Rotschenkel-Kleideraffe - Pygathrix nemaeus

Schwarzschenkel-Kleideraffe - Pygathrix nigripes

Schopfgibbon - Hylobates concolor


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Kleideraffen und Schopfgibbons gehören mit zu den grossen Verlierern des Vietnamkriegs, denn sie sind in jenen indochinesischen Urwäldern zu Hause, welche im Lauf von fast drei Jahrzehnten durch Bomben und Herbizide auf weiten Flächen völlig vernichtet worden sind. Zu schaffen macht ihnen - besonders in der jüngeren Zeit - auch der Landhunger der anwachsenden menschlichen Bevölkerung Indochinas und die damit verbundenen Waldrodungen. Beide sind deshalb vom Aussterben bedroht.

 

Kleideraffen - besonders farbige Klettertiere

Die Kleideraffen zählen zu den farbigsten Klettertieren der Erde. Die Farbverteilung wirkt, als seien sie mit Jacke, Weste, Kniehosen, Strümpfen und Schuhen bekleidet - daher auch ihr Name. Ihre Heimat ist der Indochinesische Subkontinent östlich des Mekongs.

Im Vergleich zu den nah verwandten Languren sind Kleideraffen recht kräftige Tiere mit langen Schwänzen. Die Männchen unterscheiden sich in ihrer Färbung nicht von den Weibchen, sind aber im allgemeinen etwas grösser als diese.

In der neueren Fachliteratur werden zwei verschiedene Kleideraffen-Arten unterschieden: Der Rotschenkel-Kleideraffe (Pygathrix nemaeus) stammt aus Zentralvietnam und Ostlaos, der Schwarzschenkel-Kleideraffe (Pygathrix nigripes) aus Südvietnam, Südlaos und Ostkambodscha. Während der Rotschenkel-Kleideraffe ein gelbes Gesicht, weisse Unterarme und rotbraune Unterschenkel aufweist, ist beim Schwarzschenkel-Kleideraffen das Gesicht dunkel, die Unterarme sind grau und die Unterschenkel schwarz.

In Vietnam leben die Kleideraffen sowohl im immergrünen Regenwald als auch im saisonal laubabwerfenden Monsunwald. Und selbst im Sekundärwald, wie er in verlassenen Pflanzungen aufkommt, scheinen sich die Tiere wohlzufühlen.

Die Gruppengrösse beträgt im allgemeinen weniger als zwölf Tiere. Möglicherweise sind aber die heutigen kleinen Kleideraffen-Trupps kein ursprüngliches Merkmal dieser Tierart, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Bejagung und Lebensraumvernichtung. Berichte aus den dreissiger Jahren nennen jedenfalls Gruppengrössen von 40 bis 50 Tieren.


Die Männchen sind liebevolle Väter

Wie die meisten Affen sind die Kleideraffen vor allem am frühen Morgen und am späten Nachmittag rege. In ungestörter Situation bewegen sie sich recht lärmig durch das Kronendach des Waldes. Bei Gefahr können sie aber auch völlig geräuschlos das Weite suchen; sie «zerschmelzen» dann förmlich im grünen Laubwerk der Urwaldbäume. Abgewetzte, laubfreie Äste zeugen davon, dass sie innerhalb ihres Wohngebiets immer wieder dieselben Routen im Kronendach benützen.

Auf ihren Fresswanderungen verteilen sich die Gruppenmitglieder in der Regel auf mehrere Baumkronen. Selten halten sich mehr als zwei bis drei Tiere auf demselben Baum auf. Ihre Nahrung setzt sich zur Hauptsache aus jungen Blättern der unterschiedlichsten Baumarten zusammen. Daneben fressen sie aber auch allerlei Früchte. Dabei pflegen die farbigen Affen einen recht verschwenderischen Fressstil: Grosse Mengen Nahrung fallen jeweils auf den Urwaldboden hinunter, wo sie dann bodenlebenden Vegetariern wie Hirschen oder Wildschweinen zugute kommen.

Kleideraffen zanken sich nie um Futter, wie dies etwa bei Makaken regelmässig zu beobachten ist. Tatsächlich kommt es vor, dass zwei Gruppenmitglieder friedlich beieinander sitzen und von ein und demselben Zweig Blätter zu sich nehmen. Solche «Grosszügigkeit» ist bei Altweltaffen selten.

Zwischen den Fresswanderungen schalten die Kleideraffen längere Ruhephasen ein: Entspannt sitzen sie auf einem Ast, verdauen ihre voluminöse Nahrung und widmen sich der Fellpflege. Diese Pausen nutzen die jüngeren Tiere gerne dazu, mit ihren Altersgenossen spielerisch im Geäst umherzutollen.

Innerhalb der Kleideraffen-Gruppen sind die erwachsenen Männchen für die Sicherheit und das Wohlergehen der Gruppe verantwortlich. Bei Gefahr geben sie laute Belltöne von sich und springen lärmend in den Baumkronen umher. Durch dieses auffällige Verhalten lenken sie die Aufmerksamkeit des Feindes - sei es nun ein Leopard oder ein Mensch - auf sich und verschaffen dadurch den Weibchen und den Jungtieren die Gelegenheit, sich unbemerkt zurückzuziehen. Erst wenn der Rest der Gruppe ausser Gefahr ist, brechen die Männchen den Tumult ab und bringen sich selbst in Sicherheit.

