Jersey


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Frankreich liegt zwar in Sichtweite, doch näher liegt den Bewohnern von Jersey England. Denn lange, bald 800 Jahre, ist es her, dass die Insel vom Herzogtum Normandie abgetrennt und der englischen Krone zugeschlagen wurde. Gesprochen wird auf der Strasse Englisch (und das Französisch klingt schauderhaft, wenn die Inselbewohner etwa die in dieser Sprache angeschriebenen Strassennamen formulieren). Gefahren wird links. Und die neusten Inselneuigkeiten werden im traditionellen Pub beim Bier ausgetauscht.

Unenglisch ist auf Jersey hingegen das Wetter, das die kleine Insel mit durchschnittlich fast 2000 Stunden Sonne im Jahr verwöhnt. Und unenglisch ist auch die französisch inspirierte Küche mit ihren delikaten Fisch- und Gemüsespezialitäten. Ferner liegt, dem englischen Lebensstil zum Trotz, über der ganzen Insel und ihren Bewohnern ein Hauch französischer Nonchalance, jener liebenswürdigen Formlosigkeit und Ungezwungenheit, die alles etwas leichter macht.

So ist Jersey gewissermassen die glückliche Verbindung von englischem «Life-style» und französischem «Savoir vivre». Die Jersey-lnsulaner scheinen das beste aus beiden Nachbarkulturen übernommen zu haben.

 

Sonnenecke Grossbritanniens

Mit einer Fläche von 116 Quadratkilometern ist Jersey die grösste der im südwestlichen Bereich des Ärmelkanals gelegenen Kanalinseln und zudem deren südlichste. Nur 25 Kilometer liegt sie von der Nordwestküste Frankreichs, jedoch 160 Kilometer von Englands Südküste entfernt.

Jersey wird vom warmen, aus dem Golf von Mexiko stammenden Golfstrom umspült und weist deshalb ein ausgeprägt ozeanisches, beinahe mediterranes Klima auf. Die Niederschläge sind mit 750 bis 1000 Millimetern recht gering, und mit der bereits erwähnten grosszügigen Sonneneinstrahlung gilt Jersey als «Sonnenecke» Grossbritanniens. Dass auch auf Jersey nicht immer eitel Sonnenschein herrscht, soll nicht verschwiegen werden. Schlechtes Wetter liegt jedoch nie lange über der Insel. Und Sturm und Wind haben durchaus auch ihren Reiz, wenn an den felsigen Küstenabschnitten die Gischt meterweit in die Höhe spritzt, Wolkenfetzen über den Himmel jagen und die ganze Insel in ein graublaues Licht getaucht ist.

Jerseys Küsten sind sehr abwechslungsreich. So finden sich an der buchtenreichen Südküste der Kanalinsel feinste Sandstrände, täglich «blankgeputzt» vom Gezeitenwechsel, der mit bis zu 13 Metern Pegeldifferenz zu den ausgeprägtesten der Welt gehört. Farblich variieren diese herrlichen Sandstrände von weiss über goldgelb bis rosa und laden zum ausgiebigen Sonnenbad. An der zerklüfteten Nordküste fallen dagegen gigantische Klippen ins brodelnde Meer ab, schlägt die Brandung mit grosser Gewalt gegen die Felsen. Hier bietet sich die Gelegenheit zu eindrucksvollen Klippenwanderungen hoch über der See, mit atemberaubenden Ausblicken über die rauhe Felslandschaft.

Jersey hat aber noch mehr zu bieten als «nur» Küsten, nämlich ein bezauberndes, sanft gewelltes Binnenland, in welchem es grünt und blüht wie in Südeuropa. Schmale, heckengesäumte Strassen ziehen durch das Land, fahren über Hügel und durch Täler, vorbei an Feldern und Bächen, durch Wälder und Blumenwiesen. Parklandschaften wechseln ab mit unberühhrter Natur. Dazwischen breitet sich von Gehölzen oder Bruchsteinmauern unterteiltes Landwirtschaftsgebiet aus, beweidet von rotbraunen Jersey-Kühen, die für ihre fettreiche Milch berühmt sind, oder bepflanzt mit «Jersey Royal»-Kartoffeln, dem wichtigsten Agrarprodukt der Insel.

