebenmonatige Ästlingsphase

Der Horst der Harpyie ist ein sehr umfangreiches Gebilde: Er hat einen Durchmesser von etwa anderthalb Metern und eine Höhe von ungefähr 80 Zentimetern. Die Plattform wird aus Aststücken zusammengefügt, und die Nestmulde wird mit Blättern und Haaren von Beutetieren (besonders Faultieren) ausgepolstert. Zumeist wird das Harpyiennest in der oberen Kronenhälfte eines besonders hohen Regenwaldbaums angelegt, befindet sich also oftmals 50 bis 70 Meter über dem Erdboden. In Guyana werden dazu gerne Kapokbäume (Ceiba pentandra) gewählt; in Brasilien findet man die Harpyien-Nester oft auf grossen Mahagonibäumen (Swietenia mahagoni).

Zumeist verwendet das fest verheiratete Harpyienpaar sein Nest während mehrerer aufeinanderfolgender Jahre und bessert es jeweils während der Balz im Frühling noch etwas aus. Gegen Mitte Juni legt dann das Weibchen ein oder zwei weisse Eier in die Nestmulde und brütet das Gelege, mit zeitweiliger Unterstützung des Männchens, im Verlauf von etwa acht Wochen aus. Dies ist die längste Brutzeit, die für Greifvögel bisher festgestellt wurde. Befinden sich zwei Eier im Nest, so wird das zweite Ei nicht mehr weiter bebrütet, sobald das erste Küken geschlüpft ist. Dadurch haben die beiden Altvögel immer nur ein hungriges Maul zu stopfen.

Der Jungvogel wird in seiner luftigen Kinderstube schon bald von seinen Eltern alleingelassen und nur noch hin und wieder mit Futter versorgt. Ist er hungrig, so äussert er laute Rufserien, und zwar umso häufiger, je mehr der Magen knurrt. Im Ästlingsstadium, wenn der junge Adler zwar flügge, aber noch nicht selbständig ist, setzt er sich zum Schreien gewöhnlich auf einen der höchsten Äste seines Baums, so dass er aus allen Richtungen gut hör- und sichtbar ist. Mit jedem Schrei lässt es seine weissen Unterflügeldecken «aufblitzen», versucht also zusätzlich mit optischen Signalen, seine Eltern dazu zu bewegen, ihm Futter zu bringen. Trägt einer der beiden Altvögel endlich ein Beutetier herbei, so schnappt er gierig danach, breitet seine Schwingen schützend darüber aus und schreit so lang, bis der Altvogel wieder das Feld räumt. Oft übt er dann noch am toten Beutetier den «Würgegriff», in dem er wiederholt seine Krallen in dessen Körper schlägt.

Ist der junge Adler schliesslich gesättigt, so setzt er sich in seiner Baumkrone irgendwo in den Schatten und schaut still und «zufrieden» dem Treiben um ihn herum zu. Nach allen Richtungen dreht und wendet er seinen Kopf, um hier einer munteren Affenhorde und da einem lärmigen Papageienschwarm zuzuschauen.

Erwachsene Harpyien fressen gewöhnlich zweimal pro Woche, können aber notfalls 10 oder sogar 14 Tage lang fasten. Bei einem Nest in Guyana trugen die Altvögel im Verlauf von 235 aufeinanderfolgenden Tagen 52 mal Beute herbei, fütterten also ihren Nachwuchs durchschnittlich nur alle 4,5 Tage.

Es dauert fünf Monate, bis der Jungadler flügge ist, und mindestens weitere sieben Monate, bis er vollständig ausgewachsen und von den Eltern unabhängig ist. Die sehr lange Ästlingsphase kommt bei vielen grösseren Greifvögeln vor; sie erlaubt den Jungvögeln, Flugtüchtigkeit und Jagdtechnik soweit zu entwickeln, wie es für den erfolgreichen Start in das selbständige Leben erforderlich ist. Die Kehrseite dieser langen Entwicklungszeit ist, dass die Eltern nur alle zwei Jahre zur Brut schreiten können, und da die Jungvögel zudem erst mit vier bis neun Jahren die Geschlechtsreife erlangen, vermehren sich Harpyienbestände nur äusserst langsam.

