Indri - Indri indri

Diademsifaka - Propithecus diadema

Vari - Varecia variegata

Breitschnauzen-Halbmaki - Hapalemus simus


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Nach Grönland, Neuguinea und Borneo ist Madagaskar die viertgrösste Insel der Welt - mit 595 000 Quadratkilometern rund vierzehnmal so gross wie die Schweiz. Zu Urzeiten war Madagaskar noch mit Afrika verbunden gewesen. Vor mehr als 60 Millionen Jahren spaltete aber dann ein gewaltiger Grabenbruch die Insel vom Festland.

 

Eine Welt für sich

Madagaskar machte in der Isolation des Indischen Ozeans eine eigene, sonderbare Entwicklung durch: Faszinierende Pflanzen und Tiere bildeten sich heraus - Lebewesen, die sonst nirgends auf der Erde anzutreffen sind. Ihre ungeheure Vielfalt lässt dem neuzureisenden Biologen den Mund offen: Sage und schreibe 150 verschiedene Froscharten leben auf Madagaskar, die ausserhalb der Insel unbekannt sind. Mehr als die Hälfte aller Chamäleon-Arten der Welt findet man nur hier. Sie schillern in allen Farben und variieren zwischen Daumennagel- und Katzengrösse. Auch Madagaskars Raubtiere, etwa die Fossa, und die insektenfressenden Tanreks, welche unserem Igel ähnlich sehen, gibt es nur hier. Selbst unter den Vögeln und Fledermäusen, die eigentlich problemlos über die 350 Kilometer breite Meeresstrasse nach Afrika und zurück fliegen könnten, sind rund die Hälfte endemische, das heisst nur hier heimische Arten. Und nicht zuletzt entwickelte sich auf Madagaskar statt der «normalen» Affen die formenreiche Sippe der Lemuren.

Nicht viel anders sieht es bei den Pflanzen aus: In den tropischen Regenwäldern der Ostküste, den Monsunwäldern der Westküste, den Wüsten des Südens und dem vulkanischen Hochland des Inselinnern findet man die unfassbare Zahl von 7370 verschiedenen Pflanzenarten. 86 Prozent davon kommen nur auf Madagaskar vor. Zu ihnen gehören beispielsweise sechs von weltweit lediglich neun Baobab-Bäumen.

Was es auf Madagaskar hingegen nicht gibt, sind einheimische Savannentiere. Madagaskar war nämlich ursprünglich ein einziges Waldland - so lange, bis die Völker rund um den Indischen Ozean die fruchtbare Insel entdeckten und in mehreren Wellen besiedelten. Bantu vom afrikanischen Festland waren dabei; dann aber auch Araber, Indonesier, Chinesen, Melanesier und schliesslich noch einige europäische Piraten. Vor allem die Völker ostasiatischer Abstammung legten im madagassischen Hochland ausgedehnte Reiskulturen und Terrassen an. Und zu diesem Zweck wurde über lange Zeit der Wald immer weiter zurückgedrängt. Heute sind über 80 Prozent der madagassischen Waldbestände verschwunden, und die Zerstörung der Wälder geht noch immer weiter. Leider; denn wegen des fast totalen Kahlschlags ganzer Inselregionen ist heute eine Vielzahl der einzigartigen madagassischen Lebewesen direkt vom Untergang bedroht.

 

12 ausgestorbene, 28 überlebende Lemuren

Zu den gefährdeten Tieren gehört auch eine ganze Reihe von Lemuren - jenen Halbaffen, die einzig auf Madagaskar und den Komoren-Inseln vorkommen. Sie sind nach den römischen Totengeistern benannt, welche der Sage nach auf der Erde erschienen, um ihre Nachfahren zu quälen. Wahrscheinlich sind die Lemuren deshalb zu ihrem Namen gekommen, weil sie mit ihren im Dunkeln leuchtenden Augen und ihrem durchdringenden Geheul den ersten Europäern ziemlich unheimlich vorkamen.

