Köhlerschildkröte - Geochelone carbonaria

Arrauschildkröte - Podocnemis expansa


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die rund 250 heute auf der Erde heimischen Schildkrötenarten haben im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte zwei verschiedene Methoden entwickelt, um bei Gefahr den Kopf unter ihrem Panzer in Sicherheit zu bringen, und werden demgemäss von den Wissenschaftlern zwei verschiedenen Sippen zugeordnet: den Halsberger-Schildkröten (Cryptodira) einerseits und den Halswender-Schildkröten (Pleurodira) andererseits. Selbstverständlich ist das Halsbergen bzw. Halswenden längst nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden Sippen. Es ist aber ein besonders augenfälliges Kennzeichen dafür, dass sich die Ordnung der Schildkröten vor vielen Jahrmillionen in zwei separate Entwicklungslinien aufgetrennt hat, die in der Folge auf diverse ökologische Aufgaben unterschiedliche Antworten fanden.

Etwa drei Viertel aller Schildkröten gehören der Sippe der Halsberger-Schildkröten an. Sie schützen ihren Kopf bei Gefahr, indem sie ihn mittels einer vertikalen S-förmigen Krümmung der Halswirbelsäule geradlinig in ihren Panzer zurückziehen. Die meisten von uns kennen dieses Verhalten gut, denn praktisch alle Schildkröten, die bei uns als Heimtiere gehalten werden - darunter die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni) und die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Pseudemys scripta elegans) - sind Halsberger-Schildkröten.

Der Sippe der Halswender-Schildkröten gehört nur ungefähr ein Viertel der Schildkröten an. Diese sind uns im allgemeinen kaum vertraut. Am ehesten kennt man vielleicht noch die Fransenschildkröte (Chelus fimbriatus), eine süsswasserbewohnende Art, die mit ihren zottigen Hautlappen sicherlich zu den absonderlichsten Gestalten unter den Schildkröten zählt und daher häufig in Tiergärten zu sehen ist. Die Halswender-Schildkröten vermögen ihren Kopf nicht oder zumindest nur unvollständig unter den Panzer zurückzuziehen. Zum Schutz schlagen sie ihn daher mit einer Seitwärtsbewegung des Halses in die vordere Panzeröffnung ein.

Die Köhlerschildkröte (Geochelone carbonaria) ist eine von mehreren Halsberger-Schildkröten, die Arrauschildkröte (Podocnemis expansa) eine von mehreren Halswender-Schildkröten, welche in Venezuela zu Hause sind. Von diesen beiden Arten soll auf diesen Seiten die Rede sein. Dabei wird sich zeigen, dass sie sich innerhalb des «Schildkrötenspektrums» nicht nur hinsichtlich ihres Körperbaus und ihrer verwandtschaftlichen Zugehörigkeit, sondern auch bezüglich ihrer Lebensweise und ihrer ökologischen Verflechtungen gewissermassen diametral gegenüberstehen.

 

In Südamerika zu Hause

Die Köhlerschildkröte ist eine landbewohnende Art. Erwachsene Tiere weisen eine durchschnittliche Panzerlänge von etwa 30 Zentimetern auf; das Maximum liegt bei etwas mehr als 40 Zentimetern. Der Panzer ist hoch aufgewölbt und hat bei älteren Tieren von oben gesehen eine etwas rechteckige Form mit deutlicher «Taille».

Das Verbreitungsgebiet der Köhlerschildkröte ist recht gross und erstreckt sich vom südlichen Panama bis zum nördlichen Argentinien durch das ganze nördliche und zentrale Südamerika. Innerhalb dieses weiten Areals findet man die Köhlerschildkröte hauptsächlich in den tieferen Lagen, wo sie vorzugsweise trockenere Lebensräume wie laubabwerfende Wälder und Grasländer bewohnt. Sie ernährt sich zur Hauptsache von pflanzlichen Stoffen, besonders Blättern, Blüten, Früchten und Pilzen, verschmäht aber auch totes tierliches Material nicht, wenn sie solches findet.

Die Arrauschildkröte ist deutlich grösser als die Köhlerschildkröte: Erwachsene Weibchen erreichen eine Panzerlänge von gewöhnlich 60 bis 70 Zentimetern und ein Gewicht von etwa 25 Kilogramm. Besonders grosse Individuen können sogar bis zu einem Meter lang und bis zu 50 Kilogramm schwer werden. Die Männchen sind durchwegs kleiner als die Weibchen. Ferner ist ihr Panzer zwar ebenso flach und breit wie jener der Weibchen, hat jedoch von oben gesehen eine fast kreisrunde Form, während der Panzer der Weibchen in der hinteren Hälfte breiter ist als in der vorderen.

