Kagu

Rhynochetos jubatus


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Bruchstück Australiens

Neukaledonien, rund 4000 Kilomter östlich von Australien im südwestlichen Pazifik gelegen, ist für den Naturwissenschafter ein hochinteressantes Land. Das französische Überseeterritorium besteht zur Hauptsache aus der 16 500 Quadratkilometer grossen Insel Grande-Terre, ferner aus den östlich vorgelagerten, zusammen rund 2000 Quadratkilometer grossen Loyaltyinseln Lifou, Maré und Ouvéa nebst ein paar kleinen, unbewohnten Eilanden.

Die Loyaltyinseln sind sogenannte «ozeanische» Inseln: Sie sind in grauer Vorzeit aufgrund von untermeerischen Vulkaneruptionen aus den Fluten des Pazifiks aufgetaucht und haben zu keiner Zeit mit irgendeiner kontinentalen Landmasse in Verbindung gestanden, wie dies auch bei den meisten übrigen Pazifikinseln der Fall ist. Ihre Tier- und Pflanzenwelt unterscheidet sich deshalb nicht wesentlich von derjenigen andere Inseln im südwestlichen Pazifik.

Im Gegensatz zu den Loyaltyinseln handelt es sich bei Grande-Terre um einen Teil des australischen Kontinents, der vor Urzeiten - man schätzt vor rund 130 Millionen Jahren - abbrach und mit seiner lebenden «Fracht» an Tieren und Pflanzen ostwärts in den Pazifik hinausdriftete. Auf ihrer «Arche» blieben die tierlichen und pflanzlichen Bewohner von Grande-Terre jahrmillionenlang von der Aussenwelt isoliert. Sie entwickelten sich weiter, allerdings in anderer Richtung als ihre ehemaligen Verwandten auf dem australischen Kontinent, und so findet sich heute auf der grossen, gebirgigen Insel eine vielgestaltige Flora und Fauna mit zahlreichen endemischen, also weltweit nur hier heimischen Arten. So sind von den rund 3000 verschiedenen Pflanzenarten auf Grande-Terre ungefähr 2500 (rund 80 Prozent) endemisch.

Landsäugetiere gibt es zwar auf Grande-Terre - von ein paar Fledertieren abgesehen - von Natur aus keine. An Landvögeln ist die Insel aber reich. 18 Arten sind endemisch. Drei von ihnen - die Neukaledonien-Waldralle (Gallirallus lafresnayanus), der Neukaledonien-Lori (Charmosyna diadema) und der Neukaledonien-Höhlenschwalm (Aegotheles savesi) - konnten allerdings seit vielen Jahrzehnten nicht mehr beobachtet werden und dürften mit grösster Wahrscheinlichkeit ausgestorben sein. Eine weitere weist einen Bestand von nur noch wenigen hundert Individuen auf und wird von der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) als «vom Aussterben bedroht» eingestuft. Es handelt sich um den Kagu (Rhynochetos jubatus), von dem hier die Rede sein soll.

 

Ein Sonderling

Der Kagu ist das einzige Mitglied der Familie der Kagus (Rhynochetidae) innerhalb der Ordnung der Kranichvögel (Gruiformes). Welches seine nächsten Verwandten sind, ist in den Fachkreisen umstritten. Einige Ornithologen stellen ihn in die Nähe der madagassischen Stelzenrallen (Mesitornithidae), andere in die Nähe der südamerikanischen, trappenartigen Seriemas (Cariamidae) und der Sonnenrallen (Eurypygidae), und nochmals andere in die Nähe der eigentlichen Kraniche (Gruidae). Übereinstimmung herrscht lediglich darin, dass der Kagu ein Sonderling und mit keiner lebenden Vogelart wirklich nah verwandt ist.