Die Wissenschaftler unterscheiden heute 28 Arten von Lemuren. Mindestens zwölf weitere sind vor verhältnismässig kurzer Zeit erst ausgestorben - ein paar von ihnen ungefähr gleichzeitig mit dem Eintreffen der ersten Europäer im 16. Jahrhundert. Früher neigte man zur Ansicht, dass diesen Tieren Klimaveränderungen zum Verhängnis geworden waren. Heute sind sich die Fachleute aber darüber einig, dass der Mensch für ihr Verschwinden verantwortlich ist. Mehrere der ausgestorbenen Lemuren waren nämlich - verglichen mit den heutigen Arten - ziemlich mächtige, schwerfällige Kreaturen gewesen und hatten wohl für die mit Speer, Pfeil und Bogen bewaffneten frühen Inselbewohner eine allzu leichte Beute abgegeben. Ihre kleineren, flinkeren Brüder hat dieses traurige Schicksal bislang zum Glück noch nicht ereilt. Doch auch von ihnen stehen heute ein paar am Rand der Ausrottung. Zu diesen zählen etwa der Indri (Indri indri), der Diademsifaka (Propithecus diadema), der Vari (Varecia variegata) und der Breitschnauzen-Halbmaki (Hapalemur simus), die wir uns im folgenden etwas näher ansehen wollen.

 

Der Indri - ein lautstarker Sänger

Der Indri ist der grösste aller Lemuren: Ausgewachsene Individuen können über zehn Kilogramm schwer werden - während der Zwerg unter den Lemuren, der Mausmaki (Microcebus murinus), nur gerade 55 Gramm auf die Waage bringt! Kennzeichnend für den Indri ist sein prächtig schwarzweiss gefärbtes Fell, dessen Zeichnung ausserordentlich variabel ist; keine zwei Tiere sehen gleich aus. Als einziger Lemur besitzt der Indri ferner nur einen kurzen Stummelschwanz.

Der Indri bewohnt die Regenwälder im nördlichen Teil der madagassischen Ostküste. Er ist tagsüber rege und ernährt sich ausschliesslich von pflanzlicher Kost - Blättern, Blüten, Früchten und Knospen. Im allgemeinen hält er sich im Kronenbereich des Walds auf; nur äussert selten steigt er auf den Boden hinunter. In seinem «Reich» hoch über dem Boden bewegt sich der Indri erstaunlich rasch fort, indem er an seinen langen Armen hängend elegant von Ast zu Ast schwingt. Bis zu sieben Meter weite Lücken im Geäst vermag er so zu überwinden. In den Baumkronen ist der grosse Lemur auch vorzüglich getarnt. Sein scheinbar auffälliges schwarzweisses Fell erweist sich nämlich als ausgezeichnetes Tarnkleid: Die schwarzen Teile gleichen sich den dunklen Stämmen und Ästen an, und die weissen Teile verschwinden vor dem hellen Himmel. Dadurch löst sich sein Umriss sozusagen im Nichts auf.

Indris leben in kleinen Familiengruppen, die sich aus jeweils einem erwachsenen Paar und dessen Nachkommen zusammensetzen. Da die erwachsenen Tiere in dauernder Einehe leben, das Weibchen im allgemeinen nur alle drei Jahre ein einzelnes Kind zur Welt bringt und das jeweils älteste Junge im Alter von acht bis neun Jahren die Familie verlässt, bestehen Indrigruppen nie aus mehr als fünf Tieren.

Jede Familiengruppe besetzt ein etwa 15-30 Hektar grosses Waldstück, in welchem sie jeden Winkel kennt und darum immer genau Bescheid weiss, wo gerade schmackhafte Früchte, Blüten oder Blattknospen zu finden sind. Bei Tagesanbruch und nochmals gegen Abend äussert das erwachsene Indri-Paar weithin hörbare Gesänge. Diese bestehen aus richtigen «Strophen», das heisst festgelegten Lautfolgen, welche mehrfach wiederholt werden. Wahrscheinlich dienen diese Gesänge dazu, allen Artgenossen in der Umgebung klarzumachen, dass das betreffende Waldstück bereits vergeben ist und ein «Betreten des Geländes» nicht geduldet wird.

