Kaiseradler

Aquila heliaca


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Adler sind majestätische Vögel. Von alters her haben zahlreiche Adelsgeschlechter Adler in ihr Wappen aufgenommen, um so ihre Macht und Würde zu symbolisieren. Diesem Umstand verdankt der Kaiseradler (Aquila heliaca), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll, seinen Namen. Er soll es nämlich gewesen sein, der einst Modell stand für den doppelköpfigen Adler, der den mächtigen Habsburgern, welche jahrhundertelang die österreichische, deutsche und ungarische Kaiserkrone besassen, als Wappentier diente. Leider hat ihn das nicht davor bewahrt, vom Menschen immer weiter zurückgedrängt zu werden, so dass er heute in Europa vom Aussterben bedroht ist.

 

Parkähnliche Landschaften bevorzugt

Innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) gehört der Kaiseradler zur rund 240 Arten umfassenden, weltweit verbreiteten Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Er ist ein grosser, kräftig gebauter Adler: Erwachsene Tiere weisen eine Gesamtlänge von gewöhnlich 75 bis 85 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 190 bis 210 Zentimetern auf. Wie bei vielen Greifvögeln sind die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen und wiegen entsprechend mehr, nämlich um 4 Kilogramm, während letztere nur knapp 3 Kilogramm auf die Waage bringen. In der Färbung des Gefieders, der Iris, des Schnabels, der Wachshaut und der Füsse unterscheiden sich die beiden Geschlechter hingegen nicht.

Der Kaiseradler ist ein Brutvogel Eurasiens. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südöstlichen Europa im Westen quer durch die Türkei, die Ukraine, das südliche Russland, Kasachstan und Usbekistan bis zum Baikalsee und nach Nordchina im Osten. Bis vor kurzem wurde der Kaiseradlerbestand, welcher isoliert auf der Iberischen Halbinsel vorkommt, zur selben Art gezählt. Heute wird diese südwesteuropäische Population jedoch als separate Art namens Spanischer Kaiseradler oder Prinzenadler (Aquila adalberti) vom «eigentlichen» Kaiseradler abgetrennt.

Innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets hält sich der Kaiseradler vornehmlich in tiefen Lagen zwischen 200 und 1000 Metern ü.M. auf. Er bevorzugt Landschaften mit parkähnlichem Charakter, wo Waldungen, Hecken und Feldgehölze mosaikartig abwechseln mit Grasländern, Feuchtgebieten und Kulturland. Gebiete, welche eine zusammenhängende Walddecke aufweisen, meidet er ebenso wie Berggebiete. In letzteren nimmt der nah verwandte, leicht grössere Steinadler (Aquila chrysaetos) seinen Platz ein. Ferner meidet er offene, baumlose Steppen und Halbwüsten. Dort wird er vom ebenfalls nah verwandten, etwas kleiner gewachsenen Steppenadler (Aquila nipalensis) vertreten.

In den südlich gelegenen Bereichen ihres Artverbreitungsgebiets sind die Kaiseradler normalerweise Standvögel, halten sich also das ganze Jahr über in ihrem Streifgebiet auf. In besonders strengen, schneereichen Wintern sind jedoch auch sie dazu gezwungen, aufgrund des mangelhaften Nahrungsangebots nach Süden auszuweichen. Sie ziehen dann vorübergehend ins südwestliche Asien oder ins nördliche Afrika. Die Kaiseradler, welche in den nördlichen Teilen des Artverbreitungsgebiets zu Hause sind, machen hingegen allherbstlich eine Reise in den Süden. Sie verlassen ihre Brutgebiete ungefähr Mitte September und ziehen bis nach Vietnam und Indien ganz im Süden Asiens.

 

Hasen und Hörnchen als Hauptspeise

Wie alle seine Vettern ist der Kaiseradler ein tagaktiver Jäger. Seine bevorzugte Beute sind mittelgrosse Säugetiere, doch überfällt er auch vielerlei Vögel und Reptilien, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, und er geht auch an Fallwild und andere frischtote Tiere. Seine Hauptbeute bilden meistenorts Ziesel (Citellus spp.) aus der Sippe der Erdhörnchen und Hasen (Lepus spp.). Das Säugetierspektrum auf seinem Speiseplan reicht allerdings von Feldmäusen (Apodemus spp.) bis hin zum Rotfuchs (Vulpes vulpes). Häufige Beutetiere unter den Vögeln sind Enten, Gänse, Tauben, Hühnervögel und Krähen.

