Der Haushund

Canis lupus familiaris


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Hunde»)



Schulterhöhe: 15 - 90 cm
Gewicht: 1 - 95 kg

Der Haushund ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Allein in der Schweiz zählt man heute über 350 000 der liebenswerten Gesellen. Viele von ihnen leben als «Gebrauchshunde» an unserer Seite und erfüllen zum Beispiel als Blindenhunde, Polizeihunde oder Lawinenhunde wichtige Aufgaben. Die meisten aber sind «Luxushunde», deren einzige Aufgabe es ist, uns Menschen durch ihr heiteres und freundliches Wesen Freude zu bereiten.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war man der Ansicht, die zahlreichen Haushunderassen, welche die Erde bevölkern, seien aus verschiedenen Wildhundearten entstanden. Man glaubte vor allem, dass neben dem Wolf auch der Goldschakal wesentlich zur heutigen Formenvielfalt beigetragen habe. Umfangreiche wissenschaftliche Studien haben aber gezeigt, dass das nicht stimmt. Ob gross oder klein, schwarz oder weiss, lang- oder kurzhaarig, spitz- oder schlappohrig: Alle Haushunde haben als alleinigen Stammvater den Wolf.

Wann der Mensch zum Hund beziehungsweise der Hund zum Menschen kam, können wir anhand von Knochenfunden ungefähr abschätzen: Das muss vor rund 10 000 Jahren gewesen sein. Wie dies geschehen ist, können wir nur vermuten; denn leider schrieben unsere steinzeitlichen Vorfahren noch keine Bücher.

In der Steinzeit, als der Mensch als Jäger und Sammler durch die Wildnis zog und in Felshöhlen übernachtete, da konnte er sich noch keine Haustiere halten. Zu sehr war er damit beschäftigt, für seinen eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Natürlich lebten damals auch Wölfe in seiner Umgebung. Auf Höhlenmalereien aus jener Zeit kann man sie gut sehen. Wahrscheinlich hielten sich einige der vierbeinigen Jäger gern in der Nähe der Zweibeiner auf, weil es da immer irgendwelche Essensreste gab. Andererseits folgten wohl auch die zweibeinigen Jäger gelegentlich ihren vierbeinigen «Kollegen» und jagten ihnen die Beute ab. Aber enger war die Beziehung zwischen Mensch und Wolf damals wohl kaum.

Gegen Ende der Steinzeit, vor ungefähr 10 000 Jahren, lernte der Mensch dann, wildes Getreide wie Weizen und Gerste anzupflanzen. Er baute sich Hütten und wurde sesshaft. Dies geschah zuerst im westlichen Asien. Und da hat der Mensch dann auch begonnen, Schafe und Ziegen von den wilden Herden abzusondern und sie als Haustiere zu halten. So hatte er jederzeit Fleisch, wenn er welches brauchte.

Diese Viehbestände waren allerdings auch für die ansässigen Wölfe höchst interessant: Die Pflanzenfresser konnten aus ihren Gehegen nicht fliehen und waren eine leichte Beute für die kräftigen Wildhunde. Durch ihre Überfälle auf die wehrlosen Tiere entwickelten sich die Wölfe bald zum Erzfeind des Menschen, und dieser bekämpfte die «Viehdiebe» erbittert, wo er nur konnte.

Des Menschen Zorn richtete sich allerdings nicht auf die niedlichen Wolfsjungen, die Welpen, die er manchmal fand, nachdem er ein Muttertier erlegt hatte. Gelegentlich liess er sie darum am Leben, nahm sie mit nach Hause und zog sie dort auf. Vielleicht tat er das, um später seinen Speisezettel mit einem leckeren «Wolfsbraten» zu bereichern. Möglicherweise brachte er sie aber auch einfach als «Spielzeug» seinen Kindern heim. Auf jeden Fall erwiesen sich die Kleinen als sehr zutraulich, und da ihnen das Gruppenleben von Natur aus ein grosses Bedürfnis ist, schlossen sie sich eng an «ihre» Menschen an.

