Kaldaklofsfjöll   (Island)


© 1983 Markus Kappeler
(erschienen im WWF-Kalender 1984)



Für den eiligen Betrachter des umseitigen Bilds mögen die schneebedeckten Kaldaklofs-Berge, die träge Gletscherzunge und der ruhig strömende Bergbach eine friedliche Ruhe ausstrahlen. Dieser erste Eindruck trügt jedoch. Der dichte, rostrote Filz wärmeliebender Spaltalgen im klaren Bach zeigt, dass hier nicht eisiges Schmelzwasser fließt. Und die ausgedehnten Felder von schwarzem Vulkangestein lassen ahnen, daß hier nicht das polare Eisregime allein sein Zepter schwingt, sondern daß noch andere Kräfte am Werk sind.

Tatsächlich ist der frostige Name der Insel, auf der dieses Bild entstanden ist, irreführend: Island ist kein «Eisland». Es ist eine Feuerinsel - vollständig aus vulkanischem Gestein aufgebaut und noch heute eine der aktivsten Vulkanregionen der Erde. Nur gute zehn Prozent der Oberfläche Islands sind mit Schnee und Eis bedeckt. Über 30 Prozent hingegen sind durch vulkanische Aktivität gekennzeichnet. Heisse Quellen, fauchende Wasserdampfsäulen, brodelnde Schlammpfuhle, kochende Teiche, mattschwarze Lavafelder prägen weite Teile dieser Insel im Nordatlantik. Ein Drittel der Lava, die weltweit in den letzten 500 Jahren an die Erdoberfläche getreten ist, floss aus isländischen Vulkanen. Seit der Besiedlung der Insel vor 1000 Jahren vergeht kein Jahrzehnt ohne nennenswerte Eruption.

Die Vegetation der geologisch betrachtet jungen Insel ist karg. Vereinzelte, vom Wind verbogene Zwergbirken, Ebereschen und Polarweiden sind fast schon üppiger Pflanzenwuchs in diesem Land, das im übrigen nur spärlich von Moos, Flechten, Gräsern und Seggen überzogen ist. Und auch die Tierwelt ist nicht sehr reichhaltig. Weder Reptilien noch Säugetiere haben es geschafft, sich hier niederzulassen. Einzig Insekten und Vögel sind heimisch geworden. Unter letzteren sind es vor allem küstenbewohnende Seevögel wie etwa Tölpel, Möwen und Alken. Und selbst der Mensch, der sich doch sonst die Erde in den entlegensten und unwirtlichsten Winkeln unseres Planeten untertan gemacht hat, bewohnt und bebaut nur gerade ein Prozent der Inselfläche. Der Rest ist Erde im Urzustand. Erde aus Feuer und Eis. Erde, mit der die Schöpfung noch beschäftigt ist.




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