Im Gegensatz zur Köhlerschildkröte ist die Arrauschildkröte eine wasserlebende Art. Ihre Heimat sind die weitverzweigten Flusssysteme des Amazonas und des Orinokos. Während der Trockenzeit hält sich die Arrauschildkröte vorwiegend in den Hauptwasserläufen auf und widmet sich dann der Fortpflanzung. Während der Regenzeit verlässt sie die stark fliessenden Wasserläufe und bewohnt überflutete Wälder und andere saisonale Gewässer. Dort hat sie Zugang zu einer grossen Vielfalt ins Wasser fallender Früchte, ihrer Lieblingsspeise, und widmet sich vornehmlich der Ernährung.

 

Von Kleingelegen und Massengelegen

Die Fortpflanzungszeit fällt bei der Köhlerschildkröte gewöhnlich mit dem Beginn der Regenzeit zusammen. Es ist eine sehr aufregende Periode für die beteiligten Tiere: Die Männchen sind eifrig damit beschäftigt, ihre Rivalen im Wettstreit um die paarungswilligen Weibchen in Schach zu halten, und die Weibchen werden nach der Begattung von der Suche nach geeigneten Eiablagestellen, dem Ausheben von Eikammern und dem Ablegen der Eier stark in Anspruch genommen.

Die Eizahl je Weibchen und Jahr ist bei der Köhlerschildkröte recht bescheiden und beträgt höchstens 15 Eier, welche zudem auf mehrere Gelege verteilt werden. Für jedes Gelege gräbt das Weibchen eine separate Nestmulde in den Erdboden, legt die Eier hinein und scharrt die ausgehobene Erde dann sorgsam wieder zurück.

Die Gelege bleiben in der Folge sich selbst überlassen, geniessen also keinen elterlichen Schutz. Man nimmt darum an, dass das Anlegen mehrerer örtlich getrennter Eikammern dazu dient, die Verluste durch Nestplünderer möglichst gering zu halten. Findet nämlich ein Eiräuber eines der «Kleingelege», so wird nicht gleich die ganze Jahresproduktion des betreffenden Weibchens zerstört.

Die Arrauschildkröte hat sich zum Schutz ihrer Eier eine völlig andere Strategie zugelegt: Sämtliche Weibchen einer lokalen Population legen ihre Eier in riesigen «Gemeinschaftsgelegen» ab und «überschwemmen» dadurch etwaige Nesträuber förmlich mit Eiern. So kommt jeweils höchstens ein unbedeutend kleiner Teil davon zu Schaden.

Wenn die saisonal überfluteten Gebiete zu Beginn der niederschlagsarmen Jahreszeit allmählich austrocknen, ziehen sich die Arrauschildkröten in die grösseren Wasserläufe zurück und wandern dort flussaufwärts oder -abwärts zu ihren angestammten Niststätten. Dabei handelt es sich teils um Sandbänke in der Flussmitte, teils um Sandstrände entlang der Flussufer. Selbst heute, da viele Bestände der Arrauschildkröte stark geschwächt sind, kommen an solchen traditionellen Niststellen oft viele tausend Tiere zusammen.

Spät in der Nacht findet jeweils das Ablegen der Eier statt. Die Weibchen tauchen langsam aus dem Wasser auf und betreten den Niststrand sehr vorsichtig. Auf die geringste Beunruhigung reagieren sie mit sofortiger Flucht zurück ins nasse Element. Weil der Sand an den ausgewählten Sandstränden gewöhnlich besonders fein und trocken ist, gestaltet sich das Ausheben der Nistgrube sehr mühsam. Jedes Weibchen legt schliesslich etwa 80 bis 90 Eier; bei älteren Individuen sind es eher mehr, bei jüngeren eher weniger. Das vollständige Gelege wird rasch zugescharrt, und danach begibt sich das Weibchen wieder für ein ganzes Jahr ins Wasser.

Unzählige, gut versteckte «Kleingelege» bei der Köhlerschildkröte, ausgedehnte «Massengelege» bei der Arrauschildkröte - mit beiden, sehr unterschiedlichen Strategien erreichen die Tiere offensichtlich ihr Ziel, die Produktion einer genügend grossen Anzahl Nachkommen, denn sonst hätten sie sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte nicht herauszubilden vermocht. Ungünstig scheint sich dagegen für beide Arten das «Mittelmass» erwiesen zu haben.