Irgendwann in jener Zeit hat der Mensch an diesen Jungwölfen dann Eigenschaften entdeckt, die ihm von grossem Nutzen waren: Die zahmen Wölfe warnten ihn vor den Angriffen wilder Wölfe auf seine Schafe und Ziegen und verteidigten diese sogar gegenüber den wilden Artgenossen. Da ging der Mensch folgerichtig dazu über, sich ständig solche hilfreichen «Hauswölfe» zu halten. Die anhänglicheren unter ihnen, die nach der Geschlechtsreife nicht wieder in die Wildnis entliefen, pflanzten sich später sogar in seiner Obhut fort. Und mit den Welpen dieser Hauswölfe erblickten, so könnte man sagen, die ersten Haushunde das Licht der Welt.

So - oder so ähnlich - dürfte die Haustierwerdung des Wolfs, seine Umwandlung zum Haushund, erfolgt sein. Für die Menschheit war dies ein grosser Fortschritt: Mit der Hilfe des Haushunds konnte nicht nur die Herdenhaltung stark erweitert werden. Er erwies sich auch als aufmerksamer Wächter und tapferer Beschützer von Haus und Hof. Und es zeigte sich ausserdem, dass er ein überaus nützlicher Jagdbegleiter war.

Schon bald begann der Mensch, durch gezielte Auslese Hunderassen für verschiedene Verwendungszwecke herauszuzüchten. Abbildungen aus dem alten Ägypten und aus Mesopotamien zeigen, dass dort schon vor 4000 Jahren windhundartige Jagdhunde, schäferhundartige Wachhunde und spitzartige Zierhunde lebten. Diese Rassenzüchtung hat sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt - mit dem Ergebnis, dass es derzeit über 300 anerkannte Hunderassen gibt! Manche davon ähneln Kälbern, andere erinnern eher an grossgewachsene Meerschweinchen...

Durch die jahrtausendelange Zuchtwahl hat sich nicht nur das Aussehen des Haushunds, sondern auch sein Wesen stark verändert. Das war auch bei den anderen Haustieren der Fall. Dort geschah es aber meist nicht zu deren Vorteil: Der Mensch wählte nämlich nicht die gewandteste und aufmerksamste Kuh für die Weiterzucht, sondern eine möglichst faule, die am wenigsten zum Ausbrechen aus dem Gehege neigte. Und er züchtete Schweine, die möglichst schnell dick und fett wurden. Beim Hund wurden andere Merkmale herausgezüchtet: Ein «guter» Hund war keineswegs einer, der möglichst träge oder möglichst leicht zu mästen war. Ein guter Hund musste vielmehr klug, treu und tapfer sein.

So wurde von allen Haustieren allein der Haushund auf Eigenschaften hin gezüchtet, welche bei den Menschen als Tugenden gelten. Kein Wunder, dass er im Laufe der Jahrtausende einen menschenähnlichen Charakter angenommen und Verhaltensweisen entwickelt hat, die keinem anderen Tier eigen sind. Dazu gehört unter anderem jene merkwürdige Gemütsverfassung, die wir als «schlechtes Gewissen» bezeichnen: Ein Hund, der irrtümlich einen befreundeten Menschen gebissen hat, fällt in tiefste Niedergeschlagenheit - ob er nun dafür gescholten wurde oder nicht. Auch bei weniger schwerwiegenden Verstössen «gegen die guten Sitten» wird der aufmerksame Hundehalter seinem Hund sofort anmerken, dass er etwas angestellt hat. Bei welchem anderen Tier wäre das denkbar?

Der Haushund ist im übrigen das einzige Haustier, das sich voll und ganz in die menschliche Familie eingefügt hat. Schaf, Kaninchen, Huhn und auch die eigenwillige Katze leben nicht wirklich mit dem Menschen, sondern neben ihm. Der Hund jedoch fühlt sich als vollwertiges Mitglied «seiner» Familie. Um so mehr erstaunt eigentlich die Tatsache, dass ausgerechnet der Hund für zahlreiche verächtliche Redensarten herhalten muss: Wenn ein «hundsgemeiner» «Schweinehund» oder auch ein «feiger Hund» bei jedem «Hundewetter» draussen ist, dann fühlt er sich bestimmt «hundsmiserabel» oder geht gar «vor die Hunde». Ist es nicht eigenartig, dass wir unseren liebenswerten Hausgenossen sprachlich derart verunglimpfen?