Ab und zu lugt zwischen Büschen und Bäumen ein altes, aus Stein gebautes Herrschaftshaus hervor. Dann und wann gelangt man zu einem kleinen Dorf, in welchem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. Hier und dort erhebt sich eine wuchtige Burg. Und früher oder später landet man wieder in einer malerischen Bucht irgendwo an Jerseys Küste. Kein Zweifel: Obschon die Insel auf der Karte recht klein erscheint, gibt es doch manches zu entdecken. Für jeden Geschmack etwas, und am besten zu Fuss, denn hübsch angelegte Wanderwege finden sich zuhauf.

 

«To the Queen, our Duke of Normandy»

Als Prinzessin Anne von England 1977 ihren Erstgeborenen auf den Namen John taufen wollte, da wurde ihr dies von der königlichen Familie rundweg verboten. Die Erklärung dafür war simpel: König John war es nämlich gewesen, der im Jahr 1204 die gesamte Normandie sowie alle anderen Besitzungen der britischen Krone auf dem französischen Festland an Frankreich verloren hatte. Er konnte somit nicht unbedingt Vorbild für ein neugeborenes Mitglied des königlichen Hauses sein.

Geblieben war damals «Johann ohne Land», wie der unrühmliche König in den deutschen Geschichtsbüchern heisst, lediglich der Titel «Herzog der Normandie» - und die Kanalinseln als kläglicher Rest des abhandengekommenen Herzogtums. Selbst dies hatte er einzig und allein den Bewohnern der Kanalinseln zu verdanken, denn obschon diese vorwiegend normannisch-bretonischer Abstammung waren, hatten sie im entscheidenden Augenblick nicht dem französischen, sondern dem englischen König die Treue geschworen. Wenn auch nicht ganz uneigennützig: König John hatte ihnen nämlich - im Gegensatz zu König Philipp, dem machthungrigen Herrscher in Paris - die Beibehaltung ihrer angestammten normannischen Rechte und Bräuche sowie die innere Selbstverwaltung zugesichert, falls sie Teil seines Königreichs bleiben würden.

So wurde damals das Fundament für die eigenartige politische Situation der Kanalinseln gelegt, die bis heute währt: Noch heute unterstehen die Inseln nicht etwa der britischen Regierung, sondern sind als Überreste des ehemaligen normannischen Herzogtums eigenständige Staatsgebilde, welche unmittelbar dem englischen Monarchen unterstellt sind, der weiterhin den Titel eines «Herzogs der Normandie» trägt. Das gilt auch für Königin Elisabeth II., und der Trinkspruch, den traditionsbewusste Bewohner der Kanalinseln zuweilen ausbringen, lautet somit «To the Queen, our Duke of Normandy» (Auf die Königin, unsere Herzogin der Normandie).

Ein weiteres Kuriosum hinsichtlich der politischen Situation der Kanalinseln ist die Tatsache, dass die Inselgruppe nicht etwa ein einzelnes Staatsgebilde darstellt, sondern schon seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in zwei völlig eigenständige «Bailiwicks» (Landvogteien) unterteilt ist: Jersey und Guernsey. Zum Bailiwick Jersey zählen neben Jersey selbst die Inselgruppen Les Ecréhous und Les Minquiers; zum Bailiwick Guernsey gehören neben Guernsey noch Alderney, Sark, Herm, Burhou, Brecqhou, Jethou und Lihou. Jedes hat sein eigenes Parlament und seine eigene Regierung, sein eigenes Geld und seine eigenen Briefmarken. Und die Rivalitäten zwischen den beiden «Ministaaten» sind von alters her so gewaltig wie die Gezeiten im Bereich der Inselgruppe.

