Herkuleskäfer

Dynastes hercules


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Hinsichtlich der Artenzahl sind die Käfer bei weitem die grösste Gruppe von Tieren auf unserem Planeten: Bei rund 300 000 (d.h. 25 Prozent) der insgesamt etwa 1,2 Millionen Tierarten, welche bislang wissenschaftlich beschrieben worden sind, handelt es sich um Käfer. Demgegenüber wirkt beispielsweise die Zahl der Säugetiere geradezu kläglich: Mit ungefähr 5000 Arten stellen sie weniger als _ Prozent aller uns bekannten Tierarten. Ja, selbst wenn man sämtliche Wirbeltiere, also Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere, zusammenfasst, ist die Differenz zu den Käfern noch erheblich: Mit etwa 50 000 verschiedenen Arten machen die Wirbeltiere noch immer lediglich 4 Prozent aller beschriebenen Tierarten aus.

Die Käfer gelten deshalb im allgemeinen als die erfolgreichste aller Tiergruppen. Nichts hat sie gehindert, in sozusagen alle Lebensräume sämtlicher Regionen der Erde vorzudringen.

 

Ein Riese unter den Insekten

So vielgestaltig die Käfer auch sein mögen - durch Grosswüchsigkeit zeichnen sie sich nicht aus. Die meisten von ihnen sind im Gegenteil ziemlich unscheinbare Tiere und weisen eine Körperlänge zwischen nur zwei Millimetern und einem Zentimeter auf. Ein paar Ausnahmen bestätigen allerdings auch in der Käferwelt die Regel, übertreffen doch insbesondere einige tropische Käferarten mit ihrer Körpergrösse die kleinsten Vögel und Säugetiere bei weitem. Als der grösste unter diesen «Riesenkäfern» gilt der treffend benannte Herkuleskäfer (Dynastes hercules) aus der Familie der Blatthornkäfer (Scarabaeidae), von dem hier die Rede sein soll.

Hinsichtlich der Gestalt ist besonders der männliche Herkuleskäfer bemerkenswert. Zwar sind Männchen und Weibchen von ähnlicher Körpergrösse, doch trägt das Männchen am vorderen Ende seines Körpers ein Paar grosser, zangenartiger Hörner, die dem Weibchen fehlen. Mit einer Gesamtlänge von bis zu 17,5 Zentimetern (von denen beinahe die Hälfte auf die Hörner entfallen) übertrifft es deshalb das Weibchen klar.

Interessanterweise entspringen die beiden Hörner des Herkuleskäfer-Männchens nicht beide am Kopf, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, sondern nur das untere, kürzere Horn ist ein Fortsatz des Kopfes. Das obere, längere Horn ist dagegen ein Fortsatz des sogenannten Halsschilds, also der obengelegenen Platte der Vorderbrust des Käfers. Aufgrund dieser Anordnung stellen die beiden Hörner nicht nur eine Zierde des Männchens dar, sondern bilden in der Tat die beweglichen Teile einer funktionstüchtigen Zange: Senkt das Männchen seinen Kopf, so öffnet sich die Zange; hebt es ihn, so schliesst sie sich. Die Greiffähigkeit der Zange wird durch verschiedene «Zähne» unterstützt, welche den beiden Hörnern entspringen. (Die Funktion der auffälligen Borsten entlang der Unterseite des oberen Horns ist hingegen unklar.)

Mit seiner Körpergrösse steht der männliche Herkuleskäfer nicht nur an der Spitze der vielgestaltigen Käferordnung, sondern zählt überhaupt zu den grössten Insekten der Welt. Die prächtigen Vogelfalter Neuguineas sowie einige Nachtfalter können zwar eine deutlich grössere Flügelspannweite (bis über 25 Zentimeter) aufweisen, haben aber einen erheblich kleineren und leichteren Leib, und einige Stabschrecken können den Herkuleskäfer zwar an Länge übertreffen (bis über 30 Zentimeter), doch sind auch sie bedeutend leichter gebaut. Einige Termitenköniginnen können ferner zwar einen ähnlich grossen Leib (bis 12 Zentimeter) haben, doch besteht derselbe fast vollständig aus den enorm angeschwollenen Eierstöcken, während der eigentliche Körper winzig ist.

