Grüner Inselleguan

Iguana delicatissima


© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Echsen und die Schlangen werden von den Zoologen in der Ordnung der Schuppenkriechtiere (Squamata) zusammengefasst. Es handelt sich dabei um die vielgestaltigste Reptiliensippe unserer Zeit: Weltweit gibt es ungefähr 6500 Schuppenkriechtierarten - das sind zwanzigmal mehr als alle anderen lebenden Kriechtierarten - aus den Ordnungen der Schildkröten (Chelonia), der Krokodile (Crocodilia) und der Brückenechsen (Rhynchocephalia) - zusammen.

Die Echsen bilden mit über 3800 Arten die Mehrzahl der Schuppenkriechtiere. Die meisten von ihnen weisen eine Länge von weniger als 30 Zentimetern auf, sind also vergleichsweise kleine Wirbeltiere. Zwei Echsenfamilien, die altweltlichen Warane (Varanidae) und die neuweltlichen Leguane (Iguanidae), enthalten jedoch eine ganze Reihe stattlicher Arten, darunter die grösste Echse der Welt: der Komodowaran (Varanus komodoensis) aus Indonesien, der eine Gesamtlänge von etwa drei Metern und ein Gewicht von über 100 Kilogramm erreichen kann.

Die Leguane, mit über 550 Arten eine recht grosse Familie, sind - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in den tropischen und subtropischen Bereichen der Neuen Welt beheimatet. Viele von ihnen sind «normalgrosse» Echsen, doch in der Unterfamilie der Leguane im eigentlichen Sinn (Igua-ninae) finden sich ein paar wirklich grosse Arten. Zu diesen gehören beispielsweise die eigenartige Meerechse (Amblyrhynchus cristatus) und die beiden Drusenkopfleguane (Conolophus spp.) von den Galapagosinseln, die beiden Kurzkammleguane (Brachylophus spp.) von Fidschi und Tonga im Südwestpazifik, die etwa zehn Schwarzleguane (Ctenosaura spp.), der Wüstenleguan (Dipsosaurus dorsalis) und die beiden Chuckwallas (Sauromalus spp.) aus dem südlichen Nordamerika und Mittelamerika, die acht Arten von Wirtelschwanzleguanen (Cyclura spp.) von den Westindischen Inseln - und schliesslich die beiden Arten von Grünen Leguanen, nämlich der Grüne Leguan (Iguana iguana) und der Grüne Inselleguan (Iguana delicatissima), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Eine vorsintflutliche Erscheinung

Der Grüne Leguan ist gewiss der bekannteste und häufigste aller «echten» Leguane. Sein V-er-breitungs-gebiet erstreckt sich von Mexiko im Norden quer durch Mittelamerika und das ganze nördliche Südamerika bis nach Südbrasilien und Paraguay im Süden und umfasst zusätzlich eine ganze Reihe Westindischer Inseln.

Demgegenüber ist das Verbreitungsgebiet des Grünen Inselleguans stark begrenzt: Er kommt nur auf wenigen Inseln im nördlichen Bereich der Kleinen Antillen vor, nämlich auf Martinique, Dominica, Guadeloupe (einschliesslich der vorgelagerten Inselchen Iles des Saintes), Antigua, Nevis, St. Eustatius, St. Barthélemy (einschliesslich der vorgelagerten Inselchen Ile Fourche, Ile Frégatte, Ile Chevreau und Ile Bonhomme), St. Martin und Anguilla. Nirgendwo ist der Grüne Inselleguan heute mehr häufig, und vielerorts sind seine Bestände seit Jahren rückläufig. Von der Weltnaturschutzunion (IUCN) wird er deshalb als «verletzlich» eingestuft.

