Zweihöckriges Kamel
Camelus bactrianus
© 1985 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Das Zweihöckrige Kamel (Camelus bactrianus)
gehört innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla)
zur Unterordnung der Schwielensohler (Tylopoda). Die Schwielensohler
unterscheiden sich von fast allen anderen Paarhufern dadurch,
dass sie nicht mit den Spitzen ihrer dritten und vierten Finger
und Zehen den Boden berühren, sondern mit den Sohlenflächen
der beiden Endglieder derselben. Ihre nagelartigen Hufe sind
klein und schützen die Zehen nur von vorn; dafür sind
ihre Sohlenflächen mit einem dicken, widerstandsfähigen
Schwielenpolster versehen.
Die Unterordnung der Schwielensohler umfasst bloss
eine Familie, nämlich die der Kamele (Camelidae) mit zwei
Gattungen und vier Arten: erstens die Gattung der Lamas mit dem
Guanako (Lama guanicoe) und dem Vikunja (Lama vicugna)
und zweitens die Gattung der Grosskamele mit dem Dromedar (Camelus
dromedarius) und dem Zweihöckrigen Kamel.
Hauskamel und Wildkamel
Das Dromedar - das einhöckrige Kamel Nordafrikas
und Südwest-Asiens - ist heute nur noch als Haustier bekannt.
Seine Wildform, welche einst die Wüsten und Halbwüsten
Arabiens besiedelte, ist längst ausgestorben. Auch vom Zweihöckrigen
Kamel glaubte man lange Zeit, dass es in freier Wildbahn nicht
mehr existiere. 1878 traf jedoch der berühmte russische
Asienforscher N.M. Przewalski am zentralasiatischen Salzsee Lop-Nor
überraschend auf Wildkamele, und es gelang ihm, einige Tiere
zu fangen und erstmals wissenschaftlich zu beschreiben.
Anfänglich wurde Przewalski's Entdeckung von
vielen seiner Kollegen in Frage gestellt. Sie waren der Ansicht,
es handle sich bei den Kamelen von Lop-Nor gewiss um verwilderte
Hauskamele und nicht um die ursprüngliche Wildform des Zweihöckrigen
Kamels. Vergleichende Studien von Körperbau und Verhalten
haben mittlerweile jedoch unzweifelhaft aufgezeigt, dass es sich
tatsächlich um echte Wildtiere handelt. Das schliesst allerdings
nicht aus, dass sich gelegentlich entlaufene Hauskamele wilden
Artgenossen anschlossen, und dass auf diese Weise manchmal Erbgut
des Hauskamels in die Wildbestände eingekreuzt wurde.
Nach der Entdeckung des Wildkamels durch Przewalski
verstrichen rund fünfzig Jahre, bis - im Jahr 1927 - ein
weiterer russischer Wissenschafter, A.D. Simukov, Näheres
über Verbreitung und Lebensweise des wilden Zweihöckrigen
Kamels in Erfahrung bringen konnte. In der Zwischenzeit haben
nun mehrere Expeditionen unsere Kenntnisse über diese bemerkenswerte
Tierart stark erweitert.
Im Vergleich zum Hauskamel ist das Wildkamel langbeiniger
und schlanker. Seine Höcker sind kleiner und kippen nie
seitlich über, wie dies beim Hauskamel oft der Fall ist.
Sein Fell ist weniger dicht und zottig, und es ist im Gegensatz
zum Hauskamel einheitlich sandbraun gefärbt.
Auch in ihrer Wesensart unterscheiden sich Haus- und
Wildkamel deutlich voneinander. Das vom Menschen über viele
Generationen gezüchtete Hauskamel ist ausgesprochen gutmütig
und träge. Das wilde Zweihöckrige Kamel hingegen ist
ein besonders scheues Tier. Mit seinen wachen Sinnen nimmt es
den Menschen schon auf Entfernungen von zwei bis drei Kilometern
wahr und ergreift daraufhin mit solcher Geschwindigkeit und Ausdauer
die Flucht, dass eine Verfolgung zu Pferd unmöglich ist.
