Kokosinseln


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



«Wir sind überrascht, wenn uns Reisende von den ungeheuren Dimensionen der Pyramiden und anderer grosser Ruinen erzählen. Wie völlig nichtssagend sind aber die grössten derselben, wenn man sie mit diesen Inseln vergleicht, welche durch die Tätigkeit überaus kleiner und zarter Tiere aufgehäuft worden sind. Dies ist ein Wunder, welches nicht sogleich auf den ersten Blick unser körperliches Auge frappiert, umso mehr aber nach Überlegung unser geistiges.»

Kein geringerer als Charles Darwin war es, der dies am 12. April 1836 in sein Reisejournal schrieb. Und es waren die Kokosinseln, denen seine tiefe Bewunderung galt. Auf seiner fünfjährigen Reise um die Welt mit dem englischen Forschungsschiff «Beagle» war er hier vorbeigekommen. Es war dies sein einziger Besuch eines Korallenatolls, und lediglich zwölf Tage hielt sich die Beagle in der Lagune der Kokosinseln auf. Aber mit seinem unvergleichlich wachen Geist hatte der damals erst 27jährige Darwin schnell erfasst, welches Wunder der Natur ein Atoll darstellt.

«Die Brandung erzeugt Wellen, die in ihrer Gewalt beinahe denen gleichkommen, die in den gemässigten Zonen während eines Sturms entstehen. Man kann unmöglich diese Wellen erblicken, ohne die Überzeugung zu empfinden, dass jede Insel, und wäre sie aus dem härtesten Gestein gebaut, durch eine so unwiderstehliche Gewalt zerstört werden wird. Und doch bleiben diese niedrigen, unbedeutenden Koralleninselchen siegreich bestehen. Denn hier beteiligt sich als Gegner noch eine andere Macht am Kampfe. Mag der Orkan Tausende ungeheurer Bruchstücke losreissen: Was hat das zu bedeuten gegenüber der sich häufenden Arbeit von Myriaden kleiner Architekten, welche Tag und Nacht, jahraus, jahrein bei der Arbeit sind? Wir sehen hier, wie der weiche gallertartige Körper der Korallenpolypen durch die Wirksamkeit der Gesetze des Lebens die grosse mechanische Kraft der Ozeanwellen besiegt.»

Führten die Eindrücke und Beobachtungen, die Darwin ein halbes Jahr vorher auf den Galapagosinseln gesammelt hatte, zu seinem epochemachenden Werk über die Evolution der Lebewesen und die Abstammung des Menschen («Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung», 1859), so schuf er aufgrund seiner Eindrücke und Beobachtungen auf den Kokosinseln ein naturwissenschaftliches Standardwerk über die Korallenriffe («Über den Bau und die Verbreitung der Korallen-Riffe», 1842). Die Frage nach der Entstehung der merkwürdigen Inselringbildungen aus Korallengestein mitten im Ozean hatte schon lange für hitzige Diskussionen gesorgt, ohne dass eine einleuchtende Erklärung gefunden worden wäre. Nun aber trat Darwin mit seiner Theorie auf, dass Koralleninseln sozusagen die letzten Anstrengungen untersinkender Berge sind, ihre Häupter über Wasser zu halten - eine Theorie, die gerade ihrer Einfachheit wegen die Fachleute in Erstaunen setzte und bis heute allgemein akzeptiert wird.

 

2 Atolle, 27 Inseln

Die Kokosinseln liegen im östlichen Bereich des Indischen Ozeans, etwa 1000 Kilometer von Java und Sumatra, über 2000 Kilometer von Australien, und gegen 3000 Kilometer von Sri Lanka entfernt. Sie bestehen aus zwei Atollen, die sich im Abstand von 24 Kilometern auf den Spitzen von etwa 5000 Meter hohen untermeerischen Vulkanbergen gebildet haben, weisen eine Gesamtfläche von etwa 14 Quadratkilometern auf und ragen am höchsten Punkt lediglich 9 Meter aus den Fluten des Meeres auf.

