Panzerkrokodil - Crocodylus cataphractus

Stumpfkrokodil - Osteolaemus tetraspis


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Zeugen längst vergangener Erdepochen

Ist von Krokodilen die Rede, so sehen die meisten von uns das Nilkrokodil (Crocodylus niloticus) vor Augen - mit bis zu sieben Metern Länge und über einer Tonne Gewicht eines der mächtigsten Krokodile unseres Planeten und bestens bekannt aus unzähligen Büchern und Filmen. Dabei gibt es noch eine ganze Reihe anderer Krokodile: Innerhalb der Ordnung der Krokodile (Crocodylia) werden insgesamt 21 Arten unterschieden. Sieben von ihnen gehören zur Familie der Alligatoren (Alligatoridae), eines zur Familie der Gaviale (Gavialidae) und 13 zur Familie der Echten Krokodile (Crocodylidae).

Krokodile sind die beherrschenden Räuber der tropischen Binnengewässer und die grössten und «gewichtigsten» Reptilien unserer Zeit. Sie erwecken bei uns den Eindruck besonders urtümlicher Tiere. Dem ist auch wirklich so: Krokodile sind eine besonders alte Tiergruppe. Die frühesten Vertreter dieser Kriechtier-Ordnung - kleine, eidechsenartige Wesen - traten bereits vor 180 Millionen Jahren auf der Erde in Erscheinung. Und Krokodile von «modernem» Aussehen gab es schon vor etwa 100 Millionen Jahren. In der zoologischen Systematik werden sie zusammen mit den Dinosauriern, den Flugsauriern und vielen weiteren jener «sagenumwobenen» Reptilien des Erdmittelalters in die Gruppe der Grossaurier (Archosauria) gestellt. Sie sind somit direkte Verwandte jener grossartigen Gestalten und können zu Recht als lebende Zeugnisse aus längst vergangenen Erdepochen betrachtet werden.

 

Bewohner der afrikanischen Regenwaldzone

Zur Familie der Echten Krokodile gehören unter anderem auch das Panzerkrokodil (Crocodylus cataphractus) und das Stumpfkrokodil (Osteolaemus tetraspis), welche beide in Afrika südlich der Sahara beheimatet sind. Die Verbreitungsgebiete der beiden Arten überdecken einander weitgehend und umfassen beinahe die gesamte afrikanische Regenwaldzone zwischen Senegal im Westen, Zaire im Osten und Angola im Süden. Das Panzerkrokodil kommt zusätzlich noch in Westtansania, Nordsambia und auf der Insel Bioko im Golf von Guinea vor, das Stumpfkrokodil noch in Westuganda.

Innerhalb ihres gemeinsamen Verbreitungsgebiets treten die beiden Arten selten am selben Ort auf, denn sie bevorzugen unterschiedliche Lebensräume. So lebt das Panzerkrokodil vornehmlich entlang von Flüssen, die den Regenwald durchziehen oder sich durch bewaldete Savannengebiete schlängeln. Das Stumpfkrokodil hält sich dagegen eher entlang kleiner und kleinster Wasserläufe im Regenwald auf. Gemeinsame Vorkommen findet man in der Regel nur in Flussdeltas und anderen küstennahen Fliessgewässern. Im übrigen kommt weder das Panzer- noch das Stumpfkrokodil in grösserer Zahl dort vor, wo das Nilkrokodil heimisch ist.

 

Das Panzerkrokodil - auch am Bauch gepanzert

Das Panzerkrokodil wurde im späten 18. Jahrhundert entdeckt und erhielt 1825 vom grossen französischen Zoologen Georges Cuvier den Artnamen cataphractus zugeteilt. Dies bedeutet «in Panzer gekleidet» und bezieht sich darauf, dass beim Panzerkrokodil - im Gegensatz zu den meisten anderen Krokodilarten - nicht nur die Rückenhaut durch verknöcherte Hornplatten verstärkt ist, sondern dass es solche in grosser Zahl auch in der Bauchhaut aufweist.

Das Panzerkrokodil erreicht im Durchschnitt eine Länge von 2 bis 2,5 Metern. Seine Körperoberseite ist dunkel oliv oder gelblich-braun gefärbt mit schwarzen Querstreifen auf Rücken und Schwanz. Durch die starke Einbuchtung der Stirn, die Anordnung der Nackenhöcker und vor allem die schmale, langgezogene Schnauze unterscheidet es sich deutlich vom Nilkrokodil.

Schmale, langgezogene Schnauzen finden sich mehr oder weniger ausgeprägt auch bei anderen Krokodilarten: Beim Orinoko-Krokodil (Crocodylus intermedius) ist die Schnauze leicht verschmälert, beim Panzerkrokodil und beim Australien-Krokodil (Crocodylus johnstoni) stark, und beim Sunda-Gavial (Tomistoma schlegeli) sowie beim Ganges-Gavial (Gavialis gangeticus) ist sie zu einem extrem schmalen, schnabelartigen Gebilde umgeformt. Diese Verlängerung der Schnauze ist zweifellos eine Anpassung an das Erbeuten von Fischen und anderen unter Wasser lebenden Tieren.