 

Köhlerschildkröte: Gefahr durch den Heimtierhandel

Schildkröten bilden an vielen Orten der Erde einfach zu fangende und überdies schmackhafte Eiweisslieferanten des Menschen, sei dies etwa im bergigen Hinterland Südostasiens, in den Halbwüsten des südlichen Afrikas oder in den ländlichen Bereichen der Balkanhalbinsel. Die Köhlerschildkröte ist davon nicht ausgenommen: In den meisten Bereichen ihres südamerikanischen Verbreitungsgebiets bildet ihr Fleisch eine willkommene Bereicherung der menschlichen Kost. Obschon der Fang der Köhlerschildkröte zu Ernährungszwecken lokale Bestände sicherlich zu schwächen vermag, dürfte er für sich allein kaum je eine ernsthafte Gefahr für das Überleben der Tiere dargestellt haben, da er nirgendwo und zu keiner Zeit sehr gezielt durchgeführt wurde. Seit aber in jüngerer Zeit zwei weitere Schadfaktoren hinzugekommen sind, muss doch ein ernstlicher Rückgang der Köhlerschildkröte hinsichtlich Verbreitung und Häufigkeit befürchtet werden:

Zum einen gibt es eine grosse Nachfrage nach Schildkröten für den Heimtiermarkt in aller Welt. Der Handel mit Wildtieren und aus ihnen gefertigten Produkten wird zwar heute auf internationaler Ebene durch das Washingtoner Abkommen (WA) geregelt, und mehrere Schildkrötenarten sind im sogenannten Anhang I aufgeführt, jener Liste von Tieren, die höchstens in begründeten Ausnahmefällen gehandelt werden dürfen. Die Köhlerschildkröte gehört aber leider nicht zu diesen «privilegierten» Schildkrötenarten, da sie von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) nicht als vom Aussterben bedrohte Tierart gewertet wird. Sie ist aber immerhin in Anhang II genannt. Dort sind all jene Tiere aufgelistet, welche nur in solchem Ausmass zu kommerziellen Zwecken gehandelt werden dürfen, dass sich keine negativen Auswirkungen auf ihre Bestände ergeben. Der Handel mit diesen Tierarten wird auf internationaler Ebene überwacht und gegebenenfalls mittels Quotenregelungen eingeschränkt. Prinzipiell sollte also der internationale Heimtierhandel die Köhlerschildkröte nicht massgeblich schädigen können. Man muss sich aber bewusst sein, dass das WA noch längst nicht von allen der mittlerweile rund 110 Vertragsstaaten strikt vollzogen wird und dass es leider noch immer Staaten gibt, welche dieses internationale Artenschutzübereinkommen überhaupt nicht unterzeichnet haben.

Gefahr erwächst der Koehlerschildkroete zum anderen durch den rasant voranschreitenden Verlust geeigneten Lebensraums, verursacht durch die rasche Rodung und die landwirtschaftliche Nutzung immer weiterer südamerikanischer Wälder und Grasländer. Zwar könnte die Köhlerschildkröte im Umfeld menschlicher Siedlungen und extensiv betriebener Landwirtschaftsflächen durchaus existieren. In der Regel bedeutet aber die direkte Nachbarschaft des Menschen auch unweigerlich die rasche Ausmerzung der lokalen Schildkrötenbestände durch den Fang für den Verzehr oder für den Handel.

Der Fang von Köhlerschildkröten zu Ernährungszwecken ist heute in Venezuela gesetzlich verboten. Sofern es gelingt, den Naturschutzgesetzen im Land die nötige Nachachtung zu verschaffen, bedeutet dies einen wichtigen Schutz für die Art.

 

Arrauschildkröte: Plünderung der Niststrände

Im Gegensatz zur Köhlerschildkröte betrachtet die IUCN die Arrauschildkröte als vom Aussterben bedrohte Art. Ihr Fortbestand gilt somit als unwahrscheinlich, falls die gegenwärtig aktiven Schadfaktoren unverändert weiterwirken. Dieser Einstufung zum Trotz wird die Arrauschildkröte bislang nur in Anhang II des WA geführt.

Die Arrauschildkröte war lange Zeit für die in ihrem Verbreitungsgebiet ansässige indianische Urbevölkerung eine sehr bedeutende Eiweiss- und Rohstoffquelle gewesen. Augenzeugenberichten zufolge versammelten sich noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die legewilligen Weibchen zu Hunderttausenden an Flussabschnitten von mehreren Kilometern Länge, und tummelten sich die erwachsenen Tiere im Bereich dieser Niststrände in solcher Menge im Wasser, dass der Bootsverkehr erheblich behindert wurde.

