Hyazinthara - Anodorhynchus hyacinthinus

Goldbauchamazone - Amazona xanthops

Blaulatzsittich - Pyrrhura cruentata

Goldscheitelsittich - Aratinga auricapilla


© 2002 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Am 7. Oktober 1492, dreissig Tage nach Beginn seiner ersten Atlantiküberquerung und vier Tage vor der Entdeckung der ersten Westindischen Inseln, hielt Christoph Kolumbus in seinem Logbuch Folgendes fest: «Gott gab uns heute ein kleines Zeichen des Trostes: Vögel zogen, aus dem Norden in Richtung Südwest fliegend, in grossen Schwärmen vorüber. Sie waren von ganz anderer Art als alle bisher gesichteten, und sie waren Vögel des Landes. (...) Ich weiss, dass die Portugiesen die meisten Inseln nur entdeckt haben, weil sie beobachteten, wie die Vögel ziehen. Aus diesem Grund entschied ich mich, den Kurs zu ändern und den Bug in Richtung Westsüdwest zu richten.»

Aufgrund dieser Eintragung hiess es später häufig, Papageien hätten bei der Entdeckung Amerikas eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Ornithologen bezweifeln zwar die Richtigkeit dieser Interpretation, da Papageien ausgesprochen landgebundene Vögel sind und sich niemals weit aufs Meer hinaus wagen. Unbestritten ist jedoch, dass die frühen europäischen Entdecker von den vielen farbenprächtigen und stimmgewaltigen Papageien, denen sie in der Neuen Welt begegneten, sehr beeindruckt waren. Dies ist etwa daraus ersichtlich, dass das heutige Brasilien auf den frühen europäischen Seekarten als «Land der Papageien» erscheint. Eine treffende Einschätzung übrigens, denn mit etwa 70 von insgesamt 350 uns bekannten Papageienarten beherbergt Brasilien weltweit die grösste Papageienvielfalt.

Wie überall auf unserem Planeten haben auch in Brasilien die Papageien unter den Aktivitäten des Menschen arg gelitten. Weltweit stehen heute 94 Papageienarten auf der Roten Liste, und davon sind 16 in Brasilien heimisch - wobei der Türkisara (Anodorhynchus glaucus) seit bald hundert Jahren nicht mehr nachgewiesen werden konnte, also sehr wahrscheinlich ausgestorben ist, und der Spixara (Cyanopsitta spixii) nur noch in wenigen Exemplaren in Menschenobhut überlebt.

Vier gefährdete Papageienarten Brasiliens sind der Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus), die Goldbauchamazone (Amazona xanthops), der Blaulatzsittich (Pyrrhura cruentata) und der Goldscheitelsittich (Aratinga auricapilla). Von ihnen soll hier berichtet werden.

 

Der Hyazinthara

Mit einer Gesamtlänge von ungefähr 100 Zentimetern ist der Hyazinthara das grösste Mitglied der Papageienfamilie (Psittacidae). Den Gewichtsrekord hält allerdings nicht er, sondern der flugunfähige neuseeländische Kakapo oder Eulenpapagei (Strigops habroptilus): Erwachsene Kakapos können - bei einer Gesamtlänge von ungefähr 60 Zentimetern - bis über zwei Kilogramm auf die Waage bringen, während die erwachsenen Hyazintharas maximal anderthalb Kilogramm schwer werden.

Die Population des Hyazintharas ist nicht zusammenhängend, sondern verteilt sich auf drei weit auseinander liegende Regionen: Der nördlichste Bestand lebt im östlichen Amazonasbecken, im Bereich der Flüsse Tocantins, Xingu und Tapajos; ein zweiter Bestand findet sich in der Gerais-Region im brasilianischen Bergland; ein dritter Bestand lebt sodann im Bereich des Pantanal, einer grossflächigen Sumpflandschaft im Dreiländereck Brasilien-Bolivien-Paraguay.

Innerhalb der drei Regionen bewohnen die grossen Papageien im Allgemeinen leicht bis mittelstark mit Bäumen und Palmen bestandene Gegenden. Man kann ihnen im Bereich von Galeriewäldern begegnen, also jenen bandartigen Waldungen, die sich entlang von Fliessgewässern durch Graslandschaften ziehen. Sie halten sich aber auch in von Dornbüschen und niedrigen Bäumen geprägten Trockenländern, so genannten «Caatingas», auf. Und sie bewohnen Feuchtgebiete mit inselartigen Palmbeständen.

