4 Echsen der Kapverden:

Kapverdischer Riesengecko - Tarentola gigas
Bouvier-Halbzehergecko - Hemidactylus bouvieri
Vaillant-Skink - Mabuya vaillanti
Kapverdischer Riesenskink - Macroscincus cocteaui


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Kap Verde - «Grünes Vorgebirge» - heisst die Westspitze Afrikas, welche sich zwischen der Mündung des Senegals und derjenigen des Gambia befindet. Dem Kap Verde vorgelagert, rund 500 Kilometer von der Küste entfernt, liegen die Kapverdischen Inseln. Die neun grösseren, bewohnten und sechs kleineren, unbewohnten Inseln weisen eine Gesamtfläche von etwa 4000 Quadratkilometern auf. Seit 1975 ist die vormals portugiesische Inselgruppe ein selbständiger Inselstaat.

 

In der Isolation entstehen neue Arten

Alle Kapverdischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs: Sie sind eines schönen Tages - aufgrund untermeerischer Vulkanausbrüche - aus dem Meer aufgetaucht und haben niemals eine feste Verbindung zum afrikanischen Kontinent gehabt. So gehen denn sämtliche tierlichen und pflanzlichen Lebewesen der Kapverdischen Inseln auf einige wenige Individuen zurück, denen es gelang, schwimmend, treibend oder fliegend diese Inselgruppe zu erreichen.

Aus verschiedenen Gründen ist das Artenspektrum der Tier- und Pflanzengesellschaften auf ozeanischen Inseln stets verhältnismässig gering: Zum einen ist natürlich die Chance, ein kleines Eiland mitten im Ozean lebend zu erreichen, äusserst klein. Zum anderen bedeutet das Erreichen einer Ozeaninsel noch keineswegs, dass sich eine Pflanze oder ein Tier auch tatsächlich dort anzusiedeln vermag. Pflanzen beispielsweise können oft nicht gedeihen, weil ihnen das Inselklima nicht zusagt. Insekten können zugrunde gehen, weil ihre Futterpflanzen fehlen. Auch Vögel, die sich erschöpft auf einer solchen Insel niederlassen, finden oft nicht die benötigte Nahrung. Und schliesslich müssen im allgemeinen mindestens ein Männchen und ein Weibchen ankommen, wenn eine dauerhafte Besiedlung eingeleitet werden soll.

Hat eine Art ein entlegenes Eiland einmal erfolgreich besiedelt, so kann sie sich infolge der Isolation nicht mehr mit dem Elternstamm kreuzen. Dies führt - zusammen mit der Anpassung an andere Lebensbedingungen - in der Regel dazu, dass sich die Inselbewohner in einer anderen Richtung weiterentwickeln als ihre Verwandten auf dem Festland. So entstehen dann im Laufe der Zeit neue, nur gerade der jeweiligen Insel eigene Arten. Die Herausbildung solcher «endemischer» Arten erfolgt im allgemeinen ziemlich rasch, da die Bestände von Inseltieren verhältnismässig klein sind. Ein neu angeeignetes Körper- oder Verhaltensmerkmal vermag sich leicht durchzusetzen und wird schnell für alle Mitglieder der Inselpopulation typisch.

Auch auf den Kapverdischen Inseln hat sich eine ganze Reihe endemischer Tier- und Pflanzenarten herausgebildet. Aus der Vogelwelt mag die Razo-Lerche (Alauda razae) als Beispiel dienen. Und aus der Welt der Kriechtiere (Klasse Reptilia) sind etwa zu nennen: der Kapverdische Riesengecko, der Bouvier-Halbzehergecko, der Vaillant-Skink und der Kapverdische Riesenskink.

Interessanterweise zeugen gleich zwei dieser Kapverdenechsen, nämlich der Riesengecko und der Riesenskink, von der typischen Tendenz inselbewohnender Echsen, besonders gross zu werden. So ist die grösste Echse der Welt der im indonesischen Sunda-Archipel beheimatete Komodo-Waran (Varanus komodoensis); die Männchen werden gegen drei Meter lang. Und auch Schildkröten werden auf Inseln oft besonders gross: Die Riesenschildkröten der Galapagosinseln (Testudo elephantopus), die sich aus sehr viel kleineren Vorfahren entwickelt haben, sind wohl das markanteste Beispiel hierfür. Der Grund für die Grössenzunahme von Inselechsen dürfte in erster Linie das Fehlen von - als Raubfeinde und Nahrungskonkurrenten auftretenden - Säugetieren sein. Säugetiere, Fledermäuse ausgenommen, haben nämlich nur in ganz seltenen Fällen ozeanische Inseln zu besiedeln vermocht.