Aus der Haltung von Kleideraffen in Zoologischen Gärten ist im übrigen bekannt, dass die Kleideraffen-Männchen gute Väter sind. Sie beschützen jeweils «ihr» trächtiges Weibchen, schlafen in seiner Nähe und kümmern sich auch nach der Geburt noch etwa ein Jahr lang um Mutter und Kind.

 

Schopfgibbons - Waldbewohner mit Backenbart

Wie die Kleideraffen ist auch der Schopfgibbon (Hylobates concolor) ein ausschliesslicher Waldbewohner. Und wie jene kommt auch er nur östlich des Mekongs vor. Westlich dieser natürlichen Verbreitungsgrenze leben seine beiden Vettern, der Kappengibbon (Hylobates pileatus) und der Weisshandgibbon (Hylobates lar). Eine Unterart des Schopfgibbons, Hylobates concolor hainanus, kommt ferner auf der Insel Hainan vor.

Je nach Alter und Geschlecht variiert die Fellfärbung des Schopfgibbons deutlich: Neugeborene beiderlei Geschlechts zeigen vorerst eine weissliche Fellfärbung. Schon bald wechselt diese zu grau, später zu schwarz. Beim Eintreten der Geschlechtsreife bleiben die Männchen schwarz; die Weibchen hingegen bekommen - von einem dunklen Fleck auf dem Scheitel abgesehen - ein beigefarbenes Fell.

Der deutsche Name «Langarmaffe» deutet auf das wohl auffälligste Körpermerkmal der Gibbons hin: Die dünnen Arme sind von ausserordentlicher Länge und reichen bei aufrechter Haltung der Tiere bis zum Boden. Sie dienen der charakteristischen Fortbewegung dieser Urwaldbewohner: Gibbons sind hochspezialisierte Hangler und Schwingkletterer und gelten als die vollendetsten Akrobaten, die es unter den Affen je gegeben hat. Auf der Erde hingegen sind sie sehr ungeschickt; ihr wahres und einziges Lebenselement sind die Baumkronen des tropischen Regenwalds.

Gibbons ernähren sich zu etwa zwei Dritteln von Früchten. Der Rest ihrer Nahrung besteht aus jungen Blättern, Blüten und auch Insekten.

 

Schopfgibbons singen im Duett

Wie alle Gibbons leben Schopfgibbons in monogamen Familiengruppen - in Gruppen aus einem erwachsenen Paar und seinen Nachkommen also. Jede Familiengruppe beansprucht ein Waldstück von 30 bis 40 Hektar Fläche zur alleinigen Benützung. Dieses Territorium ist so bemessen, dass die Familie das ganze Jahr über genügend Nahrung darin findet. Fast täglich geben die Tiere in der Morgendämmerung ihre Anwesenheit durch lautes Singen bekannt. Sie machen damit ihren Besitzanspruch geltend und warnen andere Gibbons davor, hier einzudringen. Männchen und Weibchen singen gemeinsam nach einem festen Muster. Diese morgendlichen Duette sind mitunter als «die schönste Musik der asiatischen Regenwälder» bezeichnet worden.

Ein Gibbonweibchen bringt alle zwei bis drei Jahre ein einzelnes Junges zur Welt. Im Alter von fünf bis sechs Jahren erreichen die Jungen die Geschlechtsreife und lösen sich dann von den Eltern. Eine Gibbongruppe besteht daher immer nur aus vier bis fünf Tieren.

Die Ablösung der Jungtiere von der elterlichen Gruppe erfolgt ziemlich unvermittelt: Zuerst halten sie sich mehr und mehr Zeit abseits der Gruppe an den Grenzen des elterlichen Territoriums auf. Eines schönen Tages verlassen die jungen Männchen dann dieses und begeben sich auf die Suche nach einem unbesetzten Waldstück. Sobald sie ein solches gefunden haben, lassen sie sich nieder und beginnen eifrig zu singen. Durch solche Solo-Gesänge werden dann junge Weibchen aus der näheren Umgebung angelockt, von denen sich früher oder später eines dem Männchen anschliesst.

Oft versuchen junge Männchen, sich im «Niemandsland» zwischen den Territorien sesshafter Gruppen niederzulassen. Darauf reagieren die Territoriumsbesitzer dadurch, dass sie am betreffenden Ort laute Duettgesänge vernehmen lassen, um den unerwünschten Fremdling «einzuschüchtern». Auch die Jungtiere rufen lauthals mit. So zeigen die sesshaften Familiengruppen ihre Entschlossenheit, auch den kleinsten Teil ihres Eigenbezirks zu verteidigen. Zieht sich das junge Männchen daraufhin nicht zurück, so folgen - nach einigen Tagen des Singens hüben und drüben - in der Regel Handgreiflichkeiten: Besonders das Männchen der ansässigen Gruppe versucht in atemberaubenden Verfolgungsjagden durch das Kronendach des Walds, den Eindringling aus dem fraglichen Waldstück zu vertreiben. Räumt der Fremdling auch nach mehreren solchen Attacken das Feld nicht, so legt die ansässige Familie schliesslich den Konflikt bei und überlässt ihm notgedrungen die paar Bäume, die er besetzt hält. Diese bilden den Kern des zukünftigen Territoriums des Neuankömmlings.

