Indri

Indri indri


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Von allen Lemuren, jenen wohlbekannten Halbaffen, welche auf Madagaskar und den Komoren heimisch sind, ist der Indri (Indri indri) der grösste: Ausgewachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von etwa 80 Zentimetern auf und bringen 7 bis 10 Kilogramm auf die Waage. Als einziger Lemur besitzt der Indri ferner nur einen kurzen Stummelschwanz.

Die Regenwälder im nördlichen Bereich der madagassischen Ostküste sind die Heimat des Indris. Hier ist der schwarzweisse Lemur tagsüber rege und ernährt sich ausschliesslich von pflanzlicher Kost - Blättern, Blüten, Früchten und Knospen. Im allgemeinen hält er sich im Kronenbereich des Waldes auf; nur äusserst selten steigt er auf den Boden hinunter. In seinem «Reich» hoch über dem Boden bewegt er sich erstaunlich rasch fort, indem er an seinen langen Armen hängend elegant von Ast zu Ast schwingt. Bis zu sieben Meter weite Lücken im Geäst vermag er so zu überwinden.

Indris leben in kleinen Familiengruppen, die sich jeweils aus einem erwachsenen Paar und dessen Nachkommen zusammensetzen. Da die erwachsenen Tiere in dauernder Einehe leben, das Weibchen im allgemeinen nur alle drei Jahre ein einzelnes Kind zur Welt bringt und das älteste Junge jeweils nach Erreichen der Geschlechtsreife, das heisst im Alter von acht bis neun Jahren die Familie verlässt, bestehen Indrigruppen nie aus mehr als fünf Tieren.

Jede Indrigruppe besetzt ein etwa 15 bis 30 Hektar grosses Waldstück, in welchem sie sämtliche Winkel kennt und darum immer genau Bescheid weiss, wo gerade schmackhafte Früchte, Blüten oder Blattknospen zu finden sind. Bei Tagesanbruch und nochmals gegen Abend äussert das erwachsene Indripaar einen weithin hörbaren Gesang. Dieser besteht aus richtigen «Strophen», das heisst festgelegten Lautfolgen, welche mehrfach wiederholt werden. Dabei geht ein anfängliches Bellen in ein nach menschlichen Schmerzenslauten und Hundeheulen klingendes Geschrei über. Benachbarte Gruppen übernehmen gewöhnlich diese Rufe, so dass schliesslich der ganze Wald von den eindrucksvollen Indrigesängen erfüllt ist. Allen Artgenossen in der Umgebung wird so unüberhörbar klargemacht, welche Waldstücke bereits vergeben sind und wo ein «Betreten des Geländes» nicht geduldet wird.

Die eheliche Treue, das menschenähnliche Aussehen und der eigenartige Gesang des Indris haben die Madagassen seit jeher tief beeindruckt. Viele abergläubische Vorstellungen verbinden sich daher mit dieser grossen Lemurenart. So glauben die Eingeborenen etwa, dass im Körper des Babakoto - wie sie den Indri nennen - die Seelen der Verstorbenen wiederkehren. Die Tiere gelten daher als heilig, und es ist streng verboten, ihnen irgendwelchen Schaden zuzufügen. Zumindest war dies bis in jüngerer Zeit so. Heute setzen sich - im Zeichen des vielgerühmten Fortschritts - immer mehr Madagassen über solche «altertümlichen» Vorstellungen und traditionellen Tabus hinweg - zum Leidwesen der schwarzweissen Halbaffen.

Es ist allerdings nicht die direkte Verfolgung durch den Menschen, welche den Indri zur bedrohten Tierart gemacht hat, sondern vielmehr die Zerstörung seines Lebensraums auf breiter Front. Madagaskar war ursprünglich ein einziges Waldland - so lange, bis die Völker rund um den Indischen Ozean die fruchtbare Insel entdeckten und in mehreren Wellen besiedelten. Um Kultur- und Siedlungsland zu gewinnen, wurden die Wälder in der Folge immer weiter zurückgedrängt. Heute sind über 80 Prozent der madagassischen Waldbestände verschwunden, und die Zerstörung der Wälder hält noch immer an.

Dennoch besteht eine gewisse Überlebenschance für den Indri, da er in mehreren bestehenden Naturschutzgebieten vorkommt. Leider ist aber die Bewachung dieser letzten Rückzugsgebiete des bedrängten Halbaffen mancherorts mangelhaft - nicht etwa infolge fehlenden guten Willens seitens der madagassischen Behörden, sondern wegen des chronischen Mangels an finanziellen und fachlichen Mitteln. Diesem Missstand versucht der WWF abzuhelfen, indem er die madagassische Regierung bei ihren Bestrebungen zum Schutz der einzigartigen Flora und Fauna der Insel tatkräftig unterstützt. Mit solcher Hilfe von aussen und der erklärten Bereitschaft der Madagassen, zum natürlichen Reichtum ihrer Insel Sorge zu tragen, sollte es eigentlich gelingen, dem kühnen Kletterakrobaten - mitsamt seinen vielgestaltigen Brüdern - den Sprung in die Zukunft zu erlauben.




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