 

Welche Zukunft hat die Harpyie?

Man schätzt, dass jedes Harpyienpaar ein Territorium von 100 bis 200 Quadratkilometern ungestörten Tropenwalds braucht, um seine Ernährung ganzjährig sicherzustellen. Dies bedeutet, dass die Bestandsdichte der Art schon von Natur aus sehr gering ist. Eingedenk dieser Tatsache ist aber die Harpyie heute sehr viel seltener, als sie einst war. Eine kürzlich erfolgte Erhebung der Bestandssituation des grossen Adlers hat deutlich gezeigt, dass es nur sehr wenige Sichtungen von Harpyien in jüngerer Zeit gegeben hat. Aus diesem Grund soll die Harpyie in das nächste «Rotbuch der bedrohten Vogelarten Amerikas», welches vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) herausgegeben wird, aufgenommen werden.

Es gibt verschiedene Gründe, die zum Rückgang der Harpyie geführt haben. Ein wichtiger Schadfaktor ist sicherlich die Jagd. Grosse Greifvögel sind für viele Menschen begehrte Trophäen, und dies hat zu einem starken Jagddruck auf die Harpyie geführt. Der mächtige Vogel wird ausserdem oft niedergeschossen, weil viele Leute in ihm eine Bedrohung für ihre Kinder sehen. Ferner stellt auch die Bejagung der Beutetiere eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Werden Affen und Faultiere in einem Gebiet selten, so kann die Harpyie sich nicht mehr ausreichend ernähren und muss den betreffenden Ort verlassen.

Die grösste Gefahr für den Fortbestand der Harpyie stellt aber zweifellos die grossflächige Zerstörung ihres Lebensraums dar. Das Brandroden der lateinamerikanischen Wälder ist eine ökologische Katastrophe, die bereits zur Ausrottung unzähliger Tier- und Pflanzenarten geführt hat und den Lebensraum und damit die Überlebenschancen der restlichen Arten, so auch der Harpyie, beständig vermindert.

Geht man davon aus, dass eine langfristig überlebensfähige Greifvogel-Population aus mindestens 250 Paaren bestehen muss, so wäre grundsätzlich eine minimale Fläche von 37 500 Quadratkilometern ungestörten Regenwalds notwendig, um den Fortbestand der Harpyie zu gewährleisten. Nun hat sich aber in den bisher durchgeführten Untersuchungen gezeigt, dass die Harpyie ein Überschneiden ihrer Territorien mit denjenigen ihres nächsten Nahrungskonkurrenten, des Würgadlers, nach Möglichkeit vermeidet. Deshalb bedarf es wahrscheinlich eines noch viel grösseren Gebiets. Grob geschätzt müsste wohl die minimale Waldfläche, die für den Erhalt einer gesunden Harpyienpopulation erforderlich ist, rund 60 000 Quadratkilometer messen. Dies entspricht ungefähr einem Drittel der Landesfläche Guyanas - aber auch dem Gebiet, das allein im Jahr 1988 im Amazonasbecken für immer zerstört wurde...

Guyana kann ohne Zweifel einen gewichtigen Beitrag zum Überleben der Harpyie leisten, indem es möglichst grosse Teile seiner Urwälder schützt, denn die Art scheint hier noch häufiger vorzukommen als in anderen Teilen Lateinamerikas. Trotzdem gelingt es dem einzigartigen Adler wohl nur dann zu überleben, wenn das enorme Ausmass der Waldzerstörung auch in den übrigen Bereichen seines Verbreitungsgebiets vermindert und ein Netz grossflächiger Waldschutzgebiete eingerichtet werden kann. Dazu bedarf es aber eines baldigen Umdenkens seitens mancher lateinamerikanischen Regierung wie auch der massiven Unterstützung von seiten der industrialisierten Nationen. Bis es soweit ist, sieht die Zukunft der Harpyie leider gar nicht rosig aus.




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