 

Nur noch ein Fünftel der vietnamesischen Wälder sind übrig

Vietnam war ursprünglich vollständig mit tropischen Wäldern bedeckt gewesen. 1943 waren bereits nur noch 44 Prozent des Landes bewaldet, und während der nächsten 40 Jahre wurde diese Fläche nochmals um die Hälfte verringert. Zum Teil sind die Wälder dem Landhunger der anwachsenden menschlichen Bevölkerung zum Opfer gefallen und in landwirtschaftliche Nutzflächen sowie in Bau- und Brennholz umgewandelt worden. Hierin unterscheidet sich Vietnam in keiner Weise von den anderen asiatischen Ländern.

Unvergleichlich schlimmer hat sich aber auf die Wälder der Vietnamkrieg ausgewirkt, welcher rund dreissig Jahre lang dauerte und durch den die Natur mehr Schaden nahm, als dies jemals zuvor an einem anderen Ort der Erde der Fall gewesen war. Millionen Liter Pflanzenvertilgungsmittel wurden zur Entlaubung über Wälder versprüht, in denen Verstecke des Vietcongs vermutet wurden. Riesige Gebiete wurden mit Bulldozzern von jeglichem Pflanzenwuchs befreit, um dem Feind Deckungsmöglichkeiten zu nehmen. Ausserdem gerieten viele Quadratkilometer bewaldeter Fläche durch Napalmbomben in Brand und verwandelten sich in Schutt und Asche. Die Auswirkungen des Vietnamkriegs auf die lokale Tier- und Pflanzenwelt waren verheerend.

Der Krieg verursachte darüberhinaus einen Zusammenbruch mancher traditioneller und religiöser Tabus in der notleidenden Bevölkerung Vietnams. So wurden nun selbst Affen für die Fleischversorgung gejagt. Dies konnten auch die Gesetze der Regierung nicht verhindern, welche seit 1963 die Jagd auf Gibbons, Languren und Makaken verbieten. Leider hapert es noch heute, nachdem im Land endlich Ruhe eingekehrt ist, am Vollzug dieser Gesetze. Obschon Kleideraffen und Schopfgibbons ausserordentlich selten geworden sind, werden beide regelmässig in den Strassenmärkten zum Kauf angeboten.

Forstwirtschaftlichen Karten zufolge haben Kleideraffen und Schopfgibbons mindestens 75 Prozent ihrer ursprünglichen Waldheimat verloren. Optimistischen Schätzungen zufolge leben innerhalb sämtlicher Naturschutzgebiete Indochinas höchstens noch 9000 Kleideraffen und 16 000 Schopfgibbons. Manche dieser Schutzgebiete existieren allerdings nur auf dem Papier, so dass auch diese letzten Restbestände weiterhin abnehmen dürften.

In Vietnam leben Kleideraffen im Nam-Cat-Tien- und im Kong-Kai-Kinh-Reservat sowie im Cuc-Phuong-Nationalpark, der 1962 - auf dem Höhepunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen - vom damaligen Präsidenten Ho Chi Minh begründet worden war.

 

Trotzdem Hoffnung für Vietnams Waldbewohner

Die Regierung Vietnams ist sich der grossen Umweltprobleme ihres Landes durchaus bewusst. Sie hat darum ein Komitee zur vernünftigen Nutzung der natürlichen Ressourcen und zum Schutz der natürlichen Umwelt eingesetzt. 1985 hat dieses Komitee der Regierung eine nationale Umweltschutz-Strategie vorgelegt, welche in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) erarbeitet worden war. Und bereits hat die Regierung mit der Umsetzung von Empfehlungen begonnen. So hat sie beispielsweise 1986 mit Laos und Kambodscha ein Übereinkommen unterzeichnet, welches Schutzmassnahmen für den seltenen Kouprey sowie die Wasservogelwelt im Grenzbereich zwischen den drei Ländern festlegt.

Der Schutzplan sieht auch ein Netz von Schutzgebieten vor, durch welches die gesamte Vielfalt von Lebensräumen und Wildtieren in Vietnam erhalten werden soll. Dieses Schutzgebiets-System dürfte nicht zuletzt den dreizehn zum Teil stark bedrohten Affenarten Vietnams das Überleben auf lange Sicht gewährleisten - unter ihnen etwa die Tonkinstumpfnase (Rhinopithecus avunculus), der Kleine Plumplori (Nycticebus pygmaeus) und natürlich die beiden attraktiven Kleideraffen und der melodiöse Schopfgibbon.




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