Ausserhalb der Brutsaison bewegen sich die Hyazintharas in kleinen Trupps von sechs bis zwölf Individuen umher. Dabei handelt es sich um zwei bis vier erwachsene Paare mit ihrem Nachwuchs aus der letzten Brut. Wenn die nächste Fortpflanzungszeit naht, lösen sich diese Trupps auf. Die erwachsenen Paare trennen sich voneinander und von ihrem Nachwuchs und gehen während der nächsten vier Monate je eigene Wege.

Die Brutzeit fällt gewöhnlich in die Monate Juli bis September. Als Nistplatz dient eine geräumige Höhlung in einem hohen, alten Baum, gebietsweise auch eine Höhlung in einer Felswand. Das Gelege besteht zumeist aus zwei Eiern, doch überlebt in der Regel nur ein Junges die Nestlingszeit. Das Bebrüten des Geleges obliegt allein dem Weibchen und dauert 28 bis 30 Tage. Die Nestlingszeit beläuft sich auf rund drei Monate.

Die Kost der Hyazintharas besteht zur Hauptsache aus Nüssen und anderen hartschaligen Früchten und Samen. Palmfrüchte scheinen eine besonders grosse Bedeutung zu haben. Mit ihren riesigen Schnäbeln sind die Hyazintharas an ihre «Nahrungsnische» bestens angepasst: Selbst steinharte Nüsse vermögen sie zu knacken, indem sie diese zunächst an einer Stelle «anfeilen».

Auf die Nahrungssuche gehen die Hyazintharas vor allem am frühen Vormittag und am späteren Nachmittag. Während der Mittagsstunden verweilen sie im Schatten des Blattwerks eines Baums und ruhen oder widmen sich der eigenen und der gegenseitigen Gefiederpflege. Sie sind im Übrigen sehr mobile Vögel: Oftmals legen sie - hoch über dem Boden dahinziehend und ständig Kontaktrufe äussernd - weite Strecken zwischen ihren Schlaf- und ihren Nahrungsplätzen zurück.

 

Die Goldbauchamazone

Mit etwa dreissig Arten bilden die Amazonenpapageien (Gattung Amazona) die grösste Sippe innerhalb der Papageienfamilie. Die Goldbauchamazone zählt zu den kleineren unter ihnen: Erwachsene Individuen weisen eine Gesamtlänge um 27 Zentimeter auf.

Wie der Hyazinthara kommt die Goldbauchamazone vornehmlich in Brasilien vor (gebietsweise noch im angrenzenden Bolivien). Ihr Verbreitungsgebiet ist jedoch erheblich grösser als das des Hyazintharas, denn sie ist über die meisten Bereiche der so genannten «Cerrados», jener typischen Savannenlandschaften des brasilianischen Binnenhochlands, verbreitet.

Die Goldbauchamazone zieht gewöhnlich in Schwärmen von zwanzig bis vierzig Individuen umher. Diese widmen sich während der Morgen- und der Abendstunden der Nahrungssuche, während sie über Mittag in schattigen Baumkronen oder Palmwedeln rasten. Früchte und Samen verschiedener wild wachsender Baumarten bilden ihre hauptsächliche Nahrung. Aber auch vom Menschen kultivierte Fruchtbäume - etwa Mangobäume (Mangifera spp.), Guavenbäume (Psidium spp.) und Kaschubäume (Anacardium occidentale) - werden gern von ihr besucht. Vielfach halten sich die Goldbauchamazonen-Schwärme wochenlang in einer Gegend auf, in der gewisse Bäume gerade reichlich Früchte tragen. Dann ziehen sie unvermittelt weiter. So führen sie - zumindest ausserhalb der Brutsaison - ein halbnomadisches Leben. Über das Brutverhalten in der freien Wildbahn ist kaum etwas bekannt.

 

Der Blaulatzsittich

Der Blaulatzsittich ist im Vergleich zur Goldbauchamazone ein recht zierlicher Vogel. Zwar ist er mit einer Gesamtlänge von 30 Zentimetern etwas länger als sie. Ganze 13 Zentimeter entfallen jedoch auf den Schwanz, und zudem ist er deutlich «zartgliedriger» als seine «stämmige» Kusine.

Der Blaulatzsittich ist ein Bewohner des Atlantik-Küstenwalds, also jener Waldform, die entlang des schmalen brasilianischen Küstensaums zwischen dem hoch aufragenden Rumpfgebirge im Westen und dem Atlantischen Ozean im Osten wächst. Er bewohnt vor allem das oberste Stockwerk dieses Tiefland-Regenwalds, und zwar vorzugsweise im Bereich von Waldrändern und Waldlichtungen. Tagsüber bewegt er sich in kleinen Schwärmen umher und ernährt sich von diversen Früchten und Samen.

