Geoffroy-Klammeraffe

Ateles geoffroyi


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Ordnung der Herrentiere oder Primaten (Primates) umfasst weltweit rund 180 Arten - vom winzigen, nur etwa 60 Gramm schweren Mausmaki bis hin zum hühnenhaften Gorilla, der ein Gewicht bis 180 Kilogramm erreichen kann.

Während der Mausmaki zu den in vielerlei Hinsicht urtümlichen Halbaffen gehört, ist der Gorilla ein Vertreter der Menschenaffen, unserer nächsten Verwandten im Tierreich. Zusätzlich zu diesen beiden Sippen gibt es noch zwei Sippen «eigentlicher» Affen. Es sind dies die Altweltaffen (Paviane, Meerkatzen, Makaken usw.) und die Neuweltaffen (Kapuziner, Brüllaffen, Totenköpfchen usw.). Zur Sippe der Neuweltaffen gehört auch der Geoffroy-Klammeraffe, von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Es gibt vier Klammeraffen-Arten

Die Klammeraffen (Gattung Ateles) sind in den tropischen Regionen Mittel- und Südamerikas weit verbreitet - von Veracruz in Mexiko (20° nördlicher Breite) bis zu den südlichsten Ausläufern des Amazonasbeckens in Brasilien (16° südlicher Breite). Innerhalb der Familie der Kapuzinerartigen (Cebidae) gehören sie zur Gruppe der Klammerschwanzaffen (Atelinae), deren gemeinsames Merkmal - wie der Name sagt - ein vielseitig einsetzbarer Klammerschwanz ist. Ihre nächsten Verwandten sind die sanftmütigen Wollaffen (Gattung Lagothrix) und die überaus seltenen Spinnenaffen (Brachyteles arachnoides).

Vier Arten von Klammeraffen werden im allgemeinen unterschieden: Der Schwarze Klammeraffe (Ateles paniscus), dessen Fell überall glänzendschwarz gefärbt ist, kommt in Venezuela, Guyana, Französisch Guyana, Surinam, Brasilien, Peru und Bolivien vor. Den Goldstirn-Klammeraffen (Ateles belzebuth), der durch einen gelbbraunen dreieckigen Fleck an der Stirn gekennzeichnet ist, findet man in Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela und Brasilien. Der Braunkopf Klammeraffe (Ateles fusciceps), der oft einen bräunlichschwarzen Kopf mit olivfarbenem Scheitel aufweist, ist in Panama, Kolumbien und Ecuador zu Hause. Und der Geoffroy-Klammeraffe (Ateles geoffroyi) schliesslich, dessen Fell gold- bis dunkelbraun gefärbt ist, während Hände und Füsse durchwegs schwarz sind, lebt in den mittelamerikanischen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica und Panama.

Insgesamt werden aufgrund kleinerer Unterschiede in Körpergrösse und Färbung neun geografische Rassen des Geoffroy-Klammeraffen unterschieden, darunter beispielsweise Ateles geoffroyi vellerosus, der als «Mexikanischer Klammeraffe» bezeichnet wird.

 

Der Schwanz dient als fünfte Gliedmasse

Die Klammeraffen gehören zu den grössten Affen der Neuen Welt: Sie wiegen zwischen 6 und 9,5 Kilogramm und weisen eine Kopfrumpflänge von 35 bis 60 Zentimetern auf. Männchen und Weibchen unterscheiden sich hinsichtlich Körpergrösse und Fellfärbung kaum voneinander.

Der Schwanz der Klammeraffen misst 60 bis 90 Zenti meter und spielt bei der Fortbewegung eine wichtige Rolle: Er ist ein muskulöses, zu präzisen Bewegungen fähiges Greiforgan und lässt sich darum wie eine fünfte Gliedmasse einsetzen. Mühelos vermag er auch das ganze Körpergewicht der Affen während längerer Zeit zu halten.

An der Unterseite des Schwanzendes befindet sich eine nackte Fläche mit gut ausgebildeter Tasthaut. Damit können die Tiere prüfen, wie etwas beschaffen ist. Interessanterweise besitzt dieses Hautstück auch Schweissdrüsen und sogar feine Hautrillen, die bei jedem Tier anders ausgebildet sind. Es ist also der menschlichen Handfläche verblüffend ähnlich.

