4 gefährdete Wildtiere Jerseys:

Spiegelfleckfalter - Heteropterus morpheus
Springfrosch - Rana dalmatina
Smaragdeidechse - Lacerta viridis
Schleiereule - Tyto alba


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



In den Berichten früherer Naturforscher wurden die Geschehnisse in der Natur oftmals als ein einziges Fressen und Gefressenwerden dargestellt. Blutrünstige Bestien fielen über wehrlose Opfer her, wohin man nur blickte. Ganz so dramatisch ist das Wirken der Natur sicherlich nicht. Andererseits besteht kein Zweifel darüber, dass jedes Wildtier - überall auf der Welt - in einem ständigen Kampf ums Überleben steht. Tagtäglich stellen sich ihm dieselben drei elementaren Fragen: Wo finde ich ausreichend Nahrung? Wie schütze ich mich wirksam vor Fressfeinden? Wie erzeuge ich möglichst viele Nachkommen?

In der enormen Vielfalt möglicher Antworten auf diese Fragen liegt die unfassbare Fülle tierlicher Formen auf unserem Planeten begründet. Tatsächlich dürfte es wohl keine zwei Tierarten geben, welche exakt dieselben Antworten gefunden haben. Wir wollen uns im folgenden die Lösungsmodelle von vier Tierarten etwas genauer anschauen, welche nebeneinander auf der 116 Quadratkilometer grossen Insel Jersey im Ärmelkanal vorkommen: den Spiegelfleckfalter (Heteropterus morpheus) aus der Klasse der Insekten, den Springfrosch (Rana dalmatina) aus der Klasse der Amphibien, die Smaragdeidechse (Lacerta viridis) aus der Klasse der Reptilien und die Schleiereule (Tyto alba) aus der Klasse der Vögel.

 

Der Spiegelfleckfalter

Der Spiegelfleckfalter gehört innerhalb der Ordnung der Schmetterlinge (Lepidoptera) zur Familie der Dickkopffalter (Hesperiidae). Er wird darum auch Spiegelfleck-Dickkopffalter genannt. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Europa sowie die klimatisch gemässigten Zonen Asiens.

Mit einer Flügelspannweite von rund 3,5 Zentimetern und einer Körperlänge von 2 Zentimetern gehört der Spiegelfleckfalter zu den mittelgrossen Schmetterlingsarten. Männchen und Weibchen sehen auf den ersten Blick sehr ähnlich aus. Die gelblichen Flecken auf der Oberseite der Vorderflügel sind aber bei den Weibchen etwas grösser als bei den Männchen. Ausserdem weisen die Flügelränder der Weibchen im Gegensatz zu denjenigen der Männchen ein schwarzweisses Schachbrettmuster auf.

Wie bei allen Insekten beginnt das Leben des Spiegelfleckfalters als Ei. Sorgfältig war dieses vom Spiegelfleckfalter-Weibchen einzeln an den Halm oder das Blatt eines Grases oder einer Binse geklebt worden. Nach ungefähr zehn Tagen durchnagt eine kleine Raupe die Eihülle und befreit sich. Sie beginnt sogleich an ihrer Wirtspflanze zu essen und legt in den nun folgenden Monaten eine verblüffende Esslust an den Tag. Tatsächlich besteht ihr Lebensinhalt in erster Linie aus Essen, Essen und nochmals Essen.

Die kleinen, weichhäutigen Spiegelfleckfalter-Raupen sind ihrerseits «Leckerbissen» für eine ganze Schar von Feinden, besonders insektenessende Vögel sowie räuberische oder parasitische Insekten. Um sich vor Feinden zu schützen, zeigen die Räupchen ein interessantes Verhalten: Aus einem Grasblatt formen sie ein schützendes Röhrchen, indem sie die seitlichen Ränder desselben mit einem feinen Seidenfaden zusammenspinnen. Darin können sie sich dann ungehindert der Nahrungsaufnahme widmen - allerdings nur so lange, bis sie ihr sicheres Zuhause aufgegessen haben. Ist dies geschehen, begeben sie sich sofort auf ein nächstes Blatt und wiederholen den Vorgang. So verbringen sie Sommer und Herbst.

