Königsamazone
Amazona guildingii
© 1989 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
St. Vincent ist eine nur 389 Quadratkilometer grosse,
in der südöstlichen Karibik gelegene Inselnation. Zusammen
mit Grenada, Barbados, St. Lucia, Martinique, Dominica, Guadeloupe,
Antigua und Anguilla gehört das kleine Eiland zur Gruppe
der Kleinen Antillen. Wir Mitteleuropäer empfinden diese
zauberhaften Tropeninseln mit ihren weissen Sandstränden,
den bizarren Korallenriffen, den von lauen Meereswinden umwehten
Palmen und dem entspannten Lebensstil der Insulaner als das Paradies
auf Erden. Und in dieses Bild passen natürlich auch bestens
die farbenprächtigen Amazonenpapageien, welche auf mehreren
der Kleinen Antillen anzutreffen sind.
Sechs karibische Inselamazonen
Die Vorfahren der heutigen karibischen Inselamazonen
scheinen vor vielen Jahrtausenden vom südamerikanischen
Festland her zuerst nach St. Vincent gelangt zu sein. Ob sie
aus freien Stücken dorthin geflogen waren, ob sie von einem
Sturm auf das offene Meer gefegt worden waren und sich auf die
kleine Insel retten konnten, oder ob die frühen indianischen
Inselsiedler sie als Haustiere in ihren einfachen Booten mitgeführt
hatten, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall aber müssen ihnen
die Lebensbedingungen auf der abgelegenen ozeanischen Insel gut
gefallen haben, denn sie pflanzten sich fort und vermehrten sich.
Irgendwann - und auf wiederum ungeklärte Weise
- sind dann ein paar der Papageien zur nächsten Insel, St.
Lucia, «weitergehüpft», wo sie sich erneut festzusetzen
vermochten. Und dieses «Inselhüpfen» ging dann
in Richtung Norden weiter, bis schliesslich auch Martinique,
Dominica und Guadeloupe ihre Papageienbestände hatten.
Im Laufe langer Zeiträume entwickelte sich jede
dieser Inselpopulationen in eigener Richtung weiter, so dass
die ersten weissen Siedler, welche im 16. Jahrhundert auf die
Kleinen Antillen kamen, insgesamt sechs verschiedene Inselamazonen
vorfanden, die sich nicht nur in der Gefiederfärbung, sondern
auch in ihrer Körpergrösse und Lebensweise deutlich
voneinander unterschieden: die Königsamazone (Amazona
guildingii) auf St. Vincent, die Blaumaskenamazone (A.
versicolor) auf St. Lucia, die Martinique-Amazone (A.
martinica) auf Martinique, die Blaukopfamazone (A. arausiaca)
und die Kaiseramazone (A. imperialis) auf Dominica, und
die Guadeloupe-Amazone (A. violacea) auf Guadeloupe.
Ein beschauliches Leben
Papageien sind bekannt für die Farbenpracht ihres
Gefieders, und die karibischen Inselamazonen bilden hierin keine
Ausnahme. Trotzdem bezeichnen viele Papageienliebhaber die Königsamazone
als besonders «auserlesenes» Stück. Ihre Färbung
ist dermassen reich, dass es fast unmöglich ist, eine detaillierte
Beschreibung zu geben. Am erstaunlichsten sind die Flügel
des bunten Vogels, denn sie zeigen wohl sämtliche Farben
des Regenbogens!
Die Königsamazonen, welche eine Gesamtlänge
von 41 Zentimetern erreichen, leben im allgemeinen paarweise
oder in kleinen Gruppen. Bei der Nahrungssuche halten sie ständig
durch kurze krächzende Rufe Verbindung untereinander. Das
erinnert dann fast an eine Schar plappernder Kinder. Oft ist
auch ein helles Quitschen, ähnlich dem Ton einer rostigen
Türangel, zu hören. Im Flug wiederum äussern die
Königsamazonen gerne ein lautes «Kwo-kwo».
Mit den Augen unserer frosterfahrenen mitteleuropäischen
Vögel gesehen führen die Königsamazonen ein beneidenswertes
Leben. Ganzjährig ist Futter - Früchte, Sämereien,
Beeren und Blüten aller Art - in Hülle und Fülle
vorhanden. Diese Nahrung ist überdies sehr nährstoffreich,
so dass die Krummschnäbel ihren Tagesbedarf innerhalb kurzer
Zeit zu decken vermögen. Damit bleibt ihnen viel «Freizeit»,
in der sie sich putzen, soziale Kontakte pflegen oder einfach
herumlungern können.
