Kaninchenkauz

Athene cunicularia


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Eulen (Ordnung Strigiformes) bilden eine in ihrem Körperbau bemerkenswert einheitliche Vogelsippe. Selbst für den naturkundlichen Laien lassen sich deren Mitglieder anhand ihrer aufrechten Haltung und dem grossen Kopf mit den vorwärtsgerichteten Augen schon auf den ersten Blick als solche erkennen. Früher wurden die Eulen aufgrund ihrer Lebensweise als «Nachtraubvögel» den «Tagraubvögeln» zur Seite gestellt. In Wirklichkeit haben sie aber keinerlei verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Greifvögeln (Ordnung Falconiformes). Aber tüchtige Jäger sind sie allemal.

Als Meister der Nachtjagd haben es die Eulen im Laufe ihrer Stammesgeschichte geschafft, die unterschiedlichsten Lebensräume auf unserer Erdkugel zu besiedeln. Man begegnet ihnen auf den kleinsten Inseln im Pazifik ebenso wie auf den höchsten Gipfeln der zentralasiatischen Gebirge und trifft sie im Dickicht der südamerikanischen Urwälder ebenso wie über den Sanddünen der Sahara, den Eisfeldern Grönlands und den Ziegeldächern der mitteleuropäischen Dörfer.

Mehr als 130 verschiedene Eulenarten sind weltweit bekannt. Sie werden in zwei Familien gegliedert: erstens die Schleiereulen (Tytonidae) und zweitens die Eulen im eigentlichen Sinn (Strigidae). Zu letzteren zählt auch der Kaninchenkauz (Athene cunicularia), von dem hier die Rede sein soll.

(Als der nächste Verwandte des Kaninchenkauzes gilt der Steinkauz (Athene noctua). Es gibt jedoch verschiedene Ansichten darüber, wie eng verwandt die beiden Eulenarten miteinander sind. In jüngerer Zeit wurde der Kaninchenkauz zumeist in dieselbe Gattung mit dem Steinkauz gestellt. Nun deuten aber neuere molekularbiologische Untersuchungen darauf hin, dass die verwandtschaftlichen Bande der beiden doch nicht so eng sind, dass dies gerechtfertigt wäre, und dass der Kaninchenkauz richtigerweise Speotyto cunicularia heissen müsste. Wir behalten hier dennoch die vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) verwendete Bezeichnung bei.)

 

Vorkommen über 104 Breitengrade

Der Kaninchenkauz ist mit einer Körperlänge von 23 bis 27 Zentimetern etwa gleich gross wie der Steinkauz, hat aber wesentlich längere Beine. Das hat damit zu tun, dass er kein Baumbewohner ist wie jener, sondern vorzugsweise in offenen, baumlosen Grasländern und Halbwüsten lebt und sich dort im wesentlichen am Boden aufhält.

Das Verbreitungsgebiet des Kaninchenkauzes ist überaus gross. Es erstreckt sich über sage und schreibe 104 Breitengrade vom Nordwesten Nordamerikas über ganz Mittel- und Südamerika bis Kap Hoorn. Hinzu kommen isolierte Bestände in Florida sowie auf verschiedenen Karibikinseln, darunter Kuba, Hispaniola und Aruba. In den nördlichsten und südlichsten Bereichen des Verbreitungsgebiets sind die kleinen Eulen Zugvögel, suchen also während der Wintermonate Gebiete mit milderem Klima und besseren Nahrungsbedingungen auf. In den tropischen und subtropischen Gebieten sind sie dagegen Standvögel, bleiben also ihrem Wohngebiet das ganze Jahr über treu.

Innerhalb seines riesenhaften Verbreitungsgebiets zeigt der Kaninchenkauz erwartungsgemäss beträchtliche Unterschiede hinsichtlich seiner Gefiederfärbung und -musterung. In Florida und auf Hispaniola ist er beispielsweise recht dunkel braun gefärbt und kräftig weiss gefleckt, gestreift und gebändert. Im Küstenbereich Venezuelas und auf Aruba ist er dagegen blass sandbraun gefärbt und hat eine weniger markante Zeichnung. Und im Binnenland Brasiliens kann das verhältnismässig blasse Gefieder sogar orange gesprenkelt sein. Aufgrund solcher Variationen wurden bislang 18 bis 20 verschiedene Unterarten beschrieben. Eine davon ist der Aruba-Kaninchenkauz (Athene cunicularia arubensis), der 1915 als eigenständige Rasse anerkannt wurde.

