Arabische Kropfgazelle

Gazella subgutturosa marica


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Gazellen gehören innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Familie der Hornträger (Bovidae) und werden da in einer eigenen Unterfamilie, den Gazellenartigen (Antilopinae), zusammengefasst. Neben elf Arten «echter» Gazellen (Gattung Gazella) gehören zu den Gazellenartigen noch sieben Arten «unechter» Gazellen, darunter etwa die langhalsige Giraffengazelle (Litocranius walleri) und die geheimnisvolle Przewalskigazelle (Procapra przewalskii).

Unter den Gazellenartigen befinden sich einige der häufigsten Grosssäugetiere unseres Planeten. Zu nennen ist etwa die Thomsongazelle (Gazella thomsoni), welche zu Hunderttausenden die Savannen Ostafrikas bevölkert. Leider zählen aber auch einige der seltensten und meistbedrohten Grosssäugetiere zu den Gazellenartigen. Man denke beispielsweise an die Dünengazelle (Gazella leptoceros), von der heute nur noch ein paar winzige Restbestände weit verstreut in der Wüste Sahara existieren.

Die auf dem asiatischen Kontinent beheimatete Kropfgazelle (Gazella subgutturosa) nimmt diesbezüglich eine Mittelstellung ein: Weder ist sie besonders häufig, noch ist sie in ihrem Fortbestand gefährdet. Innerhalb ihres überaus weiten Verbreitungsgebiets, das sich vom Nahen Osten und von Arabien über Zentralasien bis in die Mongolei und nach Ostchina erstreckt, kommt sie zwar heute vielerorts in arg verminderter Zahl, im allgemeinen aber doch in überlebensfähigen Beständen vor. Düster sieht ihre Situation allerdings auf der Arabischen Halbinsel aus: Die dort heimische Arabische Kropfgazelle (Gazella subgutturosa marica), eine von vier allgemein anerkannten Kropfgazellen-Unterarten, gilt als vom Aussterben bedroht. Von ihr soll im folgenden die Rede sein.

 

Im Alter bleichgesichtig

Die Arabische Kropfgazelle ist von verhältnismässig gedrungenem Bau, mit relativ kurzen Beinen und kräftigem Leib. Erwachsene Individuen erreichen gewöhnlich eine Schulterhöhe von 55 bis 60 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von nahezu einem Meter und ein Gewicht von 30 bis 40 Kilogramm, wobei die Weibchen im allgemeinen etwas kleiner und leichter sind als die Männchen. Der Schwanz ist mit einer Länge von etwa 15 Zentimetern ziemlich kurz. Recht lang sind hingegen die Hörner, zumindest bei den Männchen: Sie messen bis über 30 Zentimeter und weisen im Alter etwa 24 deutliche Querringe auf. Die Weibchen haben kleinere und glattere Hörner; viele von ihnen tragen sogar nur ganz kleine Stummel oder bleiben zeitlebens hornlos.

Die Fellzeichnung der Arabischen Kropfgazelle ist wenig markant: Im allgemeinen sind die erwachsenen Tiere oberseits hellbraun, unterseits weiss gefärbt, wobei die für andere Gazellen typischen Flankenbänder ebenso verwischt sind wie die schwarzweisse Gesichtsmaske. Letztere ist nur in der frühen Jugend ausgeprägt und bleicht im Alter immer mehr aus. Wie bei den übrigen Kropfgazellen ist bei den Männchen der Arabischen Kropfgazelle zur Paarungszeit der Kehlkopf «adamsapfelartig» angeschwollen - daher der deutsche Artname.

Das Verbreitungsgebiet der Arabischen Kropfgazelle erstreckt sich von Jordanien durch weite Teile Saudiarabiens bis nach Bahrain, Oman und in die Vereinigten Arabischen Emirate. In Kuwait, wo sie früher ebenfalls vorkam, gilt sie mittlerweile als ausgestorben. Und im westlichen Bereich der Arabischen Halbinsel - besonders in den bergigen Regionen der Sinai-Halbinsel und der Hedschas-Region - scheint sie ebenso wie im Jemen von alters her zu fehlen.

Innerhalb des unabhängigen Emirats Bahrain, das die vorliegenden Briefmarken verausgabt, findet man die Arabische Kropfgazelle sowohl auf der Insel Bahrain selbst als auch auf den beiden Nebeninseln Hawar und Umm Nasan.

 

Zwergsträucher als Grundnahrungsmittel

Zur Hauptsache bewohnt die Arabische Kropfgazelle heisse, trockene Wüsten- und Halbwüstengebiete mit hartem Boden. Hier ernährt sie sich vornehmlich von den Blättern und Trieben der spärlich vorhandenen, weit verstreut wachsenden Zwergsträucher. Nach den winterlichen Regen steht ihr jeweils zusätzlich ein reiches Angebot an Gräsern und Kräutern zur Verfügung, das sie dann eifrig nutzt.

