Königsamazone

Amazona guildingii


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Die Königsamazone (Amazona guildingii), welche auf der kleinen Antilleninsel St. Vincent in der südöstlichen Karibik zu Hause ist, scheint auf den ersten Blick ein beneidenswertes Leben zu führen. In ihrer tropischen Inselheimat ist Futter (Früchte, Sämereien, Beeren und Blüten aller Art) das ganze Jahr über reichlich vorhanden. Diese Nahrung ist überdies sehr nährstoffreich, so dass der farbenprächtige Papagei seinen Tagesbedarf innerhalb kurzer Zeit zu decken vermag. Damit bleibt ihm viel «Freizeit», in der er sein Gefieder putzen, soziale Kontakte pflegen oder einfach dem Nichtstun frönen kann.

Lediglich während der Brutsaison, zwischen April und August, müssen die monogam lebenden Königsamazonen ein wenig mehr leisten als sonst. Die «Arbeiten» beginnen mit der Suche nach einer geeigneten Nisthöhle in einem hohen, alten Baum. Ist eine solche gefunden, so muss sie in der Regel noch etwas erweitert und angepasst werden, was den Vögeln dank ihrer kräftigen Schnäbel allerdings wenig Mühe bereitet. Die dabei auf den Nestgrund fallenden Holzschnipsel übernehmen praktischerweise gleich die Funktion der Nestpolsterung, so dass das Eintragen von Zweigen oder anderem Nistmaterial entfällt. Die Brutzeit ist im übrigen so angesetzt, dass das Schlüpfen der zumeist zwei Jungen mit dem Beginn der Regenzeit und damit einer Zeit allgemeinen Nahrungsüberflusses zusammen fällt. So stellt auch die Aufzucht der nimmersatten Jungvögel keine allzugrossen Anforderungen an die Eltern.

Ihres scheinbar «beschaulichen» Lebens zum Trotz kämpft die Königsamazone heute um ihr Überleben. Man schätzt ihren Bestand auf nur noch rund 400 Tiere. Für den Rückgang der einst weit umfangreicheren Population sind verschiedene Faktoren verantwortlich: So werden bei den alle paar Jahrzehnte stattfindenden Eruptionen des Inselvulkans jeweils grössere Waldgebiete in Schutt und Asche gelegt, wodurch der Lebensraum der Königsamazone erheblich eingeschränkt wird. Und wenn Hurrikane hin und wieder die Insel streifen, werden jeweils viele der älteren, ausladenden Bäume geknickt oder umgeworfen, wodurch wichtige Futterquellen und Nistplätze verloren gehen.

Vulkanausbrüche und Wirbelstürme sind allerdings nichts Neues für die Königsamazone. Der bunte Papagei hat seit eh und je mit diesen Naturkatastrophen leben müssen. Für die massiven Bestandsrückgänge in jüngerer Zeit hat zur Hauptsache der Mensch die Verantwortung zu tragen.

Eine Bejagung der Königsamazone zwecks Nahrungsbeschaffung findet zwar heute kaum mehr statt, da die Art seit geraumer Zeit unter striktem gesetzlichem Schutz steht. Eine gewisse Gefahr geht jedoch vom Tierhandel aus, denn Königsamazonen sind bei privaten Papgeienliebhabern äusserst begehrt und erzielen hohe Preise. Deshalb werden, obschon Fang und Ausfuhr illegal sind und streng bestraft werden, weiterhin Königsamazonennester ausgenommen und die Jungvögel von der Insel geschmuggelt.

Die grösste Gefahr für die Koenigsamazone bildet heute allerdings die Waldzerstörung durch die Inselbevölkerung zwecks Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzfläche. Bereits sind praktisch alle Inselteile unterhalb der 300-Meter-Höhenlinie in Kulturland und Siedlungsfläche umgewandelt. Zusätzlich werden im gebirgigen, schwierig zu bestellenden Inselinnern viele Bäume für die Produktion von Holzkohle gefällt. Da hierbei vorzugsweise grosse, alte Bäume Verwendung finden, werden die Amazonen zusehends ihrer wichtigsten Nist- und Futterplätze beraubt.

Glücklicherweise hat die Regierung von St. Vincent den bedrohlichen Rückgang der Königsamazone erkannt - und gehandelt. Zum einen hat sie den farbigen Papagei zum Nationalvogel erkoren und damit den Willen kundgetan, diese Tierart unter allen Umständen zu erhalten. Zum anderen hat sie ein ausgedehntes, gut bewachtes Königsamazonen-Reservat im Innern der Insel geschaffen. Es ist so bemessen, dass eine grössere und damit langfristig überlebensfähige Papageienpopulation darin Platz finden sollte. Gegenüber der landhungrigen Inselbevölkerung lässt sich die Ausweisung des Reservats dadurch rechtfertigen, dass es für die Wasserversorgung der Insel von grosser Bedeutung ist und deshalb auch dem Schutz der lokalen Bevölkerung vor saisonaler Dürre dient. So stehen die Chancen für den Fortbestand der arg bedrängten Königsamazone heute gar nicht allzu schlecht.




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