Kleine Kneifkrabbe - Geograpsus grayi

Violette Landkrabbe - Cardisoma carnifex

Hornaugen-Sandkrabbe - Ocypode ceratophthalma

Glattzangen-Geisterkrabbe - Ocypode cordimana


© 2000 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Aus den blauen Fluten aller drei Weltmeere ­ des Atlantischen, des Indischen und des Pazifischen Ozeans ­ ragen hier und dort, völlig isoliert, kleine Inseln auf. Es sind sie Spitzen untermeerischer Vulkanberge, welche irgendwann in grauer Vorzeit an der Meeresoberfläche erschienen, seither durch die erodierende Kraft der anbrandenden Wellen wieder abgetragen werden und in vielen Fällen nur dank der aufbauenden Tätigkeit der riffbildenden Korallenpolypen noch nicht vollständig untergegangen sind.

Der Pazifik ist zweifellos am reichsten an solchen abgeschiedenen Eilanden. Aber auch der Atlantik und der Indische Ozean beherbergen eine ganze Reihe «ozeanischer» Inseln. Ein besonders entlegender Archipel sind die Kokosinseln im östlichen Bereich des Indischen Ozeans: Das politisch zu Australien zählende Territorium liegt etwa 1000 Kilometer von Java und Sumatra, über 2000 Kilometer von Australien und gegen 3000 Kilometer von Sri Lanka entfernt. Das nächstgelegene Stück Land ist ­ in einer Entfernung von 900 Kilometern ­ die ebenso einsame Weihnachtsinsel.

Die Kokosinseln bestehen aus zwei Atollen, die sich im Abstand von ungefähr 24 Kilometern auf den Spitzen von rund 5000 Meter hohen untermeerischen Vulkanbergen befinden, weisen eine Gesamtfläche von etwa 14 Quadratkilometern auf und ragen am höchsten Punkt (einer Sanddüne) lediglich 9 Meter aus dem Meer auf. Das nördliche, kleinere Atoll, North Keeling genannt, umfasst eine einzige, c-förmige Insel. Das südliche Atoll besteht aus 26 Inseln, welche eine birnenförmige Lagune mit einem Durchmesser von etwa 9 Kilometern und einer Tiefe von bis zu 20 Metern umschliessen. Permanent bewohnt sind einzig die beiden Inseln Home Island (etwa 450 Personen) und West Island (etwa 250 Personen).

Weil die Kokosinseln wie alle ozeanischen Vulkaninseln zu keiner Zeit mit einem Festland in Verbindung standen, mussten die Vorfahren aller pflanzlichen und tierlichen Lebewesen, die heute auf ihnen heimisch sind, irgendwann eine Passage zu Luft oder zu Wasser hierher gefunden haben. Einigen Arten wie den Meeresvögeln fiel die Kolonisierung der Kokosinseln leicht: Sie flogen aus eigener Kraft hin. Andere wie die namengebende Kokospalme (Cocos nucifera) erreichten die kleinen Eilande passiv: Ihre Samen wurden als Treibgut an die Ufer der Inseln geschwemmt. Und nochmals andere wie die Landkrabben entstiegen schlicht dem weiten Meer, welches die Inseln umgibt.

Vier landlebende Krabben der Kokosinseln sind die Kleine Kneifkrabbe (Geograpsus grayi), die Violette Landkrabbe (Cardisoma carnifex), die Hornaugen-Sandkrabbe (Ocypode ceratophthalma) und die Glattzangen-Geisterkrabbe (Ocypode cordimana). Von diesen vier Arten soll hier berichtet werden.

 

Mit leistungsfähigen Stielaugen

Alle vier genannten Krabben gehören innerhalb der Klasse der Krebstiere (Crustacea) zur Ordnung der Zehnfusskrebse (Decapoda) und da zur Unterordnung der Echten Krabben (Brachyura).