Allerdings ist selbst der Herkuleskäfer ein Winzling, wenn man ihn mit einigen Insekten vergleicht, die in grauer Vorzeit die Erde bewohnten. Das grösste Insekt, das uns durch Fossilfunde bekannt geworden ist, war eine urtümliche Libelle. Sie lebte in der Steinkohlenzeit, vor rund 300 Millionen Jahren, und wies eine Flügelspannweite von über 70 Zentimetern auf!

 

Lebenszyklus dauert zwei Jahre

Der Herkuleskäfer ist im tropischen lateinamerikanischen Raum weitverbreitet. Auf dem Festland findet man ihn vom südlichen Mexiko im Norden bis nach Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und das nördliche Brasilien im Süden. Ferner bewohnt er in der östlichen Karibik ein paar der Kleinen Antillen, namentlich - von Norden nach Süden - Basse-Terre (Guadeloupe), Dominica, Martinique, St. Lucia, Trinidad und Tobago.

Aufgrund von Unterschieden in der Färbung und Grösse des Herkuleskäfers sowie der Form und Länge seiner Hörner werden innerhalb dieses weiten Verbreitungsgebiets acht verschiedene Rassen unterschieden. Fünf davon leben auf dem mittel- und südamerikanischen Festland, drei auf den genannten Karibikinseln: Dynastes hercules hercules ist auf Basse-Terre und Dominica zu Hause; Dynastes hercules reidi kommt auf Martinique und St. Lucia vor, und Dynastes hercules glaseri lebt auf Trinidad und Tobago.

Überall in seinem weiten Verbreitungsgebiet ist der Herkuleskäfer ein typischer Bewohner feuchter tropischer Regenwälder. Vorwiegend ist er nachts unterwegs. Am Tag hält er sich zumeist in Bodennähe zwischen Wurzeln, in einer Baumhöhlung, unter einem Stück loser Rinde oder in einem anderen dunklen Unterschlupf versteckt.

Wie fast alle seine Vettern verbringt der Herkuleskäfer die meiste Zeit seines Lebens als Larve. Diese hält sich stets in lockerem Mulm, also dem verrottenden Holz eines toten Baums, auf und ernährt sich auch von diesem Material. Aus Zuchten in Menschenobhut wissen wir, dass das Larvenstadium ungefähr fünfzehn Monate lang währt. Während dieser Zeit häuten sich die engerlingsartigen Larven mehrfach und werden bei jeder Häutung ein beachtliches Stück grösser. Am Ende des Larvenzeit verpuppen sie sich, um innerhalb der nächsten drei bis vier Wochen die wundersame Verwandlung (Metamorphose) zum erwachsenen, fortpflanzungsfähigen Käfer zu durchlaufen.

Nachdem die «fertigen» Käfer schliesslich die starre Puppenhülle gesprengt und sich daraus befreit haben, halten sie sich noch weitere vier bis sechs Wochen in ihrer «mulmigen» Kinderstube versteckt. Dann erst kriechen sie hervor. Etwa sechs bis acht Wochen lang widmen sie sich nachtsüber vornehmlich der Nahrungsaufnahme, wobei sie hauptsächlich Früchte und Blätter, aber auch andere pflanzliche Stoffe zu sich nehmen. Danach begeben sie sich auf die Suche nach einem Geschlechtspartner und paaren sich mit ihm. Etwa zwei Wochen später legt dann das Weibchen seine Eier an einem günstigen Ort ab, und aus diesen schlüpfen nach weiteren drei bis vier Wochen die Larven. Der gesamte Lebenszyklus des Herkuleskäfers dauert somit nahezu zwei Jahre.

 

Dienen die Hörner zum Holzsägen?