Eine schmale Schnauze erleichtert nicht nur das Aufstöbern von Beutetieren in Löchern, Nischen und Wurzelwerken unter Wasser, sondern sie eignet sich auch gut zum flinken Zupacken unter Wasser: Beim blitzschnellen Aufreissen und Schliessen der Kiefer gibt es wesentlich weniger Widerstand als bei einer breiten Schnauze. Tatsächlich sind die beiden Gaviale hochspezialisierte Fischjäger, während die Kost der Krokodile mit weniger extremem «Schnabel» neben Fischen noch andere am und im Wasser lebende Tiere wie Frösche, Krebse und Wasservögel umfasst.

Grösseren Säugetieren wird das Panzerkrokodil nicht gefährlich. Und auch am Menschen vergreift es sich in freier Wildbahn nicht. Es wird daher in seiner Heimat nicht dermassen gefürchtet wie sein grosser Bruder, das Nilkrokodil.

 

Die Nesttemperatur ist geschlechtsbestimmend

Krokodile lassen sich nach der Art, wie sie ihr Nest anlegen, in zwei Gruppen aufteilen: Die einen graben sich in feuchter Erde ein Loch für das Gelege. Die anderen tragen abgestorbenes Pflanzenmaterial zu einem Haufen zusammen und betten ihre Eier dahinein. Während das Nilkrokodil zu den «Lochnistern» gehört, zählt das Panzerkrokodil zu den «Haufennistern». Möglicherweise ist das Anlegen eines Nesthaufens das fortschrittlichere Nistverhalten. Jedenfalls ist die ziemlich gleichmässige, gegenüber der Umgebung leicht erhöhte Temperatur des Haufens, welche durch den Zerfall der toten Pflanzensubstanz erzeugt wird, dem Gelege sehr zuträglich.

Dabei ist nicht nur die Wärme für die Entwicklung der Embryonen von Vorteil. Die gleichmässige Temperatur dürfte auch für die Ausgewogenheit des Geschlechtsverhältnisses der werdenden Krokodile von Bedeutung sein. Studien haben nämlich gezeigt, dass bei verschiedenen Krokodilarten die Umgebungstemperatur in einem bestimmten Stadium der Embryoentwicklung entscheidend ist für die Geschlechtsbestimmung der heranwachsenden Krokodile.

Wichtig für den Nachzuchterfolg des einzelnen Weibchens sind ferner der Ort, an dem es sein Nest anlegt, und der Zeitpunkt der Eiablage. Je nach der Grösse seines Einzugsgebiets und der Form seines Bettes kann auch im Regenwald der Wasserstand eines Flusses im Jahresverlauf beträchtlichen Schwankungen unterworfen sein. Die Aufgabe des Krokodilweibchens ist es, einerseits sein Nest möglichst nahe an einem Wasserlauf anzulegen, damit die Jungen nach dem Schlüpfen rasch im Wasser Zuflucht nehmen können, andererseits aber doch so weit davon entfernt, dass das Nest nie unter Wasser gesetzt oder gar weggeschwemmt wird.

Panzerkrokodil-Weibchen legen ihre Nester im allgemeinen über einer steilen Flussbank an, wo die Gefahr der Überflutung minimal und die Distanz zum Wasser doch sehr gering ist. Die Jungtiere schlüpfen dann mitten in der Regenzeit, wenn auch die kleinsten Bäche Wasser führen. Sie finden dadurch überall genügend Versteckmöglichkeiten und können sich gut im Wald verteilen.

Jedes Weibchen besucht im Verlauf der Brutzeit des öfteren sein Nest und verweilt jeweils längere Zeit bewegungslos auf dem Nesthügel. Dieses Verhalten dürfte dazu beitragen, allfällige Nestplünderer von den Eiern fernzuhalten. Ob die Panzerkrokodil-Weibchen neben diesem Bewachen des Geleges auch auf die eine oder andere Art ihre schlüpfenden Jungen betreuen, ist nicht bekannt. Von anderen Krokodilarten weiss man jedoch, dass die Weibchen echte Brutfürsorge betreiben: Sie graben ihre Gelege aus, sobald sie die quäkenden Rufe der vollentwickelten Jungen in den Eiern vernehmen, helfen den einzelnen Jungen beim Schlüpfen und tragen sie mitunter sogar in ihren zahnbewehrten Kiefern zum Wasser.

 

Das Stumpfkrokodil - ein heimliches Wesen

Das Stumpfkrokodil hat eine auffallend kurze Schnauze - daher sein Name. In seinem Erscheinungsbild und mit den braunen Augen erinnert es an die neuweltlichen Glattstirnkaimane (Gattung Paleosuchus). Die Jungtiere tragen eine hübsche Zeichnung: Oberseits zeigen sie auf schwarzer Grundfärbung rot-gelbe Querbinden, unterseits sind sie schwarz-gelb gefleckt. Erwachsene Tiere sind meistens einfarbig schwarz.