 

Französische Angriffe noch und noch

Die innenpolitischen Freiheiten, welche die Kanalinseln durch ihre Treue zu England erlangten, waren von Anfang an sehr gross gewesen. Nicht minder gross war jedoch der Preis gewesen, den die kleinen Landstücke im Ärmelkanal für die Zugehörigkeit zum fernen England anstatt zum nahen Frankreich zu bezahlen hatten. Im Fall von Jersey lässt sich dies auf einer Fahrt über das rechteckige, ungefähr 15 Kilometer lange und 8 Kilometer breite Eiland schnell feststellen: Überall stehen militärische Anlagen - Wachtürme, Bunker, Kastelle, Geschützstellungen, Burgen und Festungen - aus diversen Epochen. Die meisten hiervon waren zum Schutz des englischen «Vorpostens» gegen französische Übergriffe errichtet worden. So auch Mont Orgueil Castle, jene wuchtige, scheinbar aus Fels gewachsene Festung, die sich exponiert im Osten der Insel befindet, gleichsam «Aug in Aug» mit Frankreich. Bereits im 13. Jahrhundert war mit dem Bau dieses Bollwerks begonnen worden. Wie vorausschauend die englandtreue Insel dabei gewesen war, erwies sich bald: Nicht weniger als zwei Dutzend mal rannten nämlich zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert die Franzosen gegen das befestigte Eiland an, das ihnen vor allem durch seine Seeräuber- und Schmuggeltätigkeit unangenehm auf der bretonischen Nase herumtanzte.

Der letzte dieser Angriffe seitens der Franzosen stand unter dem Kommando von Glücksritter Baron de Rullecourt. Er hatte gelobt, das «Piratennest» auszuheben, und es gelang ihm tatsächlich an einem nasskalten Tag im Januar 1781, zusammen mit 700 Kriegern ungeschoren an Jerseys Ostküste zu landen. Mitten auf dem Marktplatz von St. Helier scheiterte er dann aber doch an der Übermacht der Insulaner. Deren Anführer Major Francis Peirson, ging daraufhin als der grösste Held der Insel Jersey in die Geschichte ein. Allerdings hauchte er bei der «Battle of Jersey» ebenso wie Baron de Rullecourt sein Leben aus. In der Kirche von St. Helier liegen die beiden jetzt friedlich vereint. Das hat gewissermassen Symbolcharakter auf einer Insel, wo man im rechtsgesteuerten Rover ins Vallee St. Pierre fährt, wo sich die Türen des Pubs auf «Poussez» öffnen und wo die Hotels mal «Royal Oak», mal «Pomme d'Or» heissen.

Mehr Erfolg als die Franzosen in all den Jahren hatten die Deutschen im Zweiten Weltkrieg: Die Kanalinseln waren das einzige britische Gebiet, das ihnen in die Hände fiel, und das kam so: Die britische Armee hatte die Inseln geräumt, heimlich, weil sie ihre Kräfte hier nicht unnötig verschleissen wollte. Das deutsche Oberkommando in Frankreich wusste davon nichts. So bombardierten Ende Juni 1940 deutsche Jagdflugzeuge St. Helier. Als keine Gegenwehr erfolgte, landeten sie, und nur zwei Tage später waren die Inseln besetzt - für fünf lange Jahre. In dieser Zeit gruben sich die deutschen Ingenieure wie die Maulwürfe ein: Sie hoben riesenhafte unterirdische Munitionslager aus, gossen tonnenweise Beton zu Bunkern, errichteten Geschützstellungen auf jedem Kliff und an jedem Strand, denn Adolf Hitler wollte aus den Inseln ein zweites Gibraltar für Deutschland machen. Sein Traum war dann spätestens am 8. Mai 1945 zu Ende, als dem Bailiff («Landvogt») von Jersey von deutscher Seite mitgeteilt wurde, dass der Krieg zu Ende sei. Anderntags wurden dann die Dokumente des Friedensabkommens unterzeichnet. In Erinnerung an diesen denkwürdigen Akt begeht Jerseys Bevölkerung seither alljährlich am 9. Mai den «Liberation Day» (Befreiungstag), den wichtigsten Feiertag im Inseljahr.