Kurz bevor der Winter hereinbricht, spinnen sich die Schmetterlingskinder ein besonders widerstandsfähiges Röhrchen und überdauern darin regungslos die frostige Jahreszeit. Sobald aber im Frühjahr die Temperaturen ansteigen, gehen sie sofort wieder ihrer «Lieblingsbeschäftigung», dem Grasessen, nach. Schliesslich, ungefähr im April, haben sie ihre volle Grösse erreicht und verpuppen sich.

Aus den Puppen schlüpfen nach ungefähr einem Monat die ausgewachsenen Falter. Ihre Lebenserwartung ist recht kurz: Sie sterben im allgemeinen schon nach drei bis vier Wochen. Dieses kurze Leben widmen sie aber vollumfänglich der Fortpflanzung, und so gelingt es den weiblichen Spiegelfleckfaltern, insgesamt mehrere hundert Eier abzulegen. Dies ist für das Überleben der Art von grosser Bedeutung: Trotz des «Tricks« mit den Grasröhrchen fallen nämlich unzählige Raupen ihren Feinden zum Opfer. Um die Chance zu vergrössern, dass wenigstens ein paar der Nachkommen überleben und sich fortpflanzen, muss daher jedes Weibchen möglichst viele Eier legen.

 

Der Springfrosch

Der Springfrosch gehört innerhalb der Ordnung der Froschlurche (Anura) zur Familie der Echten Frösche (Ranidae), von denen weltweit 611 Arten bekannt sind. Er ist über das zentrale und südliche Europa sowie das westliche Asien (ostwärts bis zum Kaukasus) verbreitet. Seine Kopfrumpflänge beträgt durchschnittlich etwa 6 Zentimeter, wobei die Weibchen im allgemeinen etwas grösser sind als die Männchen. «Prachtexemplare» können aber bis 9 Zentimeter lang werden.

Springfrösche paaren sich im zeitigen Frühjahr im Uferbereich von Teichen, Tümpeln, Wassergräben und anderen kleinen Stillgewässern. Das Weibchen legt daraufhin bis 1000 Eier in einem grösseren Klumpen ins Wasser ab. Nach wenigen Wochen schlüpfen aus den Eiern winzige Kaulquappen, welche sich alsbald der Nahrungsaufnahme widmen. Zu Beginn raspeln sie mit ihren Hornzähnchen Algen von Steinen und Wasserpflanzen. Später nehmen sie vorwiegend totes tierliches Material zu sich. Sie wachsen rasch heran und schon nach etwa zwei Monaten messen sie vier bis sechs Zentimeter.

Wie die Raupen des Spiegelfleckfalters haben die Springfroschkinder viele verschiedene Fressfeinde. Zu nennen wären vor allem räuberische Fische, wasserlebende Insektenlarven und Wasservögel aller Art. Spezielle «Tricks», um sich vor ihren Gegnern zu schützen, haben die Kaulquappen aber keine entwickelt. Bei Gefahr verlassen sie sich hauptsächlich auf ihre Tarnfärbung. Viele von ihnen überleben diesen ersten Lebensabschnitt darum nicht.

Im Frühsommer, nach Abschluss der Larvenentwicklung, durchlaufen die Kaulquappen schliesslich wie die Raupen des Spiegelfleckfalters eine Metamorphose und verwandeln sich zu Miniaturfröschen von 15 bis 20 Millimetern Länge. Nun entsteigen sie dem Wasser und werden zu Landtieren. Mit dem Gestalt- und Milieuwechsel ist auch ein Wechsel der Kost verbunden: Waren die Jungfrösche bis anhin Pflanzen- und Aasesser, so leben sie fortan als Jäger, welche Insekten, Spinnen, Würmern und anderen wirbellosen Kleintieren nachstellen.

Auch als landbewohnende Kleintierjäger stehen die Springfrösche wieder einem ganzen Heer von Feinden gegenüber. Zu den schlimmsten gehören Schlangen, grosse Eidechsen sowie Reiher, Störche und andere sumpf- und wasserbewohnende Vögel. Wiederum verlassen sie sich bei der Feindvermeidung hauptsächlich auf ihr braun marmoriertes Tarnkleid. Werden sie trotzdem entdeckt und angegriffen, so ergreifen sie jeweils im letzten Moment die Flucht. Springfrösche sind, wie ihr Name sagt, meisterhafte Weitspringer, welche mühelos Zweimetersätze auszuführen und dadurch oftmals den verblüfften Feinden zu entkommen vermögen. Im äussersten Notfall blähen sich die Springfrösche manchmal auf, um grösser zu erscheinen und dadurch ihre Fressfeinde vom Zupacken abzuhalten.