Lediglich während der Brutsaison, zwischen April
und August, müssen die Königsamazonen ein bisschen
mehr leisten als sonst. Die «Arbeiten» beginnen mit
der Suche nach einer geeigneten Nisthöhle in einem hohen,
alten Baum. Diese muss dann in der Regel noch etwas erweitert
und angepasst werden, was den Vögeln dank ihrer kräftigen
Schnäbel allerdings wenig Mühe bereitet. Die dabei
auf den Nestgrund fallenden Holzschnipsel übernehmen praktischerweise
gleich die Funktion der Nestpolsterung, so dass also das Eintragen
von Ästchen oder anderem Nistmaterial entfällt. Die
Brutzeit ist im übrigen so gewählt, dass das Schlüpfen
der Jungen mit dem Einsetzen der Regenzeit und damit der Zeit
allgemeinen Nahrungsüberflusses zusammenfällt. So stellt
auch die Aufzucht der Jungen keine übermässigen Anforderungen
an die Eltern...
Ein ähnlich beschauliches Leben, wie es die Königsamazone
hat, führen auch die übrigen Inselamazonen. Und trotzdem
kämpfen die farbenprächtigen Papageien heute allesamt
ums nackte Überleben: So existieren von der Königsamazone
lediglich noch 400 Exemplare, von der Blaustirnamazone 250, von
der Blaukopfamazone 300 und von der Kaiseramazone ganze 60! Ja,
die Martinique- und die Guadeloupe-Amazone sind sogar bereits
ausgestorben.
Für den massiven Rückgang der einst umfangreichen
Populationen der karibischen Inselamazonen sind verschiedene
Faktoren verantwortlich, die wir im folgenden für die Königsamazone
etwas näher betrachten wollen.
Vulkane und Orkane
Die Kleinen Antillen verdanken ihre Entstehung dem
Vulkanismus, und tatsächlich weisen mehrere der kleinen
Inseln noch heute aktive Vulkane auf. Wenn diese Feuerberge ausbrechen,
so verursachen sie zumeist grosse Verwüstungen. Auf St.
Vincent wurden seit 1717 fünf grössere Eruptionen des
Inselvulkans Mount Soufriere verzeichnet. Dabei haben die ausgestossenen
Lavamassen jeweils ausgedehnte Waldgebiete in Schutt und Asche
gelegt und dadurch den Lebensraum der Königsamazone erheblich
eingeschränkt. Beim jüngsten Ausbruch des Mount Soufriere
im Jahr 1979 wurden überdies mehrere Amazonen tot aufgefunden,
denen offensichtlich freigesetzte Schwaden giftiger Gase zum
Verhängnis geworden waren.
Von Zeit zu Zeit wüten in der Karibik auch verheerende
Wirbelstürme. 1980 beispielsweise streifte der Hurrikan
«Allen» St. Vincent und führte zu erheblichen
Schäden in den Wäldern des Inselnordteils. Unzählige
der älteren, ausladenden Bäume wurden dabei geknickt
oder umgeworfen. So verloren die Amazonen nicht nur wichtige
Futterquellen, sondern auch viele günstige Nistplätze.
Vulkanausbrüche und Wirbelstürme sind allerdings
nichts Neues für die Karibik. Die Amazonenpapageien haben
seit eh und je mit diesen Naturkatastrophen leben müssen.
Die massiven Bestandsrückgänge in jüngerer Zeit
dürften also kaum auf diese Schadeinflüsse zurückzuführen
sein, zumal es keine Hinweise darauf gibt, dass die Häufigkeit
oder Heftigkeit der Naturkatastrophen im karibischen Raum zugenommen
hätten. Es müssen noch andere, schwerwiegendere Faktoren
im Spiel sein. In Verdacht gerät einmal mehr der Mensch,
denn nachweislich hat die Bestandsabnahme der Amazonen mit der
Ankunft der ersten weissen Siedler auf den Kleinen Antillen begonnen.
