Kragenbär
Selenarctos thibetanus
© 1989 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Nach gängiger Auffassung setzt sich die Familie
der Grossbären (Ursidae) aus insgesamt sieben Arten zusammen.
Nur einer dieser sieben Grossbären, der Brillenbär,
ist auf der südlichen Erdhalbkugel zu Hause: Sein Verbreitungsgebiet
erstreckt sich über den nördlichen Teil der südamerikanischen
Anden. Die anderen sechs Grossbären leben auf der Nordhalbkugel
unseres Planeten: Eisbär und Braunbär sind rund um
den Globus anzutreffen, kommen also in Europa, Asien und Amerika
vor. Der Schwarzbär, auch «Baribal» genannt,
ist in Nordamerika beheimatet. Lippenbär, Malaienbär
und Kragenbär sind in ihrer Verbreitung auf das südliche
und östliche Asien beschränkt.
Eisbär, Braunbär und Schwarzbär sind
verhältnismässig nah miteinander verwandt und werden
darum in ein und dieselbe Gattung (Ursus) gestellt. Der
südamerikanische Brillenbär sowie die drei südasiatischen
Grossbären werden hingegen je einer eigenen Gattung (Tremarctos,
Melursus, Helarctos, Selenarctos) zugeordnet. Einige Experten
sind allerdings der Ansicht, dass auch der Kragenbär der
Gattung Ursus angegliedert werden müsste.
Stämmige Allesesser
Die Bären gehören innerhalb des Systems
der Tiere zur Klasse der Säugetiere (Mammalia) und da wiederum
zur Ordnung der Raubtiere (Carnivora). Letztere bilden insofern
eine natürliche Einheit, als sie typischerweise in der linken
und in der rechten Gebisshälfte je ein grosses, scharfkantiges
Zahnpaar besitzen, das sich aus dem letzten oberen Vorbackenzahn
und dem ersten unteren Backenzahn zusammensetzt. Diese beiden
Zahnpaare, welche zusammenfassend als «Reisszähne»
bezeichnet werden, bilden eine Art «Schere» zum Zerschneiden
von Fleisch. Man nennt das Gebiss der Raubtiere darum auch «Brechscherengebiss».
Ein ausgeprägtes Brechscherengebiss haben beispielsweise
die Katzen, welche reine Fleischesser sind. Die Bären hingegen,
die sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu Allesessern entwickelt
haben, weisen ein stark verändertes Raubtiergebiss auf:
Alle Backenzähne sind stark abgeflacht und nunmehr bestens
zum Zermahlen pflanzlicher Stoffe geeignet, jedoch nicht mehr
zum Fleischschneiden.
Der Vollständigkeit halber ist hier anzumerken,
dass nicht alle sieben Grossbären typische Allesesser sind:
Der Eisbär hat sich nachträglich vom Allesesser wieder
zum Fleischesser entwickelt - gezwungenermassen wohl, da ihm
in seiner hochnordischen Heimat kaum Pflanzen, dagegen ganzjährig
Robben als Nahrungsgrundlage zur Verfügung stehen. Und der
ostindische Lippenbär ernährt sich grossenteils von
Ameisen und Termiten. Seinen deutschen Namen verdankt er den
besonders grossen, beweglichen Lippen, mit denen er eine Art
«Saugstutzen» bilden kann, um die Tierchen aus ihren
aufgebrochenen Nestern zu saugen.
Zu den Grossbären gehören die grössten
Landraubtiere der Welt: Die in Alaska beheimateten Braunbären
(«Kodiakbären») können bis drei Meter lang
und 780 Kilogramm schwer werden! Allesamt sind die sogenannte
«Sohlengänger»: Beim Gehen treten sie jeweils
mit der gesamten Hand- und Fussohle auf dem Boden auf, wie das
ja auch der Mensch tut. Katzen, Hunde und viele pflanzenessende
Säugetiere sind dagegen Zehen- oder sogar Zehenspitzengänger.
An allen vier Gliedmassen weisen die Grossbären
fünf Zehen auf, welche massive, stark gebogene Krallen tragen,
die nicht eingezogen werden können und daher an der Spitze
stark abgenutzt sind. Sie sind wichtige Werkzeuge bei der Nahrungsbeschaffung
wie auch beim Klettern, und sie können bei Angriff und Verteidigung
als gefährliche Waffen eingesetzt werden.