Die eheliche Treue, das menschenähnliche Aussehen und der eigenartige Gesang des Indris haben die Madagassen seit jeher tief beeindruckt. Viele abergläubische Vorstellungen verbinden sich daher mit dieser grossen Lemurenart. So glauben die Eingeborenen etwa, dass im Körper des babakoto - wie sie den Indri nennen - die Seelen der Verstorbenen wiederkehren. Die Tiere gelten daher als heilig, und es ist streng ver boten, ihnen irgendwelchen Schaden zuzufügen. Zumindest war dies bis in jüngerer Zeit so. Heute setzen sich - im Zeichen des vielgerühmten Fortschritts - jedoch immer mehr Madagassen über solche «altertümlichen» Vorstellungen und traditionellen Tabus hin weg - zum Leidwesen der schwarzweissen Halbaffen.

 

Der Diademsifaka - ein hübscher Blattesser

Mit einem Gewicht von sechs bis acht Kilogramm zählt der Diademsifaka ebenfalls zu den grösseren Lemuren. Wie der Indri ist der Diademsifaka ein Regenwaldbewohner; er ist aber wesentlich weiter verbreitet als jener und kann vom Analamera-Wald im Norden bis zur Südküste Madagaskars angetroffen werden.

Innerhalb dieses weiten Verbreitungsgebiets werden fünf Unterarten des Diademsifakas unterschieden, die in ihrer Fellfärbung stark voneinander abweichen: Es gibt sowohl schneeweisse als auch pechschwarze Sifakas! Die «typische» Unterart, Propithecus diadema diadema, lebt im Zentrum der Artverbreitung. Mit ihrem schwarzen Gesicht, das von einem weissen Haarkranz eingerahmt ist, dem graubraunen Rücken und den goldfarbenen Gliedmassen sieht sie besonders hübsch aus.

Diademsifakas leben in Gruppen von bis zu acht Tieren. Sie sind wie die Indris reine Vegetarier. Bei einer Studie der hübschen Lemuren in den Wäldern von Ranomafana im Süden Madagaskars wurde jedoch fest gestellt, dass weit über die Hälfte ihrer Nahrung aus Blättern besteht.

Die Wohngebiete der Diademsifakas sind ausserordentlich gross: So benutzte eine Gruppe von Tieren in Ranomafana ein ungefähr 100 Hektar grosses Waldstück! Dies dürfte der Grund dafür sein, warum die Dichte der Diademsifaka-Bestände im Vergleich zu derjenigen anderer untersuchter Lemurenarten besonders gering ist.

 

Der Vari - ein nestbauender Halbaffe

Auch der Vari gehört zu den grösseren Lemurenarten: Die meisten erwachsenen Individuen wiegen vier bis fünf Kilogramm. Das Verbreitungsgebiet des Varis scheint mit dem des Diademsifakas weitgehend übereinzustimmen, reicht aber nicht ganz so weit nach Norden wie jenes.

Die Wissenschaftler unterscheiden zwei Vari-Unterarten: Der vorwiegend rostrot gefärbte Rote Vari (Varecia variegata rubra) ist in seiner Verbreitung auf die Wälder der Maroantsetra-Halbinsel beschränkt; der Schwarzweisse Vari (Varecia variegata variegata) bewohnt das übrige Verbreitungsgebiet. Beide Rassen besitzen ein besonders dichtes, seidenes Fell mit einer auffälligen «Halskrause». Mit diesem dichten Haarkleid sind die Varis an das Leben im Regenwald vortrefflich angepasst: Selbst stärkste Regengüsse kön nen sie nicht durchnässen.

Über die Lebensgewohnheiten der Varis in freier Wildbahn ist wenig bekannt. Sie scheinen in Paaren zu leben und ernähren sich wahrscheinlich zur Hauptsache von Früchten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Lemurenarten bringt das Variweibchen im allgemeinen Zwillinge zur Welt. Rechtzeitig vor der Geburt baut es ein Nest aus Zweigen und Blättern für seine Kinder. Zusätzlich rupft es aus seinen Flanken Haare aus und polstert damit das künftige «Kinderbett». Die neugeborenen Varis haben das gleiche gescheckte Fell wie ihre Eltern und können auch bereits sehen. Sie wachsen auffallend rasch heran und machen sich noch im ersten Lebensjahr selbständig, während es bei den meisten anderen Lemurenjungen mehrere Jahre dauert, bis sie sich von ihren Eltern lösen.