Über das Verhalten des Herkuleskäfers in freier Wildbahn gibt es bislang keine eingehenden Studien. Viele Fragen im Zusammenhang mit seiner Lebensweise sind deshalb noch offen - so auch die nach der genauen Funktion und Einsatzweise der zangenförmigen Hörner des Männchens.

Eine originelle Legende erzählen sich in diesem Zusammenhang die Bewohner der Insel Dominica. Sie besagt, dass die männlichen Herkuleskäfer mit ihren Hörnern jeweils einen Ast ergreifen und dann ständig um denselben herumfliegen, bis er sauber vom Baum abgeschnitten ist. Der Herkuleskäfer wird deshalb auf der Insel Scieur de bois («Holzsäger») genannt. Was er mit dieser Arbeit bezweckt, wird allerdings nicht erklärt...

Die Vorstellung des sägenden Käfers ist zwar nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn tatsächlich kann man auf Dominica immer wieder sauber abgetrennte Äste auf dem Waldboden finden, ohne dass es Hinweise auf menschliche Tätigkeit gäbe. Falsch ist jedoch, die männlichen Herkuleskäfer als Urheber dieser mysteriösen Sägerei zu betrachten. Die wirklichen «Astsäger» sind zwar auch Käfer, doch handelt es sich um die Weibchen des Karibik-Zweigringlers (Oncideres amputator) aus der Familie der Bockkäfer (Cerambycidae). Diese legen ihre Eier in einen lebenden Ast ab und nagen dann mit ihren Kiefern stammwärts eine tiefe Furche rundherum, worauf der Ast abstirbt und über kurz oder lang durch das eigene Gewicht abbricht und zu Boden fällt. Das Weibchen des Karibik-Zweigringlers schafft auf diese Weise die idealen Lebensbedingungen für seine Jungen, die sich in vertrocknendem Holz am besten entwickeln.

Wozu könnten die Hörner des männlichen Herkuleskäfers aber dann dienen? Aufgrund der Beobachtung von Tieren in Gefangenschaft lässt sich vermuten, dass sie eine ähnliche Funktion haben wie das Geweih der männlichen Hirsche: Sie scheinen beim Ausfechten von Rivalenkämpfen zum Einsatz zu kommen. Wie bei den Hirschen dürften solche Kämpfe darüber entscheiden, welche Individuen die Gelegenheit erhalten, sich zu verpaaren und damit ihr Erbgut an die nächste Generation weiterzugeben. Und wie bei den Hirschen dürften die Kämpfe jeweils nicht wegen eines bestimmten Weibchens ausgefochten werden, sondern vielmehr wegen eines bestimmten Territoriums. So erhalten die Weibchen letztlich die Gelegenheit, auf einfache Weise unter den Männchen ihrer Umgebung ein besonders kräftiges als Vater für ihre Jungen auszuwählen - indem sie sich nämlich von einem Männchen begatten lassen, welches ein besonders gutes und deshalb hart umkämpftes Territorium besitzt.

Die männlichen Herkuleskäfer verfügen übrigens noch über eine weitere Eigenschaft, die den Weibchen abgeht: Sie können ihre gewöhnlich olivgrün gefärbten Deckflügel innerhalb weniger Minuten vollständig schwarz werden lassen. Beobachtungen deuten darauf hin, dass solche Farbwechsel beim Imponiergehaben, das den Rivalenkämpfen vorausgeht, eine Rolle spielen.

 

Gefahr durch Waldrodungen und Insektizidduschen

Auf dem mittel- und südamerikanischen Festland scheinen die Bestände des Herkuleskäfers noch recht umfangreich und der Fortbestand der Art vorerst nicht gefährdet zu sein. Anders sieht die Situation auf den Inseln der östlichen Karibik aus: Die dortigen Beständen werden durch verschiedene Faktoren immer weiter zurückgedrängt.