Die Klammeraffen halten sich zumeist im Kronenbereich des Regenwalds auf und kommen selten auf den Waldboden hinunter. Bei der Fortbewegung durch das Geäst setzen sie ihre fünf Gliedmassen in allen möglichen Kombinationen ein. Vornehmlich schwingen sie sich unter den Ästen durch. An diese Form der Fortbewegung sind ihre Hände gut angepasst: Ihr Daumen ist rückgebildet, und die restlichen vier langen Finger dienen als eine Art Haken, mit dem sie sich gut im Geäst «verankern» können. Gelegentlich gehen die beweglichen Affen aber auch auf zwei Beinen oder auf allen vieren. Auf diese Weise legen sie etwa ein Stück Weg auf einem dicken Ast zurück. Hingegen springen sie selten, denn dank der grossen Reichweite ihrer fünf langen Gliedmassen können sie fast alle Wegstrecken schwingend oder kletternd überwinden. Sehen sie sich trotzdem einmal gezwungen, eine grössere Lücke im Geäst zu überspringen, so wählen sie sich vor dem Sprung sorgfältig einen tiefer liegenden, möglichst dicht belaubten (also nicht morschen) Ast aus, der ihnen eine sichere Landung garantiert. Bei kleineren Lücken im Geäst bilden die erwachsenen Weibchen oft eine «lebende Brücke», über welche sich die Jungtiere gefahrlos weiterbewegen können.

 

Töchter sind häufiger als Söhne

Die ersten Feldforschungen an lebenden Klammeraffen wurden in den dreissiger Jahren vom Amerikaner Clarence R. Carpenter in Panama durchgeführt. Er war einer der ersten Biologen, der seine Einsicht in die Tat umsetzte, dass man unsere Verwandten auch in ihrem natürlichen Lebensraum kennenlernen müsste, um mehr über sie und über uns selber zu erfahren. Durch seine vorbildlichen Arbeiten ist er zum Wegbereiter der modernen, ökologisch ausgerichteten Primatenforschung geworden.

Ausführliche Feldstudien über das Verhalten und die ökologischen Ansprüche der Klammeraffen wurden seither auch in Kolumbien (Goldstirn-Klammeraffen), in Surinam und Peru (Schwarze Klammeraffen) sowie in Guatemala (Geoffroy-Klammeraffen) durchgeführt. Eine Reihe kleinerer Untersuchungen fanden in Mexiko, Costa Rica und auf der Insel Barro Colorado im Panamakanal (Geoffroy-Klammeraffen) statt. Aufgrund dieser Arbeiten wissen wir über die Lebensweise der Klammeraffen in freier Wildbahn heute recht gut Bescheid.

Die Gesellschaftsstruktur der Klammeraffen scheint ähnlich zu sein wie die der Schimpansen (Pan troglodytes) in Afrika: Die Tiere leben in Grossgruppen von oftmals weit über 20 Tieren, doch halten sich kaum je sämtliche Mitglieder einer Gruppe beisammen auf. In der Regel zerfallen die Grossgruppen in Untergruppen, deren Grösse und Zusammensetzung beinahe von Tag zu Tag wechselt. Durch diese häufigen Wechsel treffen sich alle Mitglieder der Gruppe regelmässig wieder, obschon sie sich oft während mehrerer Tage bis 1,5 Kilometer voneinander entfernt aufhalten.

Eigenartigerweise umfassen alle bisher untersuchten Klammeraffen-Populationen zwei- oder sogar drei mal mehr Weibchen als Männchen, und zumindest in Peru konnte nachgewiesen werden, dass dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bereits bei den Neugeborenen besteht. Dort konnte auch festgestellt werden, wie es zu diesem Missverhältnis kommt: Die hochrangigen Klammeraffen-Weibchen scheinen vornehmlich Söhne zur Welt zu bringen, während die zahlreicheren tiefrangigen Weibchen meistens Töchter gebären. Eine stichhaltige Erklärung für dieses nicht nur bei Primaten, sondern überhaupt bei Säugetieren unüblichen «Geschlechts-Missverhältnisses» zugunsten der Weibchen konnte allerdings noch nicht gefunden werden.