Manche der deutschen Betonbunker sind heute mit Moosen, Kräutern und Büschen überwachsen und stehen leer. Andere enthalten Museen, so etwa jener bei St. Lawrence's, der ein restauriertes «German Underground Hospital» (Deutsches Unterirdisches Spital) enthält. Etliche werden gegen Entgelt an Feriengäste vermietet, denn sie stehen vielfach an exponierter Lage mit wunderbarer Seesicht. Am sinnvollsten wird aber sicherlich jener Bunker am nördlichen Ende der St. Ouen's Bucht genutzt, in welchem Hummer für die lokale Küche herangezüchtet werden.

 

Stricken in der Kirche verboten

Von alters her waren die Landwirtschaft im Inselinnern und der Fischfang in den umliegenden Gewässern die wichtigsten Erwerbszweige der Inselbewohner gewesen. Im 16. Jahrhundert fasste dann jedoch vorübergehend eine recht ungewöhnliche Tätigkeit auf Jersey Fuss: das Stricken von Strümpfen und Pullovern.

Es war das englische Königshaus der Tudors gewesen, welches mit seiner Vorliebe für gestrickte Strümpfe Strickwaren in Mode gebracht hatte. So ging beispielsweise auch Maria Stuart, Königin von Schottland, 1587 in einem Paar weisser, auf Jersey gestrickter Strümpfe zu ihrer Hinrichtung. Obschon das gesamte Rohmaterial aus England importiert werden musste, entwickelte sich das Stricken auf Jersey bald zu einem derart gewinnbringenden Geschäft, dass es sowohl Männer als auch Frauen vollzeitlich beschäftigte. «Der grösste Teil der Bevölkerung sind Stricker,» heisst es in einem zeitgenössischen Bericht. «Es gibt viele Familien, in denen Mann und Frau, ja selbst die Kinder schon im Alter von fünf oder sechs Jahren keine andere Beschäftigung haben, und man kann sagen, dass sie in jeder Woche ein neues Paar Strümpfe stricken, was für die ganze Insel jede Woche mehr als 10 000 Paar ausmacht.»

Die Gewinne waren so hoch, dass die Männer sowohl ihre Felder als auch das Sammeln von Seetang, der zum Kochen und Heizen benutzt wurde, vernachlässigten. Besorgt über diese Entwicklung erliessen die Inselväter 1608 ein Gesetz, um die strickwütige Bevölkerung zur Mässigung zu bewegen: «Während der Aussaatzeit, der Erntezeit und der Seetangsaison sollen alle Leute von mehr als 15 Jahren das Stricken von Strümpfen einstellen und das Land bearbeiten - unter Androhung einer Gefängnisstrafe bei Wasser und Brot und der Beschlagnahmung ihrer Arbeit.» Und die Pfarrer sahen sich ihrerseits dazu veranlasst, das Stricken in der Kirche zu verbieten, weil das Klappern der Nadeln die Predigten störte...

Noch im 18. Jahrhundert lieferte Jersey jede Woche 6000 Paar Strümpfe nach Frankreich und Spanien sowie ungezählte Pullover und Jacken nach England. Im 19. Jahrhundert sank dieser Erwerbszweig dann allerdings rasch zur Bedeutungslosigkeit ab, nachdem die Textilindustrie durch den allgemeinen Einsatz von Maschinen eine stürmische Entwicklung erlebte und die Handarbeit bald unrentabel wurde.