Auf die Jagd geht der Kaiseradler vor allem am frühen Vormittag während drei bis vier Stunden. Über Mittag ruht er im Wipfel eines alten Baums, auf einem Erdhügel oder auf einem Felsblock. Hie und da segelt er zu dieser Tageszeit auch, thermische Aufwinde nutzend, hoch am Himmel dahin. Erst am späteren Nachmittag widmet er sich nochmals ein paar Stunden lang der Beutesuche. Dieser Rhythmus im Tagesablauf dürfte auf den Aktivitätsrhythmus der von ihm bevorzugten Beutetiere zurückzuführen sein.

Bei der Jagd gleitet der Kaiseradler auf seinen mächtigen Schwingen in leichtem, zügigem Erkundungsflug durch sein Revier, taucht überraschend hinter Hecken und Geländekanten auf und stürzt sich im gegebenen Augenblick zielsicher auf ein erspähtes Tier. Er packt seine Opfer mit derart kraftvollem Griff seiner muskulösen Fänge, dass die Zehenkrallen wie Dolche in deren Körper dringen und sie auf der Stelle töten. Obschon der Kaiseradler nicht selten am Boden ruht, verfolgt er kaum je ein Beutetier zu Fuss, wie dies sein Vetter, der Steppenadler, regelmässig tut. Auch bejagt er so gut wie nie Vögel im Flug, denn für den schnellen Sprint ist er mit seinen breiten «Tragflächen» nicht gebaut.

 

Zehntägige Horstbauzeit

Kaiseradler gehen mehrjährige Paarbeziehungen ein und bleiben ihrem Partner in aller Regel ein Leben lang treu. Für die Brut verfügt das Paar innerhalb seines Reviers über zwei oder drei Nester, die es abwechslungsweise benutzt. Man vermutet, das es ihm auf diese Weise gelingt, etwaige im Nest lauernde Milben und andere Schmarotzer sowie Krankheitserreger «auszuhungern».

Der Kaiseradlerhorst befindet sich normalerweise in einer Höhe von 15 bis 25 Metern in der Krone einer Buche (Fagus spp.), einer Eiche (Quercus spp.) oder eines anderen kräftigen Laub- oder Nadelbaums. Meistens stehen diese Bäume verhältnismässig frei innerhalb einer lückigen Waldung oder am Rand eines Walds und bieten eine gute Rundumsicht bzw. sind von weitem sichtbar. Nur dort, wo von Natur aus geeignete Bäume nicht verfügbar sind, kommen auch Feldgehölze oder ­ selten ­ Felsnischen zum Einsatz.

Wie alle Habichtartigen sind die Kaiseradler eifrige Nestbauer. Aus Ästen und Knüppeln bauen sie ihre umfangreiche, plattformartige Kinderstube und polstern die Nestmulde mit feinen Zweigen, Grashalmen und Pelzteilen sorgfältig aus. Ein neu gebauter Horst weist einen Durchmesser von 1,2 bis 1,5 Metern und eine Höhe von 60 bis 70 Zentimetern auf. In jeder Brutsaison wird er weiter ausgebaut, so dass ältere Nester einen Durchmesser von bis zu 2,4 Metern, eine Höhe von zwei Metern und ein Gewicht von mehreren hundert Kilogramm aufweisen können. Beide Partner beteiligen sich am Bau und späteren Ausbau, indem sie mit ihrem kräftigen Schnabel geeignete Äste von Bäumen abbrechen und zum Nest tragen. Das Weibchen ist allerdings fleissiger als das Männchen. Rund zehn Tage dauert es, bis ein neues Nest bezugsbereit ist.

 

Rangordnung unter den Nestlingen

Das Weibchen beginnt meistens zwischen Mitte März und Mitte April, also recht früh im Jahr, mit der Eiablage. Im allgemeinen sind es zwei oder drei Eier, die es im Abstand von zwei oder drei Tagen legt. Sobald das erste Ei in der Nestmulde liegt, beginnt das Paar zu brüten. Auch bei dieser Aufgabe lösen sich das Männchen und das Weibchen partnerschaftlich ab, doch bestreitet wiederum das Weibchen den grösseren Anteil.