Diese Zeiten sind leider längst vorbei. Mit der Kolonisierung des südamerikanischen Halbkontinents durch die Europäer ging nämlich die ehemals schonende Nutzung der Arrauschildkröten-Bestände durch die eingeborene Bevölkerung über zur Massenvernichtung durch profitgierige europäische Händler und geschäftstüchtige Missionare. Sie interessierten sich in erster Linie für das Körperfett der Arrauschildkröten, aus dem sich ein erstklassiges Öl (Bratöl, Lampenöl) gewinnen liess. Öl geringerer Qualität wurde ferner aus den Eiern der Arrauschildkröten gewonnen, welche an den Niststränden der Tiere rücksichtslos eingesammelt wurden. Allein von den drei wichtigsten Niststränden im Bereich des Orinokos stammten damals jährlich rund 5000 Krüge Öl minderer Qualität, was den Gelegen von etwa 400 000 Arrauschildkröten Weibchen entsprochen haben dürfte.

Es ist klar, dass die bedauernswerten Tiere dieses über viele Jahre hinweg anhaltende Misslingen ihrer Fortpflanzungsbestrebungen langfristig nicht verkraften konnten. Viele Bestände wurden durch die masslose Ausbeutung erheblich geschwächt oder gar zerstört. Dabei wäre es durchaus denkbar, die Arrauschildkröte aufgrund ihres riesigen Fortpflanzungspotentials so zu nutzen, dass einerseits auf lange Sicht beachtliche wirtschaftliche Gewinne erzielt werden, andererseits der langfristige Fortbestand der Art gewährleistet ist. Dazu müssten aber zuerst wohl durchdachte, wissenschaftlich abgestützte Schutznutzungsprogramme entwickelt werden.

In Venezuela ist heute jegliche kommerzielle Nutzung der Arrauschildkröte gesetzlich verboten. Das ist ein erster, wichtiger Schritt zur Erhaltung dieser Art. Doch wie der Köhlerschildkröte sind auch der Arrauschildkröte in jüngerer Zeit weitere Gefahren erwachsen. So haben Staudämme das vormals jahreszeitlich geprägte Wasserregime ganzer Flusssysteme verändert: Unterhalb solcher Dämme wird die periodische Überflutung der Nahrungsgebiete der Arrauschildkroete verhindert, oberhalb werden die Niststrände ganzjährig unter Wasser gesetzt. Enorm angewachsen ist im übrigen der motorisierte Bootsverkehr auf den grösseren Fliessgewässern, und ebenso hat die Besiedelung der Flussufer erheblich zugenommen. All dies wirkt sich auf die überlebenden Arrauschildkröten-Bestände negativ aus und bedarf dringend der Abklärung, damit geeignete Schutzmassnahmen getroffen
werden können. Aus diesem Grund laufen derzeit sowohl in Venezuela als auch im benachbarten Brasilien grossangelegte Projekte zugunsten dieser interessanten Schildkrötenart.

 

 

 

Bildlegenden

 

Die Köhlerschildkröte (Geochelone carbonaria) ist eine verhältnismässig grosse Landschildkröte. Ausgewachsene Individuen können bis etwa 40 Zentimeter lang werden.

Während der Panzer bei jungen Köhlerschildkröten von oben gesehen fast kreisrund ist, hat er bei älteren Tieren (Bild) eine etwas rechteckige Form und weist eine deutliche «Taille auf».

Die Heimat der Köhlerschildkröte sind die tiefergelegenen Bereiche des nördlichen und zentralen Südamerikas. Dort bewohnt sie vorzugsweise trockenere Lebensräume und ernährt sich zur Hauptsache von pflanzlichen Stoffen.

Die Arrauschildkröte (Podocnemis expansa) ist eine der grössten Süsswasserschildkröten der Welt. Grossgewachsene Weibchen können eine Länge von bis zu einem Meter erreichen.

Wie die Köhlerschildkröte ernährt sich die Arrauschildkröte weitgehend vegetarisch. Besonders gern nimmt sie Früchte, die von ufernahen Bäumen ins Wasser fallen.

Jeweils in der trockenen Jahreszeit, wenn sich das Wasser in den Flüssen des nördlichen Südamerikas allmählich senkt und weite Sandbänke frei werden, drängen die Arrauschildkröten-Weibchen an ihren traditionellen Niststätten in grosser Zahl an Land, um in «Gemeinschaftsgelegen» ihre Eier abzusetzen.

Der Mensch hat die Bestände sowohl der Köhlerschildkröte (links) als auch der Arrauschildkröte (rechts) in der Vergangenheit stark geschwächt, weshalb die Köhlerschildkröte heute als in ihrem Bestand gefährdet, die Arrauschildkröte sogar als vom Aussterben bedroht gilt. Es ist höchste Zeit, dass die beiden interessanten Schildkröten endlich den für ihren Fortbestand notwendigen Schutz erhalten.




ZurHauptseite