Bejagung und Fang
Solange die Kleinen Antillen nur von den frühen,
von Südamerika her eingewanderten Indianerstämmen besiedelt
gewesen waren, welche in Harmonie mit ihrer Umwelt lebten, hatten
die farbenprächtigen Amazonen nichts zu befürchten.
Möglicherweise wurden sie hie und da ihres Fleischs wegen
bejagt; manchmal wurden vielleicht auch Nester ausgenommen, um
die Jungvögel zu Hausgenossen zu machen. Auf die Gesamtbestände
der Inselpapageien dürfte dieses Tun aber keinen nennenswerten
Einfluss gehabt haben.
Das änderte sich, nachdem Christoph Kolumbus
die Kleinen Antillen auf seiner zweiten Reise (1493/96) entdeckt
hatte. Schon bald trafen ganze Schiffsladungen europäischer
Auswanderer auf den paradiesischen Inseln ein. Mit dabei hatten
sie ihre weitreichenden Schusswaffen und schossen denn auch auf
alles, was sich bewegte - nicht zuletzt auf die grossen, auffälligen
und wenig scheuen Papageien.
Alles deutet darauf hin, dass die beiden Amazonen
auf Martinique und Guadeloupe der Schiesswut der frühen
europäischen Siedler zum Opfer gefallen sind. Die vier Amazonen
auf Dominica, St. Lucia und St. Vincent hatten etwas mehr Glück:
Zwar wurden auch ihre Bestände - vor allem im Küstenbereich
- stark vermindert. Im dicht bewaldeten, gebirgigen und nur schwer
begehbaren Inselinnern blieben sie aber von den Nachstellungen
seitens der Kolonisten weitgehend verschont.
Heute stellt die Bejagung für den Verzehr kaum
mehr eine Gefahr für die Königsamazone dar, denn einerseits
steht die Art unter striktem gesetzlichem Schutz, andererseits
ist der Waffenbesitz staatlicher Kontrolle unterworfen.
Eine gewisse Gefahr geht für die farbigen Vögel
hingegen vom Tierhandel aus. Wie man sich denken kann, sind die
seltenen Inselamazonen bei Tiergärten wie privaten Vogelliebhabern
äusserst begehrt - und entsprechend hoch sind die Preise,
welche für die Tiere bezahlt werden. Obschon die Ausfuhr
illegal ist und streng bestraft wird, werden darum hin und wieder
Nester ausgenommen und die Jungvögel von der Insel geschmuggelt.
Als 1982 ein Forscherteam im Auftrag des Internationalen Rats
für Vogelschutz (ICBP) die Bestandssituation der Königsamazone
auf St. Vincent abklärte, begegnete es insgesamt sechs Jungvögeln
in Menschenhand. Dies weist unzweifelhaft auf eine gewisse Schmuggeltätigkeit
der Inselbevölkerung hin.
Landwirtschaft und Köhlerei
Die grösste Gefahr für die Königsamazone
bildet heute die Waldzerstörung durch die Inselbevölkerung
zwecks Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzfläche. Gegenwärtig
leben über 100.000 Menschen auf St. Vincent, und die meisten
von ihnen sind einfache Pflanzer. Bereits sind praktisch alle
Inselteile unterhalb 300 Metern ü.M. in Kulturland umgewandelt.
Und obschon die steileren Gebiete oberhalb dieser Höhenlinie
schwierig zu bestellen und ausserdem (theoretisch) im Besitz
des Staats sind, «nagt» die Inselbevölkerung
unaufhörlich weiter an den Rändern des Urwalds.
Zusätzlich zum «normalen», dauerhaften
landwirtschaftlichen Anbau findet man auf St. Vincent in der
Höhenzone zwischen 300 und 600 Metern ü.M. auch noch
die Praxis des Wanderfeldbaus, obschon diese illegal ist. Leider
vermag die personell schwach besetzte Forstbehörde der kleinen
Inselnation nur schlecht gegen diese Form der Waldzerstörung
anzukämpfen, da die oftmals kleinflächigen Felder durch
den umliegenden Wald vollständig verdeckt werden und darum
höchstens durch aufwendige Patrouillen zu entdecken wären.