 

Kakteen in der Karibik

Aruba ist die westlichste der zu den kleinen Antillen gehörenden Karibikinseln. Bis zum südamerikanischen Festland - bei der venezolanischen Halbinsel Paraguaná - sind es nur 32 Kilometer. Die Inselfläche bemisst sich auf 193 Quadratkilometer. Der weitaus grösste Teil der Insel besteht aus einem tiefliegenden, flachwelligen Kalkstein-Hügelland, das mit Diorit-Felsblöcken übersät ist.

Das Klima Arubas ist sonnig und trocken. Die Temperatur beträgt im Jahresdurchschnitt 27°C; die jährlichen Niederschläge liegen bei nur 600 Millimetern im Jahr. Demzufolge beherrscht Trockenvegetation - bestehend aus Kakteen, dornenreichen Strauchgewächsen, schütteren Bäumchen, Agaven und Aloen - das Landschaftsbild.

174 Vogelarten sind bislang auf Aruba beobachtet worden. Über 100 von ihnen sind entweder Durchzügler, welche hier auf ihrer langen Reise von Nord- nach Südamerika und zurück jeweils kurz Rast machen, oder aber Gäste aus dem nördlichen Amerika, welche hier ihre «Winterferien» verbringen. Nur rund 50 sind einheimische Brutvögel. Unter ihnen befinden sich einige typische Landvögel wie der Braunwangensittich (Eupsittula pertinax) und der Smaragdkolibri (Chlorostilbon mellisugus), aber auch verschiedene hochspezialisierte Meeresvögel, darunter die seltene Rosenseeschwalbe (Sterna dougallii).

Nicht zuletzt ist auch der Kaninchenkauz auf Aruba heimisch. Seine Population wird auf 40 bis 55 Brutpaare bzw. 100 bis 135 Individuen geschätzt. Die Vögel brüten in verschiedenen Teilen der Insel, in offenen Kakteenwäldern ebenso wie in felsblockübersätem Gelände und in sandigem Küstengebiet. Selbst in der Nachbarschaft menschlicher Ansiedlungen kann man den Kaninchenkauz beobachten. So hat mehrere Jahre lang ein Paar regelmässig und erfolgreich in einem unbenutzten, rostigen Pipeline-Rohr auf dem Gelände der Lago Oil Company gebrütet.

 

Eule als Baumeister

Seinen Namen verdankt der Kaninchenkauz dem Umstand, dass er - wie das Kaninchen - in Erdhöhlen schläft und brütet. Diese Höhlen gräbt er wenn möglich nicht selbst. Viel lieber bezieht er verlassende Erdbaue von Präriehunden, Erdhörnchen, Gürteltieren und anderen «Baumeistern» unter den Tieren. Nur in Gebieten, wo grabende Säugetiere fehlen, wie dies auch auf Aruba der Fall ist, legt er seine Erdwohnung gezwungenermassen selbst an. Der zierliche Eulenvogel erweist sich dann als tüchtiger Arbeiter, der unter Einsatz seiner kräftigen Beine und des robusten Schnabels innerhalb kurzer Zeit eine unterirdische Röhre anlegt, die etwa einen Meter unter den Boden reicht, gewöhnlich zwei bis drei Meter lang ist und oft mehrere Eingänge aufweist.

Am Ende dieser Röhre befindet sich stets eine erweiterte, grob mit trockenem Pflanzenmaterial gepolsterte Kammer, und dorthinein legt das Weibchen, wenn die Zeit gekommen ist, seine gewöhnlich 6 bis 9 Eier. Während insgesamt vier Wochen wechseln sich Männchen und Weibchen beim Bebrüten des Geleges partnerschaftlich ab, und auch in die Aufgabe der Jungenaufzucht teilen sich die beiden Altvögel in der Folge gleichermassen.

