Echte Karettschildkröte

Eretmochelys imbricata


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die insgesamt sieben verschiedenen Meeresschildkröten, welche auf der Erde leben, blicken auf eine überaus lange Stammesgeschichte zurück. Schon in der Kreidezeit, vor rund 150 Millionen Jahren, schwammen ihre frühen Vorfahren durch die Urmeere unseres Planeten. Interessanterweise haben die marinen Schildkröten in all den Jahrmillionen seither ihren Körperbau nicht wesentlich verändert. Sie haben ihn aber stetig optimiert, so dass sie sich uns heute als höchst vollendete Meeresbewohnerinnen zeigen - mit unter anderem stromlinienförmig abgeflachtem Panzer und kräftigen, zu Schwimmflossen und Steuerrudern umgebauten Gliedmassen.

Was den entwicklungsgeschichtlich bedeutend jüngeren Walen durch das Gebären vollentwickelter Jungtiere auf hoher See gelungen ist, haben die Meeresschildkröten in Laufe ihrer Stammesgeschichte allerdings nie erreicht: die Unabhängigkeit vom Land, von dem aus ihre Urahnen einst das Meer erobert hatten. Wie vor 150 Millionen Jahren steigen die Weibchen auch heute noch regelmässig an Land, um dort ihre Eier zu vergraben und von der Sonne ausbrüten zu lassen. Genau dies erweist sich jetzt als höchst verhängnisvoll: Weil sich die mächtigen Meeresreptilien ausserhalb ihres gewohnten Lebenselements nur sehr mühselig fortzubewegen vermögen (und sie zudem völlig wehrlos sind), fallen sie bei diesem unvermeidlichen Landgang in grosser Zahl mitsamt ihrem ungeborenen Nachwuchs dem Menschen zum Opfer, der diese leicht greifbare Beute von alters her zu schätzen weiss.

So kommt es, dass heute alle sieben Meeresschildkröten auf der «Roten Liste» stehen - zwei von ihnen in der Kategorie «im Fortbestand gefährdet», fünf sogar in der Kategorie «vom Aussterben bedroht». Zu letzteren zählt auch die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata), von der auf diesen Seiten die Rede sein soll. Ihr wurde (und wird leider noch immer) besonders intensiv nachgestellt, weil sich aus ihren dunkelgeflammten, hornartigen Rückenschildern das für Kämme, Brillengestelle und andere schmückende Gegenstände begehrte Schildpatt gewinnen lässt.

 

Die drittkleinste ihrer Sippe

Mit einer Panzerlänge von maximal 90 Zentimetern ist die Echte Karettschildkröte die drittkleinste unter den Meeresschildkröten. Besonders «kleingewachsen» sind die Angehörigen der indopazifischen Population: Sie weisen als erwachsene Tiere eine Panzerlänge von gewöhnlich 70 bis 80 Zentimetern und ein Gewicht von ungefähr 50 Kilogramm auf, während die in der Karibik und im Atlantik heimischen Tiere im allgemeinen zwischen 80 und 90 Zentimeter lang werden und um 60 Kilogramm auf die Waage bringen.

Die Echte Karettschildkröte gilt im übrigen als die wärmebedürftigste ihrer Sippe: Sie kommt - rund um den Erdball herum - fast ausschliesslich in den tropischen Bereichen der Ozeane und Meere vor. Im Ostpazifik nistet die Art entlang der gesamten mittelamerikanischen Landbrücke - von Zentralmexiko im Norden bis Ecuador im Süden. Ihre Bestände sind im Ostpazifik allerdings ziemlich gering, die Niststellen entsprechend spärlich verteilt. Deutlich häufiger kommt sie im Bereich der Karibik vor, wo sie nicht nur auf den meisten Inseln, sondern auch entlang der amerikanischen Festlandküste von Veracruz in Mexiko südwärts bis Surinam nistet. Im östlichen Atlantik finden sich Niststellen der Echten Karettschildkröte im gesamten tropischen Abschnitt der afrikanischen Westküste, von den Kapverdischen Inseln und Senegal südwärts bis Angola. Weitverbreitet ist die Art sodann im Indischen Ozean, wo sie mehrheitlich auf Inseln nistet. Und ebenfalls weitverbreitet kommt sie im gesamten indomalaiischen Archipel, entlang der australischen Nordküste und im Bereich der südpazifischen Inselwelt vor.