Im für Kamele typischen Passgang, bei welchem jeweils beide
Beine derselben Seite gleichzeitig nach vorn bewegt werden, erreicht
es kurzfristig Geschwindigkeiten von über 60 Kilometern
in der Stunde. Es ist damit schneller als ein galoppierendes
Pferd mit Reiter.
Kamele sind «Wüstenschiffe»
Das Zweihöckrige Kamel ist ein echtes Tier der
Wüste. Seine Heimat ist die transaltaische Gobi (mongolisch
«gobi» = Wüste), eine der rauhesten-
und ödesten Gegenden Zentralasiens. Sie erstreckt sich vom
Altai-Gebirge im Norden bis zu den östlichen Ausläufern
des Tien-Shan-Gebirges im Süden. Die transaltaische Gobi
liegt durchschnittlich 1500 Meter über dem Meer und ist
zerfurcht von einer Vielzahl schroffer Täler.
Regen fällt im allgemeinen nur in den Monaten
Juli und August, und selten beträgt die Regenmenge mehr
als fünf Zentimeter im Jahr. Oft ergiesst sich die gesamte
Jahresmenge in lediglich ein oder zwei Stunden über die
staubtrockene Wüste. Dann verwandeln sich die vertrockneten
Wasserläufe im Handumdrehen in reissende Bäche, die
schon bald wieder versiegen.
Recht ungewöhnlich sind auch die Temperaturschwankungen
in der transaltaischen Gobi: Sie bewegen sich zwischen -40°
Celsius in frostigen Winternächten und mehr als +40°
Celsius an heissen Julitagen.
Diese extremen Klimabedingungen lassen nur wenige
Pflanzen aufkommen. Weite Ebenen sind oft - von Horizont zu Horizont
- völlig kahl, und auch die steilen Hänge der Schluchten
sind vielfach bar jeglicher Vegetation. Ein paar kümmerliche
Büsche wachsen hier und dort an den tiefsten Stellen der
ausgetrockneten Wasserläufe. Inmitten dieser Einöde
aber findet sich manchmal eine Quelle - dort, wo ein trockenes
Bachbett seinen Anfang hat. Zu diesen wenigen, von Schilf, Pappeln
und Weiden umsäumten Wasserstellen führen von weither
unzählige Spuren der Kamele, Wildesel und Gazellen, die
in der umgebenden Einöde ihr Leben fristen.
Ihrer rauhen Umgebung entsprechend sind die Wildkamele
ausgesprochen widerstandsfähige Tiere. Eine Reihe besonderer
Anpassungen erlaubt es ihnen, in diesen unwirtlichen Sandländern
ein Auskommen zu finden, in denen das meiste Leben schon nach
kurzer Zeit erlischt. So sind beispielsweise ihre Zehen mit dicken,
federnden Schwielenpolstern ausgerüstet, die das Einsinken
im Sand vermindern, den Verschleiss der Hufe auf dem sandigen
Boden herabsetzen und zudem vor der glühenden Hitze des
Wüstenbodens schützen. Besondere Muskeln zum Verschliessen
der Nüstern, lange, dichte Wimpern vor den Augen und eine
starke Behaarung der Ohren sind unerlässliche Einrichtungen
zum Schutz der Sinnerorgane vor den peitschenden Sandstürmen.
Kamele können im übrigen tagelang ohne Wasser
sein. Zwar besitzen sie weder im Magen noch in ihren Höckern
einen Wasserspeicher, wie dies früher immer wieder behauptet
wurde. Vielfältige Anpassungen sorgen aber dafür, dass
kein Tropfen Körperflüssigkeit unnötig verdunstet
oder sonstwie verloren geht. Das Zweihöckrige Kamel kann
ausserdem - dank komplizierter Einrichtungen - einen Flüssigkeitsverlust
von rund der Hälfte seines Körpergewichts überleben.