Über das Brutverhalten des Blaulatzsittichs in der freien Wildbahn ist einzig bekannt, dass die Brutzeit in die Monate September und Oktober, also in den südlichen Frühling, fällt. Aus Zuchten in Menschenobhut wissen wir aber, dass das Gelege drei bis vier Eier umfasst und dass das Ausbrüten 24 bis 26 Tage dauert, ferner dass die Nestlinge ihre Augen im Alter von zwei Wochen öffnen und dass sie die Nisthöhle im Alter von zwei Monaten erstmals verlassen, diese jedoch noch zwei Wochen lang zum Schlafen benützen.

 

Der Goldscheitelsittich

Der Goldscheitelsittich ist mit einer Gesamtlänge von 30 Zentimetern und einer Schwanzlänge von 14 Zentimetern praktisch gleich gross wie der Blaulatzsittich. Er war einst über weite Bereiche des östlichen brasilianischen Berglands verbreitet gewesen. Heute finden sich überlebensfähige Bestände nur noch in den zentralen Teilen des Bundesstaats Minas Gerais.

Wie der Blaulatzsittich ist der Goldscheitelsittich ausserhalb der Brutzeit ein ausgeprägter Schwarmvogel. Er bewohnt vor allem saisonal Laub abwerfende Trockenwälder und ernährt sich von verschiedenen weichschaligen Früchten, Samen und Beeren, wobei er bei der Nahrungssuche auch angrenzendes Offenland besucht. Dabei unterscheidet er offensichtlich nicht zwischen Natur- und Kulturland - und verköstigt sich auch gern in Mango-, Papaya- und Orangenpflanzungen sowie in Maisfeldern. Früher, als er weit häufiger war als heute, galt er darum als landwirtschaftlicher «Schädling». Über sein Brutverhalten in der freien Wildbahn ist nichts bekannt.

 

Beliebte Käfigvögel

Als beliebte Käfigvögel haben die Papageien in der jüngeren Vergangenheit nicht allein unter dem Verlust ihrer natürlichen Lebensräume durch den sich überall ausbreitenden Menschen gelitten, sondern zusätzlich unter dem Fang für den lokalen und internationalen Tierhandel. Dies gilt auch für die vier vorgestellten Papageienarten, wobei allerdings der relative Einfluss dieser beiden «Schadfaktoren» je nach Art unterschiedlich war.

Dem Hyazinthara hat vor allem der Fang stark zugesetzt. Schätzungen zufolge wurden allein in den 1980er-Jahren über 10 000 Individuen der freien Wildbahn entnommen. Aufgrund der von Natur aus dünnen Bestandsdichte der grossen Aras und ihrer geringen Nachzuchtrate kam dies einer fatalen Plünderung der Bestände gleich. Die Grösse der Gesamtpopulation wird heute auf maximal 10 000 Individuen geschätzt, und sie ist weiter rückläufig.

Von der internationalen Vogelschutzorganisation BirdLife International wird der Hyazinthara als «vom Aussterben bedroht» eingestuft. Er ist deshalb in Anhang I der «Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES) aufgeführt, womit keine Wildfänge mehr zwischen den über 140 Unterzeichnerstaaten des Abkommens gehandelt werden dürfen. Ausserdem steht die Art in Brasilien unter striktem gesetzlichem Schutz. Trotz alldem ist die Wilddieberei nicht zum Erliegen gekommen. Weiterhin sind im unübersichtlichen «Hinterland» Brasiliens professionelle Vogelfänger tätig, die nicht davor zurückschrecken, Bäume zu fällen, in denen sich Höhlungen mit nestjungen Hyazintharas befinden. Dass beim Fällen der Bäume viele Jungvögel verletzt werden oder umkommen, ist schon schlimm genug. Noch schwerer wiegt aber die Zerstörung der ohnehin nur spärlich vorhandenen Nisthöhlen, die sich für diese grossen Papageien eignen. Verschiedene Naturschutzinitiativen versuchen, das Überleben der weltgrössten Papageienart zu sichern. Im Rahmen dieser Bemühungen ist es beispielsweise im Pantanal gelungen, verschiedene Grossgrundbesitzer vom wirtschaftlichem Wert der Vogelwelt im Hinblick auf den Ökotourismus zu überzeugen; sie dulden heute keine Vogelfänger mehr auf ihrem Land. Es finden ferner Studien statt über die Bereitschaft der Hyazintharas, künstliche Nisthilfen anzunehmen.