Unüblich ist des weiteren auch, dass bei den untersuchten Klammeraffen-Populationen die jungen Männchen nach Erreichen der Geschlechtsreife gewöhnlich in der elterlichen Gruppe verbleiben, während die jungen Weibchen abwandern, um anderswo nach geeigneten Partnern zu suchen. Es ist unter Säugetieren viel häufiger, dass die jungen Männer «auf Brautschau» gehen und die Töchter zu Hause bleiben.

Wie bei vielen Tieren der tropischen Regenwälder scheint es bei den Klammeraffen keine feste Geburtssaison zu geben. Jedenfalls können zu jeder Jahreszeit Jungtiere aller Grössen beobachtet werden. Die Tragzeit dauert sieben bis siebeneinhalb Monate, und das Geburtsgewicht der Affenkinder beträgt gut 300 Gramm. In den ersten vier Lebenswochen werden die jungen Klammeraffen am Bauch der Mutter getragen, wobei diese ihr Kind häufig mit der Hand stützt. Das Tragen am Bauch geht dann mit zunehmendem Alter in ein Tragen auf dem Rücken über. Das Junge liegt dabei auf der hinteren Rückenhälfte der Mutter und schlingt sein Greifschwänzchen um ihre Schwanzwurzel.

 

Wipfel- und Bodenbewohner profitieren voneinander

Klammeraffen bevorzugen als Nahrung reife Früchte, nehmen aber als «Zwischenmahlzeiten» auch gerne Blätter, Blüten, Knospen und Rinde. Die Nahrungsaufnahme macht fast ein Drittel ihrer Aktivitätszeit aus. Gut die Hälfte des Tages rasten sie. Die übrige Zeit benötigen sie für Ortsverschiebungen, Körperpflege und soziale Kontakte.

Im Laufe der Feldforschungen an Klammeraffen hat sich gezeigt, dass eine ganze Reihe bodenlebender Regenwaldtiere von den in den Baumwipfeln fresswandernden Klammeraffen profitieren: Sie suchen gezielt das Umfeld jener Bäume auf, in deren Krone sich die Affen verpflegen, und verzehren dort Früchte und andere Pflanzenteile, welche von den Klammeraffen fallengelassen werden und sonst für sie nicht zugänglich sind. Zu diesen «Nutzniessern» gehören zum Beispiel Agutis (Dasyprocta spp.), Pekaris (Tayassu spp.) und Spiesshirsche (Mazama spp.), aber auch Hokkohühner (Crax spp.) und Trompetervögel (Psophia spp.). Sie scheinen hauptsächlich auf das Geräusch von «Fallobst» zu reagieren.

Im Gegenzug scheinen die Klammeraffen aus den Alarmrufen der bodenlebenden Pflanzenfresser Nutzen zu ziehen, welche diese äussern, wenn sie einen Feind entdecken.

 

Sie führen ein «Affentheater» auf

Die rasche Abholzung der mittelamerikanischen Tropenwälder stellt eine enorme Gefahr für die Geoffroy-Klammeraffen dar. Denn - bedingt durch ihren speziellen Nahrungsbedarf (reife Früchte) - sind sie besonders stark auf ungestörte Regenwaldgebiete angewiesen und daher oft die ersten Affen, die aus gestöten Landstrichen verschwinden. Die Rate, mit welcher die Rodung der Wälder in den mittelamerikanischen Ländern voranschreitet, beträgt zwischen jährlich 4 Prozent in Costa Rica und 0,7 Prozent in Belize. In Honduras schätzt man sie auf 2,4 Prozent. Hält diese Entwicklung an, so werden um die Jahrtausendwende nurmehr klägliche Reste dieser reichen Vegetation - und damit unweigerlich auch der Klammeraffen-Bestände - auf der mittelamerikanischen Landbrücke übrig sein.