Die Malediven, Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, liegen gewissermassen im Herzen des Verbreitungsgebiets der Echten Karettschildkröte. Der tropische Inselstaat besteht aus 20 Atollen mit zusammen über 1300 kleinen und kleinsten Koralleninseln, die sich in nordsüdlicher Richtung über eine Strecke von 850 Kilometern aus den Fluten des Indischen Ozeans erheben und insgesamt eine Landfläche von 300 Quadratkilometern aufweisen. Nur etwa 200 der mit ihren ausgedehnten Kokospalmenhainen, weiss schimmernden Sandstränden und blaugrünen, glasklaren Küstengewässern paradiesisch anmutenden Malediveninseln sind ständig von Menschen bewohnt; die Gesamtbevölkerung beträgt 240 000 Personen.

Die meisten Malediveninseln bieten der Echten Karettschildkröte beste Nistgelegenheiten. Eine in den achtziger Jahren unseres Jahrhunderts durchgeführte Befragung der maledivischen Bevölkerung hat ergeben, dass die kleine Meeresschildkröte mit den hübschen Rückenschildern im ganzen Archipel wohlbekannt ist. Der Umfrage zufolge scheint sie auf praktisch sämtlichen unbewohnten Malediveninseln in grösserer Zahl zu nisten, während die meisten der bewohnten Inseln nur von wenigen Karettschildkrötenweibchen für die Eiablage besucht werden.

 

Korallenriffe als Lebensraum

Die Malediven bieten der Echten Karettschildkröte nicht nur ausgezeichnete Nistgelegenheiten in grosser Zahl, sondern stellen auch weite Flächen bester Nahrungsgründe für sie bereit. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Schwestern ist die Echte Karettschildkröte nämlich kein Hochseereptil, sondern hält sich die meiste Zeit ihres Lebens in seichten, küstennahen Gewässern auf - und zwar vorzugsweise im Bereich von Korallenriffen, wie man sie auf den Malediven in prächtiger Ausgestaltung rund um all die vielen Inseln und Eilande findet.

In diesem formen- und farbenreichen Lebensraum stellt sich die Echte Karettschildkröte eine gemischte Kost aus allerlei tierlichen und pflanzlichen Stoffen zusammen. In erster Linie packt sie wirbellose Tiere aller Art, darunter Seeanemonen, Schwämme, Seescheiden, Nacktschnecken und Seepocken, ja sogar Seeigel und giftig nesselnde Quallen. Daneben nimmt sie geringe Mengen pflanzlicher Stoffe zu sich, so besonders Seegräser, Meeresalgen («Tang») und die Früchte von Mangrovenbäumen.

 

Nistplätze im Gebüsch

Die Eiablage spielt sich bei der Echten Karettschildkröte in vieler Hinsicht sehr ähnlich ab wie bei den anderen Meeresschildkröten. Während die Weibchen der anderen Arten aber vielfach gemeinsam an möglichst weiten Stränden zur Eiablage schreiten, steigen die Karettschildkrötenweibchen gewöhnlich einzeln an kleinen, abgeschiedenen Stränden an Land. Zudem wählen sie als Nistplatz vielfach Stellen unter Bäumen und Sträuchern, während die Weibchen der anderen Arten ihre Eier vorzugsweise an Stellen ohne Pflanzenbewuchs vergraben.