Das nördliche, kleinere Atoll, North Keeling, umfasst nur eine einzige, C-förmige Insel. Sie steht seit 1986 unter striktem Naturschutz, denn hier befindet sich - mit mindestens 50 000 nistenden Vögeln - eine der grössten Brutkolonien von Meeresvögeln im Indischen Ozean, darunter Feenseeschwalben, Rotfusstölpel und Bindenfregattvögel.

Das südliche Atoll besteht aus 26 Inseln, welche eine birnenförmige Lagune mit einem Durchmesser von etwa 9 Kilometern und einer Tiefe von bis zu 20 Metern umschliessen. Die grösste Insel, West Island, ist etwa 10 Kilometer lang und einen halben Kilometer breit.

Permanent bewohnt sind einzig die beiden Inseln Home Island und West Island. Auf Home Island befindet sich ein Dorf mit ungefähr 450 Einwohnern. Sie sind vorwiegend malaiischer Abstammung, sprechen eine alte Form von Malaiisch, die dem heutigen Indonesisch nahe steht, und sind streng gläubige Moslems, was durch drei Moscheen im Zentrum des kleinen Dorfs bezeugt wird. Ausserdem gibt es auf Home Island ein ungefähr hundertjähriges Herrschaftshaus, von dem noch die Rede sein wird. Auf West Island befinden sich ein Flugplatz, die Büros der Inselverwaltung und locker verstreut die Wohnhäuser der weissen, zumeist vom australischen Festland stammenden Staatsangestellten und ihren Familien. Etwa 250 Personen leben derzeit auf West Island.

Eine Fähre verbindet West Island mit Home Island und pendelt mehrmals täglich über die Lagune zwischen den beiden bewohnten Inseln hin und her. Auf der einzigen asphaltierten Strasse der Kokosinseln, die sich auf West Island durch die Kokoshaine schlängelt, verkehrt im übrigen ein kleiner Bus, der jedermann und jedefrau von jedem Ort mitnimmt und auch überall wieder absetzt.

 

«King of the Cocos»

John Clunies-Ross war gerade vierzig Jahre alt, als er seinen Traum wahr machte und sich mit seiner Familie auf einem kleinen Ring von Koralleninseln mitten im Indischen Ozean niederliess. Aus einer alten schottischen Familie stammend hatte er lange Zeit ein abenteuerliches Seeleben vor allem im südostasiatischen Raum geführt, zuletzt als Kapitän eines britischen Handelsschiffs. Im Dezember 1825 inspizierte er dann die Kokosinseln, die zwar schon 1609 vom britischen Kapitän William Keeling entdeckt, jedoch noch nicht besiedelt worden waren. Und was er sah, gefiel ihm: Hier, mitten auf den vielbefahrenen Handelsrouten zwischen Südostasien und Europa, Indien und Australien, wollte er eine Seestation aufbauen, um Schiffe auf ihrer langen Reise auszubessern und zu verproviantieren.

Als er ein gutes Jahr später, im Februar 1827, mit seinem ganzen Hab und Gut und mit Frau, fünf Kindern, Schwiegermutter, Kindermädchen, Diener, Koch und zwölf weiteren siedlungswilligen Männern in die Lagune einfuhr, erwartete ihn jedoch eine herbe Enttäuschung: Inzwischen hatte sich nämlich ein anderer Brite auf den Kokosinseln häuslich niedergelassen. Es handelte sich um den aus London stammenden Alexander Hare, einen im südostasiatischen Raum wohlbekannten, vermögenden Abenteurer, dessen Angestellter er einst gewesen war und dem er vor kurzem noch freimütig von seinen Plänen erzählt hatte.