Erwachsene Kagus sind nachtreihergross: Sie weisen eine Kopfrumpflänge von durchschnittlich 55 Zentimetern, ein Gewicht zwischen 700 und 1100 Gramm und eine Flügelspannweite von knapp 80 Zentimetern auf. Äusserlich ist der Kagu ein recht unscheinbarer Vogel, wenn man von seinem langen Federschopf, dem korallenroten Schnabel und den ebensogefärbten Beinen absieht. Sein hellgraues Gefieder ist ohne Glanz und Schimmerwirkung, denn infolge einer starken Absonderung der Puderdunen wirkt es stets leicht überstäubt. Zwar sind die äusseren Flügelhälften des Kagus hell-dunkel gebändert, doch ist diese Zeichnung bei anliegenden Flügeln nicht sichtbar.

Der Kagu ist ein bodenlebender Vogel. Trotz seiner verhältnismässig grossen Flügel ist er nicht flugfähig, denn wie so manche anderen Vogelarten, welche auf ozeanischen, ursprünglich raubsäugerfreien Inseln leben, hat er im Laufe der Stammesgeschichte seine Flugmuskulatur wegen Nichtbedarfs stark zurückgebildet.

Auf seiner Heimatinsel kommt der Kagu zur Hauptsache in Waldgebieten vor - von den Küstenwäldern auf Meereshöhe bis hinauf in die Bergwälder auf über 1400 Metern ü.M. Er hält sich auch in busch- und strauchreichem Gelände auf, sofern dort der Unterwuchs nicht allzu dicht ist. Grasländer und farnbestandene Bereiche meidet er hingegen nach Möglichkeit.

Der Kagu ernährt sich von tierlicher Kost. Die meiste Zeit des Tages verbringt er mit der Nahrungssuche und erbeutet dabei ein breites Spektrum von kleinen wirbellosen Tieren. Ein unbedarfter Beobachter könnte zwar den Eindruck erhalten, dass der mattgraue Vogel die meiste Zeit gar nichts tut, sondern bloss bewegungslos herumsteht. Doch während dieser scheinbaren Inaktivität überwacht der Kagu mit seinen grossen, an das Dämmerlicht am Waldboden angepassten Augen und seinem ausgezeichneten Gehör aufmerksam die Umgebung und nimmt dabei leiseste Geräusche und kleinste Bewegungen, welche die Anwesenheit von Beutetieren verraten, wahr.

Hat er ein Beutetier ausgemacht, nähert er sich ihm vorsichtig und packt es schliesslich blitzschnell. Dabei erbeutet er nicht nur oberflächlich, in der Streuschicht, lebende Tiere wie Spinnen, Hundertfüsser, Käfer und Schnecken, sondern holt auch, indem er mit seinem kräftigen, sechs Zentimeter langen Schnabel in gezieltem Stoss tief in den Erdboden eindringt, Würmer und Larven ans Tageslicht. Spezielle Hornscheiden schützen dabei seine grossen Nasenlöcher vor Verschmutzung.

Die Nacht verbringt der Kagu an einem von mehreren regelmässig benützten Schlafplätzen innerhalb seines Wohngebiets. In höheren Lagen, wo es nachts empfindlich kühl werden kann, befinden sich diese Schlafplätze oft hinter Felsen, unter Baumwurzeln oder an anderen windgeschützten Orten. In tieferen Lagen zieht sich der Kagu für die Nacht hingegen meistens auf einen tiefliegenden, 1,5 bis 4 Meter über dem Boden befindlichen Ast zurück. Da er nicht zu fliegen vermag, müssen solche Äste kletternd erreichbar sein.

 

Sie singen Duette

Erwachsene Kagus sind monogam: Sie leben das ganze Jahr über in einer festen Partnerschaft. Jedes Kagupaar besetzt ein Stück Wald von durchschnittlich zwanzig Hektaren Fläche, in welchem es keine anderen Artgenossen duldet. Seinen Anspruch auf dieses Territorium gibt es allmorgendlich durch einen charakteristischen Wechselgesang kund, der oftmals zehn bis fünfzehn Minuten lang dauert und bis zu zwei Kilometer weit hörbar ist. Normalerweise ruft das Männchen die erste «Strophe», welche ungefähr so klingt: «Wa wà wa - wawa wà». Das Weibchen antwortet darauf: «Wawawa wà». Dann ruft wieder das Männchen: «Wa wa wawa». Stets folgen die drei Strophen aufeinander. Erst wenn das Weibchen nicht mehr antwortet, reisst das Duett ab. Die akustische Kundgebung des Kagupaars genügt im allgemeinen, um fremde Artgenossen vom Betreten des Territoriums abzuhalten. Selten müssen Eindringlinge aktiv daraus vertrieben werden.