Selbstverständlich hat der Haushund in der menschlichen Obhut längst nicht sein ganzes Wolfserbe abgelegt. Viele «wölfische» Verhaltensweisen hat er sogar ziemlich unverfälscht beibehalten. Dazu gehören etwa das Jagen, das Markieren des Reviers durch Harnspritzer, die Begrüssungszeremonien, das mehrfache Sich-im-Kreis-Herumdrehen am Schlafplatz oder das genussvolle Wälzen in stark riechenden Dingen. Und auch die Jungenaufzucht erfolgt grundsätzlich noch immer wie beim Wolf:

Das Haushundweibchen bringt seine zumeist drei bis zehn Jungen nach einer Tragzeit von rund 63 Tagen zur Welt. Die Welpen sind typische «Nesthocker» mit verschlossenen Augen und Ohren und somit vollständig auf die liebevolle Betreuung durch ihre Mutter angewiesen. Erst um den 12. oder 13. Tag herum öffnen sich die Augenlider und Ohrverschlüsse der Kleinen. Nun beginnen sie, sich in ihrem Lager umzuschauen. Bald versuchen sie, ihre Geschwister ins Ohr zu beissen. Und wenn die Mutter erscheint, wedeln sie vor Freude bereits heftig mit ihren kurzen Schwänzchen. Nach drei Wochen dürfen sie dann erstmals für kurze Zeit auf ihren wackligen Beinchen das warme Nest verlassen. Jetzt beginnt die Zeit, in der sie neugierig die nähere Umgebung erkunden und ausgiebig miteinander Fangen und Verstecken spielen.

Auch das Haushundmännchen ist überaus freundlich und nachsichtig mit den Welpen. Sie dürfen sich ihrem Vater gegenüber fast alles herausnehmen, ohne dass er es ihnen übel nimmt und grob wird. Selbst wenn sie sich mit ihren scharfen Milchzähnchen auf ihn stürzen, krümmt er ihnen kein Haar.

Die Welpen wachsen jetzt rasch heran. Etwa nach vier Monaten bekommen sie schon ihre zweiten Zähne. Und ungefähr gleichzeitig ist es aus mit ihrer «Narrenfreiheit». Sie sind nun keine Welpen mehr, sondern Junghunde und müssen langsam lernen, für sich selbst zu sorgen. Ihre Lebenserwartung ist je nach Rasse unterschiedlich, liegt aber im allgemeinen zwischen etwa 10 und 16 Jahren. Die ältesten Hunde, die es je gegeben hat, sind 27, 29 und 34 Jahre alt geworden, doch das sind natürlich Ausnahmeerscheinungen.

Vergessen sollte man übrigens die alte Faustregel, wonach ein Hundejahr sieben Menschenjahren entspricht. Haushunde haben nämlich eine besonders kurze Kindheit: Als Einjährige entsprechen sie bereits einem 16jährigen Menschen und als Zweijährige etwa einem 24jährigen. Danach sollte man dann jedes Hundejahr vervierfachen, um einen Vergleich mit dem Menschenalter zu erhalten. Ein zehnjähriger Hund wäre demnach etwa 56 und ein 16jähriger 80 Menschenjahre alt.


Legenden

Der Grosse Englische Windhund, auch «Greyhound» genannt, erreicht bei Hunderennen Geschwindigkeiten bis zu 65 Stundenkilometern.

Die Deutsche Dogge ist neben dem Irischen Wolfshund der mächtigste Hund der Welt. Ihre Schulterhöhe beträgt ungefähr 85 Zentimeter, ihr Gewicht 85 Kilogramm.

Der temperamentvolle Chihuahua («Tschiwawa» gesprochen) ist mit einem Gewicht von nur 1 bis 2,5 Kilogramm der kleinste Hund der Welt.

Der Yorkshire Terrier hat buchstäblich in einer Handtasche Platz, aber er ist ein ganzer Kerl, wenn's drauf an kommt. Er wiegt um 3 Kilogramm.