Die jungen Kaninchenkäuze kommen wie alle Eulenkinder mit geschlossenen Augen zur Welt, sind also typische Nesthocker. Sie tragen anfänglich ein dichtes Daunenkleid, das aber bald dem Jugendgefieder Platz macht. Wenn sie grösser sind, warten sie häufig am Höhleneingang auf ihre Eltern, die ihnen das Futter zutragen - und verschwinden schon bei der geringsten Beunruhigung sofort wieder im Bau.

In der Tat erfüllt die Schlaf- und Bruthöhle für die Kaninchenkäuze zwei Funktionen. Zum einen ist sie ein sicherer Zufluchtsort vor Feinden. Versucht ein Fressfeind, etwa ein Wiesel, in die Höhle einzudringen, so wenden die Eulenvögel einen überraschenden «Trick» an: Sie machen ein Schnabelgeräusch, das dem warnenden Rasseln der gefürchteten Klapperschlange verblüffend ähnelt. Vernimmt der Eindringling dieses Geräusch in der dunklen Höhle, so kehrt er im allgemeinen - zu Tode erschrocken - sofort um und sucht eiligst das Weite. Schon die jungen Käuzchen können dieses Geräusch erzeugen und bleiben dadurch in ihrem Nest gewöhnlich ungestört.

Zum anderen schützt die Erdhöhle die Kaninchenkäuze vor extremen Aussentemperaturen: Wird es tagsüber in ihrem halbwüstenartigen Lebensraum ungemütlich heiss, so bleibt es im Kauznest angenehm kühl. Und geht nachts die Temperatur stark zurück, bleibt sie noch lange recht warm. Experimente haben gezeigt, dass der Kaninchenkauz schlecht mit grosser Hitze zurecht kommt, da er über seinen Atem viel Flüssigkeit verliert. So vermag er also dank seiner Höhle in Halbwüsten zu leben, obschon er körperbaulich nur ungenügend an das dort herrschende Klima angepasst ist.

 

Koboldartiges Gebaren

Vorwiegend ist der Kaninchenkauz in der Morgen- und Abenddämmerung aktiv, doch jagt er mitunter auch am Tag oder in der Nacht. Auf seiner Speisekarte stehen Käfer, Heuschrecken, Skorpione, Tausendfüsser und andere grosse Wirbellose oben an, doch nimmt er mitunter auch kleine Nager, Eidechsen, Schlangen und vereinzelt Frösche und Singvögel.

Meistens jagt der Kaninchenkauz von einer Warte aus - einem Felsblock etwa, einem Zaunpfahl oder einem Busch. Oft fliegt er aber auch niedrig über den Boden und «rüttelt» hier und dort in der Luft, bis er ein Beutetier entdeckt. Nicht selten geht er sogar zu Fuss auf Beutefang und rennt dann mit grossen Schritten eifrig seinen Beutetieren hinterher.

Nicht nur dann nötigt der kleine Kauz mit seinem koboldartigen Gebaren jedem Betrachter ein Schmunzeln ab. Drollig sieht es auch aus, wenn die Vögel - kleinen Federmännchen gleich - tagsüber vor dem Eingang zu ihrer Wohnhöhle stehen, mit ihren grossen gelben Augen in die Sonne blinzeln und - sobald etwas ihre Aufmerksamkeit erregt - mehrfach «knicksen», das heisst sich auf ihren hohen Beinen strecken, sich dann unvermittelt ducken, sofort wieder aufrichten, erneut einknicken und wieder strecken, wie dies auch vom Steinkauz bekannt ist.

Der Ruf des Männchens ist ein sanftes, kuckucksartiges «Guguk». Das hat ihm in den spanischsprechenden Bereichen Westindiens den Namen el cucú eingetragen. Auf Aruba heisst der kleine Kauz shoko.

 

Kauzfleisch als Heilmittel

Der Kaninchenkauz hat vielerorts unter dem Einfluss des Menschen gelitten und ist - seinem riesenhaften Verbreitungsgebiet zum Trotz - heute ein recht seltener Vogel.