Die Brutzeit dauert 43 Tage je Ei. Die Jungen schlüpfen also nicht gleichzeitig, sondern im Abstand von zwei oder drei Tagen. Sie tragen anfänglich ein weisses Daunenkleid und werden während ihrer ersten Lebenswoche praktisch ohne Unterbruch von ihrer Mutter beschützt und gewärmt. Der Vater übernimmt derweil die Versorgung der ganzen Familie mit Futter. Die Jungadler sind gierige Esser und betteln jedes Mal lautstark und unermüdlich nach Nahrung, wenn sich das Männchen dem Nest nähert.

Unter den Nestlingen bildet sich rasch eine «Rangordnung» heraus, bei welcher ein Junges ­ in der Regel das zuerst geschlüpfte ­ seine Geschwister klar dominiert. Das dominante Junge bedient sich stets als erstes vom Futter, das zunächst nur der Vater, später beide Eltern herbeitragen. In nahrungsreichen Jahren hat dies kaum Einfluss auf die Entwicklung der «rangniederen» Geschwister, denn es werden letztlich alle satt. In solchen Jahren erreichen im allgemeinen alle zwei oder drei Jungadler die Flugfähigkeit und weisen zu diesem Zeitpunkt dieselbe Grösse und dasselbe Gewicht auf. In nahrungsarmen Jahren hingegen gelingt es den Altvögeln oft nicht, genug Beute zu schlagen, um den ganzen Nachwuchs ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Dann kommen die untergeordneten Geschwister bei der Futterverteilung stets zu kurz und gehen alsbald ein, sei es aus Hunger oder sei es, weil sie anfälliger auf Krankheiten sind.

Das gestaffelte Schlüpfen des Nachwuchses ist zweifellos eine wichtige Anpassung der Kaiseradler an das in ihrem Lebensraum schwankende Nahrungsangebot. Nur so gelingt es nämlich den Altvögeln, auch in «mageren» Jahren zumindest ein gesundes Junges grosszuziehen und also einen Bruterfolg zu erzielen. Würde das Paar erst nach dem Ablegen des letzten Eis mit dem Brüten beginnen, dann würden fünf Wochen später die Jungadler gleichzeitig aus den Eiern schlüpfen, in der Folge mit gleichen Kräften um das nicht für alle reichende Futter streiten ­ und schliesslich allesamt entweder im Nest verhungern oder aber schlecht ernährt und krankheitsanfällig ausfliegen, so dass wohl keines von ihnen den ersten Winter überleben würde.

Die erwachsenen Kaiseradler füttern ihre Jungen während deren ersten Lebenswochen von Schnabel zu Schnabel, indem sie die herbeigetragenen Beutetiere in kleine Stücke zerkleinern und diese dem bettelnden Nachwuchs hinhalten. Im Alter von etwa fünf Wochen beginnen die Nestlinge dann, selbst an den Beutetieren herumzuzerren, welche von den Altvögeln zum Nest gebracht worden sind. Die Flugfähigkeit erreichen sie im Alter von acht bis zehn Wochen. Bis zum Alter von etwa fünf Jahren tragen sie ein hellbraunes Jugendgefieder, doch sind sie schon ein Jahr zuvor geschlechtsreif und schreiten dann auch vielfach zur Fortpflanzung.

 

In Europa vom Aussterben bedroht

Noch ist der Kaiseradler weit verbreitet ist. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat er jedoch erhebliche Bestandseinbussen erlitten. Wie viele andere Mitglieder der Greifvogelordnung ist er einem ganzen Spektrum von Gefahren ausgesetzt. Unter anderem zeigt er dem Menschen gegenüber verhältnismässig wenig Scheu und ist deshalb in Gebieten, wo Greifvögel als unerwünschtes «Raubwild» angesehen und deshalb verfolgt werden, ein leichtes Ziel. Dies wird dadurch verschärft, dass sich sein Lebensraum vornehmlich in fruchtbaren Tiefländern befindet ­ also dort, wo auch der Mensch vorzugsweise siedelt und den Boden bestellt. Gegenüber beispielsweise dem Steinadler, welcher in zumeist dünn bevölkerten und schwer zugänglichen Berggebieten lebt, ist das ein grosser Nachteil.