Im typischen Fall steigt das mit Eiern vollbepackte Karettschildkrötenweibchen nachts an Land. Langsam schleppt es sich den Sandstrand hinauf und beginnt dann gut oberhalb der Flutlinie mit der Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Es erweist sich hierbei als überaus anspruchsvoll: Oft kriecht es mehrere hundert Meter an Land umher und streckt immer wieder seine Nase in den Sand, wohl um dessen Festigkeit, Temperatur und Feuchtigkeit zu prüfen.

Hat es schliesslich einen Ort gefunden, der seinen Ansprüchen genügt, so gräbt es mit seinen Hinterflossen eine etwa 50 Zentimeter tiefe Grube in den Sand und setzt darin seine kugelrunden weissen Eier ab. Die Gelegegrösse schwankt beträchtlich und hängt stark von der Grösse des Weibchens ab: Kleinere, jüngere Weibchen legen im Durchschnitt ungefähr 70 Eier, während grössere, ältere Tiere meistens zwischen 150 und 180, manchmal aber auch mehr als 200 Eier ablegen. Nach dem Legen schaufelt das Weibchen das Loch zu und kehrt schliesslich - nach ein- bis zweistündigem Landaufenthalt - ins Meer zurück. Die Brutpflege seiner Nachkommenschaft überlässt es dem schützenden Sand und der wärmenden Sonne.

 

Spiessrutenlauf der Schlüpflinge

Die jungen Karettschildkröten schlüpfen nach ungefähr zwei Monaten aus den Eiern. Sie graben sich zumeist nachts aus ihrer sandigen «Kinderstube» frei und hasten unverzüglich dem offenen Meer zu. Dieser erste Tag dürfte der gefährlichste Abschnitt in ihrem ganzen Leben sein, denn am Strand sind sie eine leichte Beute für Möwen, Reiher, Warane, Schleichkatzen, Strandkrabben und andere Essfeinde, und auch im küstennahen Wasser lauern zahlreiche räuberische Fische wie Haie und Muränen, für welche die kleinen Paddler eine leichte Beute darstellen. Tatsächlich überlebt nur ein kleiner Bruchteil der geschlüpften Karettschildkrötenbabys diesen tödlichen «Spiessrutenlauf» am ersten Lebenstag.

Was mit den glücklichen Überlebenden in der Folge geschieht, ist noch immer ziemlich rätselhaft. Nur höchst selten wurden nämlich bislang Jungtiere im Verlauf ihrer ersten beiden Lebensjahre - d.h. Tiere mit Panzerlängen von weniger als 25 Zentimetern - gefunden. Möglicherweise suchen die Schildkrötchen in dieser Lebensphase Zuflucht in frei im Meer treibenden Tangbüscheln und ernähren sich dort zum einen vom Tang selbst, zum anderen von den zahlreichen wirbellosen Kleintieren, die ihrerseits in solchen «Tangflössen» leben. Darauf deuten zumindest die paar wenigen Beobachtungen hin, die uns von Echten Karettschildkröten dieser Altersklasse vorliegen. Nach Ablauf der mysteriösen beiden ersten Lebensjahre, wenn ihre Panzerlänge 25 bis 30 Zentimeter misst, erscheinen dann die jungen Schildkröten unvermittelt im Bereich küstennaher Korallenriffe, wo sie fortan ihr Zuhause haben.

 

Schildpatt als Verhängnis

Dank ihrem Panzer ist die erwachsene Karettschildkröte vor marinen Raubfeinden weitgehend sicher. Doch ausgerechnet dieser «Schutzschild» wird ihr heute, in der vom Menschen dominierten Welt, zum Verhängnis, denn aus ihm lässt sich - wie eingangs erwähnt - ein sehr wertvoller Rohstoff gewinnen: Schildpatt.