Im Westen Nordamerikas wurden die bodenlebenden Eulen durch die zu Beginn unseres Jahrhunderts durchgeführte, staatlich geförderte Bekämpfung der kolonielebenden Präriehunde (Cynomys spp.) in Mitleidenschaft gezogen. Die Nager hatten grosse Schäden in landwirtschaftlichen Kulturen und auf Viehweiden verursacht und wurden deshalb mit allen möglichen Mitteln, darunter Giftködern und Dynamit, systematisch ausgerottet. Dadurch veschwanden auch die Kaninchenkäuze gebietsweise aus ihren ehemaligen Brutgebieten. In den Pampas Südamerikas geschah Ähnliches durch die Ausmerzung der Viscachas (Lagostomus maximus), was ebenfalls grabende, koloniebildende Nagetiere sind.

Auf der an der Südspitze Südamerikas befindlichen Insel Isla Grande starb die lokale Kaninchenkauz-Population aus, weil die eingeführten Schafe regelmässig ihre Baue zertrampelten und so die Nachzucht unmöglich machten.

Auch von den Karibikinseln Exuma (Bahamas), Jamaika, Cayman Brac (Caymaninseln), Mona Island (Puerto Rico), Barbuda, Antigua, Saint Kitts, Nevis und Marie Galante (Guadeloupe) ist der Kaninchenkauz mittlerweile verschwunden. In vielen dieser Fälle spielte wohl der von den europäischen Siedlern zur Bekämpfung der Schlangen und Ratten eingeführte Mungo (Herpestes edwardsi) eine entscheidende Rolle, denn diese reaktionsschnelle Schleichkatze fürchtet sich selbst vor Klapperschlangen nicht. Aber auch die Umwandlung der Lebensräume des Kaninchenkauzes in Kultur- und Weideland dürfte diesen Inselpopulationen arg zugesetzt haben.

In manchen Gebieten Mittel- und Südamerikas sind die Bestände des Kaninchenkauzes auch durch direkten Abschuss zurückgegangen. Bei den indianischstämmigen Einwohnern Uruguays beispielsweise heisst es, dass das Fleisch des Kaninchenkauzes den Appetit von Kranken anrege und so zu ihrer raschen Genesung beitrage. Der Jagddruck auf den langbeinigen Kauz ist deshalb gebietsweise beträchtlich.

Wegen der besorgniserregenden Abnahme des Kaninchenkauzes in den USA erschien die Art vorübergehend, von 1972 bis 1981, auf der sogenannten «Blauen Liste», einer Vorstufe zur berüchtigten «Roten Liste». Zu den Schutzmassnahmen, welche damals zugunsten der Art getroffen wurden, gehörten Experimente in Kalifornien, bei denen den Kaninchenkäuzen künstliche Niströhren angeboten wurden. Diese Experimente verliefen sehr erfolgreich und erbrachten wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der ökologischen Bedürfnisse der kleinen Eulenart. Dieses Wissen könnte sich zukünftig zur Rettung bedrängter Bestände als sehr wertvoll erweisen.

Auf Aruba war der Kaninchenkauz lange Zeit seines Fleisches wegen bejagt worden. Heute ist er gesetzlich geschützt, doch bleibt sein Bestand - wahrscheinlich infolge anhaltenden Lebensraumverlusts - auf verhältnismässig tiefem Niveau stehen. Für den Fortbestand der Art dürfte deshalb der Arikok-Nationalpark eine wichtige Rolle spielen. Das Schutzgebiet umfasst eine Fläche von 870 Hektaren, soll aber dereinst auf rund 2000 Hektaren, also gut ein Zehntel der Inselfläche, erweitert werden. Hier kann der Kaninchenkauz auch zukünftig ungestört seinem Brutgeschäft nachgehen. Im übrigen bestehen Pläne, Untersuchungen über den Vogel durchzuführen und seine Bestandsentwicklung zu überwachen, damit notfalls rechtzeitig geeignete Schutzmassnahmen zu seinen Gunsten in die Wege geleitet werden können.




ZurHauptseite