Heute stellen kleinere Gewerbebetriebe auf Jersey die «echten» Jersey-Pullover wieder her, teilweise in Heimarbeit. Schnitt und Muster sind typisch und überliefert. So gehört unbedingt ein Saum im Rippenmuster dazu, welcher den Inselrand versinnbildlicht. Und der Anker, der gewöhnlich die Brustpartie ziert, weist darauf hin, dass die wetterfesten Pullover ursprünglich vor allem von den Fischern der Insel getragen wurden. Ein echter «Jersey», wie die Inselbewohner ihre Pullover liebevoll nennen, ist ein beliebtes Kaufobjekt und Andenken für so manchen Inselbesucher.

 

Zukunftsfrohes Steuerparadies

Als Ersatz für die einträgliche Strickwaren-Erzeugung bot sich im frühen 19. Jahrhundert gerade rechtzeitig der Fremdenverkehr an und half Jersey aus seiner wirtschaftlichen Verlegenheit. Nach Napoleons Niederlagen 1805 bei Trafalgar und 1815 bei Waterloo hatten endlich ruhigere Zeiten für Europa begonnen. Die Menschen fingen an, zum Vergnügen zu reisen, um fremde Länder und Leute kennenzulernen - und entdeckten dabei unter anderem Jersey mit seinem milden Klima. Pensionierte Engländer liessen sich nieder, junge Franzosen eröffneten Restaurants, und allmählich setzte der Touristenstrom ein. 1880 waren es bereits 30 000 Besucher im Jahr - und heute wird die Kanalinsel alljährlich von über 1,5 Millionen Touristen, in der Mehrzahl Briten, besucht. Hervorragende Gästehäuser und eine ausgezeichnete touristische Infrastruktur bieten den Urlaubern auf Jersey jegliche Annehmlichkeiten.

Lediglich 32 Prozent von Jerseys Bruttoinlandprodukt werden allerdings durch die Fremdenverkehrsindustrie erwirtschaftet. 42 Prozent stammen dagegen aus den Abgaben der über 25 000 auf der Insel ansässigen Finanzgesellschaften. Jersey hat sich nämlich in den letzten Jahrzehnten zu einem bedeutenden «Offshore-Finanzplatz» entwickelt - einem Zentrum des internationalen Bankgeschäfts, in welchem Geldgeschäfte ausserhalb der Kontrolle nationaler Währungsbehörden getätigt werden können. Auf durchaus legale Weise, wie von offizieller Seite betont wird. Jersey könne zwar als Steuerparadies bezeichnet werden, weil es auch hinsichtlich seines Steuerwesens ein hohes Mass an Selbständigkeit geniesse (und deshalb erstens eine vergleichsweise niedrige Einkommenssteuer hat und zweitens keine Umsatz-, Mehrwert-, Luxus- und Erbschaftssteuer kennt). Aber ein Hafen für Steuerflüchtlinge sei es nicht. Alle auf der Insel ansässigen Finanzgesellschaften seien registriert und würden überprüft. So ist denn auch der Ausdruck «Briefkastenfirma» höchst verpönt - obschon die meisten der Geldunternehmen auf Jersey als solche zu bezeichnen sind, beträgt doch die Gesamtzahl der Inselbewohner inklusive aller Greise und Babys nur gerade das Dreifache der Firmenzahl.

Wie dem auch sei: In Jerseys mildem Klima gedeihen heutzutage nicht nur Flora und Fauna aufs Beste, sondern auch die Finanzgeschäfte. Und da der Kleinstaat der EG weder als eigenständiges noch als assoziiertes Mitglied angehört, wird er sein Dasein als begehrte Steuerinsel im europäischen Einheitsmarkt auch zukünftig unbehelligt weiterfristen können.

Vom lukrativen Offshore-Banking, dem Jersey seinen heutigen Wohlstand grossenteils verdankt, ist auf der Insel selbst kaum etwas wahrnehmbar. Die Ansicht, dass monströse «Bankentempel» zwingende Accessoires für einen Finanzplatz seien, erweist sich als falsch. Es geht auch anders. Fast scheu verstecken sich in St. Helier die meist unscheinbaren Firmenschilder der Auslandbanken, Treuhandfirmen und Advokaturbüros an den Hauswänden - unaufdringlich und doch stets präsent.

