Javanashorn - Rhinoceros sondaicus
Sumatranashorn - Dicerorhinus sumatrensis
© 1996 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Indonesien ist eine wahre Schatzkammer der Natur:
Bezüglich seiner «Biodiversität», das heisst
seiner Vielfalt an tierlichen und pflanzlichen Lebensformen,
nimmt der südostasiatische Inselstaat in der Alten Welt
unbestritten die Spitzenposition ein, und global dürfte
einzig Brasilien eine ähnlich immense Artenfülle aufweisen.
Der biologische Reichtum Indonesiens kommt nicht von
ungefähr: Erstens ist Indonesien mit einer Landfläche
von 1,9 Millionen Quadratkilometern mehr als fünfmal so
gross wie Deutschland, also ein sehr grosses Land, und umschliesst
ein entsprechend breites Spektrum verschiedenartiger Ökosysteme.
Zweitens liegt es vollumfänglich in der Tropenzone, wo die
natürliche Artenvielfalt generell bedeutend grösser
ist als in der gemässigten Klimazone. Drittens besteht das
Land aus über 13 000 Inseln, von denen viele aufgrund ihrer
Abgeschiedenheit ureigene Tier- und Pflanzenformen hervorgebracht
haben. Viertens grenzen in Indonesien zwei sehr unterschiedliche
biogeografische Regionen aneinander, nämlich die indomalaiische
im Westen und die australasiatische im Osten, weshalb die Tier-
und Pflanzenwelt im westlichen Teil des Archipels kaum Ähnlichkeiten
mit der im Osten aufweist.
Indonesien gehört allerdings auch mit in die
Spitzengruppe der Länder unseres Planeten, was das Wachstum
der menschlichen Bevölkerung und die Rasanz der zivilisatorischen
Entwicklung anbelangt. Dies hat zur Folge, dass der Erschliessungsdruck
auf die verbleibenden Naturlandschaften immer massiver und der
den Wildtieren und Wildpflanzen zur Verfügung stehende Lebensraum
immer enger wird. Ein alarmierend hoher Anteil der reichhaltigen
indonesischen Fauna und Flora ist deshalb heute vom Untergang
bedroht. Besonders kritisch ist die Situation für die beiden
in Indonesien heimischen Nashörner: das Javanashorn (Rhinoceros
sondaicus) und das Sumatranashorn (Dicerorhinus sumatrensis).
Von ihnen soll hier berichtet werden.
Das Javanashorn
Mit einer Kopfrumpflänge von etwa 3,1 Metern,
einer Schulterhöhe um 1,6 Metern und einem Gewicht zwischen
1,3 und 2 Tonnen hat das Javanashorn unter den weltweit fünf
verschiedenen Nashornarten «Mittelmass»: Das Breitmaulnashorn
(Ceratotherium simum) und das Panzernashorn (Rhinoceros
unicornis) sind grösser, das Spitzmaulnashorn (Diceros
bicornis) ist etwa gleich gross, das Sumatranashorn kleiner.
Wie das Panzernashorn trägt das Javanashorn auf seinem Schädel
nur ein Nasenhorn, während die anderen drei Nashörner
durch den Besitz von zwei Nasenhörnern gekennzeichnet sind.
Beim männlichen Javanashorn beträgt die Länge
des Nasenhorns durchschnittlich 15 und maximal 25 Zentimeter;
das Javanashornweibchen ist gewöhnlich hornlos oder besitzt
allenfalls eine hornige «Kuppe» auf seiner Nase.
Das Javanashorn ist ein ausgeprägtes «Waldnashorn»:
Es bewohnt fast ausschliesslich dichte, feuchte, immergrüne
Wälder, und zwar vorzugsweise in tieferen Lagen und in Gegenden,
wo Bäche und sumpfige Stellen die Möglichkeit zum ausgiebigen
Suhlen bieten. Denn Wälzen im Schlamm ist dem dunkelgrauen
Koloss ein tiefes Bedürfnis - einerseits um seinen Körper
während der heissen Tagesstunden abzukühlen und andererseits
um seine Haut durch die später eintrocknende Lehmschicht
vor lästigen Insekten zu schützen. Gerne ruht das Javanashorn
auch bis zur Nase und Stirn eingetaucht in grossen Bächen.