Der «Mondbär» ist in Asien weit
verbreitet
Der Kragenbär (Selenarctos thibetanus)
trägt auf der Brust eine auffällige gelbliche Zeichnung
in V-Form. Auf dieses sichelmondförmige Abzeichen spielt
sein wissenschaftlicher Name an: Er bedeutet «Thibetanischer
Mondbär». Seinen deutschen Namen verdankt der Kragenbär
jedoch nicht diesem hellen «Brustlatz», sondern den
langen Haaren, die sich dicht wie ein Kragen um Nacken, Halsseiten
und Schultern legen.
Der Kragenbär ist ein mittelgrosser Vertreter
seiner Familie: Die Männchen weisen eine Kopfrumpflänge
von 1.5 bis 1.75 Metern und ein Gewicht um 120 Kilogramm auf.
Die Weibchen sind im allgemeinen etwas kleiner und leichter.
Die Heimat des Kragenbären ist das südliche
und östliche Asien. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich
von Iran und Afghanistan ostwärts über Pakistan, Indien,
Nepal, Bhutan, Birma und China bis in die Mongolei, die Mandschurei,
auf die Koreanische Halbinsel, nach Indochina, Thailand und möglicherweise
auch Malaysia. Ausserdem hat er die Inseln Japan, Taiwan und
Hainan besiedelt.
Innerhalb dieses weiten Areals hält sich der
Kragenbär am liebsten in unzugänglichen Bergwaldgebieten
auf. Selten übersteigt er im Gebirge die Waldgrenze und
wird darum auch im Bereich des Himalajas kaum über 3000
Metern Höhe angetroffen. In Birma und im nördlichen
Indien wagt er sich hingegen in die immergrünen Regenwälder
des Tieflands hinunter.
Wegen der bitteren Kälte und des mangelhaften
Nahrungsangebots hält der Kragenbär im nördlichen
Teil seines Verbreitungsgebiets und in den höheren Lagen
eine Winterruhe. Er zieht sich dazu in eine Erd-, Fels- oder
Baumhöhle zurück. Selten verschläft er allerdings
den ganzen Winter am Stück. Meistens kommt er hin und wieder
aus seinem Lager hervor, um auf einem kleinen Rundgang nach Essbarem
Ausschau zu halten.
Die Paarungszeit des Kragenbären fällt nicht
in allen Teilen seines weiten Verbreitungsgebiets in dieselben
Monate. Vielerorts finden die Paarungen aber zur Hauptsache im
Oktober statt. Die gewöhnlich zwei Jungen kommen dann zeitig
im nächsten Jahr zur Welt, während das Weibchen noch
in seinem Winterquartier weilt. Erst zwei bis drei Monate später
verlassen sie gemeinsam mit der Mutter ihr Lager und werden von
ihr noch etwa zwei Jahre lang geführt. In freier Wildbahn
scheinen Kragenbären ein Höchstalter von ungefähr
25 Jahren zu erreichen.
Ein gewandter Kletterer
Früchte, Beeren, Nüsse und Samen bilden
die Hauptnahrung des Kragenbären. Daneben nimmt er gerne
staatenbildende Insekten und deren Vorräte (Ameisen, Ameisenbrut,
Bienenhonig) zu sich, und mitunter geht er auch an Aas. Die Zusammensetzung
seiner Kost richtet sich nach dem jeweiligen örtlichen und
saisonalen Nahrungsangebot.
Der Schweizer Zoologe Fred Kurt konnte im nordindischen
Dachigam-Reservat die Essgewohnheiten der dortigen Kragenbären
genau bestimmen: Im April, nach der Winterpause, hielten sie
sich an Ameisen und Kräuter wie Löwenzahn und Kerbel.
Im Mai bestand ihre Nahrung hauptsächlich aus Kräutern
und Erdbeeren, im Juni aus Maulbeeren und Wildkirschen. Im Juli
assen sie vorwiegend wilde Aprikosen, Mirabellen und Brombeeren.