Auch beim Goldscheitelsittich hat der Fang für den Tierhandel zum Rückgang der Art beigetragen. Noch in den frühen 1980er-Jahren gehörte er zu den häufigsten Papageien auf den brasilianischen Tiermärkten, und er wurde damals auch zu Hunderten - unter anderem nach Deutschland - exportiert. Die Hauptursache für den starken Bestandsschwund des Goldscheitelsittichs dürfte dennoch weniger der Fang als vielmehr der massive Verlust geeigneter Lebensräume gewesen sein. Gerade innerhalb seines Verbreitungsgebiets hat die Umwandlung der Naturlandschaften in Kaffee-, Soja- und Zuckerrohrplantagen einerseits und Viehweiden andererseits auf breiter Front stattgefunden. Immerhin ist der Goldscheitelsittich in mehreren Naturschutzgebieten heimisch. Im Serra-da-Canastra-Nationalpark scheint er sogar recht häufig zu sein.

Die Goldbauchamazone hat ähnlich wie der Goldscheitelsittich teils unter dem Fang, schwergewichtig aber unter der Umwandlung ihrer natürlichen Lebensräume in landwirtschaftliche Nutzflächen gelitten. Auch sie kommt in einer Reihe von Naturschutzgebieten vor. Ihre halbnomadische Lebensweise hat allerdings zur Folge, dass keines davon eine permanente Population beherbergt.

Dem Blaulatzsittich hat die Lebensraumzerstörung von allen vier Arten am meisten zugesetzt. Das Tiefland entlang der brasilianischen Atlantikküste ist überaus dicht besiedelt, und dementsprechend sind heute die Atlantik-Küstenwälder, in denen er zu Hause ist, bis auf wenige Restbestände abgeholzt. Wie der Goldscheitelsittich hat der Blaulatzsittich wenigstens in ein paar Schutzgebieten Zuflucht gefunden. Grössere Bestände finden sich zum Beispiel im Estaçao-Vera-Cruz-Reservat und im Sooretama-Reservat.

Goldscheitelsittich, Goldbauchamazone und Blaulatzsittich werden von BirdLife International als «verletzlich» klassifiziert. Artenschutzmassnahmen scheinen sich bei ihnen noch nicht aufzudrängen. Um ihren Fortbestand zu sichern, bedarf es jedoch weiterhin grosser Anstrengungen in Brasilien selbst, namentlich beim Schutz der verbleibenden Naturlandschaften und bei der Bekämpfung der Wilddieberei, als auch auf internationaler Ebene bei der Überwachung des Tierhandels.

 

 

Legenden

Der Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus) ist mit einer Gesamtlänge von etwa einem Meter das grösste Mitglied der Papageienfamilie. Seine Kost besteht zur Hauptsache aus Nüssen und anderen hartschaligen Früchten. Mit seinem mächtigen Schnabel vermag er diese mühelos zu knacken.

Als Nistplatz dient dem Hyazinthara-Paar meistens eine geräumige Höhlung in einem hohen, alten Baum, gebietsweise auch eine Höhlung in einer Felswand. Das Gelege besteht gewöhnlich aus zwei Eiern, doch überlebt in der Regel nur ein Junges die Nestlingszeit.

Die Goldbauchamazone (Amazona xanthops) gehört mit einer Gesamtlänge um 27 Zentimeter zu den kleineren der etwa dreissig Amazonenpapageien. Die Gelbfärbung des Kopfs und die Goldfärbung des Bauchs ist bei den jugendlichen Individuen (oben links und unten) weniger ausgeprägt als bei den Altvögeln (oben rechts).

Der Blaulatzsittich (Pyrrhura cruentata) weist eine Gesamtlänge von ungefähr 30 Zentimetern auf, wovon etwa 13 Zentimeter auf den Schwanz entfallen. Der vielfarbige Papagei bewohnt das Kronendach der Tiefland-Regenwälder im Bereich der brasilianischen Atlantikküste und ernährt sich hauptsächlich von Früchten und Samen.

Der Goldscheitelsittich (Aratinga auricapilla) ist praktisch gleich gross wie der Blaulatzsittich. Seine Nahrung - weichschalige Früchte, Samen und Beeren - sucht er häufig im Offenland und besucht dabei auch Mango-, Papaya, Orangen- und andere Pflanzungen. Früher, als er weit häufiger war als heute, galt er deshalb als landwirtschaftlicher «Schädling».




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