Im Gegensatz zu Indri und Diademsifaka ist der Vari nachtaktiv. Er sonnt sich aber gern am frühen Morgen. Bei diesen morgendlichen Sonnenbädern streckt er seine Beine aus und wendet das Gesicht der Sonne zu. Aufgrund dieses Verhaltens glaubten die Eingeborenen früher, die varikandanas seien heilige Tiere, welche die Sonne anbeten, und verfolgten sie nur wenig. Wie beim Indri nahm der Respekt vor den «Sonnenkindern» leider mit dem Vordringen der Zivilisation ab - und damit schwanden auch die Varis rasch dahin.

 

Der Breitschnauzen-Halbmaki - der seltenste Lemur

Der Breitschnauzen-Halbmaki ist zweifellos der seltenste der vier hier vorgestellten Lemurenarten - ja wahrscheinlich der seltenste und meistbedrohte Lemur überhaupt. Er ist kleiner als der Vari, gehört aber mit einem Gewicht von gut zwei Kilogramm noch lange nicht zu den Zwergen der Lemurenfamilie.

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde der Breitschnauzen-Halbmaki im Jahr 1870. Die Berichte aus jener Zeit lassen vermuten, dass er damals in den Regenwäldern des östlichen Madagaskars recht weit verbreitet war. Schon wenig später verschwand er jedoch spurlos von der «Erdoberfläche» und galt lange Zeit als ausgestorben. Zur grossen Überraschung der Fachwelt gelang dann aber in den sechziger Jahren zwei französischen Wissenschaftlern die Wiederentdeckung des Breitschnauzen-Halbmakis bei Fianarantsoa im Süden der Insel. Dort konnte er vereinzelt auch 1986 noch nachgewiesen werden.

Der Breitschnauzen-Halbmaki ist ein Nahrungsspezialist: Seine Lieblingsspeise ist der Riesenbambus. Dies scheint denn auch der Grund für die ausserordentliche Seltenheit des mittelgrossen Lemurs zu sein: Die ehemals ausgedehnten Riesenbambus-Bestände Madagaskars sind nämlich heute weitgehend zerstört, da die harten Bambusstangen für den Hütten- und Zaunbau sehr beliebt sind.

 

Lemurenschutz ist gleichbedeutend mit Lebensraumschutz

Indri, Diademsifaka, Vari und Breitschnauzen-Halbmaki haben eines gemeinsam: ihre ungewisse Zukunft. Während für den Breitschnauzen-Halbmaki wohl jegliche Hilfe zu spät kommt, besteht für Indri, Diademsifaka und Vari immerhin eine gewisse Überlebensschance, da alle drei in bestehenden Naturschutzgebieten vorkommen. Leider ist aber die Bewachung dieser letzten Rückzugsgebiete der bedrängten Halbaffen mancherorts recht mangelhaft - nicht etwa infolge fehlenden guten Willens seitens der madagassischen Behörden, sondern wegen des chronischen Mangels an finanziellen und fachlichen Mitteln.

Diesem Missstand versucht der Welt Natur Fonds (WWF) abzuhelfen, indem er die madagassische Regierung bei ihren Bestrebungen zum Schutz der einzigartigen Flora und Fauna der Insel tatkräftig unterstützt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der wirksamen Bewachung der bereits bestehenden Nationalparks und Naturreservate, deren Gesamtfläche immerhin über 6000 Quadratkilometer beträgt. Mit solcher Hilfe von aussen und der erklärten Bereitschaft der Madagassen, zum natürlichen Reichtum ihrer Insel Sorge zu tragen, sollte es doch möglich sein, den Grossteil der bedrängten Lemurenarten für die Nachwelt zu erhalten - trotz ihrer derzeit misslichen Lage.




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