Wie bei allen Krebstieren ist der Körper der Krabben aus einer Anzahl Segmenten aufgebaut. Und wie bei allen höher entwickelten Krebsen sind bei ihnen diese «Körperringe» in zwei aufeinander folgende Abschnitte gegliedert: erstens den Kopfbrustabschnitt (Cephalothorax), der aus fünf Kopf- und acht Brustsegmenten besteht, und zweitens den Hinterleib (Abdomen), der sich aus sechs Segmenten zusammensetzt. Wie alle wirbellosen Tiere besitzen die Krabben im Übrigen kein Innenskelett. Stattdessen weist ihre Haut durch Einlagerung von Chitin und Kalksalzen eine panzerartige Festigkeit auf und bildet ein Aussenskelett, welches dem Schutz der weichen Innenorgane und der Verankerung der Muskulatur dient.

Dass die Echten Krabben auf den ersten Blick keineswegs in Segmente gegliedert erscheinen, hat zwei Gründe: Zum einen erstreckt sich von ihrem letzten Kopfsegment aus eine besonders dicke Hautfalte nach hinten über den Rücken und die Seiten des Kopfbrustabschnitts, so dass dessen einzelne Segmente von oben nicht zu erkennen sind. Zum anderen ist ihr segmentierter Hinterleib stark verkleinert und wird von den Tieren unter den Vorderkörper geklappt, so dass auch er von oben nicht zu sehen ist.Wie alle Zehnfusskrebse ­ zu denen beispielsweise auch die Hummer, Langusten, Flusskrebse und Einsiedlerkrebse gehören ­ verfügen die Echten Krabben im Brustbereich über fünf Gehbeinpaare. Davon ist allerdings das vorderste zu einem «Armpaar» mit Scheren umgebaut, welche der Nahrungsaufnahme, der Feindabwehr und dem Konkurrenzkampf dienen.

Ein auffälliges Merkmal der Echten Krabben sind ferner ihre auf Stielen sitzenden, sehr beweglichen Augen. Sie gehören zu den leistungsfähigsten im Reich der Wirbellosen. Von der gut untersuchten Hornaugen-Sandkrabbe wissen wir, dass sie auf jedem Augenstiel rund 30 000 Einzelaugen (Ommatidien) besitzt, mit denen sie erstens völlig «rundum» sehen kann, zweitens Farben zu erkennen vermag und drittens eine aussergewöhnliche Sehschärfe für bewegte wie ruhende Objekte besitzt. So kann sie sich nicht nur anhand von Landmarken bestens in ihrem Lebensraum orientieren, sondern vermag auch ihre Umgebung aufmerksam zu beobachten. Einen feindlichen Reiher beispielsweise erkennt sie am offenen Strand schon in einer Entfernung von mehreren Dutzend Metern, so dass sie sich beizeiten in Sicherheit bringen kann. Und auch die Erkennung von Geschlechtspartnern beziehungsweise Rivalen beruht auf dieser guten Sehfähigkeit.

 

Die Kleine Kneifkrabbe

Die Kleine Kneifkrabbe ist ein Mitglied der Familie der Springkrabben (Grapsidae), einer vielgestaltigen Krabbensippe, welcher sowohl meereslebende als auch süsswasserlebende und landlebende Arten angehören. Mit einer Panzerbreite von höchstens 4,5 Zentimetern ist sie eher klein gewachsen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Roten Meer im Westen bis zum Tuamotu-Archipel im Osten über weite Bereiche des Indopazifiks.

Die Kleine Kneifkrabbe ist eine ausgeprägte Landkrabbe, die sich das ganze Jahr über fern vom Strand in der Streuschicht von Waldungen aller Art umherbewegt. Dort betätigt sie sich tagsüber als «Raubtier»: Sie kann erstaunlich schnell losspurten und erjagt auf diese Weise allerlei kleine wirbellose Tiere, darunter auch Jungtiere anderer Krabbenarten. Im Gegensatz zu den meisten Krabben gräbt sie sich in ihrem Lebensgebiet keine eigene Wohnhöhle, sondern benützt als Unterschlupf Hohlräume unter Steinen, Wurzelstöcken oder umgestürzten Baumstämmen. Bei Gefahr schiesst sie blitzschnell und zielstrebig davon und verschwindet schliesslich in einem ihrer Verstecke. Nicht selten stellt sie sich dem Feind aber auch und macht mit ihren Scheren Drohgesten. Tatsächlich vermag sie trotz ihrer geringen Grösse recht schmerzhaft zu kneifen ­ daher ihr volkstümlicher Name.