Für den Menschen ist schon eine Verminderung der Körpersäfte
um etwa zehn Prozent tödlich.
Wildkamelhengste entführen Hauskamelstuten
Wie alle Schwielensohler ist das Zweihöckrige
Kamel ein Pflanzenesser. Es verzehrt sämtliche Teile fast
aller Pflanzenarten, die es in seinem Lebensraum findet - von
Wüstengräsern und -kräutern bis hin zu Ästen
von Sträuchern und Bäumen. Selbst salzliebende Pflanzen,
die von kaum einem anderen Tier genommen werden, kann es verwerten.
Ebenfalls wie alle seine Vettern kaut das Zweihöckrigen
Kamel wieder und verfügt zu diesem Zweck über einen
viergeteilten Magen. Bestimmte Eigentümlichkeiten in dessen
Bau lassen jedoch erkennen, dass die Schwielensohler die Fähigkeit
zum Wiederkäuen unabhängig von den echten Wiederkäuern
(Unterordnung Ruminantia) erworben haben.
Der Kargheit der Weide entsprechend leben die Zweihöckrigen
Kameel nicht in grossen Herden, sondern bilden kleine, wenig
standorttreue Trupps von meistens weniger als zehn Tieren. Nur
an den Oasen, wo sie zur Tränke gehen, und in den Talschluchten,
wo sie sich vor den eisigen Winterwinden und den Sandstürmen
bergen, kann man mitunter auf grössere Ansammlungen treffen.
Während der Brunft - im Februar - sind die Kamelhengste
ziemlich unverträglich. Sie vertreiben die Jungtiere von
ihren Müttern, gruppieren die Weibchen zu Harems und bewachen
diese eifersüchtig gegenüber Rivalen. Oft kommt es
zu Kämpfen zwischen Hengsten, die sich dabei nicht selten
mit ihren spitzen Eckzähnen ernstlich verletzen. Ein Paar
Hautdrüsen am Hinterkopf sondert in dieser Zeit eine schwarze,
salbenartige, stark riechende Flüssigkeit ab. Die brünftigen
Tiere streifen diese immer wieder an ihrem vorderen Höcker
ab, sodass dieser schliesslich ganz damit überdeckt ist.
Gegen Ende der Brunftzeit kann ein kräftiges
Männchen bis zu zwanzig fortpflanzungsfähige Weibchen
«erobert» haben. Andere Männchen, welche weniger
erfolgreich waren, begeben sich zu diesem Zeitpunkt oftmals in
die Nähe menschlicher Siedlungen, bekämpfen und verletzen
dort männliche Hauskamele und entführen Hauskamelstuten.
Die Kamelstuten sind 13 Monate lang trächtig
und bringen jeweils nur ein Fohlen zur Welt. Nach zwei bis drei
Stunden vermag das Kleine bereits zu laufen und weist schon nach
zehn Tagen eine Schulterhöhe von einem Meter auf. Es wird
von seiner Mutter mehr als ein Jahr lang gesäugt.
Unentbehrlicher Diener des Menschen
Schon im vierten oder dritten Jahrtausend vor Christus
hatte der Mensch in Zentralasien das Kamel zum Last- und Reittier
gemacht. Mit seiner Hilfe konnte er die eurasischen Wüsten
erobern. So wurde das Kamel schon früh über weite Gebiete
Asiens verbreitet - ostwärts bis Nordchina, westwärts
bis Kleinasien.
Innerhalb dieses enormen Areals ist es vielerorts
noch heute ein unentbehrlicher Helfer des Menschen: Im allgemeinen
dient das Hauskamel als Lasttier. Ein kräftiger Kamelbulle
vermag mit 250 Kilogramm Waren beladen immerhin dreissig bis
vierzig Kilometer täglich zurückzulegen. Es wird aber
auch geritten und in manchen Gebieten vor den Wagen gespannt.