Das Stumpfkrokodil ist ein eher kleiner Vertreter seiner Familie: Im Durchschnitt weist es eine Körperlänge von nur etwa einem Meter auf. Zusammen mit seiner heimlichen und nächtlichen Lebensweise macht die geringe Grösse des Stumpfkrokodils die Beobachtung freilebender Tiere ausserordentlich schwierig. Tatsächlich ist über die Biologie des Stumpfkrokodils so gut wie nichts bekannt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Krokodilen legt sich das Stumpfkrokodil selten längere Zeit an die Sonne, um sich aufzuwärmen. Es hält sich vorwiegend an schattigen Stellen auf und liegt oft halb im Wasser untergetaucht. Seine Nahrung setzt sich aus mancherlei Kleintieren wie Krabben, Fröschen und Fischen zusammen. Wie beim Panzerkrokodil legt das Weibchen des Stumpfkrokodils ein Haufennest an. Die Eizahl pro Gelege beträgt 10 bis 20 Eier, also etwa viermal weniger als beim Nilkrokodil.

Einzelne Krokodile, die um 1910 im nordöstlichen Zaire (damals noch Belgisch-Kongo) gefunden worden waren, wurden von den damaligen Wissenschaftlern als neue Krokodilart, Osteoblapharon osborni, beschrieben. Später wurde jedoch festgestellt, dass sich die Tiere lediglich durch ein paar unwesentliche Schädelmerkmale vom Stumpfkrokodil unterscheiden. Sie gelten heute als Unterart des Stumpfkrokodils.

 

Grosse Vergangenheit - ungewisse Zukunft

180 Millionen Jahre hat die Ordnung der Krokodile erfolgreich überlebt. Unbeschadet überdauerten sie selbst das grosse Reptiliensterben vor 65 Millionen Jahren, dem unter anderem all die gewaltigen Dinosaurier zum Opfer fielen. Nun aber hat es der Mensch in wenigen Jahrzehnten geschafft, die Krokodile durch rücksichtslosen Abschuss fast völlig zu vernichten. Seit Krokodilledertaschen und -schuhe in den reichen Ländern als Luxusartikel begehrt sind und damit die Jagd auf die Tiere zu einem äusserst einträglichen Geschäft geworden ist, sind ihre Bestände weltweit rapid geschwunden. 26 von ihnen stehen heute auf der «Roten Liste», dem Verzeichnis der vom Aussterben bedrohten Tierarten, darunter auch das Panzer- und das Stumpfkrokodil.

Zwar blieben diese beiden afrikanischen Arten lange Zeit von den professionellen Krokodiljägern weitgehend verschont - das Panzerkrokodil wegen seiner verknöcherten Knorpelplatten in der Bauchhaut, das Stumpfkrokodil wegen seiner geringen Grösse. Nachdem aber die Bestände des Nilkrokodils in weiten Teilen Afrikas stark zurückgegangen waren, wandten sich die Jäger vermehrt auch diesen, für die Lederindustrie weniger günstigen Arten zu.

 

Wissenschaftlich abgestützte Nutzungsprogramme haben Erfolg

Sowohl das Panzer- als auch das Stumpfkrokodil profitieren heute in manchen Fällen von den grossen Wildreservaten in der afrikanischen Regenwaldzone, welche zum Teil mit fachlicher und finanzieller Unterstützung des Welt Natur Fonds (WWF) errichtet worden sind. Und auch das 1975 in Kraft getretene «Washingtoner Abkommen»), das den internationalen Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten regelt, dürfte zur Erhaltung der beiden altertümlichen Geschöpfe beitragen.

Darüberhinaus wären aber wissenschaftlich abgestützte Nutzungsprogramme für die Erhaltung der beiden Krokodilarten von grossem Wert. Mehrere afrikanische Nationen - so zum Beispiel Simbabwe und Mosambik - haben in neuerer Zeit bewiesen, dass sich Krokodilbestände durch solche Programme durchaus nutzen und schützen lassen. Abschussquoten, die aufgrund wissenschaftlicher Studien festgelegt sind, und der Schutz der Lebensräume sorgen dafür, dass die Bestände der Krokodile nicht leergeschossen werden, sondern als langfristig nutzbare Einnahmequelle erhalten bleiben.

Es ist zu hoffen, dass der Erfolg dieser Programme auch andere afrikanische Nationen dazu anspornt, ihre Krokodilbestände zu schonen. Sowohl für das Panzer- wie für das Stumpfkrokodil wäre es dafür noch nicht zu spät. Zwar sind ihre Bestände in manchen Teilen ihres Verbreitungsgebiets arg geschädigt. Es gäbe aber noch immer genügend Populationen, die auf ein Schutz-/Nutzungsprogramm durchaus ansprechen würden. So leben beispielweise im Norden der Republik Kongo noch gesunde Populationen beider Krokodilarten. Dort wäre ein idealer Ort für die Entwicklung eines solchen Programms.




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