Im August begann die «Ernte» von Eicheln, Walnüssen,
Hagebutten und wilden Trauben. Bevor sich die Kragenbären
dann zum Winterschlaf begaben, assen sie die spät reifenden
Früchte von Mehlbeere, Berberitze und Zürgelbaum.
Der «athletische» Körperbau des Kragenbären
- mächtiger Brustkorb, starke Schultern, schmale Hüften
- verraten den behenden Kletterer. Tatsächlich verbringt
der Kragenbär auch als Erwachsener einen beachtlichen Teil
seines Alltags auf Bäumen. Hier findet er nicht nur Futter,
sondern zudem Schutz vor seinen natürlichen Feinden Braunbär,
Wolf und Tiger. Im Dienst der Feindvermeidung steht auch die
Angewohnheit des Kragenbären, sich mitunter in Astgabelungen
eine lockere Plattform aus Ästen und Zweigen zu bauen und
sich dort schlafen zu legen.
Angriffe auf Menschen erfolgen nur in «Notwehr»
Die meisten Kragenbären töten und verzehren
während ihres gesamten Lebens keine grösseren Tiere
als Ameisen und Insektenlarven. Einige Individuen scheinen jedoch
ein persönliches «Talent» zum Erlegen von mittelgrossen
Säugetieren wie Hirschen, Schafen und Ziegen zu entwickeln.
Immer wieder erfolgen auch Angriffe auf Menschen.
Die Asiaten, die ihren Lebensraum mit dem kräftigen schwarzen
Bären teilen, zollen ihm daher grössten Respekt. An
der Südflanke des Himalajas wird er von der ansässigen
Bevölkerung sogar mehr gefürchtet als der Tiger. Und
tatsächlich scheint der Kragenbär dort für mehr
tödliche Zwischenfälle verantwortlich zu sein als die
grosse Raubkatze. In den zwanziger Jahren waren unangenehme Begegnungen
mit Kragenbären in Indien gar dermassen häufig, dass
sich die Regierung veranlasst sah, eine Prämie von 25 Rupien
(damals ungefähr 3,5 US-Dollar) auf den Kopf der Tiere auszusetzen.
Wie wir heute wissen, haben diese «Überfälle»
nichts mit dem Nahrungserwerb des Kragenbären zu tun, sondern
sind auf die Unachtsamkeit des Menschen zurückzuführen:
Der Kragenbaer ist ein sehr anpassungsfähiger Bär,
der sich häufig auch in der Nähe menschlicher Siedlungen
aufhält. Den Zweibeinern geht er zwar nach Möglichkeit
aus dem Weg: Er ist fast ausschliesslich nachts unterwegs und
verschläft den Tag in möglichst dichtem Pflanzenwuchs.
Da er wie alle Bären einen sehr festen Schlaf hat und überdies
sein Hör- und Sehvermögen eher mässig sind, kommt
es dort jedoch immer wieder zu ungewollten «Zusammenstössen»
mit unvorsichtigen beeren-, pilze- oder holzsammelnden Menschen.
Da die Fluchtdistanz zumeist deutlich unterschritten ist, greift
der Bär dann sofort an und bringt seinem Opfer mit den krallenbewehrten
Vordertatzen und dem kräftigen Gebiss schwere Verletzungen
auf Kopf- und Brusthöhe bei. Was dann wie ein Angriff aussieht,
ist also im Grunde genommen nur Verteidigung: Der Bär wehrt
sich gegen den vermeintlichen Angreifer.
Mancherorts macht sich der Kragenbär für
den Menschen auch noch auf andere Weise unangenehm bemerkbar:
Vereinzelte Exemplare plündern nämlich mit Vorliebe
die Pflanzungen des Menschen oder reissen seine Nutztiere. Auch
dies trägt nicht gerade zur Beliebtheit des Kragenbären
in seiner Heimat bei.
Seiner Gallenblase wegen verfolgt
Im Fernen Osten wird der Kragenbär seiner Gallenblase
wegen stark bejagt: Sie ist in der chinesischen Volksmedizin
sehr begehrt. Dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass die
Art heute aus vielen Bereichen ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets
verschwunden ist. Grosser Bedarf an Bärengallenblasen für
medizinische Zwecke besteht auch in Südkorea. Da jedoch
die lokale Kragenbärenpopulation bereits stark geschwächt
ist, wird den Tieren auf dem benachbarten Japan und im angrenzenden
China besonders eifrig nachgestellt.