Während der Fortpflanzungszeit, welche auf den Kokosinseln in die Monate November bis Mai fällt, liefern die Männchen einander häufig Scheingefechte, um das Vorrecht zur Paarung mit einem Weibchen zu erlangen. Sie stehen einander gegenüber, schwenken ihre grosse Schere bedrohlich auf und nieder ­ was in der Regel genügt, damit der «schmächtigere» der beiden seine Unterlegenheit erkennt und das Feld räumt. Gelegentlich aber, wenn zwei gleich grosse Männchen aufeinander treffen, kann das Imponiergehaben in einen heftigen Zweikampf münden, der unter Umständen bis zum Tod eines der beiden Rivalen führt.

Bei der Begattung hält das Männchen das Weibchen mit seinen Scheren fest, und besonders umgestaltete Hinterleibsbeine dienen als Begattungsorgan. Nach der Befruchtung der Eier im Körper des Weibchens treten diese aus der Geschlechtsöffnung aus. Mit Hilfe seiner flächigen Hinterleibsbeine (Pleopoden) formt sie das Weibchen zu einem Paket und trägt dieses in der Folge auf seinem umgeklappten Hinterleib mit sich herum. Es dauert rund zwei Wochen, bis die Larvenentwicklung so weit fortgeschritten ist, dass die Larven zum Schlüpfen bereit sind. Dann wandert das Weibchen zum Strand, taucht ins Wasser ein und übergibt seinen Nachwuchs dem Meer. Fast ausnahmslos erfolgt die Eiabgabe zur Zeit des Vollmonds während der nächtlichen Springflut.

Die Larven schlüpfen beim Kontakt mit dem Meerwasser augenblicklich aus ihren Eiern und beginnen ihr mehrwöchiges Leben als Wassertiere. Zunächst leben sie freischwebend als so genannte «Zoealarven». Sie sehen ihren Eltern überhaupt nicht ähnlich, sondern besitzen eine skurrile Form mit verschiedenen Fortsätzen und Hörnern, welche das Schweben im Wasser erleichtern. In diesem Stadium können die jungen Kneifkrabben durch die Meeresströmungen weit von ihrer Heimatinsel weggetrieben werden und tragen so zur Ausbreitung ihrer Art bei. Nach mehreren Umwandlungen entwickeln sie sich zu garnelenartigen «Megalopalarven». In diesem Stadium geben sie ihr planktonisches Leben auf und suchen ­ wo immer sie sich befinden ­ die Boden- und Ufernähe auf. Schliesslich gehen durch eine letzte Metamorphose «richtige» kleine Krabben aus ihnen hervor. Sie verlassen am jeweiligen Ufer das Wasser und wachsen allmählich, indem sie sich mehrfach häuten, zu erwachsenen Krabben heran. Die Jugendphase dauert ungefähr drei Jahre, und das Höchstalter dürfte bei über zwölf Jahren liegen.

 

Die Violette Landkrabbe

Die Violette Landkrabbe ist ein Mitglied der Familie der eigentlichen Landkrabben (Gecarcinidae). Ihr Verbreitungsgebiet reicht von der Ostküste Afrikas bis zu den Inseln im Zentralpazifik. Mit einer Panzerbreite von bis zu 11 Zentimetern ist sie gut doppelt so gross wie die Kleine Kneifkrabbe.