Wie alle Gazellen geht die Arabische Kropfgazelle bei der Nahrungssuche sehr selektiv vor, das heisst sie wählt sorgfältig die jeweils nahrhaftesten, wasserhaltigsten und bestverdaulichen Pflanzenteile aus dem lokalen und saisonalen Angebot aus. Rhanterium eppaposum, ein charakteristischer Zwergstrauch innerhalb des Verbreitungsgebiets der Arabischen Kropfgazelle, spielt Beobachtungen zufolge eine besonders wichtige Rolle für die Ernährung. Nicht zuletzt scheinen seine Blattknospen während der Trockenzeit überlebenswichtige Flüssigkeit zu liefern.

Wie die meisten wüsten- und halbwüstenbewohnenden Grosssäuger ist die Arabische Kropfgazelle im übrigen nicht sesshaft. Die seltenen, unregelmässig und lokal niedergehenden Regenschauer zwingen sie dazu, während der meisten Zeit des Jahres ein nomadisches Leben zu führen und auf der Suche nach guter Weide weit umherzustreifen.

Einst konnte man die Arabische Kropfgazelle in ihrer ungastlichen Heimat in grossen Verbänden antreffen, die aus mehreren hundert Individuen bestanden, und noch um die Mitte unseres Jahrhunderts waren 50 bis 100 Tiere umfassende Gruppen in den zentralen Teilen der Arabischen Halbinsel keineswegs selten. Heute sind die Bestände stark ausgedünnt: Man begegnet der kräftigen Gazelle in Kleingruppen von selten mehr als sieben, meistens aber nur drei bis vier Individuen. Gewöhnlich handelt es sich um ein bis zwei erwachsene Weibchen mit ihren unselbständigen Jungen, welche manchmal noch von einem erwachsenen Männchen begleitet werden.

Die Arabische Kropfgazelle ist ein sehr aufmerksames und vorsichtiges Huftier, das schon beim geringsten Anzeichen einer Gefahr sofort das Weite sucht. Dabei zeigt sie jedoch nicht jene eigenartigen «Prellsprünge», welche für die meisten Gazellen kennzeichnend sind und bei denen die Tiere mit allen Vieren gleichzeitig hoch in die Luft schnellen. Sie rennt jeweils so gleich mit beachtlicher Geschwindigkeit los, und stets bleiben auf der Flucht alle Gruppenmitglieder dicht beisammen.

 

Imponiergehabe spart Energie

Die Lebensweise der Arabischen Kropfgazelle wurde zwar in freier Wildbahn bislang nicht im Detail studiert. Die vorhandenen Beobachtungen deuten aber darauf hin, dass hinsichtlich ihres Fortpflanzungsverhaltens kaum Unterschiede zu den besser bekannten ostafrikanischen Gazellen bestehen. Wie bei jenen besetzen die erwachsenen Männchen rechtzeitig vor der Paarungszeit kleine Territorien, die sie mit Harn, Kot und den Absonderungen aus ihren Voraugendrüsen geruchlich markieren und aus denen sie nach Kräften sämtliche Rivalen fernhalten.

Um einen durchziehenden Junggesellen oder einen sich nähernden Reviernachbarn vom Betreten des besetzten Grundstücks abzuhalten, nehmen sie anfänglich stets verschiedene ritualisierte Imponierposen ein und zeigen dabei ihr Gehörn in seiner ganzen Pracht. Meistens genügt dieses «Spielenlassen der Muskeln», um den Rivalen kampflos zum Rückzug zu bewegen. Nur selten erweist er sich als «uneinsichtig» und nimmt die Herausforderung an. Es kommt dann unweigerlich zum Kampf, der mit Stirndrängen und Seitwärtshakeln ausgefochten wird und mitunter sehr heftig sein kann. Das Imponiergehabe dient also dem Einschätzen der gegnerischen Kräfte auf Distanz und erspart den rivalisierenden Männchen häufig die tätliche Auseinandersetzung, welche stets viel Energie kostet und immer mit dem Risiko einer Verletzung verbunden ist.

Kommt eine Weibchen-Jungen-Gruppe auf ihrem täglichen Streifzug ins Revier eines Männchens, so setzt dieses alles daran, sie für ein paar Stunden bei sich zu halten. Befindet sich ein brünftiges Weibchen in der Gruppe, so folgt ihm das Männchen auf Schritt und Tritt nach und versucht es zu decken. Je besser die Nahrungsbedingungen in seinem Revier sind und je grösser sein Grundstück ist, desto besser stehen natürlich seine Chancen, sich mit brünftigen Weibchen paaren zu können. Die Territorialität bietet somit Gewähr, dass die kräftigsten Männchen ihr Erbgut am häufigsten weiterzugeben vermögen und dass schwache Männchen hierzu überhaupt keine Gelegenheit erhalten.

In den meisten Bereichen der Arabischen Halbinsel fällt die Paarungszeit der Kropfgazelle in die Monate Juni, Juli und August. Nach einer Tragzeit von fünf bis sechs Monaten kommen die Jungen dann im späteren Winter zur Welt - zu dem Zeitpunkt also, wenn nach den winterlichen Regenfällen die Nahrungs- und damit die Aufzuchtbedingungen besonders gut sind.