Dabei kommt es vielfach zu einer «Putzsymbiose»:
Gewisse Fische befreien den grossen «Badegast» von
Zecken und Egeln und kommen so zu ihrer Nahrung.
Zur Hauptsache ernährt sich das Javanashorn von
den Blättern und Zweigen diverser Jungbäume und Sträucher.
Mit seiner verlängerten, greiffähigen Oberlippe vermag
es gezielt die von ihm gewünschte Nahrung in Reichweite
des Munds zu ziehen. Manchmal packt es auch den Stamm eines Jungbaums
mit seinen kräftigen Kiefern und zerrt daran, bis er entzweibricht,
um sich dann an den Zweigen und Blättern der Baumkrone gütlich
zu tun.
Erwachsene Javanashörner verbringen die meiste
Zeit ihres Lebens als Einzelgänger. Engere «persönliche»
Beziehungen bestehen jeweils nur temporär zwischen Männchen
und Weibchen zum Zweck der Fortpflanzung und zwischen Weibchen
und ihren Jungen während der Aufzuchtphase. Soweit wir wissen,
bleiben Kühe mit kleinen Kälbern über Monate hinweg
innerhalb eines Wohngebiets von nur zwei bis drei Quadratkilometern,
während das Wohngebiet bei erwachsenen Kühen ohne Kalb
bis zehn Quadratkilometer umfasst. Erwachsene Bullen scheinen
sich sogar innerhalb eines etwa doppelt so grossen Wohngebiets
umherzubewegen.
Das Javanashorn scheint zu keiner Zeit ein sehr häufiges
Tier gewesen zu sein. Noch bis vor etwa hundertfünfzig Jahren
hatte es aber im südöstlichen Asien eine recht weite
Verbreitung: Fleckenweise konnte man ihm von Bangladesch und
Nordostindien (Assam) quer durch Hinterindien (Myanmar, Thailand,
Laos, Vietnam, Kambodscha) und durch die Malaiische Halbinsel
bis auf die Inseln Sumatra und Java begegnen.
Heute ist das Javanashorn leider eines der seltensten
Grosssäugetiere der Erde: Seit rund hundert Jahren ist uns
nur noch eine einzige, kleine Restpopulation bekannt - jene im
761 Quadratkilometer grossen, ganz im Westen Javas gelegenen
Ujung-Kulon-Nationalpark. Die genaue Grösse dieses Bestands
zu ermitteln, hat sich als überaus schwierig erwiesen, weil
grosse Teile des mit einer üppigen tropischen Pflanzendecke
überwucherten Parks kaum zugänglich sind und weil die
mächtigen Tiere in der dichten Vegetation ein heimliches,
nachtaktives Leben führen. Im Rahmen eines vom WWF finanzierten
Projekts zum Schutz des Ujung-Kulon-Nationalparks und der darin
lebenden Javanashörner wurden aber seit 1967 alljährlich
Bestandsschätzungen aufgrund der Ausmessung und Zählung
der Fussspuren der gewichtigen Tiere durchgeführt. Diese
Erhebungen zeigten, dass die Population von anfänglich schätzungsweise
dreissig Individuen langsam aber stetig anwuchs und sich schliesslich
bei einem Bestand von etwa 50 bis 60 Individuen einpegelte. Damit
scheint die Tragfähigkeit des Ujung-Kulon-Nationalparks
für Nashörner erreicht zu sein.
Lange Zeit war man allgemein der festen Meinung gewesen,
dass der Ujung-Kulon-Nationalpark die allerletzte überlebende
Javanashorn-Population beherbergt. Ende der achtziger Jahre wurden
jedoch frische Nashornfussspuren in zwei Regionen Südvietnams
(Nam Cat Tien und Bugiamap) gefunden, bei denen es sich aufgrund
der Fussgrösse sehr wahrscheinlich um Spuren von Javanashörnern
und nicht um solche von Sumatranashörnern handelte. Leider
räumen die Experten diesem vietnamesischen Nashornbestand
aufgrund der sehr geringen Individuenzahl keinerlei Überlebenschancen
ein. Er wird wohl demnächst ausgelöscht sein oder ist
es bereits.