Im Gegensatz zu letzterer ist die Violette Landkrabbe eine Vegetarierin, die sich hauptsächlich von frisch zu Boden gefallenen Blättern und Blüten ernährt. Auf den Kokosinseln findet man sie sowohl in den ausgedehnten, vom Menschen angelegten Kokospalmenhainen auf dem Hauptatoll als auch in dem aus Pisoniabäumen (Pisonia grandis) und Eisenholzbäumen (Cordia subcordata) bestehenden Urwald auf dem North-Keeling-Atoll. Indem sie für die stete Zersetzung der Laubstreu und damit zum «Recycling» der darin enthaltenen Nährstoffe sorgt, übernimmt sie gewissermassen die Aufgabe der -auf den Kokosinseln fehlenden Erdwürmer.

 

Hornaugen-Sandkrabbe und Glattzangen-Geisterkrabbe

Wer schon einmal an einem tropischen Strand entlang gegangen ist, der hat gewiss jene kleinen, hellen Gestalten bemerkt, welche in Windeseile über den Sand dahin schiessen und plötzlich ­ wie vom Erdboden verschluckt ­ in einem Loch verschwinden. Es handelt sich bei diesen geisterhaften Wesen um Mitglieder der Familie der Renn- und Winkerkrabben (Ocypodidae), welche häufig auch «Geisterkrabben» genannt werden.

Die beiden auf den Kokosinseln heimischen Rennkrabben, die Hornaugen-Sandkrabbe und die Glattzangen-Geisterkrabbe, weisen als Erwachsene eine Panzerbreite von bis zu 5 Zentimetern auf. Beide Arten sind in der indopazifischen Region weit verbreitet ­ von der Ostküste Afrikas bis zu den Hawaii-Inseln im Nordpazifik.

Beide Arten leben an Sandstränden, wo sie sich bis zwei Meter tiefe Gänge im Sand anlegen. In diesen luftgefüllten Höhlen verstecken sie sich bei Flut. Bei Ebbe kommen sie jeweils hervor und untersuchen das von den Wellen angeschwemmte Strandgut nach Essbarem, vor allem tierlichen Stoffen aller Art.

Während sich die Glattzangen-Geisterkrabbe gewöhnlich an den trockeneren, mit schütterer Vegetation bewachsenen Strandbereichen oberhalb der Hochwassermarke aufhält, bevorzugt die Hornaugen-Sandkrabbe die feuchten Bereiche des offenen Strands und führt dort ein ziemlich auffälliges Leben. Letztere vermag im Übrigen mit Geschwindigkeiten von fast zehn Kilometern je Stunde über den Strand zu flitzen und gehört damit weltweit zu den schnellsten landlebenden Wirbellosen. Tatsächlich überfällt sie im Spurt mitunter kleinere Krabben und Insekten und reichert so ihren Speisezettel mit «Frischfleisch» an.

 

Gefahr durch Treibhausgase?

Alle vier vorgestellten Krabbenarten sind im indopazifischen Raum weit verbreitet und mancherorts auch recht häufig. Die Wahrscheinlichkeit ist klein, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird, dass sie also in ihrem Fortbestand in Gefahr geraten könnten. Zwar macht ihnen gebietsweise die Verbauung und die Verschmutzung der Küstenzonen durch den Menschen zu schaffen. Da sie aber ­ im Gegensatz zu vielen anderen Krebstieren ­ wegen ihrer geringen Körpergrösse nicht noch zusätzlich als Delikatesse verfolgt werden, hat dies nur unwesentliche Auswirkungen auf ihre Gesamtpopulation.

Auch die Kokosinseln bieten den vier Krabben bisher eine recht sichere Heimat. Längerfristig könnten allerdings die globalen Klimaveränderungen, welche der Mensch durch den masslosen Ausstoss von Kohlendioxid und anderen «Treibhausgasen» verursacht, zu einem derart markanten Anstieg des Meerespiegels führen, dass die Korallenpolypen mit dem Aufbau des Riffs nicht mehr Schritt zu halten vermögen und die Kokosinseln letztlich in den blauen Fluten des Indischen Ozeans untergehen. Selbst wenn dieses düstere ­ und auch in wissenschaftlichen Kreisen nicht unumstrittene ­ Szenario dereinst Wirklichkeit werden sollte, würde der Verlust dieser winzigen Lebensgebiete den weit verbreiteten Krabben wohl kaum merklich schaden.




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