Kaukasusbirkhuhn

Tetrao mlokosiewiczi


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Das Kaukasusbirkhuhn (Tetrao mlokosiewiczi) gehört innerhalb der Ordnung der Hühnervögel (Galliformes) zur Familie der Fasanenartigen (Phasianidae). Ungefähr 210 Arten umfasst diese formenreiche Vogelgruppe, darunter so bekannte Vögel wie die Wachtel (Coturnix coturnix), der Fasan (Phasianus colchicus), der Pfau (Pavo cristatus), das Truthuhn (Meleagris gallopavo) und nicht zuletzt das Bankivahuhn (Gallus gallus), von dem unsere sämtlichen Haushühner abstammen.

Innerhalb der Fasanenartigen wird das Kaukasusbirkhuhn der Sippe der Rauhfusshühner zugeordnet, die ihren Namen dem Umstand verdanken, dass ihre Läufe ganz oder teilweise befiedert sind. Als seine engsten Verwandten gelten das «gewöhnliche» Birkhuhn (Tetrao tetrix), welches über das ganze nördliche Eurasien weit verbreitet ist, sowie das Auerhuhn (Tetrao urogallus) und das Felsenauerhuhn (Tetrao parvirostris).

Das Kaukasusbirkhuhn ist etwas kleiner als das «gewöhnliche» Birkhuhn. Es weist eine Gesamtlänge von gewöhnlich 40 bis 50 Zentimetern auf, wovon 15 bis 20 Zentimeter auf den Schwanz entfallen, und seine Flügelspannweite misst etwa 60 Zentimeter. Die Männchen sind kaum grösser als die Weibchen, und mit 800 bis 1000 Gramm (gegenüber 700 bis 800 Gramm) sind sie auch nur wenig schwerer als jene.

Weit deutlichere Unterschiede bestehen zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Gefiederfärbung: Während die Männchen überwiegend schwarz gefärbt sind, tragen die Weibchen ein auf hellerem Grund dunkelbraun gebändertes Federkleid. Überdies ist bei den Männchen der Schwanz seitlich verlängert und elegant abwärts geschwungen, während er bei den Weibchen schlicht gestreckt ist. Und nicht zuletzt besitzen die Männchen im Unterschied zu den Weibchen über den Augen sogenannte «Rosen» - orangerote Hautflecken, welche bei Erregung anschwellen können.

 

Im Bereich der Waldgrenze zu Hause

Wie sein Name sagt, ist das Kaukasusbirkhuhn im Kaukasus beheimatet, jener Gebirgsregion, die sich vom Schwarzen Meer im Westen über eine Strecke von rund 1200 Kilometer zum Kaspischen Meer im Osten zieht. Es bewohnt dort vornehmlich die Hochlagen zwischen 1500 und 3000 Meter ü.M. Das Artverbreitungsgebiet ist somit recht klein, erstreckt sich aber immerhin über Teile von sechs verschiedenen Ländern, nämlich Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Russland, Türkei und Iran.

Bedingt durch das in seiner Gebirgsheimat herrschende, von strengen, schneereichen Wintern geprägte Klima führt das Kaukasusbirkhuhn jahreszeitlich gebundene vertikale Wanderungen durch. Im Winter steigt es jeweils in tiefere Lagen hinunter und hält sich dort vorzugsweise im Bereich der lückigen Bergwälder auf. Im Sommer steigt es dann wieder höher hinauf, über die Baumgrenze hinaus, und verbringt die warme Jahreszeit auf den mit Felsen, Krüppelbäumen, Zwergsträuchern und Polsterpflanzen aller Art durchsetzten subalpinen Wiesen.

Als Nahrung dienen dem Kaukasusbirkhuhn hauptsächlich pflanzliche Stoffe, doch nimmt es hin und wieder auch wirbellose Kleintiere zu sich. Die Zusammensetzung seiner Kost ist starken saisonalen Schwankungen unterworfen: Im Winter sind die Knospen und Kätzchen der Birken sowie die Beeren und Nadeln des Wacholders von grosser Bedeutung. Im Frühling und Sommer nimmt es vor allem die Blüten, Knospen, Blätter und Samen einer Vielzahl von Kräutern und Gräsern zu sich. Und im Spätsommer und Herbst bilden Heidelbeeren, Brombeeren, Hagebutten und andere Früchte einen Grossteil seiner Nahrung.