Das Sumatranashorn
Mit einer Kopfrumpflänge von etwa 260 Zentimetern,
einer Schulterhöhe von 110 bis 130 Zentimetern und einem
Gewicht zwischen 500 und 1000 Kilogramm ist das Sumatranashorn
von den weltweit fünf Nashornarten das kleinste. Ausserdem
ist es das einzige, das ein - wenn auch recht schütteres
- Haarkleid trägt. Männchen und Weibchen besitzen zwei
Hörner, von denen das vordere gewöhnlich höchstens
20 Zentimeter, das hintere gar nur 8 Zentimeter lang wird.
Wie das Javanashorn ist das Sumatranashorn ein ausgeprägter
Waldbewohner. Allerdings hält es sich vorzugsweise nicht
im Tiefland, sondern im Hügel- und Bergland auf und bewegt
sich dort trotz seiner «Körperfülle» auch
in steilem Gelände sehr behend. Wie beim Javanashorn ist
ein reichliches Angebot an Wasser in Form von Bächen und
Feuchtgebieten für das Sumatranashorn sehr wichtig, denn
es verbringt täglich mehrere Stunden in einer kühlen
Suhle.
Gewöhnlich ist das Sumatranashorn nachts unterwegs
und widmet sich dann stundenlang der Nahrungssuche. Seine Kost
besteht aus Blättern, Zweigen, Früchten und anderen
Teilen einer grossen Vielfalt von Pflanzen. Regelmässig
besucht es im übrigen «Salzlecken», wo es die
Mineralien zu sich nimmt, die sonst in seiner vegetarischen Kost
fehlen würden.
Soweit wir wissen, bringen die weiblichen Sumatranashörner
erstmals im Alter von sechs bis acht Jahren - nach einer Tragzeit
von etwa dreizehn Monaten - ein einzelnes Junges zur Welt, das
bei der Geburt um dreissig Kilogramm wiegt. Dieses scheint bis
kurz vor der Geburt seines nächstjüngeren Geschwisters
- ungefähr drei bis vier Jahre später - mit seiner
Mutter zusammenzubleiben und erst danach eigene Wege zu gehen.
Unter natürlichen Verhältnissen kann es vermutlich
ein Höchstalter von 35 bis 40 Jahren erreichen.
Das Sumatranashorn hatte ursprünglich ein ähnlich
weites Verbreitungsgebiet wie das Javanashorn: Es erstreckte
sich von Bhutan und Assam durch Myanmar, Thailand und die Malaiische
Halbinsel bis auf die Insel Sumatra. Auf Java scheint das Sumatranashorn
nie heimisch gewesen zu sein, hingegen findet man es auf der
Insel Borneo, wo wiederum das Javanashorn fehlt. Die Frage, ob
das Sumatranashorn auch in Indochina (Vietnam, Laos, Kambodscha)
vorkommt, konnte bislang nicht zuverlässig geklärt
werden.
Leider ist auch das Verbreitungsgebiet des Sumatranashorns
in der Neuzeit stark geschrumpft: Nur im südlichen Bereich
desselben sind ein paar kleine, weit verstreute Restvorkommen
übriggeblieben. Neusten Bestandsschätzungen zufolge
existieren in freier Wildbahn wohl nurmehr 390 bis 540 Sumatranashörner.
Die meisten davon leben auf Sumatra, und zwar etwa 90 bis 120
Individuen im Gunung-Leuser-Nationalpark, 60 bis 80 im Kerinci-Seblat-Nationalpark
und 30 bis 60 im Barisan-Selatan-Nationalpark. Schätzungsweise
60 bis 100 Individuen finden sich sodann auf der Malaiischen
Halbinsel, und ein paar weitere Dutzend auf Borneo sowie vermutlich
in Myanmar und Thailand. Bedauerlicherweise schwinden alle diese
Restbestände des haarigen Nashorns schnell dahin: In Fachkreisen
schätzt man, dass die Individuenzahl allein in den vergangenen
zehn Jahren um rund die Hälfte zurückgegangen ist.