Hare hatte während der englischen Kolonialzeit im indomalaiischen Archipel (dem heutigen Indonesien) einen hohen Regierungsposten auf Borneo innegehabt. Dabei hatte er sich persönlich sehr bereichert und zudem versucht, sich eine unabhängige Herrschaft zu schaffen, die er aber nach der Machtübernahme durch die Holländer (1816) nicht lange aufrecht erhalten konnte. Er zog sich zunächst nach Java, später nach Südafrika und letztlich, im Mai 1826, auf die Kokosinseln zurück. Mit dabei hatte Hare sein «Gefolge», für das er berühmt-berüchtigt war: Einen Harem von 25 asiatischen Frauen, die er als Sklavinnen an den verschiedensten Orten des Fernen Ostens und Afrikas teils eingekauft, teils geschenkt erhalten hatte, 36 männliche Sklaven, die er sehr rauh behandelte, sowie eine ganze Schar von Kindern.

Hare hatte sich auf Home Island niedergelassen und sandte Clunies-Ross, der sich anschickte, South Island zu besiedeln, unverzüglich einen Willkommensgruss, den er mit «Alexander Hare, König der Kokosinseln», unterzeichnete. Für Clunies-Ross brach damals eine Welt zusammen, doch entmutigen liess er sich nicht. Selbst als er bald erkennen musste, dass sein Stützpunkt im Indischen Ozean keineswegs so begehrt war, wie er sich das vorgestellt hatte, gab er nicht auf. Mit einer grösseren Zahl auf Java angeheuerter Kulis begann er stattdessen, ausgedehnte Kokosplantagen anzulegen. Und bald eröffnete er einen florierenden Handel mit Kokosnüssen, getrocknetem Kokosnussfleisch («Kopra») und Kokosnussöl nach Java, Singapur, Ceylon, Mauritius und anderen kolonialen Niederlassungen an den Küsten des Indischen Ozeans.

In der gleichen Zeit führte Hare, im Besitz eines beträchtlichen Vermögens, auf der Nachbarinsel ein «königliches» Dasein - in feindlicher Gesinnung gegen seinen Nachbarn und bei nicht geringen Problemen mit seiner Gefolgschaft. Immer mehr seiner männlichen wie weiblichen Untertanen machten sich nämlich heimlich davon und schlossen sich Clunies-Ross an, wo sie als freie Menschen behandelt wurden. Um den verbleibenden Harem und sein Vermögen besser unter Kontrolle zu haben, zog sich Hare schliesslich auf Prison Island zurück, ein winziges Inselchen zwischen Direction Island und Home Island, das niemand ohne seine Bewilligung betreten durfte. Dort hatte er sich ein geräumiges, zweistöckiges Haus bauen lassen, in welchem er nun die obere Etage bewohnte und unten nachtsüber seine Frauen einschloss. 1831, nach insgesamt fünf Jahren auf den Kokosinseln, reiste Hare eines schönen Tages völlig überraschend ab, wahrscheinlich nach Java, in dessen Hauptstadt Batavia er bald darauf gestorben sein soll. Zurück blieb Clunies-Ross mit seiner Familie und einer bunt zusammengewürfelten Gesellschaft von gegen 300 Plantagenarbeitern und -arbeiterinnen. Nun war er endlich der «King of the Cocos», wie er sich das immer erträumt hatte. 1834 verlegte er seine Residenz nach Home Island.

 

Plastikjetons als Zahlungsmittel

John Clunies-Ross hatte wiederholt die britische Regierung ersucht, die Kokosinseln unter ihren Schutz zu stellen, da er befürchtete, andere Kolonialmächte könnten sie annektieren und ihn vertreiben. Er fand aber zeitlebens kein Gehör. Drei Jahre nach seinem Tod und nachdem sein Sohn John George Clunies-Ross in seine Fussstapfen getreten war, kreuzte unverhofft im Frühjahr 1857 das britische Kanonenboot «Juno» mit Kapitän Stephen Fremantle bei den Kokosinseln auf, und nach den üblichen Salutschüssen erklärte dieser die Inselgruppe zu einem Teil des britischen Weltreichs und John George Clunies-Ross zu ihrem Gouverneur. Das Ganze war, wie sich später herausstellte, ein peinliches Missverständnis von Seiten des Kapitäns gewesen, denn bei der damals zur Annexion vorgesehenen Insel handelte es sich um eine andere gleichen Namens in den Andamanen. Rückgängig konnte das Ereignis zwar nicht mehr gemacht werden. Doch wird seit jenem Zeitpunkt, um weitere Irrtümer auszuschliessen, dem Namen der Inselgruppe stets der Name ihres Entdeckers, William Keeling, zugesellt. Der offizielle Name lautet heute «Cocos (Keeling) Islands», in dieser Schreibweise.