In vielen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets werden die Geoffroy-Klammeraffen im übrigen ihres Fleischs wegen bejagt. Zum Verhängnis wird den Affen dabei, dass sie beim Anblick eines Menschen genauso wenig die Flucht ergreifen wie beim Entdecken eines Jaguars. Stattdessen äussern sie bellende Laute und nähern sich dem Feind oft bis auf kurze Distanz. Dort versuchen sie, den Störenfried einzuschüchtern und zu vertreiben: Sie beginnen mit Händen und Füssen Äste zu schütteln. Zudem brechen sie Pflanzenteile ab und lassen sie - oft in unmittelbarer Nähe des Feindes - fallen. Gleichzeitig harnen und koten sie in deutlichem Bezug zum Eindringling. Natürliche Feinde dürften sich in vielen Fällen angesichts dieses «Affentheaters» zurückziehen. Ein geübter Schütze vermag aber unter Umständen eine ganze Klammeraffen-Gruppe zu erlegen, bevor auch nur eines der Tiere fliehen kann.

Verhängnisvoll wirkt sich ferner die sehr geringe Vermehrungsrate der Klammeraffen aus. Die Weibchen bringen erstmals in ihrem fünften Lebensjahr ein Junges zur Welt. Danach beträgt das Intervall zwischen zwei Geburten drei bis vier Jahre. Bestandseinbussen infolge der Bejagung durch den Menschen vermögen sie daher kaum wieder wettzumachen.

Schliesslich ist auch die Bestandsdichte der Klammeraffen recht gering. Man schätzt, dass pro Quadratkilometer Regenwald durchschnittlich nur 6 bis 15 Individuen leben. Auch dies hat zur Folge, dass schon wenige Jäger eine gesamte Klammeraffen-Population innerhalb kurzer Zeit vollständig auslöschen können.

 

Regenwaldschutz ist überlebenswichtig

Die meisten Klammeraffen-Arten und -Unterarten werden von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) als gefährdet eingestuft und sind dementsprechend im Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA) in Anhang II aufgeführt. Dies bedeutet, dass der Handel mit lebenden Klammeraffen oder auch Teilen von ihnen zwischen den 102 Unterzeichnerstaaten des Abkommens überwacht wird. Zwei Unterarten des Geoffroy-Klammeraffen (A. g. panamensis und A. g. frontatus) gelten sogar als stark bedroht und werden daher in Anhang I des WA geführt. Sie dürfen überhaupt nicht mehr gehandelt werden. Es sind Bestrebungen im Gang, möglichst bald auch die restlichen Klammeraffen-Arten und -Unterarten in Anhang I des WA aufzunehmen.

Honduras, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, hat zwar das Washingtoner Artenschutzübereinkommen unterzeichnet und hält sich bei seinen Tier-Importen und -Exporten an dessen Bestimmungen. Leider steht der Klammeraffe aber im Land selber nicht unter gesetzlichem Schutz, kann also straflos gejagt werden. Immerhin geniesst er vollständigen Schutz im 3500 Quadratkilometer grossen Rio-Platano-Reservat, das grösstenteils mit dichtem, unberührtem Tropenwald bedeckt ist. Ausserdem kommt der in Honduras beheimatete «Mexikanische Klammeraffe» noch in je zwei Schutzgebieten in Guatemala und Mexiko sowie in einem Nationalpark in El Salvador vor.

Um der raschen Abnahme der Klammeraffenbestände in Lateinamerika entgegenzuwirken, hat der Welt Natur Fonds der Vereinigten Staaten (WWF-US) ein grossangelegtes Klammeraffen-Schutzprogramm gestartet. Es beinhaltet eine ganze Reihe von Feldstudien, durch welche die zum Schutz der Tiere notwendigen Daten erarbeitet werden sollen. Projekte, die der WWF-US seit mindestens 1983 unterstützt und von denen die Klammeraffen profitieren, sind eine Langzeitstudie der Primaten in Belize, eine Untersuchung der Auswirkungen von Regenwaldstörungen in Brasilien, eine Abklärung des Klammeraffen-Bestands in Kolumbien und eine Studie über die Schutzsituation der Klammeraffen in Ecuador. In Peru werden ferner die Faktoren untersucht, welche einen Einfluss auf die Bestandsdichten der Klammeraffen haben. Schon heute ist allerdings klar, dass dem wirksamen Schutz möglichst grosser Regenwaldstücke überragende Bedeutung zukommt. Einzig dadurch ist das Überleben der Affen auf lange Sicht zu gewährleisten.




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