Was ist ein Hund?


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Hunde»)



Die Familie der Hunde glauben die meisten von uns gut zu kennen. Schliesslich leben ja überall Hunde mitten unter uns: Pudel, Schnauzer, Boxer, Dackel, Spaniel, Bernhardiner, Setter...

Aber halt, da stimmt doch etwas nicht! Das sind ja alles zahme Tiere, Haushunde. Was wissen wir denn über die in freier Wildbahn lebenden Mitglieder der Hundefamilie, die Wildhunde?

Ja, gibt es das überhaupt? Und ob! Viele sogar: Da ist zuallererst der Wolf, von dem alle unsere Haushunde abstammen. Dann natürlich der Rotfuchs, der im Kinderlied die Gans stiehlt und als «Meister Reineke» durch die Fabeln geistert. Da ist aber auch der kurzbeinige Waldhund, der in den Urwaldflüssen Brasiliens herumschwimmt, der grossohrige Löffelhund, der in Südafrika genüsslich Termiten verspeist, der Fennek aus der Wüste Sahara, der nur wenig mehr als ein Kilogramm auf die Waage bringt, der ostasiatische Marderhund, der in den frostigen Monaten einen Winterschlaf hält, der Kojote, der in den Hinterhöfen von Los Angeles herumstöbert und, und, und.

29 Wildhundearten umfasst die Familie der Hunde insgesamt, und eine ist aufregender als die andere. Von dieser vielgestaltigen Verwandtschaft unserer Haushunde, welche den meisten von uns doch ziemlich fremd ist, will ich in diesem Buch hauptsächlich berichten.

 

Raubtiere mit Allzweckgebiss

Innerhalb des Reichs der Tiere gehören die Hunde zur Klasse der Säugetiere, denn die Hundeweibchen säugen ihre Kinder in den ersten Lebenswochen mit Muttermilch. Innerhalb der Klasse der Säugetiere gehören die Hunde zur Ordnung der Raubtiere, jener Sippe also, deren «Beruf» es ist, andere Tiere zu erjagen und sich von ihnen zu ernähren.

Wie alle Raubtiere besitzen die Hunde in der linken und in der rechten Gebisshälfte je ein vergrössertes, besonders scharfkantiges Zahnpaar, das sich aus dem letzten oberen Vorbackenzahn und dem ersten unteren Backenzahn zusammensetzt. Diese beiden Zahnpaare, welche als «Reisszähne» bezeichnet werden, sind eine sehr zweckmässige Einrichtung. Mit ihrer Hilfe können die Hunde wie mit einer Schere mundgerechte Stücke aus dem Fleisch ihrer Opfer heraustrennen.

Das Gebiss der Hunde ist aber keineswegs nur für das Zerschneiden von Fleisch geeignet. Es ist eine vielseitige «Werkzeugkiste»: Mit den schmalen Schneidezähnen lassen sich Insekten und Würmer fassen, Beeren pflücken und Schmarotzer aus dem Fell entfernen. Mit den langen, kräftigen Eckzähnen können Beutetiere unnachgiebig festgehalten und mit den breitkronigen Backenzähnen Obst und andere harte Pflanzenteile zerkaut und Knochen zermalmt werden.

Dank ihres «Allzweckgebisses» können die Hunde praktisch alles essen, was ihnen vor die Schnauze kommt - im Gegensatz etwa zu den Katzen, die Mühe haben, einen Grashalm abzubeissen. Tatsächlich sind die meisten Wildhunde «Gemischtköstler», die sich auf ihren Fresswanderungen ein sehr abwechslungsreiches Menü aus tierlichen wie pflanzlichen Stoffen zusammenstellen. Nur ganz wenige Hundearten sind reine Fleischesser.

 

Nasentiere mit Duftnachrichtendienst

Man kann die Hunde mit gutem Recht als «Nasentiere» bezeichnen, denn ihre Welt besteht aus tausend Düften. Eine Vorstellung davon, wie überaus empfindlich die Nase der Hunde ist, mag folgender Vergleich geben: Ein Mensch kann eine frische menschliche Fährte am Boden (aufgrund der Ausdünstungen der Füsse) kaum riechen - und wenn, nur wenige Sekunden lang, nachher ist der Geruch bereits «verflogen». Hunde können jedoch nachweislich bis zu 48 Stunden alte Fährten verfolgen!

Woran liegt es, dass Hunde so viel besser riechen können als wir Menschen? Mit Zauberei hat das nichts zu tun. Auch Hunde können nur dann etwas riechen, wenn ihnen ein Duft in die Nase steigt. Während aber beim Menschen der riechempfindliche Teil der Nase nur etwa 5 Quadratzentimeter gross ist und 5 Millionen Riechsinneszellen enthält, misst die riechempfindliche Nasenhaut bei einem Schäferhund 150 Quadratzentimeter und enthält sage und schreibe 225 Millionen solcher Zellen. Da dürfen wir uns natürlich nicht wundern, wenn wir im Vergleich so schlecht abschneiden.