Auf John George Clunies-Ross folgte 1871 George Clunies-Ross als dritter «King of the Cocos». Ihm und seinen Erben übergab Königin Victoria im Juli 1886 sämtliches Land auf den Kokosinseln oberhalb der Hochwassermarke auf ewige Zeiten. Verantwortlich für die Oberaufsicht über die Kokosinseln war ab 1878 Ceylon, ab 1886 die Straits Settlements, ab 1903 Singapur und ab 1955 Australien. Keine dieser britischen (Ex-)Kolonien schenkte jedoch dem winzigen Territorium inmitten des Indischen Ozeans grössere Beachtung. Sie überliessen sämtliche administrativen Aufgaben der Familie Clunies-Ross. Selbst als ab 1951 die australische Fluggesellschaft «Quantas» den im Zweiten Weltkrieg entstandenen Flugplatz auf West Island weiter ausbaute und ihn von 1952 bis 1967 als wichtigen Zwischenlandeplatz (mit zeitweise 140 Mann Bodenpersonal) für ihre Interkontinentalflüge einsetzte, beschränkte sich die Aufmerksamkeit der australischen Regierung einzig hierauf.

Auf dem jenseits der Lagune liegenden Home Island blieb dadurch eine «Welt» erhalten, die sich seit dem kolonialistischen 19. Jahrhundert kaum verändert hatte: Ein alles beherrschender weisser Grossgrundbesitzer residierte mit seiner Familie in einem prächtigen Herrschaftshaus, das von einem gepflegten Garten mit tropischen Gewächsen umrahmt war, während mehrere hundert dunkelhäutige Eingeborene mit sehr gemischtem Blut, zusammenfassend als «Kokosmalaien» bezeichnet, in einfachen Betonhäuschen wohnten, in den Kokosplantagen arbeiteten und mit Plastikjetons entlöhnt wurden, die nur im Laden ihres Herrn und Gebieters etwas wert waren. Noch zu Beginn der siebziger Jahre besass der fünfte «King of the Cocos», der 1928 geborene John Cecil Clunies-Ross, dieselbe absolute Macht über sein Land und «seine» Leute wie der erste.

 

6. April 1984: «Akt der Selbstbestimmung»

Das Ende dieses kolonialen Anachronismus vor der Haustür Australiens bahnte sich an, als 1974 das von der UNO eingesetzte «Komitee für die Umsetzung der Erklärung über die Entlassung der Kolonien in die Unabhängigkeit» einen offiziellen Besuch der Kokosinseln vornahm. Der Bericht des Komitees fiel sehr harsch aus und zwang Australien zum sofortigen Handeln: 1975 setzte es einen fähigen Administrator für die Verwaltung der Kokosinseln inklusive Home Island ein. 1978 kaufte es John Cecil Clunies-Ross zwangsweise sämtliches Grundeigentum auf den Kokosinseln - mit Ausnahme seines fünf Hektar grossen Anwesens - für 5,9 Millionen US-Dollar ab. 1979 liess es die über 18jährigen Inselbewohner einen Inselrat wählen, der fortan für alle politischen Fragen auf den Inseln zuständig war. Und ebenfalls 1979 sorgte es für die Gründung einer Genossenschaft, welche vollständig in den Händen der Kokosmalaien lag und sich zukünftig um die Förderung der wirtschaftlichen Interessen der Insel kümmern sollte. In die Obhut dieser Genossenschaft kam unter anderem sämtliches Land auf den Kokosinseln, das nicht für Regierungszwecke benötigt wurde, also auch sämtliche Kokosplantagen.