Kaguduette erschallen das ganze Jahr über, besonders häufig aber während der dreiwöchigen Balzzeit im südlichen Frühjahr. Dann verwandeln sich die unscheinbaren Tiere auch in temperamentvolle Tänzer: Sie richten ihren Federschopf zu einer stattlichen Haube auf und spreizen die Flügel mit den gebänderten Aussenbereichen weit vom Körper ab, um sich in voller Pracht darzustellen. Männchen und Weibchen, welche äusserlich nicht voneinander zu unterscheiden sind, stehen sich dabei gegenüber, umschreiten einander mit schnellen Schritten, halten wieder an, recken sich hoch auf und beginnen das Umschreiten von neuem. Oft, aber nicht immer, schliessen sie den Tanz durch die Paarung ab.

Ungefähr drei Wochen nach den ersten Anzeichen der Balz legt das Kagupaar sein wenig kunstvolles Nest an: ein simpler Haufen dürrer Blätter mit einem Durchmesser von zwanzig bis dreissig Zentimetern. Dahinein legt das Weibchen sein etwa sechs Zentimeter langes und siebzig Gramm schweres Ei. Beide Partner beteiligen sich zu gleichen Teilen am Bebrüten desselben. Gewöhnlich zur Mittagszeit, nach einer jeweils vierundzwanzigstündigen Schicht, lösen sie einander ab. Einzig in der Morgendämmerung verlässt der brütende Vogel manchmal das Nest für eine Viertelstunde, um mit dem Partner ein territoriales Duett zu singen.

Nach 33 bis 37 Tagen schlüpft das Küken, welches ein braun gefärbtes Dunenkleid mit ockerfarbenen Flecken trägt. Es wird von beiden Eltern vor allem mit Erdwürmern, aber auch mit anderen wirbellosen Kleintieren gefüttert, und es wird abwechslungsweise von ihnen gehudert. Nach etwa drei Tagen beginnt es, sich vom Nest wegzubewegen. Allerdings kommt es bei diesen ersten Gehversuchen nicht sehr weit, so dass es sich gegen Ende der ersten Lebenswoche höchstens hundertfünfzig Meter vom Geburtsort entfernt befindet. Jeden Abend legt einer der beiden Altvögel ein lockeres Hudernest aus Blättern im Windschatten eines Baumstrunks oder Felsens an und wärmt und beschützt darin das Junge während der Nacht.

Nach etwa sechs Wochen beginnt das Kagujunge, nach dem Vorbild seiner Eltern auf tiefliegenden Ästen zu übernachten. Noch bis zum Alter von etwa drei Monaten wird es von seinen Eltern gefüttert und umsorgt. Dann löst es sich von ihnen und macht sich selbständig. Oft hält es sich allerdings noch geraume Zeit auf dem Grundstück seiner Eltern auf, bis es ihm schliesslich gelingt, ein eigenes Territorium einzurichten. Eile ist im Prinzip auch nicht geboten, denn Kagus können ein Alter von dreissig und mehr Jahren erreichen. Es bleibt ihm somit viel Zeit, um für eigenen Nachwuchs zu sorgen.

 

Hauptfeind ist der Haushund

Es ist anzunehmen, dass der Kagu auf Grande-Terre weitverbreitet und ziemlich häufig vorkam, bevor der Mensch die abgeschiedene Insel entdeckte und sich darauf niederliess. Die Melanesier, welche auf Neukaledonien «Kanaken» heissen und viele Jahrhunderte vor den Europäern eintrafen, fingen den Kagu in Fallen für den Verzehr - allerdings zu keiner Zeit in einem Ausmass, das den Fortbestand des grauen Kranichvogels auf der Insel in Frage gestellt hätte.