 

Geckos - Echsen mit Haftzehen

Die Geckos (Gekkonidae) sind eine ausserordentlich formenreiche Echsenfamilie: Weltweit sind über 80 Gattungen mit etwa 700 Arten bekannt. Man findet die flinken Tiere in den unterschiedlichsten Lebensräumen - von der Wüste bis zu den Regenwäldern - über den ganzen Erdball verbreitet.

Finger und Zehen der Geckos tragen im allgemeinen auf der Unterseite besondere Haftlamellen. Sie bestehen aus unzähligen, mikroskopisch kleinen «Härchen», die sich beim Gehen wie die Borsten einer Bürste in winzigste Unebenheiten des Untergrunds haken und die Tiere dazu befähigen, sich an glatten Wänden und selbst an Zimmerdecken fortzubewegen. Die erstaunliche Haftfähigkeit ihrer Füsse hat den Geckos den deutschen Namen «Haftzeher» eingetragen.

Im Gegensatz zu anderen Echsen sind die Geckos sehr stimmfreudig. Die geäusserten Laute reichen von leisem Zirpen und Quaken bis zu lautem Bellen.

Geckos ernähren sich zur Hauptsache von Insekten und anderen Gliedertieren, denen sie vor allem in der Abenddämmerung und in der Nacht nachstellen. Ihre Augen sind wie bei vielen Dämmerungs- und Nachttieren gross und besitzen senkrechte Pupillen. Tagsüber schliessen sich diese bis auf einen engen Spalt. Bei der nächtlichen Kerbtierjagd hingegen sind sie weit geöffnet. Auffallend ist im übrigen der «starre» Blick der Geckos. Die meisten von ihnen haben nämlich keine beweglichen Augenlider, sondern die Lider sind im Verlauf der Stammesgeschichte durchsichtig geworden und miteinander zu einer Art «Brillenglas» verwachsen.

 

Der Kapverdische Riesengecko - zu schwer zum Klettern

Die Heimat des Kapverdischen Riesengeckos (Tarentola gigas) sind die beiden kleinen Felseilande Branco (mit einer Fläche von 3 Quadratkilometern und 327 Metern Höhe) und Razo (mit 7 Quadratkilometern und 164 Metern Höhe). Die Tiere auf Branco weisen etwas kleinere Körpermasse auf als ihre Brüder auf Razo und werden darum von den Fachleuten als «Brancorasse» (Tarentola gigas brancoensis) von der «Razorasse» (Tarentola gigas gigas) abgetrennt.

Die Brancorasse kommt vorwiegend im südlichen Inselbereich bis auf eine Höhe von 150 Metern ü.M. vor. In diesem Lebensgebiet hausen die Geckos mit Sturmtauchern (Pterodroma mollis) zusammen in Höhlen und Spalten, die sich in den tief eingeschnittenen Sandsteinschluchten dieses Inselteils befinden. Während die Geckos vor allem tagsüber hier Unterschlupf suchen und von neun Uhr abends bis zur Morgendämmerung auf Nahrungssuche gehen, halten sich die Sturmtaucher nur nachts hier auf und gehen tagsüber auf Fischfang. Auf der südlichen, sturmexponierten Landspitze von Branco sind die Riesengeckos auch in den Erdhöhlen der Fregatten-Sturmschwalben (Pelagodroma marina) zu finden. Die höheren Vulkangesteinsbereiche der Insel werden von den Geckos als Lebensraum gemieden. Hingegen sind die Tiere im Süden gelegentlich bis zum Spülsaum des Meeres anzutreffen.

Obschon der Riesengecko wie die meisten seiner Verwandten an seinen Zehenunterseiten mit Haftpolstern ausgestattet ist, hält er sich nur selten an senkrechten Wänden auf. Anscheinend ist er mit seinem Körpergewicht von bis zu 50 Gramm zu schwer für solche Klettereien. So geht er denn meistens auf waagrechten oder nur leicht geneigten Flächen auf Insektenjagd.