Eine solch feine Nase ist sehr viel wert: Sie dient den Hunden zum Aufspüren von Beutetieren, beim Suchen nach einem Partner, beim Finden des Heimwegs und beim Wittern von Gefahr. Ferner ist sie ihnen bei der Verständigung mit ihren Artgenossen behilflich. Auf ihren Streifzügen durchs Wohngebiet geben die Hunde nämlich hier und dort an auffälligen Stellen kleine Harnspritzer ab. Für andere Artgenossen bedeuten diese gut riechbaren Duftmarken dann etwa: «Hier ist Rocky zu Hause; Betreten des Grundstücks verboten!» Oder: «Hier ist soeben Bella vorbeigekommen; sie möchte Kinder bekommen und sucht darum einen Partner.» So benachrichtigen die Hunde einander gegenseitig über ihren Aufenthaltsort, ihre Revieransprüche, ihr Geschlecht, ihre Altersklasse, ihre Bereitschaft zur Fortpflanzung und wahrscheinlich noch über vieles mehr.

Welch grosse Rolle der «Duft-Nachrichtendienst» im Leben der Hunde spielt, zeigt uns jeder Haushund: Regelmässig beriecht er beim Spaziergang seine «Stammbäume», um den Besuch anderer Hunde festzustellen, und fügt anschliessend seine eigene «Visitenkarte» hinzu. Stell' dir vor, du könntest an der Strassenecke riechen, dass dein Freund Peter vor etwa einer Stunde vorbeikam, dass er später bei der grossen Linde mit Andrea zusammentraf und die beiden dann zusammen in den Park zum Spielen gingen! Davon können wir «Augentiere» leider nur träumen!

 

Schutzbedürftige Geschöpfe

Seit undenkbaren Zeiten schreibt der Mensch bestimmten Tieren gute oder schlechte Eigenschaften zu, die in Wirklichkeit nur er selber hat. So gilt der Adler als kühn, die Biene als fleissig, der Löwe als mutig. Die Hunde kommen hierbei meistens schlecht weg. So wird der Wolf als böse angesehen, der Schakal als feige, der Dingo als gierig, der Fuchs zwar als schlau, aber auf eine etwas verschlagene und hinterlistige Art. Diese uralten und leider kaum aus der Welt zu schaffenden Vorurteile trugen schon früher und tragen leider noch heute vielerorts zur Verfolgung der Wildhunde bei. Dabei werden sie ohnehin schon als «Viehdiebe», ihrer Felle wegen, zum Schutz des Jagdwilds und durch die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume arg bedrängt.

Viele Wildhundearten sind darum heute selten geworden, einige sogar von der Ausrottung bedroht. Wir, du und ich, müssen uns unbedingt für den Schutz dieser einmaligen Geschöpfe einsetzen! Das sind wir doch nicht zuletzt unserem treuen Haushund, dem Vetter aller Wildhunde, schuldig.

 

Legenden

Romulus, der Gründer der italienischen Hauptstadt Rom, und sein Zwillingsbruder Remus sollen der Sage nach von einer Wölfin aufgezogen worden sein, wie diese Statue zeigt. Solche «Wolfskinder», die weder richtig gehen noch sprechen konnten, hat es tatsächlich schon gegeben.

Wildhunde sind wichtige Figuren in den Märchen und Sagen unzähliger Völker rund um die Erde. Fast ausnahmslos wird ihnen allerdings eine unerfreuliche Rolle zugewiesen. So ist auch im Märchen vom Rotkäppchen der Wolf ein Bösewicht.

Auf diesem über 10 000 Jahre alten Höhlenbild machen sowohl eiszeitliche Jäger als auch Wölfe Jagd auf grosse Huftiere. Schon damals lebten also Wolf und Urmensch Seite an Seite.

Die alten Agypter stellten nicht nur ihren Totengott Anubis als Mensch mit Schakalkopf dar. Auch diesen Fürsten, der seine Untertanen mit grosser Wachsamkeit vor Feinden beschützt hatte, bildeten sie ehrenhalber mit einem Hundekopf ab (aus Conrad Gesners «Thierbuch», 1669).

Die Hunde haben an den Vorderpfoten fünf Zehen. Der Daumen ist aber verkürzt und berührt die Erde nicht. Beim Afrikanischen Wildhund ist er sogar ganz rückgebildet. An den Hinterpfoten haben alle Hunde hingegen nur vier Zehen. Die Krallen sind nicht rückziehbar und darum in den Trittsiegeln der Hunde deutlich erkennbar.

Vor etwa 40 Millionen Jahren entstanden in Nordamerika aus schleichkatzenähnlichen Urraubtieren die ersten primitiven Hundevorfahren. Als erfolgreiche Jäger breiteten sie sich rasch aus, besiedelten im Laufe der Jahrmillionen ganz Asien, Europa, Afrika und Südamerika, und so entwickelten sich die 29 Wildhundearten, welche heute die Erde bevölkern. Als urtümlichste Hundeart gilt der in Ostasien beheimatete Marderhund, der äusserlich stark an einen Waschbären erinnert. Ein besonders hoch entwickeltes Mitglied der Hundefamilie ist dagegen der Afrikanische Wildhund mit seinem ausgeprägten Fleischessergebiss und den schmalen «Rennpfoten».




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