Am schlimmsten wirkt sich zweifellos die Zerstörung der vom Herkuleskäfer bewohnten Wälder aus. Tropische Urwälder hatten in vorkolumbianischer Zeit sämtliche Karibikinseln fast vollständig bedeckt gehabt. Nach der Entdeckung und Inbesitznahme der Inseln durch die europäischen Kolonialmächte wurden diese üppigen Wälder zwecks Gewinnung von Kultur- und Siedlungsland auf weiten Flächen gerodet. Vielfach blieben nur in besonders hochgelegenen, steilen und zerklüfteten Inselbereichen Reste der ursprünglichen Walddecke erhalten. Dies hat nicht nur dem Herkuleskäfer stark zugesetzt, sondern auch vielen anderen karibischen Tierarten, von denen mehrere bereits ausgestorben sind.

Am besten sieht die Situation des Herkuleskäfers noch auf Dominica aus: Dominica gilt als die zerklüftetste Insel der östlichen Karibik. In der Tat kann nur ein verhältnismässig schmaler Küstenstreifen landwirtschaftlich genutzt werden, während ein Grossteil des von drei erloschenen Vulkanen beherrschten Inselinnern sich hierfür nicht eignet. Aus diesem Grund weisen rund 540 Quadratkilometer, das sind mehr als zwei Drittel der 751 Quadratkilometer messenden Inselfläche, noch immer eine recht ursprüngliche Pflanzendecke auf. Und bei gut der Hälfte hiervon handelt es sich sogar um ziemlich unverfälschten Regenwald. Dominica besitzt damit noch einen der grössten (und schönsten) Flecken Urwalds der ganzen Karibik.

Diese erfreuliche Situation wird leider durch die Tatsache getrübt, dass auch auf Dominica - wie überall in der Karibik - der verbleibende Urwald zusehends schwindet: Noch in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts waren nämlich nicht nur rund 40 Prozent, sondern über 80 Prozent der Inselfläche mit üppigem tropischem Regenwald überzogen gewesen. Und die Rodungen gehen immer weiter.

Neben dem Lebensraumverlust erwächst dem Herkuleskaefer eine schwerwiegende Gefahr durch den massiven Einsatz von Insektiziden und anderen chemischen Mitteln zum Schutz der menschlichen Kulturpflanzen. Besonders durch die in den waldnahen Bananenplantagen (Bananen sind Dominicas Hauptexportgut) versprühten Chemikalien dürften die Herkuleskäfer beträchtlichen Schaden erleiden.

Die Frage, ob dem Herkuleskäfer auch eine nennenswerte Gefahr durch Sammler droht, ist hingegen umstritten. Zwar können grossgewachsene Exemplare auf dem internationalen Markt recht hohe Preise erzielen. Fachleuten zufolge soll der Einfluss der Fang- und Sammeltätigkeit auf den lokalen Käferbestand aber gering sein.

Auf lange Sicht wird das Überleben des Herkuleskäfers auf Dominica wohl hauptsächlich davon abhängen, ob es der Regierung der kleinen und finanzschwachen Inselrepublik gelingen wird, grössere Stücke der verbleibenden Urwaldbestände vor der Zerstörung zu bewahren. Zwar gibt es bereits zwei grossflächige Schutzgebiete auf der Insel, nämlich den 68,7 Quadratkilometer grossen Morne-Trois-Pitons-Nationalpark und das 88,1 Quadratkilometer grosse Northern-Forest-Reservat, welche beide gesunde Bestände des Herkuleskäfers beherbergen. Bewachung und Management der beiden Schutzgebiete gelten jedoch wegen der schlechten finanziellen Lage des kleinen Karibikstaats als mangelhaft. Der WWF und andere internationale Naturschutzorganisationen unterstützen deshalb die Forst- und Parkbehörde Dominicas seit geraumer Zeit durch fachliche und finanzielle Hilfe bei ihren Naturschutzaufgaben - in der Hoffnung, dass die reiche Tier- und Pflanzenwelt Dominicas zumindest in den Schutzgebieten vor weiterer Ausbeutung verschont bleibt.




ZurHauptseite