 

 

 

Bildlegenden

Ganz im Südwesten von Jersey befindet sich La Corbière Point. Der Name des markanten Küstenpunkts leitet sich vom französischen «Corbeau» (=Rabe) her, also jenem Vogel, der im Volksglauben häufig als schlechtes Omen gilt. Tatsächlich verunglückten hier im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Schiffe, bis 1874 der Leuchtturm gebaut wurde, dessen Feuer bei klarem Wetter 28 Kilometer weit sichtbar ist. Die pittoreske Szenerie bildet heute ein beliebtes Ausflugsziel für die Besucher von Jersey.

Fast über die gesamte Westküste von Jersey erstreckt sich die St. Ouen's Bucht mit ihrem weiten Sandstrand. Friedlich liegt die Bucht heute da und wird höchstens, weil es hier selten an Wind mangelt, von ein paar Surfern heimgesucht. Der La Rocco Tower erinnert jedoch daran, dass es nicht immer so war: Er entstand im Jahr 1800 als Verteidigungsposten gegen etwaige Übergriffe der napoleonischen Armee.

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde auf Jersey als Umgangssprache hauptsächlich «Jersiais», ein normannisch-französischer Dialekt, und als Schriftsprache Französisch verwendet. Mit der massiven Zuwanderung englischsprachiger Menschen in der Nachkriegszeit nahm dann Englisch in allen Lebensbereichen rasch überhand. Vielerorts, so auch am Gemeindehaus von St. Brelade, einer der zwölf Kirchgemeinden der Insel, weisen französische Schriftzüge aber noch auf die Vergangenheit hin.

Die Gezeiten erreichen im Bereich der Kanalinseln mit bis zu 13 Metern einen der höchsten Wasserstandsunterschiede der Welt. Das hat zur Folge, dass beispielsweise im alten Hafen von St. Aubin, einer an der Westseite der gleichnamigen Bucht gelegenen, 1675 gegründeten «Postkarten-Ortschaft», die Segelboote jeweils bei Ebbe im glänzenden Schlick festsitzen und man das Hafenbecken bequem zu Fuss durchqueren kann.

Mitten in Jerseys Hauptstadt St. Helier befindet sich der «Central Market» - eine 1882 im viktorianischen Stil errichtete Markthalle, in der heute von frischen Agrarprodukten bis hin zu Antiquitäten gar manches angeboten wird. Ob man etwas erstehen will oder nicht: Mit seinen vielen Glasfenstern, den schlanken Säulen und den gusseisernen Verstrebungen ist der «Central Market» allemal einen Besuch wert.

1959 schuf Gerald Durrell, Autor zahlreicher Tierbücher, auf Jersey ein Zentrum für die Zucht und Erhaltung bedrohter Tierarten: den «Jersey Zoo and Wildlife Park». Es war seine feste Absicht, hier blühende Zuchtgruppen aufzubauen, aus denen überzählige Tiere wieder in ihre Heimat zurückgeführt werden konnen. Dank der artgerechten Haltung seiner Pfleglinge und auch dank des milden Jerseyklimas ist ihm das in vielen Fällen tatsächlich gelungen. So konnten etwa im Jersey Zoo geborene Rosatauben auf Mauritius, Ferkelratten auf Jamaika und Löwenäffchen in Brasilien ausgewildert werden. Die meisten von ihnen dürften wohl die gute Pfiege, die ausgewogene Ernährung und die tierärztliche Versorgung im zwölf Hektar grossen Park vermissen. (Das Bild zeigt zwei Lisztäffchen, die ihren Namen nach dem berühmten ungarischen Komponisten mit der weissen «Mähne» tragen.)




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