Dies änderte sich drastisch, als sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts die Europäer auf der fruchtbaren Insel ansiedelten. Sie hatten nicht nur Gewehre dabei und schossen auf alles, was sich verspeisen lässt, sondern sie brachten auch Schweine, Hunde, Katzen und Ratten mit, welche dem Kagu alsbald das Leben schwer zu machen begannen. Seine Bestände gingen mehr und mehr zurück, und diese rückläufige Entwicklung hielt leider bis in jüngster Zeit an.

Aus Feldstudien, welche der australische Ornithologe Gavin Hunt Anfang der neunziger Jahre auf Grande-Terre durchführte, ging hervor, dass heutzutage freilaufende Haushunde die schlimmsten Feinde des Kagus sind. Im Jahr 1993 verzeichnete der Forscher innerhalb von nur vierzehn Wochen den Tod von 21 erwachsenen Vögeln, und zwar ausnahmslos infolge von Übergriffen von Haushunden aus nahegelegenen Dörfern.

Schwerwiegende Auswirkungen auf den Kagubestand dürfte aber gewiss auch die Erbeutung von Eiern, Küken und Jungvögeln durch Ratten, verwilderte Katzen und freilaufende Schweine haben. Da die Fortpflanzungsrate des Kagus wie bei vielen Inselvögeln mit jährlich höchstens einem Jungtier je Paar sehr gering ist, wiegen solche Ausfälle besonders schwer. Wenn überhaupt, kann der Vogel solche Bestandseinbussen nur sehr langsam wieder ausgleichen.

Schwer geschadet hat dem Kagu im übrigen die weitflächige Zerstörung der Inselwälder und damit seiner Lebensräume. In den flacheren Bereichen von Grande-Terre wurden die Wälder im Laufe der menschlichen Siedlungsgeschichte zwecks Schaffung von Anbauflächen abgeholzt, an den Berghängen zwecks Gewinnung von Bau- und Brennholz sowie für den Abbau von Nickel, einem wichtigen Exportgut Neukaledoniens. Die Population des Kagus wurde dadurch zerstückelt und in immer weniger und immer kleinere Waldreststücke zurückgedrängt.

Heute überlebt der Kagu nur noch in ein paar besonders schlecht zugänglichen Waldgebieten. Eine in den Jahren 1991 und 1992 durchgeführte wissenschaftliche Bestandserhebung ergab einen Gesamtbestand von nur noch knapp 700 erwachsenen Individuen. Immerhin leben hiervon etwa 200 im Rivière-Bleu-Nationalpark, der sich am südlichen Ende von Grande-Terre befindet und eine Fläche von rund 90 Quadratkilometern aufweist. Hier ist es der neukaledonischen Naturschutzbehörde gelungen, den lokalen Kagubestand von geschätzten 60 Individuen im Jahr 1980 auf den heutigen Bestand anzuheben, und zwar durch eine Kombination wirkungsvoller Massnahmen, nämlich erstens die Unterbindung jeglichen illegalen Holzeinschlags und jeglicher Wilderei, zweitens die Bekämpfung der in dem Gebiet freilaufenden Hunde und anderen eingeschleppten Raubsäuger, und drittens die Auswilderung von in Menschenobhut gezüchteten Jungvögeln.

Um die Zukunft des Kagus - der zum offiziellen «Maskottchen» Neukaledoniens geworden ist - abzusichern, muss nun vordringlich eine weitere überlebensfähige Population in einem ähnlich umsichtig gehandhabten Schutzgebiet aufgebaut werden. Als flugunfähiger, auf einer abgeschiedenen Insel heimischer Vogel ist der Kagu dem sagenumwobenen Dodo von Mauritius nicht unähnlich. Es darf nicht sein, dass ihm dasselbe unerfreuliche Schicksal wie jenem widerfährt.




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