Nasenhorn heisst im Handel «Xi Jiao»
Für die fatale Situation der beiden südostasiatischen
Waldnashörner trägt allein der Mensch die Verantwortung:
Seit langer Zeit macht er Jagd auf die urtümlichen Huftiere
- und zwar hauptsächlich wegen des Nasenhorns, welches in
der traditionellen chinesischen Volksheilkunde unter dem Namen
«Xi Jiao» als ein besonders wirksames - «Hitze
klärendes, Gift ausleitendes, Blut kühlendes»
- Mittel gegen Fieberkrämpfe, Rheumatismus und andere Leiden
eingesetzt wird und deshalb in ganz Südostasien sehr begehrt
ist.
Der immense Bedarf an Nasenhorn liess zuerst die Bestände
der drei asiatischen Nashörner zusammenbrechen; dann traf
es auch die beiden afrikanischen Nashörner. Je seltener
die Nashörner wurden, desto höher kletterte der Preis
für Nasenhorn und desto gnadenloser wurden die Tiere verfolgt.
Heute liegt der Kilopreis auf dem internationalen Schwarzmarkt
weit über dem von Gold. Immens ist demzufolge der Anreiz
für Wilddiebe und Schmuggler, allen gesetzlichen Bestimmungen
zum Trotz mit ihrem unseligen «Geschäft» fortzufahren.
Als ob die massive Verfolgung nicht schon genug wäre,
wurden - und werden - die beiden Nashörner überdies
auf breiter Front ihres Lebensraums beraubt: In ganz Südostasien
werden die natürlichen Tropenwälder zwecks Gewinnung
von Edelhölzern sowie zur Schaffung von land- und forstwirtschaftlichen
Nutzflächen in hohem Tempo abgeholzt.
Im verzweifelten Kampf um die Rettung der letzten
Javanashorn- und Sumatranashorn-Bestände unterstützt
der WWF seit vielen Jahren Projekte auf Java, Sumatra und Borneo,
deren Ziel es ist, die Nashornlebensräume zu erhalten und
die Tiere selbst vor Wilderern zu schützen. Im Falle des
Javanashorns sind diese Anstrengungen bisher erfolgreicher gewesen
als im Falle des Sumatranashorns: Im Ujung-Kulon-Nationalpark
wurden in jüngerer Zeit so gut wie keine Fälle von
Wilderei mehr verzeichnet. Das Javanashorn bleibt aber dennoch
höchst gefährdet, denn würde eine Epidemie oder
eine Naturkatastrophe die Population im Ujung-Kulon-Nationalpark
heimsuchen, so wäre das Javanashorn endgültig verloren.
Es ist deshalb mittelfristig geplant, mindestens eine zweite
Javanashornpopulation in einem anderen geeigneten Naturschutzgebiet
(beispielsweise im südsumatranischen Way-Kambas-Nationalpark)
zu schaffen.
Beim Schutz des Sumatranashorns geht man derzeit andere
Wege: In den letzten Jahren wurden insgesamt sechzehn Sumatranashörner
in Gegenden, wo sie keine Überlebenschancen mehr gehabt
haben, eingefangen und dann in gut geführten zoologischen
Gärten in den USA und in England untergebracht. Dies mit
dem Ziel, die Tiere in Menschenobhut zu züchten und allmählich
eine überlebensfähige Gefangenschaftspopulation aufzubauen.
Die (bislang fruchtlose) Aktion ist nicht unumstritten: Viele
Fachleute sind der Ansicht, dass man die in das Zuchtprogramm
investierten Gelder besser dazu verwenden würde, die wildlebenden
Sumatranashörner wirksamer zu schützen.
Wenn es um den Schutz von Nashörnern geht, darf
die vom WWF mitgetragene «Konvention über den internationalen
Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES)
zum Schluss nicht unerwähnt bleiben. Diese weltweit von
über 120 Staaten ratifizierte Konvention verbietet jeglichen
Handel mit Nasenhorn auf internationaler Ebene. Mit ihrer Hilfe
konnten bereits wichtige Handelswege und Märkte im illegalen
internationalen Nasenhorngeschäft - beispielsweise in Japan
und Hongkong - unterbunden werden. Andere - etwa in Südkorea
und Thailand - florieren aber leider noch immer. Gelingt es nicht,
diese endlich auch abzuriegeln, so ist leider zu befürchten,
dass für das Überleben der beiden asiatischen Waldnashörner
- allen bisherigen Schutzbemühungen zum Trotz - bald keine
Hoffnung mehr besteht.
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