Klunkerkranich

Bugeranus carunculatus


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Klunkerkranich (Bugeranus carunculatus) gehört innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) zur Ordnung der Kranichvögel (Gruiformes), und da zur Familie der Kraniche (Gruidae). Insgesamt werden 15 Kranicharten unterschieden. Mit Ausnahme von Südamerika und der Antarktis sind sie über alle Kontinente der Erde verbreitet. Für den Nichtkenner mögen die langbeinigen und langhalsigen Kraniche auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit mit den Störchen und Reihern aufweisen. Sie haben aber mit diesen Vertretern der Stelzvögel (Ordnung Ciconiiformes) verwandtschaftlich nichts zu tun.

In Afrika kommen fünf verschiedene Kranicharten vor. Allerdings brüten nur vier von ihnen auf dem Schwarzen Kontinent, nämlich der Klunkerkranich, der Paradieskranich (Anthropoides paradisea), der Nördliche Kronenkranich (Balearica pavonina) und der Südliche Kronenkranich (Balearica regulorum). Die fünfte Art, der Jungfernkranich (Anthropoides virgo), ist ein Zugvogel, der sich nur saisonal in Afrika aufhält und in den nördlichen Zonen Eurasiens brütet.

Die Familie der Kraniche gehört zu den ältesten Vogelgruppen der Welt. Sie scheint sich bereits vor 40 bis 60 Millionen Jahren entwickelt zu haben. Die Kraniche sind also schon sehr viel länger auf diesem Planeten zuhause als der Mensch. Heute zählen die Kraniche, welche in vielen Kulturen als Sinnbilder eines langen Lebens gelten, leider zu den meistbedrohten Vogelfamilien der Erde. Die Zerstörung ihres Lebensraums sowie die Bejagung durch den Menschen sind die Hauptursachen des stetigen Rückgangs vieler Kranichbestände. In neuerer Zeit ist es durch intensive Schutzanstrengungen immerhin gelungen, einige Kranichpopulationen in ihrem Bestand zu erhalten oder gar zu vermehren. Der Klunkerkranich befindet sich aber leider nicht unter ihnen.

 

Kennzeichen: zwei weiss befiederte Lappen

Mit einer Standhöhe von 1,5 Metern gehört der Klunkerkranich zu den grösseren Kranicharten. Wie bei den anderen Kranichen wird sein kurzer Schwanz durch die stark verlängerten inneren Armschwingen überragt, was ihm - zusammen mit seinem langen Hals und den langen Beinen - ein elegantes Aussehen verleiht. Kennzeichnend für den Klunkerkranich sind seine zwei weiss befiederten Lappen, die an beiden Seiten seiner Kehle herunterhängen.

Männchen und Weibchen des Klunkerkranichs unterscheiden sich kaum voneinander. Einzig die nackten Hautstellen am Kopf sind beim Männchen stärker rot gefärbt als beim Weibchen. Jungvögel weisen kleinere Lappen auf als die erwachsenen Vögel, und ihr Scheitel ist im Gegensatz zu dem der Altvögel nicht grau, sondern weiss.

 

Der wachsame Kranich

Der Klunkerkranich ist in Äthiopien einerseits und im zentralen und südlichen Afrika südlich des fünften Breitengrads andererseits beheimatet. Die beiden Populationen befinden sich mehr als 1000 Kilometer voneinander entfernt und haben keine Verbindung zueinander. Über den gegenwärtigen Gesamtbestand des Klunkerkranichs ist nichts Genaues bekannt. Er dürfte aber schätzungsweise zwischen 6000 und 7500 Tieren liegen.

Die grössten Einzelbestände finden sich in sechs grossen afrikanischen Feuchtgebieten: den Kafue-Niederungen, dem Bangweulu-Sumpf, der Liuwa-Ebene und den Busanga-Flächen in Sambia sowie dem Okavango-Delta und der Makgadikgadi-Pfanne in Botswana. Kleinere Bestände leben im südlichen Zaire, im südwestlichen Tansania, in Mosambik, in Malawi, in Simbabwe, im östlichen Südafrika, im nördlichen Namibia und im südlichen Angola. Einige wenige Paare, welche in den Hochländern des westlichen Swasilands beheimatet waren, sind in jüngerer Zeit ausgestorben. Der Klunkerkranich ist im übrigen auf alten ägyptischen Bildern dargestellt, dürfte also früher auch in Ägypten vorgekommen sein.

Innerhalb seines Verbreitungsgebiets hält sich der Klunkerkranich vorwiegend in kühleren Regionen, oftmals auf Hochplateaus, auf. Hier bewohnt er offenes, feuchtes Gelände - ausgedehnte Sumpfgebiete, nasse Grasländer, Verlandungszonen von Seen und Überschwemmungsgebiete.