Pudel gibt es in drei Grössen und fünf Farben. Sie sind sehr gelehrige und merkfähige Hunde, denen man leicht allerlei Kunststücke beibringen kann. Leider werden sie oft durch modische Haartrachten ziemlich verunstaltet.

Die vierbeinigen Helfer der Schafhirten sind oft keine Rassehunde, sondern blitzgescheite Mischlinge, welche auf das kleinste Zeichen ihres Meisters sofort richtig reagieren.

Sennenhunde sind gute Viehtreiber, aber auch kräftige Zugtiere, welche mühelos die Milch vom Bauernhof zur Käserei fahren.

Rauhhaar-, Kurzhaar- und Langhaardackel gehören zu den beliebtesten Familienhunden. Der Rauhhaardackel ist aber auch ein mutiger Jagdhund, der Füchse und Dachse aus deren Erdbauten treibt.

Der Basset mit seinen stets etwas traurig dreinblickenden Augen ist sehr anhänglich und kinderlieb.

Der Airedale-Terrier, dessen Haar sich hart und drahtig anfühlt, wird als tüchtiger Schutz- und Polizeihund geschätzt.

Seinen Namen verdankt der Boxer seiner Kämpfernatur. Er rauft gern mit anderen Hunden und geht dabei selten als Verlierer hervor.

In England sind Reitjagden auf Füchse ein beliebter «Sport». Als Spürhunde werden dabei oft ganze Meuten der spielfreudigen Beagles verwendet.

Der Deutsche Schäferhund ist ein intelligenter, äusserst gelehriger und arbeitsamer Hund. Unbezahlbare Dienste leistet er als Blindenführer.

Haushunde - hier als Beispiel ein Collie - verständigen sich untereinander durch eine eigene Sprache, bei der neben allerlei Lautäusserungen die Ohrenstellung und der Gesichtsausdruck eine grosse Rolle spielen.

Der kräftig gebaute Berner Sennenhund gilt als guter Hof- und Wachhund und Meister im Viehtreiben.

Der gutmütige Neufundländer liebt das Wasser. Er hat schon viele Menschen vor dem Ertrinken gerettet.

Der sehr eigenwillige Chow-Chow stammt ursprünglich aus China. Er hat eine blauschwarze Zunge.

Bezeichnend für den Collie ist sein ungestümer Bewegungsdrang. Seinen Namen hat er von den schwarzköpfigen Schafen Schottlands, den «Colleys», zu deren Bewachung er früher eingesetzt wurde.

Der Afghane, ein langhaariger Windhund, wurde einst in seiner Heimat zur Hetzjagd benutzt.

Der Husky ist der beliebteste Schlittenhund der Polarregionen, denn sein Arbeitseifer ist gewaltig, und auch die bitterste Kälte kann dem robusten Kerl nichts anhaben.

Der Schäferhund, der vielseitigste Gebrauchshund der Welt, wird auch bei der Bergung von Lawinenopfern sehr geschätzt.

 

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Mischlinge

Bestimmt kennst du die beiden Hauptdarsteller aus Walt Disneys berühmtem Zeichentrickfilm «Susi und Strolch»: Susi, die hübsche Spanieldame aus gutem Haus, und Strolch, den etwas struppigen, heimatlosen Mischling. Die beiden sind zweifellos das berühmteste Hundeliebespaar der Welt.

Ganz bewusst hat Walt Disney als liebenswerten und unerschrockenen Helden seines Films keinen Rassehund gewählt, sondern eine «Promenadenmischung». Nahezu alle Mischlinge zeichnen sich nämlich durch ein lustiges, schneidiges und gescheites Wesen aus - so als würden sie alle guten Eigenschaften ihrer Ahnen in sich vereinen. Leider finden solche «Einzelstücke» meist viel schwerer ein gutes Zuhause als ihre reinrassigen Genossen und müssen ihr Leben im Hundeheim oder - wie Strolch im Film - als Vagabunden fristen. Vielleicht denkst du einmal daran, wenn du einen eigenen Hund erwerben möchtest, dass eigentlich nichts gegen die Mischlinge, sondern im Gegenteil sehr vieles für sie spricht.




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