In seinem Aussehen unterscheidet sich der Grüne Inselleguan kaum vom Grünen Leguan. Wie jener erweckt er mit seiner schuppigen Haut, seinen langen, krallenbewehrten Zehen, dem überlangen Schwanz, dem faltigen Kehllappen und dem stacheligen Rückenkamm einen wahrhaft prähistorischen Eindruck. Das einzig sichere Kennzeichen des Grünen Inselleguans ist das Fehlen der beim Grünen Leguan sehr auffälligen grossen Schuppe unterhalb des Trommelfells.

Wie beim Grünen Leguan sind die erwachsenen Grünen Inselleguane von sehr variabler Körpergrösse. Tiere, die in einem Gebiet leben, welches ihnen das ganze Jahr über ein ausreichendes Futterangebot zur Verfügung stellt, sind im Durchschnitt grösser und schwerer als Tiere in trockenen Lebensräumen, wo das Angebot an Futterpflanzen spärlich ist. Die grössten Grünen Inselleguane weisen eine Kopfrumpflänge von etwa 40 Zentimetern und eine Gesamtlänge von über 160 Zentimetern auf, wobei zwischen den Männchen und den Weibchen keine nennenswerten Grössenunterschiede zu bestehen scheinen.

Ebenso wie sein Vetter auf dem Festland bewohnt der Grüne Inselleguan in seiner karibischen Inselwelt ein sehr breites Spektrum von Lebensräumen - von feuchten Tropenwäldern über Trockenwälder, verbuschtes Gelände und Farmland bis hin zu dürren Felsgegenden, wo lediglich Kakteen und einzelne zähe Sträucher aufkommen. Er ist allerdings kein «Berggänger», sondern hält sich stets im Tiefland auf. Selbst auf den bis über 1400 Meter ü.M. aufragenden Inseln Martinique, Dominica und Guadeloupe hat man ihn bislang nie oberhalb der 300-Meter-Höhenlinie angetroffen.

Die Gesellschaftsstruktur des Grünen Inselleguans ist interessanterweise je nach Lebensraumtypus unterschiedlich: Während die Echsen in feuchten, vegetationsreichen Lebensräumen territorial und somit verstreut leben, weshalb man selten mehr als ein Individuum aufs Mal zu Gesicht bekommt, begegnet man ihnen in trockenen, pflanzenarmen Gebieten gewöhnlich in Gruppen. Dies ist insofern «vernünftig», als in öden Gegenden die territorialen Rivalitäten aufgrund der spärlich vorhandenen ökologischen Güter dermassen gross wären, dass die Streitigkeiten um Grund und Boden nie aufhören würden und ein gedeihliches Leben schlicht unmöglich wäre. Es zeugt dies von der bemerkenswerten Anpassungsfähigkeit des Grünen Inselleguans - und ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Art nicht nur üppige, sondern auch karge Lebensräume erfolgreich zu besiedeln vermocht hat.

 

Leguane fallen von den Bäumen

Der Grüne Inselleguan ist vorwiegend am Tag unterwegs, während er die Nacht in einer Felsnische oder im Geäst eines Baums verbringt. Am Morgen kriecht er aus seinem Nachtlager hervor und legt sich gewöhnlich eine oder zwei Stunden lang an die Sonne, um seinen Körper auf die optimale «Betriebstemperatur» zu erwärmen. Denn er ist wie alle Echsen ein wechselwarmes Tier, dessen Körpertemperatur weitgehend von der Umgebungstemperatur abhängt und demzufolge des nachts stark absinkt. Während der morgendlichen Aufwärmphase wendet der Grüne Inselleguan der Sonne seine Breitseite zu. Während der anschliessenden Aktivphase, welche vor allem dem Nahrungserwerb gewidmet ist, hält er seinen Körper hingegen gewöhnlich in Längsrichtung zur Sonne. Steigt die Körperwärme dennoch zu stark an, was besonders während der Mittagsstunden oft der Fall ist, so ist er gezwungen, sich vorübergehend an einen Schattenplatz zu begeben.