Der Klunkerkranich ist ein hauptsächlich pflanzeneessender Vogel. Gerne stochert er mit seinem langen Schnabel im Boden nach Wurzeln und Knollen von Zypergräsern und anderen Sumpfpflanzen. Neben pflanzlichen Stoffen aller Art nimmt er aber auch kleinere Tiere wie Würmer, Schnecken und Heuschrecken zu sich. Und gelegentlich verzehrt er sogar Frösche, Kriechtiere, Fische und Mäuse.

Er ist ein sehr scheuer und aufmerksamer Vogel. Ein Mensch in einer Entfernung von 400 bis 500 Metern kann ihn bereits zur Flucht veranlassen. Der Sage nach schützt sich der Klunkerkranich tagsüber oft dadurch vor dem Einschlafen, dass er mit seinem Fuss einen Stein ergreift und dann sein Bein anwinkelt. Sollte er in dieser Stellung eindösen, so würde ihn der zu Boden fallende Stein sofort wieder aufwecken. «Der wachsame Kranich» ist im afrikanischen Kunsthandwerk ein oft dargestelltes Motiv.

In weiten Teilen seines Verbreitungsgebiets ist der Klunkerkranich ein recht bekannter Vogel und hat manchen Lokalnamen erhalten. So heisst er etwa in der Xhosa-Sprache i-gwampi, in der Sotho-Sprache mothalampo und auf Sambisch makalanga.

 

Kranich-Tänze

Im Vergleich zu anderen Kranicharten ist der Klunkerkranich ein sehr stiller Vogel. Nur selten äussert er ein gänseartiges Kronk. Wie alle Kraniche aber führt der Klunkerkranich spektakuläre «Tänze» auf. Dabei springen die Tiere wiederholt mit halbgeöffneten Flügeln in die Luft, laufen in Schleifen umeinander herum, sperren ihre Schnäbel weit auf und verbeugen sich voreinander. Früher hielt man diese Tänze für ausgesprochene Balzspiele. Später stellte man jedoch fest, dass sie zu allen Jahreszeiten vorkommen. Die Kranichtänze scheinen daher nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit der Fortpflanzung zu stehen, sondern eher ein Ausdruck der Lebensfreude zu sein und der Stärkung des Paarbundes zu dienen.

Klunkerkraniche brüten im allgemeinen zwischen Mai und August. Das Nest ist kein besonders kunstvolles Gebilde, sondern ein umfangreicher Haufen aus Schilfhalmen und anderen trockenen Pflanzenteilen, welche das Kranichpaar zu einer mehr oder weniger festen Unterlage zusammentritt. Es wird in der Regel an einer gut geschützten Stelle im seichten Wasser angelegt. In seltenen Fällen bauen die Klunkerkraniche ihr Nest aber auch auf einem Baum.

In die flache Mulde des Nests legt das Weibchen ein bis zwei Eier. Auch aus Zweiergelegen kommt aber meistens nur ein Junges hoch. Die Brutzeit beträgt 31 bis 40 Tage. Die jungen Kraniche unternehmen mit 15 bis 18 Wochen ihre ersten Flugversuche und können mit 21 Wochen richtig fliegen. Die Geschlechtsreife erreichen sie mit 4 bis 5 Jahren, und sie können mehrere Jahrzehnte alt werden.

Erwachsene Klunkerkraniche leben das ganze Jahr über in Paaren zusammen. Sie werden oft noch von einem weniger als ein Jahr alten Jungen begleitet. Man trifft deshalb Klunkerkraniche oft zu zweit oder zu dritt an.

Kranichstudien in Südafrika haben gezeigt, dass dort Klunkerkranich-Paare meistens sesshaft sind, während sich unverpaarte Vögel zu Schwärmen vereinigen, welche weit umher ziehen und dabei auch Gebiete nutzen, welche als Lebensraum für Brutvögel ungeeignet sind. Oft schliessen sich diesen «heimatlosen» Schwärmen noch Südliche Kronenkraniche und Paradieskraniche an.

Klunkerkranich-Schwärme werden auch in anderen Regionen Afrikas angetroffen, doch ist nicht bekannt, ob es sich dabei ebenfalls um reine Junggesellengruppen handelt. Es ist anzunehmen, dass sich in jenen Gebieten, in denen grössere Feuchtgebiete saisonal austrocknen, auch Brutpaare den Schwärmen anschliessen.

 

Einmal mehr: Lebensraumverlust

Der Klunkerkranich zählt heute zu den meistbedrohten afrikanischen Kranichen. Vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) wird er als «Art, deren Situation mit besonderer Besorgnis verfolgt wird», eingestuft. Zur misslichen Lage des eleganten Vogels hat ein ganzer Katalog von Faktoren beigetragen. Hauptursache für den Rückgang der Bestände ist aber - wie in vielen anderen Fällen - die Zerstörung und Veränderung seines Lebensraums.