Daneben nutzt man die Wolle für Kleider und das Fell für
Zelte, verwertet die Kamelmilch und isst das Fleisch. Getrockneter
Kamelmist ist zudem in den holzarmen Steppen- und Wüstengegenden
Innerasiens ein geschätzter Brennstoff.
Restbestand: 400 bis 700 Individuen
Das Verbreitungsgebiet des wilden Zweihöckrigen
Kamels hat zwar in jüngerer Zeit abgenommen, scheint aber
auch früher nie besonders gross gewesen zu sein. Um die
Jahrhundertwende erstreckte es sich über die transaltaische
Gobi im Südwesten der Volksrepublik Mongolei und über
die angrenzenden Wüstenregionen im Nordwesten Chinas. In
den vierziger Jahren war dieses zuvor zusammenhängende Gebiet
in einen nördlichen und einen südlichen Teil aufgespalten.
Als bald darauf die chinesische Regierung die Gegend um den Lop-Nor-Salzsee
zur Besiedlung freigab, schrumpfte die südliche Population
zusehends. 1956 wurde auf dem Kuruk-Tagh-Plateau letztmals eine
Herde freilebender Kamele gesichtet.
Das nördliche Vorkommen des Wildkamels verringerte
sich zwar zwischen 1920 und 1940 ebenfalls. Seit 1940 ist seine
Ausdehung aber ungefähr gleich geblieben und misst noch
heute rund 40.000 Quadratkilometer. Trotzdem hat auch hier der
Wildkamelbestand weiter abgenommen. Dafür verantwortlich
ist zum einen die illegale Bejagung des Kamels durch die ansässige
Bevölkerung zur Gewinnung von Fell, Fleisch und Jungkamelen,
welche als Reittiere abgerichtet werden. Zum anderen führen
in neuerer Zeit immer öfter mongolische Kamelbesitzer ihre
Herden zur Überwinterung in die transaltaische Gobi, wo
sie den Wildkamelen die karge Weide und das spärliche Wasser
streitig machen. Diese Störungen beeinträchtigen insbesondere
das Fortpflanzungsverhalten der Wildkamele.
«Leider werden auch in ihren letzten Zufluchtsgebieten
die Wildkamele immer seltener, und ihre Ausrottung ist wohl trotz
aller Schutzbestimmungen nur noch eine Frage der Zeit»,
hielt B. Grzimek in seiner Enzyklopädie von 1973 fest. Neuere
Bestandsschätzungen lassen nun aber hoffen, dass die Situation
des Wildkamels nicht gar so schlimm ist: Der bedeutende russische
Zoologe A.G. Bannikov schätzte in den vierziger Jahren den
Bestand der Wildkamele in der Mongolei auf ungefähr 300
Tiere. Untersuchungen in den Jahren 1959 und 1960 ergaben einen
Bestand von 400 bis 500 Exemplaren. In den späten sechziger
Jahren gab es Hinweise darauf, dass die Population weiter angewachsen
war. 1974 beurteilte Bannikov die Situation des Wildkamels als
eindeutig besser als im vorangegangenen Jahrzehnt. Und 1976 wurde
im Rahmen einer zoologischen Forschungsreise in die transaltaische
Gobi der Wildkamelbestand auf 400 bis 700 Tiere geschätzt.
Für diesen erfreulichen Tatbestand sind in erster
Linie die Schutzbestrebungen der Mongolei und Chinas verantwortlich.
In beiden Ländern ist die Bejagung der Wildkamele strikt
untersagt. 1976 hat die Regierung der Mongolei den Transaltai-Gobi-Nationalpark
gegründet, in dem heute die meisten Wildkamele leben. Ein
ähnliches Wüstenschutzgebiet ist nun in China geplant.
Der wirksame Vollzug der Schutzgesetze in diesen Reservaten und
das Fernhalten von Hauskamelherden von den Wasserstellen in der
transaltaischen Gobi sind gegenwärtig die beiden vordringlichen
Massnahmen zur Erhaltung des Zweihöckrigen Kamels.
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