 

Die Smaragdeidechse

Innerhalb der Ordnung der Schuppenkriechtiere (Squamata) gehört die Smaragdeidechse zur Familie der Echten Echsen (Lacertidae), welche weltweit rund 200 Arten umfasst. Sie ist fast überall in Mittel- und Südeuropa anzutreffen. Erwachsene Smaragdeidechsen weisen eine Gesamtlänge von ungefähr 40 Zentimetern auf, wovon aber rund zwei Drittel auf den Schwanz entfallen. Die erwachsenen Männchen sind oberseits leuchtend grün gefärbt und weisen eine blaue Kehle, einen gelben Bauch und auf dem Rücken eine feine schwarze Punktierung auf. Die Weibchen sind viel variabler gefärbt: Sie können grün oder auch braun gefärbt sein und besitzen meistens auf dem Rücken zwei oder vier schmale Längsstreifen.

Dank ihres Schuppenkleids, das den Körper vor dem Austrocknen bewahrt, sind die Reptilien im Gegensatz zu den Amphibien nicht an feuchte Stellen gebunden, sondern können als echte Landtiere ein breites Spektrum unterschiedlichster Lebensräume nutzen. Auch die Jugendentwicklung der Reptilien ist vom Wasser losgelöst: Ihre Eier besitzen im Gegensatz zu den Eiern der Amphibien keine gallertartige Umhüllung, sondern eine zähe, pergamentartige Schale, welche den empfindlichen Eiinhalt vor dem Austrocknen schützt. Die Eier können darum an trockenen Orten abgelegt werden. Schliesslich entfällt bei den Reptilien auch ein freies Larvenstadium: Ihre Jungen entwickeln sich vollständig im Ei und schlüpfen als kleine Ebenbilder ihrer Eltern.

Das Smaragdeidechsen-Weibchen legt seine Eier im Mai oder Juni. Es vergräbt sie oberflächlich an einer warmen, sandigen Stelle. Nach sieben bis vierzehn Wochen - abhängig von der Umgebungstemperatur - schlüpfen dann die Jungen. In ihrem unterirdischen «Nest» sind die Eier vor Fressfeinden verhältnismässig sicher, und auch die frischgeschlüpften Jungen haben gegenüber den Schmetterlings- und Froschkindern die grösseren Überlebenschancen, da sie in jeder Hinsicht weiter entwickelt sind als jene. Das Smaragdeidechsen-Weibchen kann es sich darum leisten, verhältnismässig wenige Eier (7 bis 24 im Jahr) zu legen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein paar der Nachkommen die Geschlechtsreife erreichen und sich ihrerseits fortpflanzen, ist trotzdem ähnlich gross wie bei Spiegelfleckfalter und Springfrosch.

Die frischgeschlüpften Smaragdeidechschen gehen anfänglich auf die Jagd nach Insekten und anderen wirbellosen Kleintieren. Später stellen sie dann auch kleineren Eidechsen und Amphibien nach. Gerne plündern sie im übrigen die Nester von Kleinvögeln und essen hie und da Beeren und andere saftige Früchte.

Ihrerseits müssen sich die Smaragdeidechsen vor ungefähr denselben Fressfeinden in acht nehmen, die auch dem Springfrosch gefährlich werden können. Bei Gefahr retten sie sich instinktiv in möglichst enge, dunkle Spalten und Höhlungen. Schweben sie in Lebensgefahr, so können sie willentlich ihre hintere Schwanzpartie abwerfen. Diese zuckt noch geraume Zeit weiter und vermag oftmals die Aufmerksamkeit des Feindes so lange auf sich zu lenken, bis sich die ehemalige Besitzerin in Sicherheit gebracht hat. Bleibt der Smaragdeidechse keine Fluchtmöglichkeit, so dreht sie sich in äusserster Verzweiflung gegen den Feind um, schlägt wütend mit ihren Krallen um sich und zischt heftig dazu.