Viele Feuchtgebiete, in denen der Klunkerkranich früher beheimatet gewesen ist, sind zu Stauseen umgewandelt worden. Zu nennen sind etwa der Kariba-Stausee zwischen Sambia und Simbabwe, der Cabora-Bassa-Stausee in Mosambik und das Itezhitezhi-Staubecken am westlichen Rand der Kafue-Niederungen in Sambia. Neuerdings ist auch im Bangweulu-Sumpf in Sambia ein riesiger Stausee geplant, durch welchen mindestens die Hälfte dieser einzigartigen Sumpflandschaft - und damit der Lebensraum einer ungemein reichen Tier- und Pflanzenwelt - unter Wasser gesetzt werden soll.

Mancherorts sind weite Sumpfgebiete trockengelegt worden, um dadurch Anbauflächen für die Land- und Forstwirtschaft sowie Siedlungsraum für die anwachsende afrikanische Bevölkerung zu schaffen. So dürften beispielsweise grossflächige Aufforstungsprojekte auf dem Zomba- und auf dem Viphya-Plateau in Malawi zum Verschwinden der lokalen Klunkerkranichbestände geführt haben. Auch im Mashonaland in Simbabwe hat die Umwandlung von Feuchtgebieten in landwirtschaftliche Nutzflächen den Lebensraum des Klunkerkranichs stark eingeengt.

Im Okavango-Delta, einem wichtigen Rückzugsgebiet des Klunkerkranichs, wird mit riesigem chemischem Aufwand versucht, die Tsetse-Fliege auszurotten, weil sie die Schlafkrankheit beziehungsweise die Nagana auf Mensch und Tier überträgt. Es ist zu befürchten, dass zum einen durch den Grosseinsatz von Pestiziden das ganze ökologische Gleichgewicht des Deltas aus den Fugen gerät und dass zum anderen - sollte die Tsetse-Fliege tatsächlich ausgerottet werden - eine regelrechte Invasion von Menschen und Rindern in das fruchtbare Delta droht.

Auch die direkte Bejagung des Klunkerkranichs durch den Menschen für den Verzehr trägt zum Rückgang der Art bei. So nehmen etwa in den Liuwa-Sümpfen in Sambia die ansässigen Fischer noch immer Eier und Jungvögel aus den Klunkerkranichnestern, obschon das Gebiet unter Schutz gestellt worden ist. Und im südafrikanischen Transvaal wird der Abschuss der hochbeinigen Vögel sogar als Hauptursache für den massiven Schwund der Bestände angesehen.

 

Schutzmassnahmen

Wie vielen anderen bedrohten Tierarten kann auch dem stark bedrängten Klunkerkranich praktisch nur durch den Schutz seines Lebensraums geholfen werden. Tatsächlich gibt es heute schon eine ganze Reihe von Schutzgebieten in Zaire, Sambia, Mosambik, Simbabwe, Südafrika, Angola und Malawi, in denen der grosse Vogel ein gesichertes Zuhause gefunden hat.

In Südafrika, wo die Art unter gesetzlichem Schutz steht, hat sich eine «Gruppe zum Schutz des Klunkerkranichs» gebildet, welche sich aus Vertretern verschiedener Naturschutzorganisationen zusammensetzt. Sie hat ein Massnahmenpaket ausgearbeitet, durch welches sie in Zusammenarbeit mit den südafrikanischen Farmern die Erhaltung der Art im Land zu erreichen sucht. Unter anderem ist die Wiedereinbürgerung des Klunkerkranichs in Gebieten geplant, in denen er früher vorkam. Und eine Studie, welche Zählungen aus der Luft, Farbmarkierung einzelner Tiere usw. umfasst, soll Antworten auf noch offene Fragen bezüglich der Lebensweise des Vogels geben.

Verschiedene Institutionen - so etwa die Internationale Kranich-Stiftung in Baraboo, Wisconsin (USA) - halten Klunkerkraniche in Gefangenschaft, und mancherorts sind schon Nachzuchten der scheuen Vögel gelungen. Der Zoo von New York führt ein aufwendiges Zuchtprogramm mit fünf Klunkerkranichpaaren durch, welches auch das Ausbrüten von Eiern im Brutkasten und die künstliche Aufzucht der Jungen umfasst. Sollte dem Programm Erfolg beschieden sein, so könnten möglicherweise später einige der Tiere in ihrer ursprünglichen Heimat ausgewildert werden. Von grösster Bedeutung sind aber nach wie vor die gemeinsamen Anstrengungen internationaler Umweltorganisationen zur Erhaltung weiterer Lebensräume des Klunkerkranichs, damit i-gwampi auch in ferner Zukunft noch in den Feuchtgebieten Afrikas umherzuschreiten vermag.




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