Köcherbaum

Aloe dichotoma


© 1983 Markus Kappeler
(erschienen im WWF-Kalender 1984)



Der Köcherbaum (Aloe dichotoma) ist eine Charakterpflanze der Wüsten und Halbwüsten Namibias, des ehemaligen Südwestafrikas. Bis zu zehn Meter hoch und über einen Meter dick wird der massige Baum mit seinem kandelaberartigen Aussehen. «Köcherbaum» heißt dieser Vertreter aus der Familie der Liliengewächse, weil die Buschmänner- die Ureinwohner der Trockengebiete im südlichen Afrika - seine Äste aushöhlen und als Behälter für ihre Jagdpfeile benützen.

Einzelstehende Köcherbäume trifft man in ganz Namibia an. Aber nur bei Keetmanshoop, am Rand der Kalahari-Wüste, treten sie zu einem größeren, dichteren Bestand zusammen. Zwar verdient er kaum den Namen «Wald», aber immerhin sind in dieser Gegend über eine eindrucksvolle Felstrümmer-Landschaft Zehntausende der urweltlich aussehenden Bäume verstreut.

Köcherbäume sind Überlebenskünstler. Sie gehören zu jenen bizarren Lebewesen, die sich als Wohnstätte ausgerechnet das lebensfeindliche Extrembiotop «Wüste» ausgesucht haben. Hier kann nur überleben, wer spezielle Fähigkeiten zur Bewältigung der scheinbar unerträglichen Wasserknappheit entwickelt hat. «Sukkulenz» (von lat. «succus» = Saft) heißt ein mögliches Überlebensprinzip, «Sukkulenten» oder «Fettpflanzen» diejenigen Gewächse, die sich dieses Prinzips bedienen. Zu ihnen gehört auch der Koecherbaum. Seine dicken, fleischigen Blätter und sein voluminöser Stamm sind mit einem speziellen, wasserspeichernden Zellgewebe ausgestattet, das dem Baum in Trockenzeiten als lebenswichtiges Reservoir dient. Während der kurzen jährlichen Regenperioden sammelt und speichert die Pflanze innert kürzester Zeit soviel Wasser in diesem Spezialgewebe, daß sie auch die längsten Dürren schadlos überdauern kann. Im weiteren sind die Blätter des Köcherbaums mit einer dicken, wasserundurchlässigen Oberhaut versehen und besitzen vollständig verschließbare Blattporen. Diese zusätzlichen Einrichtungen tragen dazu bei, den Wasserverlust der Pflanze durch Verdunstung auf ein Minimum zu reduzieren.

«Die Wüste lebt» betitelte Walt Disney treffend seinen berühmten Naturfilm. Tatsächlich gibt es in der Tier- und Pflanzenwelt eine erstaunlich große Zahl von Geschöpfen, die zu hoch spezialisierten Wüstenbewohnern geworden sind. Sie alle haben das Problem der Wasserknappheit auf die eine oder andere - oft geniale - Weise gelöst und sich so perfekt an ihren unwirtlichen Lebensraum angepaßt. Sie alle sind markante Beispiele für die wundervolle, unfaßbare Formenvielfalt des Lebens auf unserem Planeten. Der Köcherbaum ist eines davon.




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