Die Stimme des Riesengeckos ist erstaunlich laut und erinnert an ein Hühnergackern in mehrmaliger Abfolge. Es ist noch nicht geklärt, ob beide Geschlechter zu dieser Lautäusserung befähigt sind oder möglicherweise nur das Männchen.

Beim Fortpflanzungsverhalten stehen Männchen und Weibchen einander seitlich gegenüber und zeigen eine Art «Katzbuckeln». Das Weibchen scheint dann sein Einverständnis zur Begattung mit einem raschen Kopfnicken kundzutun. Zwischen Begattung und Eiablage vergehen etwa 40 Tage. Die meistens zwei Eier werden vom Weibchen im Sand vergraben. Nach etwa drei Monaten schlüpfen die Jungen.

 

Der Bouvier-Halbzehergecko - ein farbiger Winzling

Mit einer Kopfrumpflänge von ungefähr 3 Zentimetern und einer Schwanzlänge von 2,5 Zentimetern gehört der Bouvier-Halbzehergecko (Hemidactylus bouvieri) mit zu den kleinsten lebenden Reptilienarten. Der winzige Körper mit den in millimeterlangen Fingern endenden Gliedmassen mutet äusserst zerbrechlich an. Besonders anmutig wirkt die Färbung dieses Winzlings: Die dunklen Augen sind von strahlend gelben Schuppen umgeben, und auch die Lippen sind gelb gefärbt. Der Bauch ist hell, und der Rücken bräunlich mit fünf dunkelbraunen Querstreifen. Der Schwanz wiederum ist orange gefärbt.

Beide Geschlechter weisen beidseits der Schwanzwurzel kleine Höcker auf, welche aber beim Männchen verstärkt ausgebildet sind. Diese scheinen das einzige äusserlich erkennbare Geschlechtsmerkmal darzustellen.

Der Bouvier-Halbzehergecko wurde 1870 von einem französischen Wissenschaftler auf der im Norden der Kapverden gelegenen Insel Sao Vicente entdeckt. 1906 wurde dann eine etwas grössere und intensiver gefärbte Unterart (Hemidactylus bouvieri boavistensis) für die Insel Boa Vista beschrieben, und 1982 wurde schliesslich eine dritte Unterart (Hemidactylus bouvieri razoensis) auf der Insel Razo entdeckt. Alleiniges Verbreitungsgebiet dieser Razorasse scheint ein schmaler, etwa zwei Kilometer langer Küstenstreifen zu sein, welcher als einziger Bereich der ansonsten baum- und strauchlosen Insel mit schütterer Vegetation bestanden ist.

Über das Verhalten freilebender Bouvier-Halbzehergeckos ist bislang wenig bekannt. In Gefangenschaft wurde in einem Fall die Ablage eines einzelnen, 8,5 x 6,9 Millimeter messenden Eis beobachtet.

 

Glattechsen - halb Echsen, halb Schlangen

Mit weltweit etwa 50 Gattungen und 600 bis 700 verschiedenen Arten sind die Glattechsen (Scincidae) eine weitere aussergewöhnlich umfangreiche Echsenfamilie. Wie die Geckos sind auch sie über alle gemässigten und tropischen Bereiche der Erde verbreitet.

Die Glattechsen, die ihren Namen nach ihrem glatten Schuppenkleid tragen, zeigen uns auf anschauliche Weise, wie Echsen mit vier kräftigen Beinen allmählich zum beinlosen «Schlangentyp» übergehen: Der Rumpf wird länger, die Gliedmassen werden zierlicher, die Bewegungsweise wandelt sich vom Schreiten zum Schlängeln.

 

Der Vaillant-Skink - grösste lebende Kapverdenechse

Der hübsche Vaillant-Skink (Mabuya vaillanti) wurde erstmals 1887 vom bekannten Kriechtierforscher Georg Albert Boulenger beschrieben. Diese mit einer Körperlänge von 30 Zentimetern grösste überlebende Kapverdenechse besiedelt hauptsächlich das Innere der Insel Sao Thiago und scheint daneben auch noch auf Fogo vorzukommen. Besonders charakteristisch für den Vaillant-Skink ist der im Vergleich zum Körper sehr kleine Kopf. Und typisch ist auch die auffallend orangefarbene Schnauzenspitze. Die braune Gesamtfärbung der Tiere ist gekennzeichnet durch drei hellere Längsstreifen auf dem Rücken.