Schildpatt wird vom Menschen nachweislich seit mehreren Jahrtausenden verwendet. Schon im alten Ägypten, zur Zeit der Pharaonen, wurden kunsthandwerkliche Gegenstände aus dieser prächtig gemusterten Hornsubstanz hoch geschätzt. Mehrere Häfen am Roten Meer scheinen ihre wirtschaftliche Bedeutung in nicht geringem Mass dem Handel mit Schildpatt aus dem Indischen Ozean verdankt zu haben. Und auch im Fernen Osten spielte Schildpatt schon früh eine wichtige Rolle als wertvolle Handelsware.

Doch nicht allein des Schildpatts wegen wurde und wird die Echte Karettschildkröte vom Menschen verfolgt. In manchen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets werden die an Land steigenden Weibchen auch wegen ihres Fleischs, das gewisse medizinale Eigenschaften haben soll, abgeschlachtet. Vielerorts werden ferner die Gelege der Tiere geplündert, weil die Eier im Ruf stehen, der Liebeskraft der Männer zuträglich zu sein. Dieser masslose «Raubbau» seitens des Menschen ist dafür verantwortlich, dass die Zukunft der Echten Karettschildkröte heute düster ausschaut: An den meisten Niststränden ist die Zahl der eierlegenden Weibchen auf einen Bruchteil des ursprünglichen Werts abgesunken.

Eine wichtige Quelle für Schildpatt bildeten während vieler Jahrhunderte die Malediven. Noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts exportierte der Archipel beträchtliche Mengen des begehrten Stoffs, und zwar vor allem nach Sri Lanka, aber auch nach Japan, dem einstigen Welthauptverbraucher von Schildpatt. Zu Beginn der siebziger Jahre erwuchs dann der Echten Karettschildkröte auf den Malediven eine zusätzliche Gefahr, als sich das Land dem internationalen Tourismus zu öffnen begann. Man schätzt, dass damals alljährlich mehr als 2000 halbwüchsige Tiere ihr Leben lassen mussten, um ausgestopft und auf Hochglanz poliert als Souvenirs verkauft zu werden.

Seit der Mitte der siebziger Jahre hat der Handel mit Schildpatt und mit ausgestopften Schildkröten auf internationaler Ebene erheblich abgenommen. Damals trat die «Konvention über den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES), auch «Washingtoner Artenschutzübereinkommen» (WA) genannt, in Kraft, und darin ist die Echte Karettschildkroete in Anhang I aufgeführt, was bedeutet, dass der kommerzielle Handel mit lebenden oder toten Exemplaren dieser Schildkröte sowie mit Teilen von ihr oder Erzeugnissen aus ihr zwischen den mehr als 120 Unterzeichnerstaaten des Abkommens vollständig untersagt ist.

Mehrere der wichtigsten Verbraucherländer von Schildpatt, darunter Japan und Sri Lanka, haben das Washingtoner Artenschutzübereinkommen ratifiziert und sorgen somit im Bereich ihres Hoheitsgebiets für dessen Einhaltung. Hingegen zählt die Republik Malediven bedauerlicherweise zu jenen paar «schwarzen Schafen», die dies noch immer nicht getan haben. Immerhin existieren auf den Malediven inzwischen ein paar nationale Gesetze, welche auf den Schutz der Echten Karettschildkröte abzielen. So dürfen keine Tiere mehr gefangen werden, deren Panzer in der Länge weniger als 61 Zentimeter misst. Und es darf kein unbearbeitetes Schildpatt mehr ausgeführt werden. Leider hapert es mit dem Vollzug dieser Artenschutzgesetze, weshalb die Bestände der Echten Karettschildkröte in den maledivischen Gewässern weiterhin rückläufig sind.

Damit die Echte Karettschildkröte im Bereich der Malediven heimisch bleiben kann, muss den bestehenden Gesetzen dringend die nötige Nachachtung verschafft werden. Noch besser (und zweifellos einfacher zu handhaben) wäre indes ein neues Gesetz, welches die Nutzung dieser eleganten Meeresbewohner vollständig verbietet - zumindest so lange, bis sich ihr lokaler Bestand einigermassen erholt hat.




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