Der Wald wird aber nicht nur zwecks Schaffung landwirtschaftlicher
Nutzfläche zerstört. Viele Bäume werden zusätzlich
für die Produktion von Holzkohle gefällt. Diese Aktivität
ist weit verbreitet und findet teils mit dem Segen der Behörden,
häufig aber auch illegal statt. Vorzugsweise fällen
die Köhler möglichst grosse, alte Bäume, wodurch
die Amazonen ihrer wichtigsten Nist- und Futterplätze beraubt
werden. Leider ist Holzkohle der weitaus billigste Brennstoff
auf St. Vincent, weshalb diese schleichende Lebensraumschädigung
in grossem Ausmass anhält.
Rettung durch Königsamazonen-Reservat
Glücklicherweise hat die Regierung von St. Vincent
den gefährlichen Rückgang der Königsamazone erkannt
- und gehandelt: Sie hat den farbigen Papagei zum Nationalvogel
erkoren und damit ihren Willen kundgetan, diese Tierart unter
allen Umständen zu erhalten. Dass diese Absichtserklärung
zur Rettung der Königsamazone vermutlich noch nicht zu spät
kommt, lässt sich aus der Geschichte der BlauMaskenamazone
auf der Nachbarinsel St. Lucia ersehen: Dort haben die Anstrengungen
der Naturschützer bewirkt, dass sich der Papageienbestand
von 100 Individuen im Jahr 1977 auf 250 im Jahr 1986 erholen
konnte.
Bereits haben die Rettungsabsichten auf St. Vincent
konkrete Formen angenommen: Die Regierung hat einem vom Welt
Natur Fonds (WWF) ausgearbeiteten und zu finanzierenden Projekt
ihre Unterstützung zugesagt. Hauptziel dieses Projekts ist
die Errichtung eines ausgedehnten, gut bewachten Königsamazonen-Reservats.
Das vorgesehene Reservat ist so bemessen, dass eine
grössere und damit langfristig überlebensfähige
Papageienpopulation darin Platz zum Leben findet. Futter-, Nist-
und Schlafplätze sind in genügender Menge vorhanden,
so dass die Vögel das Gebiet ganzjährig nicht zu verlassen
brauchen und alle ihre Bedürfnisse innerhalb des Reservats
decken können. Das Reservat ist zudem weit vom Krater des
Mount Soufriere entfernt und liegt im Windschatten der Insel;
damit ist es auch vor Eruptionen und Sturmwinden bestmöglich
geschützt.
Natürlich lässt sich die Errichtung eines
ausgedehnten Schutzgebiets gegenüber der landhungrigen Inselbevölkerung
nicht mit dem Schutz eines Vogels allein begründen. Tatsächlich
ist das vorgeschlagene Reservat aber auch für die Wasserversorgung
der Insel von grosser Bedeutung: Drei der grössten natürlichen
Regenauffangbecken von St. Vincent werden innerhalb der Reservatsgrenzen
zu liegen kommen. Ohne intakte Walddecke würden diese Becken
ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen können, wodurch weite
(landwirtschaftlich genutzte) Küstenstriche alljährlich
während mehrerer Monate ohne Wasser wären. Der Schutz
dieses Waldgebiets dient also auch dem Schutz der lokalen Bevölkerung
vor Dürre.
Dem Königsamazonen-Reservat könnte darüberhin
aus noch eine wichtige Funktion als gewinnbringende Touristenattraktion
zukommen. Viele Inselbesucher hegen nämlich den Wunsch,
ein Stück unverfälschte Inselnatur zu erleben - vor
allem, wenn sie dort noch die zu ihrem Bild vom Tropenparadies
gehörenden Papageien antreffen können. Touristenausflüge
zum Königsamazonen-Reservat könnten sich für die
lokale Bevölkerung als sehr segensreich erweisen. Durch
das Erbringen von Dienstleistungen (Führungen, Verpflegung,
Souvenirs usw.) könnte sie zukünftig weit mehr Geld
verdienen, als ihr durch das Waldnutzungsverbot innerhalb des
Reservats «entgangen» ist.
Wie in vielen ähnlich gelagerten Fällen,
in denen ein attraktives Tier breite Bevölkerungsschichten
vom Sinn des Naturschutzes zu überzeugen vermochte, könnte
auch die Königsamazone letztlich eine entscheidende Rolle
beim langfristigen Erhalt dieses Inselparadieses spielen.
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