 

Balzarenen und Flattersprünge

Die meiste Zeit des Jahres führen die Kaukasusbirkhühner ein ziemlich unauffälliges Leben in der bodennahen Pflanzendecke ihres hochgelegenen Lebensraums. Jeweils im Frühling verspüren sie jedoch den Drang, sich fortzupflanzen, und dann verhalten sich die erwachsenen Männchen unversehens sehr auffällig: Im April und Mai versammeln sie sich an ihren regionalen, zumeist seit Generationen benutzten Gemeinschafts-Balzplätzen, um sich dort möglichst eindrucksvoll zur Schau zu stellen - mit dem Ziel, ansässige Weibchen zu sich her zu locken und sich mit ihnen zu paaren. Zumeist sind es zehn bis fünfzehn, mitunter aber auch bis über vierzig Hähne, die an einem der weit verstreut liegenden Balzplätze um die Gunst der Weibchen buhlen.

Innerhalb der «Arenen», die sich im typischen Fall an einem grasbewachsenen Süd- oder Osthang befinden, besetzt zunächst jeder der paarungswilligen Kaukasusbirkhähne ein möglichst günstig gelegenes Kleinterritorium, das er mittels vielfältiger Imponier- und Drohgebärden sowie nötigenfalls durch Kämpfe vehement gegenüber seinen Rivalen verteidigt. Dann - sobald das territoriale Gefüge einigermassen gefestigt ist - zeigt jeder an einer ausgewählten Stelle innerhalb seines Reviers seine ritualisierten Vorführungen. Diese beginnen jeweils damit, dass der Hahn in charakteristischer Haltung - mit in den Nacken zurückgezogenem Kopf, «geschwellter» Brust und leicht gesenkten Flügeln - hangabwärts gerichtet dasitzt. Aus dieser Haltung heraus folgt dann ein Flattersprung, bei dem sich der Hahn senkrecht etwa einen Meter hoch in die Luft wirft. Während des Hochspringens schlägt er fünf- bis siebenmal kräftig mit den Flügeln, so dass ein zwitscherndes, weithin hörbares Geräusch entsteht, und fächert seinen Schwanz so stark wie möglich. Am höchsten Punkt des Sprungs angelangt, vollführt er eine 180°-Drehung und landet mit angelegten Flügeln unweit des Ausgangspunkts. Danach läuft er zum Start zurück - und ist alsbald zum nächsten Flattersprung bereit.

Meistens springt der balzende Hahn mehrmals kurz hintereinander in die Luft; anschliessend erfolgt eine kürzere oder längere Pause, bis er die nächste Serie von Flattersprüngen zeigt. Dabei regen benachbarte Hähne einander offensichtlich dazu an, das gleiche zu tun, weshalb innerhalb einer Balzarena stets eine gewisse Synchronität der Aktivitäten zu erkennen ist.

Es wäre sicher falsch, die Balzvorführungen der Kaukasusbirkhähne als besonders elegante oder akrobatisch anspruchsvolle Sache darstellen zu wollen. Die Flattersprünge haben für den menschlichen Betrachter im Gegenteil einen etwas plumpen, unbeholfenen Charakter. Dass man im Tierreich aber nicht mit menschlichen Ellen messen soll, zeigt sich daran, dass die Vorführungen der Birkhähne auf die Hennen offensichtlich sehr attraktiv wirken. Jedenfalls treffen sie nach und nach am Balzplatz ein und beobachten die Hähne aufmerksam, um abzuschätzen, welcher von ihnen wohl der «männlichste» ist und sich am besten als Vater für ihre Jungen eignet. Schliesslich trifft jedes Weibchen seine Wahl und lässt sich vom «Auserwählten» begatten.