Am 6. April 1984 fand schliesslich auf den Kokosinseln der kleinste, jemals von der UNO beobachtete «Akt der Selbstbestimmung» statt: 261 stimmberechtigte Inselbewohner, bestehend aus 259 Kokosmalaien und 2 Weissen (Herrn und Frau Clunies-Ross), stimmten an diesem denkwürdigen Tag darüber ab, ob ihr 14 Quadratkilometer grosses Territorium zukünftig a. eine unabhängige Nation, b. ein mit Australien assoziierter Staat oder c. ein integraler Teil Australiens sein sollte. Das Resultat war eindeutig: Bei einer Stimmbeteiligung von 100 Prozent gab es 229 Stimmen (88 Prozent) für die Integration, 21 für die Assoziation und 9 für die Unabhängigkeit - nebst 2 ungültigen Stimmen, über die schon viel spekuliert worden ist. Dadurch wurden die Kokosinselbewohner mit einem Schlag zu australischen Bürgern mit sämtlichen Rechten, sozialen Sicherheiten und Privilegien, welche dieses grosse Land seiner Bevölkerung gewährt. Im übrigen war die australische Regierung nun dazu verpflichtet, so rasch wie möglich den Lebensstandard auf den Kokosinseln demjenigen auf dem Festland anzugleichen.

Nun endlich begann für die Kokosmalaien die Zukunft. Und gleichzeitig kam - Ironie des Schicksals - das endgültige Aus für die Clunies-Ross-Dynastie: Im Mai 1986 musste John Cecil Clunies-Ross den privaten Bankrott erklären, da er sein Millionenvermögen zu einseitig und zu riskant angelegt hatte. In der Folge sah sich der letzte «King of the Cocos» dazu gezwungen, seine prächtige Residenz auf den Kokosinseln, welche 150 Jahre lang die Heimat seiner Familie gewesen war, zu verkaufen und nach Australien überzusiedeln.

Ende gut, alles gut? Das muss die Zeit weisen. Die australische Regierung investiert derzeit enorme Geldmengen in die Entwicklung des kleinen Inselterritoriums. Ein modernes, gut eingerichtetes Spital ist entstanden, ein wirbelsturmsicheres Gemeindezentrum, eine neue Schule, ein grosser Supermarkt. Allein für den Bau neuer Häuser auf Home Island mit Dusche, Toilette, moderner Küche usw. stehen 9,3 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Das schafft vielfältige und gut entlöhnte Arbeitsplätze für die Kokosmalaien - mit dem Resultat, dass die traditionellen, weniger einträglichen wirtschaftlichen Tätigkeiten fast allesamt aufgegeben werden: Kopra wird keine mehr produziert, und die Kokosplantagen verwildern. Kokosbatik, einst sehr begehrt in Australien, wird nicht mehr hergestellt. Die hübschen Holzsegelboote, von denen früher eine ganze Flotte auf der Lagune zum Fischfang fuhr, verwittern ungenutzt am Strand. Selbst Schnitzereien aus dem heimischen Eisenholz werden keine mehr angefertigt.

Die Kokosmalaien geniessen derzeit den über sie hereingebrochenen Geldsegen in vollen Zügen. Sie benützen für die 300 Meter von ihrem modernen Haus zum Fähranleger ihr neues Motorrad und lassen sich Schokolade und Cola aus dem Supermarkt schmecken. Wer könnte es ihnen nach 150 Jahren der Unterdrückung verargen! Über kurz oder lang werden sie sich aber etwas einfallen lassen müssen, um ihre defizitäre Inselwirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Dies umsomehr, als sie auch dem Tourismus eher skeptisch gegenüber stehen. Ewig wird jedenfalls die angezapfte Geldquelle nicht so munter sprudeln wie im Augenblick.