Nebst der direkten Verfolgung und den vielfältigen anderen Störungen durch den Menschen hat der Kaiseradler auch unter dem Verlust von Nistplätzen gelitten, denn viele der alten, hoch gewachsenen Bäume, die er für die Jungenaufzucht braucht, sind vom Menschen zwecks Holzgewinnung gefällt worden. Des weiteren hat ­ insbesondere um die Mitte des 20. Jahrhunderts ­ der massive Einsatz von biologisch schlecht abbaubaren Schädlingsbekämpfungsmitteln in der modernen Landwirtschaft seine Gesundheit und seinen Bruterfolg erheblich beeinträchtigt. In den östlichen Bereichen seines Verbreitungsgebiets ist dies teils heute noch der Fall. Viele Kaiseradler verunglücken im Übrigen bei der Berührung von Hochspannungs-Stromleitungen.

Der bedenkliche und weiter anhaltende Schwund der Kaiseradlerbestände durch diese und weitere Schadfaktoren haben die Weltnaturschutzunion (IUCN) dazu veranlasst, die Art in der Kategorie «verwundbar» auf die Rote Liste der gefährdeten Vogelarten zu setzen, obschon die Gesamtpopulation Eurasiens noch mindestens 15 000 Paare zählt. In Europa, wo der Kaiseradlerbestand mit inzwischen lediglich 400 bis 500 Brutpaaren überaus klein und lückenhaft ist, gilt die Art sogar als «vom Aussterben bedroht».

 

Nur drei bis fünf Paare in Mazedonien

Beispielhaft für die Lage des Kaiseradlers in Europa ist seine prekäre Situation in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien, dem 25 713 Quadratkilometer (Schweiz: 41 285 km2) grossen Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Es ist in Mazedonien nur eine einzige Gegend bekannt, in welcher der Kaiseradler noch mit Gewissheit vorkommt: das Tal des Flusses Bregalnica in den zentralen Bereichen des Landes. Dort brüten regelmässig zwei oder drei Paare. Die Art wird hin und wieder auch etwas westlich davon, im Bereich der Flüsse Topolka, Vardar und Babuna, gesichtet. Man nimmt an, dass auch dort ein oder zwei Kaiseradlerpaare brüten, doch fehlt der sichere Nachweis bislang. Leider steht keine dieser beiden Landschaften unter Naturschutz, weshalb das längerfristige Überleben des prächtigen Adlers in Mazedonien sehr unsicher ist.

 

 

Legenden

 

Der Kaiseradler (Aquila heliaca) ist ein grosser, kräftig gebauter Greifvogel: Erwachsene Tiere weisen eine Gesamtlänge von gewöhnlich 75 bis 85 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 190 bis 210 Zentimetern auf. Die Weibchen sind im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen und wiegen entsprechend mehr, nämlich um 4 Kilogramm, während letztere nur knapp 3 Kilogramm auf die Waage bringen.

Die auf der Iberischen Halbinsel vorkommenden Kaiseradler wurden früher als Rasse des «eigentlichen» Kaiseradlers betrachtet. Heute werden sie als separate Art namens Spanischer Kaiseradler oder Prinzenadler (Aquila adalberti) eingestuft. Kennzeichnend sind ihre weissen «Schultern».

Das Verbreitungsgebiet des Kaiseradlers erstreckt sich von Südosteuropa im Westen bis nach Nordchina im Osten. Der eindrucksvolle Vogel bevorzugt als Lebensraum Landschaften mit parkähnlichem Charakter, wo Waldungen, Hecken und Feldgehölze mosaikartig abwechseln mit Grasländern, Feuchtgebieten und auch Kulturland.

Der Kasieradler überfällt seine Beutetiere fast ausnahmslos am Boden. Mittelgrosse Säugetiere ­ vor allem Erdhörnchen und Hasen ­ bilden seine Hauptspeise. Er macht aber auch auf vielerlei Vögel und Reptilien Jagd, und er geht auch an Fallwild und andere frischtote Tiere.

Der Horst des Kaiseradlerpaars, ein umfangreiches, aus Zweigen, Ästen und Knüppeln gebautes Gebilde, befindet sich normalerweise in der Krone eines kräftigen Baums und bietet eine gute Rundumsicht (links). Die jungen Kaiseradler tragen während rund fünf Jahren ein hellbraunes, auf der Unterseite deutlich längs gestreiftes Jugendkleid (rechts).

In den südlich gelegenen Bereichen des Artverbreitungsgebiets sind die Kaiseradler im allgemeinen Standvögel, halten sich also das ganze Jahr über in ihrem Streifgebiet auf. Die Kaiseradler, welche in den nördlichen Teilen des Verbreitungsgebiets zu Hause sind, ziehen hingegen allherbstlich im energiesparenden Segelflug bis nach Indien, Vietnam und in andere Regionen Südasiens.




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