 

Küken bevorzugen tierliche Kost

In der Vogelwelt gilt die Regel, dass die Beteiligung des Männchens an der Aufzucht der Nachkommenschaft umso geringer ist, je komplizierter sein Balzverhalten ist. Tatsächlich trifft dies auch beim Kaukasusbirkhuhn zu: Nestbau, Brut und Jungenaufzucht obliegen dem Weibchen allein.

Nach der Begattung entfernt sich die Kaukasusbirkhenne von der Balzarena, um in der näheren Umgebung an einem geeigneten Ort ihr Nest anzulegen. Dieses besteht aus einer flachen, von der Henne etwas «ausgemuldeten» und mit Grashalmen weich gepolsterten Vertiefung im Boden. Meistens befindet sich das Nest versteckt inmitten dichter Vegetation, durch Grasbülten, Steine oder herabhängende Äste gut getarnt.

Das Gelege besteht gewöhnlich aus 4 bis 10 Eiern, welche ungefähr 30 Gramm wiegen. Das Weibchen beginnt erst mit dem letzten Ei zu brüten, weshalb die Jungen nach 24- bis 25tägiger Brutdauer alle ungefähr gleichzeitig aus den Eiern schlüpfen. Wie bei den meisten Hühnervögeln kommen die Jungen in weit fortgeschrittenem Zustand zur Welt und beginnen umherzulaufen und nach Nahrung zu picken, sobald ihr Dunenkleid abgetrocknet ist. Allerdings können sie ihre Körpertemperatur vorerst noch nicht selbständig aufrechterhalten, sondern sind insbesondere bei schlechtem Wetter und in der Nacht auf das «Hudern» durch die Mutter angewiesen.

Im Gegensatz zu ihren Eltern sind die jungen Kaukasusbirkhühner während der ersten drei Wochen ihres Lebens keine Vegetarier, sondern ernähren sich fast ausschliesslich von Insekten, besonders Rüsselkäfern, Spannerraupen, Blattwespen und Fliegen. Diese sehr eiweissreiche Kost lässt sie sehr rasch heranwachsen: Schon im Alter von zwei Monaten sind sie beinahe ausgewachsen und machen sich selbständig. Die weiblichen Jungtiere pflanzen sich zumeist schon im folgenden Frühling erstmals fort. Die jungen Männchen sind dann zwar ebenfalls geschlechtsreif, doch können sie sich gewöhnlich erst im zweiten oder dritten Lebensjahr erstmals fortpflanzen. Zuerst muss es ihnen nämlich gelingen, sich auf einem Balzplatz zu behaupten und Weibchen durch eindrucksvolle Vorführungen anzulocken.

 

Weidewirtschaft als Störfaktor

Das Kaukasusbirkhuhn muss sich vor einer ganzen Reihe natürlicher Fressfeinde in acht nehmen. Besonders die Gelege und die Küken dürften des öfteren Mardern, Füchsen und Luchsen sowie Steinadlern und Habichten zum Opfer zu fallen. Noch mehr als diese Fressfeinde scheinen jedoch die grimmigen und unberechenbaren Wetterbedingungen in den Hochlagen des Kaukasus auf den Bestand der Birkhühner nachteilig einzuwirken. Mit Sturmwinden, Regengüssen, Hagel, Nebel und Nachtfrost ist im Sommerhalbjahr stets zu rechnen. Treten solch missliche Bedingungen während der Frühphase der Jungenaufzucht gehäuft auf, so können sie unter den unselbständigen, wärmebedürftigen Küken erhebliche Ausfälle verursachen.

Fressfeinde und Unwetter wirken allerdings seit Urzeiten auf die Kaukasusbirkhühner ein. Durch Anpassungen in Körperbau und Verhalten haben es die Hochgebirgsvögel im Laufe ihrer Stammesgeschichte geschafft, damit zurechtzukommen, das heisst die natürliche Ausfallrate möglichst tief zu halten und ihr eine genügend grosse Nachzuchtrate gegenüberzustellen.