 

Die Schleiereule

Die Schleiereule wird innerhalb der Ordnung der Eulenvögel (Strigiformes), zu welcher rund 140 Arten zählen, in eine eigene Familie, nämlich die der Schleiereulen (Tytonidae), gestellt. Sie ist eine der am weitesten verbreiteten Vogelarten unseres Planeten: Man findet sie auf allen fünf Kontinenten sowie auf vielen Ozeaninseln. Nur die Polargebiete hat sie nicht besiedelt.

Die Schleiereule weist eine Kopfrumpflänge von etwa 40 Zentimetern und eine Flügelspannweite von bis zu 90 Zentimetern auf. Männchen und Weibchen sehen äusserlich gleich aus; die Weibchen sind aber durchschnittlich etwas grösser als die Männchen.

Wie die Smaragdeidechse legt die Schleiereule Eier mit fester Schale, doch betreibt sie im Gegensatz zu jener zusätzlich Brutfürsorge. Das Weibchen legt seine Eier im allgemeinen im Frühjahr auf den ungepolsterten Boden einer dunklen Nische oder Höhlung. Die Jungen schlüpfen nach einer Brutzeit von 33 Tagen und werden dann von beiden Eltern während neun bis zwölf Wochen gefüttert. Nach dieser Zeit haben sie beinahe die Grösse ihrer Eltern erreicht, besitzen auch bereits das Erwachsenenkleid und machen sich dann rasch selbständig.

Da das erwachsene Schleiereulen-Paar viel Zeit und Energie für die Aufzucht seiner Jungen aufwendet, haben diese eine ungleich grössere Überlebenschance als die Schmetterlings-, Frosch- und Eidechsenkinder. Diesem Umstand ist die Gelegegrösse angepasst: Das Schleiereulen-Weibchen legt im allgemeinen nur drei bis sechs Eier. Der Fortpflanzungserfolg ist trotzdem ausreichend.

Auch bei den Schleiereulen erreichen aber längst nicht alle Eulenkinder die Geschlechtsreife. Fressfeinde spielen bei den Todesursachen der Jungeulen allerdings eine untergeordnete Rolle, da nur wenige Tierarten flugfähigen Schleiereulen gefährlich werden können. Viele der jagdunerfahrenen Jungeulen verhungern jedoch während längerer Schlechtwetterperioden in ihrem ersten Winter, wenn die Beutetiere lange in ihren Unterschlüpfen verharren und sich selten blicken lassen. So findet auch bei diesen tüchtigen Nachtgreifvögeln letztlich eine natürliche Auslese statt.

 

Gefahr durch moderne landwirtschaftliche Anbaumethoden

Alle vier vorgestellten Tierarten finden sich in der vom Menschen traditionell genutzten Landschaft ziemlich gut zurecht: So kann man den Spiegelfleckfalter beispielsweise auf Heumatten und Viehweiden finden, den Springfrosch in Feuerwehrtümpeln und Entwässerungsgräben, die Smaragdeidechse auf besonnten Steinmauern und die Schleiereule in Scheunen und zerfallenen Gebäuden.

Wo aber die moderne Landwirtschaft mit ihrem Grosseinsatz chemischer Hilfsstoffe und schwergewichtiger Maschinen Einzug hält, da wird den vier Geschöpfen - wie überhaupt dem Grossteil der freilebenden Flora und Fauna - die Lebensgrundlage Stück für Stück entzogen: Pestizide treffen neben den landwirtschaftlichen Schädlingen auch nützliche und neutrale Insekten wie etwa den Spiegelfleckfalter. Zudem reichern sich viele dieser Giftstoffe in den natürlichen Nahrungsketten an, was bei Kettenendgliedern wie beispielsweise der Schleiereule zu schwerwiegenden Fruchtbarkeitsstörungen führen kann. Ferner werden zur Schaffung maschinengerechter Produktionsflächen Hecken, Steinmauern und alte Gebäude entfernt und Feuchtgebiete entwässert. Dadurch verliert beispielsweise die Smaragdeidechse ihre Jagdreviere und der Springfrosch seine Laichgewässer.

So bleibt vielen Wildtieren in der von der modernen Landwirtschaft geprägten Landschaft immer weniger Platz zum Leben, weshalb ihr Fortbestand auf lange Sicht ernsthaft gefährdet erscheint. Die Förderung umweltschonender landwirtschaftlicher Nutzungsformen gehört darum heute mit zu den wichtigsten Forderungen der Naturschutzorganisationen.




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