Bei der Nahrungssuche stellt sich der Grüne Inselleguan eine ziemlich gemischte Kost zusammen: Früchte, darunter Kaktusfeigen, Bananen und Mangos, scheint er zu bevorzugen, doch verspeist er auch Blätter aller Art, ferner Vogeleier, wenn er solche findet, sowie Frösche, Schnecken und andere Kleintiere, derer er habhaft werden kann, und nicht zuletzt Aas. Die Jungtiere benötigen für ihr Gedeihen einen verhältnismässig hohen Eiweissanteil in ihrer Nahrung und wenden deshalb verhältnismässig viel Zeit für die Jagd nach Insekten und anderen wirbellosen Kleintieren auf.

Der Grüne Inselleguan bewegt sich bei der Nahrungssuche sowohl auf dem Boden als auch auf Bäumen und in Büschen umher. Er erweist sich zwar als guter und schneller Kletterer, jedoch nicht als ein besonders vorsichtiger: Des öfteren verliert er im Geäst den Halt und landet dann mit einem lauten Plumps auf der Erde, wobei er aber nie zu Schaden zu kommen scheint.

Er ist im übrigen ein ausgezeichneter Schwimmer. Bei Gefahr taucht er gern ins Meer oder in ein anderes Gewässer ein und treibt sich - mit eng an den Körper angelegten Gliedmassen und seitlichen Wellenbewegungen des Körpers und des Schwanzes - elegant und schnell vorwärts.

Steht ihm keine Wasserfluchtroute zur Verfügung, um sich vor einem Verfolger zu retten, so versucht er laufend zu entweichen. Überraschenderweise rennt er dabei jeweils nur zu Beginn auf allen Vieren. Sobald er nach ein paar Metern eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, stösst er sich mit seinen Vordergliedmassen vom Boden ab und eilt dann zweibeinig in grossem Tempo davon - mit schräg nach vorn gerichtetem Vorderkörper und im vorderen Drittel nach oben gekrümmtem Schwanz. Er vermag zwar diesen rasaten Rennstil nur über kurze Distanzen durchzuhalten, doch genügt dies im allgemeinen, um einen Unterschlupf im dichten Gestrüpp oder in einer Felsspalte zu erreichen und sich dort in Sicherheit zu bringen.

Die Fortpflanzungszeit des Grünen Inselleguans scheint mit der feuchten Jahreszeit (im nördlichen Bereich der Kleinen Antillen gewöhnlich zwischen August und November) zusammenzufallen. Das Weibchen vergräbt dann seine zumeist 15 bis 25 Eier in einer Tiefe von etwa zehn Zentimetern in sandigem Boden, oft im Schutz eines grossblättrigen Buschs. Die Entwicklungszeit der Keimlinge hängt stark von der Bodentemperatur an der betreffenden Stelle ab, dauert aber im allgemeinen zwei bis vier Monate. Die Jungen schlüpfen meistens zwischen Dezember und Februar, also unmittelbar nach der Regenzeit, wenn das Angebot an zarten Früchten und Blättern sowie an Insekten und anderen Kleintieren reichlich ist. So fällt ihnen der erfolgreiche Start ins Leben verhältnismässig leicht.

In welchem Alter die jungen Grünen Inselleguane erstmals zur Fortpflanzung schreiten, ist nicht bekannt. Ebensowenig kennen wir ihre Lebensdauer, doch ist anzunehmen, dass diese - wie bei anderen grossen Leguanarten - mehrere Jahrzehnte betragen kann.

 

Eine schmackhafte Art

Natürliche Fressfeinde der Grünen Inselleguane waren auf ihren karibischen Heimatinseln einst nur verschiedene Greifvögel gewesen, welche hie und da ein jüngeres, kleineres Individuum zu erbeuten vermochten. Seit der Mensch die karibische Inselwelt kolonisiert und diverse Säugetierarten teils willentlich, teils unbeabsichtigt eingeführt hat, sieht die Situation anders aus: Die Gelege werden nun von Ratten und Schweinen geplündert, die Jungleguane von Mungos, Katzen und Hunden bejagt. Und den grossgewachsenen Individuen wird vom Menschen nachgestellt, der ihr Fleisch als überaus zart und schmackhaft rühmt - daher ja auch der Artname «delicatissima».