Ernstliche Gefahr droht dem Kaukasusbirkhuhn erst, seitdem der Mensch in seine Gebirgsheimat vorgedrungen ist. Zwar bieten die Unwegsamkeit des Geländes und das ungastliche Klima einen recht guten Schutz gegenüber dem Menschen selbst. Tatsächlich hat die Jagd auf die kaukasischen Birkhühner zu keiner Zeit eine grössere Bedeutung gehabt, obschon sie wie alle Rauhfusshühner als erstklassiges Wildbret gelten. Im übrigen steht die Art in den kaukasischen Ex-Sowjetrepubliken seit geraumer Zeit unter striktem Jagdschutz.

Schlimmer wirken sich die Störungen der Kaukasusbirkhühner durch die Weidewirtschaft des Menschen aus. Zum einen wird dadurch die Vegetationszusammensetzung oberhalb der Waldgrenze ungünstig verändert. Zum anderen zertrampelt das weidende Vieh des öfteren Gelege, und umherstöbernde Hirtenhunde erbeuten Küken. Zudem lassen sich die Kaukasusbirkhähne durch die Anwesenheit von Haustieren schnell bei ihrer Balztätigkeit stören - mit negativen Folgen für den Nachzuchterfolg der lokalen Birkhuhnpopulation.

Welche Bedeutung den verschiedenen Schadfaktoren zukommt, ist nicht genau geklärt. Nachweislich ist aber die Bestandsdichte in viehwirtschaftlich genutzten Gebieten erheblich geringer als in unberührten Gegenden. Und es gibt auch Hinweise auf einen stetig fortdauernden Rückgang der Kaukasusbirkhuhn-Population, besonders in den nördlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets. Aus diesen Gründen wird das Kaukasusbirkhuhn, obschon keine neueren wissenschaftlich fundierten Bestandsschätzungen vorliegen, von den Fachleuten als gefährdet betrachtet.

 

Sichere Zuflucht in Aserbaidschans Zakatal'skij-Reservat

Leider ist die gegenwärtige Schutzsituation des Kaukasusbirkhuhns wenig erfreulich. Sie soll hier am Beispiel von Aserbaidschan, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kurz erläutert werden. Ähnliches gilt auch für die anderen Kaukasusländer, in denen der interessante Hühnervogel vorkommt.

Aserbaidschan liegt im südöstlichen Bereich des Kaukasus und weist eine Landesfläche von 86 600 Quadratkilometern (Schweiz: 41 300 km2) auf. Das Kaukasusbirkhuhn findet man im Norden des Landes, wo sich das östliche Ende des Grosskaukasus erhebt, sowie im Westen, wo der Zangezurskij Chrebet, ein südlicher Ausläufer des Kleinen Kaukasus, verläuft.

Über die aktuelle Grösse der aserbaidschanischen Kaukasusbirkhuhn-Population wissen wir wenig. Sicher aber ist, dass ein grösserer Bestand im Zakatal'skij-Reservat, welches in der nordwestlichen Ecke des Landes liegt und ungefähr 240 Quadratkilometer gross ist, eine verhältnismässig sichere Zuflucht gefunden hat. Denn glücklicherweise erstreckt sich das Reservat von 600 Metern ü.M. bis auf 3600 Meter ü.M. und umfasst somit Winter- wie Sommerlebensräume der Vögel. Dem Management dieses Reservats kommt daher grosse Bedeutung zu, umsomehr als auch verschiedene andere bemerkenswerte Vogelarten darin heimisch sind, so etwa das imposante Kaukasuskönigshuhn (Tetraogallus caucasicus) und der mächtige Bartgeier (Gypaetus barbatus).

Aserbaidschan sieht sich allerdings seit der Loslösung aus der UdSSR und später aus der GUS mit schwerwiegenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme konfrontiert. Es ist angesichts dieser Probleme kaum überraschend, dass die naturschützerischen Aufgaben, insbesondere der Vollzug der Naturschutzgesetze und die Überwachung der Reservate, im Moment etwas vernachlässigt werden. Man kann nur hoffen, dass das Land möglichst bald eine gewisse innere Stabilität erreichen wird - und dass es dann der Erhaltung seiner reichen Tier- und Pflanzenwelt, von der das Kaukasusbirkhuhn ein bemerkenswerter Teil ist, wieder die nötige Beachtung schenken kann.




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