 

 

Legenden

«Nur diejenigen, die es versucht haben, wissen, wie entzückend es ist, im Schatten einer schlanken Kokospalme zu sitzen und die kühle Flüssigkeit ihrer Nuss zu trinken», hielt Charles Darwin 1836, anlässlich seines Besuchs der Kokosinseln, in seinem Reisejournal fest. Mit den im Wind sich wiegenden Kokospalmen, der glasklaren, türkisblauen Lagune und den einsamen Sandstränden entsprechen die Kokosinseln tatsächlich in hohem Mass unserer Vorstellung von einem tropischen Inselparadies.

«Früchte und Frischgemüse und Dorfeier» sowie «Fisch, Huhn, Honig» verkauft «für jedermann» die auf West Island befindliche Cokos Farma Ltd, das einzige landwirtschaftliche Unternehmen der Kokosinseln. Für ihre Zwecke musste die Farm tonnenweise Humus importieren, denn der Boden aus Korallengeröll und Sand ist sehr nährstoffarm und dient den üblichen Nutzpflanzen kaum als Lebensgrundlage.

Die Gezeitenzone ist die Domäne dieser «stieläugigen» Geisterkrabbe aus der Familie der Renn- und Winkerkrabben. Sie ist keineswegs nachtaktiv, wie häufig geschrieben steht, sondern richtet ihren Lebensrhythmus nach den Gezeiten: Bei Ebbe untersucht sie das von den Flutwellen angeschwemmte Strandgut nach Essbarem. Bei Flut zieht sie sich in ihr Versteck zurück.

Seit September 1979 verfügen die Kokosinseln über einen eigenen Postdienst mit einem Hauptpostamt auf West Island und einer Zweigstelle (Bild) auf Home Island. «Posthalter» wie «Schalterfräulein» bekunden durch ihre Kleidung, dass sie gläubige Moslems sind.

Mit grossem finanziellem Aufwand hat die australische Regierung in den letzten Jahren den Lebensstandard der Kokosmalaien auf Home Island stark angehoben. Unter anderem erhielt jede Familie ein schickes Haus, dessen Konstruktion in enger Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern entwickelt worden war. Fernsehantenne, Trampolin und Kleidung sind nicht nur Ausdruck vom Wohlstand des jungen Hausbesitzers, sondern auch davon, dass auf Home Island die Neuzeit begonnen hat.

Die kommerzielle Nutzung der Kokosplantagen wurde 1987 endgültig aufgegeben - mangels Rentabilität, wie es offiziell hiess. Antipathie dieser einstigen Zwangsarbeit gegenüber dürfte aber sicher auch mit im Spiel gewesen sein. Die Kokosnüsse, welche diese beiden Kinder einsammeln, sind für die Fütterung der Hühner bestimmt, welche hier und dort zwischen den Häusern herumgackern.

Stummes Zeugnis der einst starken Abhängigkeit der Kokosmalaien von der Clunies-Ross-Familie legen diese Jetons ab, mit denen die Arbeiter für ihr schweres Handwerk in den Kokosplantagen entlöhnt wurden und die lediglich im Clunies-Ross-Laden Kaufkraft hatten. Zu Beginn waren die Jetons aus Elfenbein hergestellt (linke Reihe; 1910/13), später aus Kunststoff (rechte Reihe; 1968).

 

 

Die Kokosinseln in Zahlen

Politischer Status: Australisches Territorium
Fläche: 14 km2
Einwohnerzahl: 700
Hauptort: Dorf auf Home Island (450 Einwohner)
Amtssprache: Englisch
Hauptreligion: Islam
Höchste Erhebung: Gunung (9 Meter)
Wichtiger Feiertag: 6. April («Territory Day»)
Währung: 1 Australischer Dollar (A$) = 100 Cents




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