Die Nachstellungen seitens des Menschen und der von ihm eingeführten Raubsäuger haben stellenweise zum Aussterben der Grünen Inselleguane geführt. Wie stark die überlebenden Bestände allerdings durch diese Widersacher beeinträchtigt werden, ist in Fachkreisen umstritten. Eigenartigerweise kommen die grossen Echsen nämlich in manchen Gebieten ziemlich häufig vor, obschon sie dort recht stark bejagt werden - während sie in anderen Gebieten sehr selten sind, trotzdem ihnen dort kaum nachgestellt wird. (Ähnliches wurde auch schon bei den Grünen Leguanen auf dem südamerikanischen Festland beobachtet: Obschon gebietsweise alljährlich Tausende von ihnen erlegt und verspeist werden, scheint ihre Zahl selbst in unmittelbarer Nähe von Ortschaften kaum abzunehmen, was für ein schnelles Wachstum und eine hohe Vermehrungsrate der Tiere spricht.)

Manches deutet also darauf hin, dass der vielerorts markante Bestandsrückgang des Grünen Inselleguans weniger auf seine Bejagung als vielmehr auf den Verlust geeigneter Lebensräume zurückzuführen ist, das heisst auf deren Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzflächen (in den feuchteren Regionen) beziehungsweise auf die Überweidung der Pflanzendecke durch Ziegen (in den trockeneren Regionen).

Genauere Abklärungen über die Auswirkungen der verschiedenen Schadfaktoren auf die Bestände des Grünen Inselleguans wären dringend notwendig. Denn nur aufgrund solcher Kenntnisse lassen sich geeignete Massnahmen zum Schutz der Restbestände in die Wege leiten, solange diese noch überlebensfähig sind.

 

Schutzwürdig: der Katouche Canyon

Anguilla, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, ist die nördlichste Insel der Kleinen Antillen und mithin die nördlichste Insel, auf welcher der Grüne Inselleguan vorkommt. Es handelt sich um eine flache, langgestreckte Korallenkalkinsel, nur 25 Kilometer lang, nirgendwo breiter als 6 Kilometer und maximal 62 Meter hoch. Das Klima ist trocken und warm, mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von ungefähr 100 Millimetern und einer Jahresdurchschnittstemperatur um 27° Celsius. Etwa 10 000 Menschen - fast ausschliesslich Schwarze und Mulatten, Nachkommen afrikanischer Sklaven und irischer Siedler - umfasst die Inselbevölkerung. Sie leben hauptsächlich vom Fischfang, von ihren kleinen Gemüse- und Obstgärten, ihren überall frei herumlaufenden Ziegen und neuerdings auch vom Fremdenverkehr.

Auch auf Anguilla hat die Population des Grünen Inselleguans seit der Besiedlung durch den Menschen einen herben Rückgang erlebt und umfasst heute möglicherweise nur noch 50 bis 100 erwachsene Individuen. Die meisten davon leben in den wenigen verbleibenden Gebieten mit naturnaher Vegetation, so vor allem auf den Klippen entlang der Nordküste und im 1,5 Kilometer langen Katouche Canyon, einem Trockental, das gegenwärtig praktisch frei von streunenden Katzen, Hunden und Ziegen ist.

Leider steht im Augenblick keines der beiden Leguangebiete unter Naturschutz. Es wäre aber höchste Zeit (und mit recht geringen finanziellen Mitteln zu bewerkstelligen), zumindest den Katouche Canyon bleibend vor den Schadeinflüssen seitens des Menschen und seiner Haustiere zu bewahren. Auf dass der Grüne Inselleguan - nebst vielen weiteren eingeborenen Tier- und Pflanzenarten - eine sichere Herberge und langfristige Überlebenschance auf der kleinen Karibikinsel erhält.




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