Der Vaillant-Skink ernährt sich neben Insekten auch von Früchten und anderen Pflanzenteilen. Er kann daher als Allesesser gelten.

Der Vaillant-Skink ist lebendgebärend. Die Jungen sind bei der Geburt etwa acht Zentimeter lang.

Wie die meisten Vertreter der Gattung Mabuya ist der Vaillant-Skink ziemlich unverträglich gegenüber seinen Artgenossen. Die einzelnen Tiere besetzen daher recht grosse Gebiete, was eine sehr geringe Bestandsdichte dieser Kapverdenechse zur Folge hat.

 

Der Kapverdische Riesenskink - erst kürzlich ausgestorben

Auf den kahlen, felsigen Kapverdeninseln Razo und Branco lebte bis vor wenigen Jahrzehnten noch eine weitere Glattechsenart: der Kapverdische Riesenskink (Macroscincus cocteaui). Diese stattliche Kapverdenechse von eher plumpem Körperbau wies eine Gesamtlänge von 50 Zentimetern auf. Über hundert Längsreihen kleiner, gekielter Schuppen bedeckten ihren Körper. Oberseits hatte sie eine graue Färbung mit unregelmässig weissen und dunkelbraunen Flecken; unterseits war sie weisslich oder hellgrau.

Leider wurde der Kapverdische Riesenskink von den einheimischen Fischern seines Fleisches wegen viel verfolgt. Neusten Untersuchungen zufolge gilt er als definitiv ausgestorben.

 

Echsenschutz heisst Inselschutz

Der Kapverdische Riesengecko, der winzige Bouvier-Halbzehergecko und der Vaillant-Skink laufen ebenfalls Gefahr, in naher Zukunft auszusterben, sofern keine Schutzmassnahmen getroffen werden.

Schutzmassnahmen dürften allerdings im Falle des Vaillant-Skinks recht schwierig zu verwirklichen sein. Im Gegensatz zu den beiden Geckoarten lebt er nämlich nicht auf unwirtlichen, unbesiedelten Felseilanden, sondern seine Heimat ist zur Hauptsache die kapverdische Hauptinsel, wo er im wesentlichen den intensiv landwirtschaftlich genutzten Bereich des Inselinnern zu besiedeln scheint. Zwar ist die gegenwärtige Situation des Vaillant-Skinks nicht exakt erfasst. In Fachkreisen gilt er aber aufgrund des massiven Einsatzes von Insektiziden und Herbiziden in seinem Lebensraum als äusserst gefährdet.

Für den Kapverdischen Riesengecko und den Bouvier-Halbzehergecko sieht die Lage etwas günstiger aus. Sie besiedeln die unbewohnten Felseilande Branco und Razo. Zwar müssen auch sie als bedroht eingestuft werden, da diese kleinen Vulkaninseln ihre einzige Artverbreitung darstellen und sie überdies nur kleinste Lebensräume auf diesen Eilanden besetzen. Bereits geringfügige Störungen des ökologischen Gleichgewichts auf diesen Inseln könnten also das rasche Aussterben der Echsenbestände nach sich ziehen.

Schutzmassnahmen dürften hier aber leichter zu verwirklichen sein, da weder Branco noch Razo von irgendeinem direkten Nutzen für die einheimische Bevölkerung ist. Ein kürzlich ausgearbeitetes Konzept zur Erhaltung der Kapverdenechsen sieht daher die Schutzlegung der jeweils ganzen Inseln Branco und Razo vor. Jegliche einheimischen oder touristischen Aktivitäten sollen von diesen beiden Atlantikinseln ferngehalten werden, denn bei jedem Landgang würde erneut die Gefahr bestehen, dass Fremdlinge wie etwa Mäuse oder Insekten eingeschleppt werden und das fragile Inselökosystem nachhaltig stören.

Als Warnung mögen die Geschehnisse auf der Nachbarinsel St. Luzia dienen, welche einige Jahre von einem Schäfer mit seiner Herde bewohnt gewesen war. Weite Bereiche der Insel wurden von eingeschleppten und sich masslos vermehrenden Hausmäusen vollständig umgewühlt, und die Echsenbestände praktisch ausgerottet. Solch ein Vorfall wäre auch für Branco's und Razo's einmalige Tierwelt das unumgängliche und schnelle Ende.




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