Eine starke Gefährdung des Kragenbären stellt
ferner die intensive Nutzung der asiatischen Wälder durch
die rasch anwachsende menschliche Bevölkerung dar, denn
dadurch wird ihm auf breiter Front die Lebensgrundlage entzogen.
Grössere Kragenbärenpopulationen überleben heute
nur noch in abgelegenen, dichtbewaldeten und wenig begangenen
Hügelregionen. Solche Gebiete werden aber immer seltener.
Im übrigen hat sicherlich auch die Bejagung des
Kragenbären als «Viehdieb», «Felderplünderer»
und «Menschenfresser» ihren Teil zum Rückgang
der Art beigetragen.
Gesicherte Informationen über den gegenwärtigen
Gesamtbestand des Kragenbären sind nicht erhältlich.
Doch steht ausser Zweifel, dass diese bislang von der Wissenschaft
wenig beachtete Tierart stark im Rückgang begriffen ist.
Die Erarbeitung eines wirksamen Massnahmenpakets zur Erhaltung
des Kragenbären in freier Wildbahn wäre daher dringend
erforderlich.
Immerhin ist der Kragenbär in Anhang 1 des Washingtoner
Artenschutzübereinkommens (WA) aufgeführt. Dies bedeutet,
dass der Handel mit lebenden Kragenbären sowie Kragenbärteilen
aller Art zwischen den rund 100 Unterzeichnerstaaten des Abkommens
bis auf gewichtige Ausnahmefälle (z.B. die Zucht in geeigneten
Zoos) verboten ist. Der starken Bedrohung und grossen Schutzbedürftigkeit
der Art wird damit auf internationaler Ebene Rechnung getragen.
Leider hat aber ausgerechnet Südkorea bis heute das Abkommen
nicht unterzeichnet.
Der Kragenbär in Pakistan
Innerhalb des weiten Verbreitungsgebiets des Kragenbären
werden zahlreiche Unterarten unterschieden. In Pakistan, dem
Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kommen zwei davon vor:
Der Himalaja-Kragenbär (Selenarctos thibetanus laniger)
in den nördlichen Landesteilen und der Belutschistan-Kragenbär
(Selenarctos thibetanus gedrosianus) im hügelreichen
Südwesten. Ursprünglich erstreckte sich das Verbreitungsgebiet
des Kragenbären in Pakistan wohl kontinuierlich von den
gebirgigen Provinzen im Norden des Landes über die Frontier-Provinz
bis in die Provinz Belutschistan und von dort weiter ins iranische
Belutschistan. Die starke Bejagung des schwarzen Bären und
die zunehmende Zerstörung seines Lebensraums haben aber
dazu geführt, dass der Belutschistan-Kragenbär nunmehr
vom Himalaja-Kragenbären vollständig isoliert ist:
Im Iran kommt er in kleinen, inselartigen Beständen in abgelegenen
Hügelgebieten der Provinzen Kerman und Sistan-Belutschistan
vor. In Pakistan findet man ihn in der Hügelzone südlich
von Khuzdar und südwestlich von Kharam im zentralen Bereich
der Provinz Belutschistan. Hier bewohnt er hauptsächlich
trockenen, subtropischen Dorndschungel und ernährt sich
grossenteils vom stärkehaltigen Stamm der Mazri-Palme. Es
scheint, dass er nur dank dieser nahrhaften Pflanze in dem öden,
für Kragenbären untypischen Lebensraum überhaupt
zu überleben vermag.
Zum Verhängnis scheint ihm jedoch zu werden,
dass er gelegentlich die Mohrenhirse-Felder und Dattelpalmen-Haine
der örtlichen Bevölkerung plündert. Die Belutschen
sind zu arm, um solche Schäden reaktionslos hinnehmen zu
können. Obschon der Belutschistan-Kragenbär im pakistanischen
Belutschistan unter gesetzlichem Schutz steht, ist die Bärenjagd
daher eine weitverbreitete Aktivität der ansässigen
Landbevölkerung.
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