Die hochträchtigen Weibchen sondern sich kurz vor der Geburt von ihren Gruppen ab und suchen sich eine günstige Stelle im Gelände, um ihre zumeist zwei Jungen ungestört zur Welt zu bringen. Während der ersten Lebenstage bleiben die Junggazellen regungslos in ihrem Versteck liegen und werden von der Mutter regelmässig zum Säugen besucht. Schon bald sind sie jedoch kräftig genug, um auch auf der Flucht mit den erwachsenen Tieren Schritt halten zu können. Sie verlassen dann ihr Lager und schliessen sich der mütterlichen Gruppe an.

Im Alter von vier bis fünf Monaten werden die jungen Arabischen Kropfgazellen entwöhnt. Und noch innerhalb ihres ersten Lebensjahrs erreichen sie gewöhnlich die Geschlechtsreife. Während aber die jungen Weibchen zumeist schon als Jährlinge gedeckt werden, vermögen sich die jungen Männchen erst im Alter von drei bis vier Jahren erstmals fortzupflanzen - dann nämlich, wenn sie kräftig genug sind, um ein eigenes Territorium zu errichten und sich gegenüber anderen Männchen zu behaupten. Die Lebenserwartung der Arabischen Kropfgazelle liegt in freier Wildbahn bei ungefähr zehn bis zwölf Jahren.

 

Wüstengängige Fahrzeuge als Verhängnis

«Die Gazelle bildet in ihrer Heimat einen Gegenstand der eifrigsten, ja der leidenschaftlichsten Jagd. Alle Völkerschaften, welche mit ihr denselben Wohnkreis teilen, wetteifern miteinander hierin. Der edle Perser und der vornehme Türke jagen die Gazelle mit derselben Lust wie der Beduinenhäuptling und der Sudaner. Mancherorts bildet das Feuergewehr die Hauptwaffe; in Persien und auch im Herzen der Wüste beizt man das Wild mit Falken oder hetzt es mit den Windhunden zu Tode. In einigen Gegenden verfolgen gut berittene Jäger die Gazelle und suchen sie von ihren ausdauernden Pferden herab zu erlegen. Grossartige Treibjagden werden zeitweilig von den Beduinenstämmen angestellt und dabei unter günstigen Umständen Dutzende von Gazellen mit einem Male erlegt. Auf die übrigen Fangarten, welche man hier und dort anwendet, einzugehen, würde ein vergebliches Unterfangen sein, weil jedes Volk seine eigenen Jagdweisen hat.» So kann man in Alfred Brehms «Illustrirtem Thierleben» von 1865 lesen.

In der Tat bejagt der Mensch die Gazellen seit mehreren Jahrtausenden auf jede nur erdenkliche Art und Weise - teils ihres Fleischs und ihres Fells wegen, teils aber auch aus purem «sportlichem» Eifer. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass die Schädigung der Gazellenbestände durch diese traditionellen Formen der Jagd vernachlässigbar war. Denn weite Bereiche der unwirtlichen Ödländer, welche von diesen genügsamen Huftieren bewohnt werden, waren früher für den Menschen völlig unzugänglich. Sie dienten den Gazellen als sichere Rückzugsgebiete.

Das änderte sich im Bereich der Arabischen Halbinsel (wie auch anderswo) schlagartig nach dem Ersten Weltkrieg. Nicht nur nahm damals die Versorgung der Wüstenbevölkerung mit weitreichenden, treffsicheren Schusswaffen massiv zu. Plötzlich standen auch wüstengängige, vierradgetriebene Fahrzeuge zur Verfügung, mit denen vormals nie besuchte Wüstenstriche leicht zu erreichen waren.

Es begann ein rücksichts- und massloses Gemetzel bis in die hintersten Winkel der Wüsten und Halbwüsten. Der Bau von Strassen für die Erdölförderung verschlimmerte die Situation später noch zusätzlich. In einigen Gebieten ging zudem Gazellenlebensraum auf weiter Fläche verloren, weil der Mensch sämtliche Bäume und Sträucher zu Brennholz machte und weil seine Ziegen- und Schafherden den ohnehin spärlichen Pflanzenwuchs radikal abweideten.

Auch auf der Insel Bahrain haben die Kropfgazellen in unserem Jahrhundert grosse Teile ihres ehemaligen Lebensraums aufgrund des Baus ausgedehnter Siedlungsgebiete und Industrieanlagen verloren. Zudem scheint - wie in den meisten arabischen Ländern - noch immer eine gewisse Bejagung der Tiere stattzufinden, obschon sie unter gesetzlichem Schutz stehen.

Immerhin existiert ein kleiner Bestand von Arabischen Kropfgazellen in sicherer Halbgefangenschaft im Al-Areen-Wildtierpark auf der Insel Bahrain. Und auch auf der Insel Umm Nasan scheint die dortige Population recht gut geschützt zu sein.

Ohne Zweifel sind die Bestände der Arabischen Kropfgazelle in den meisten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets in unserem Jahrhundert stark geschrumpft, und es ist gewiss höchste Zeit, dass die Naturschutz- und Jagdgesetze in den arabischen Ländern strikter vollzogen werden, damit diese hübsche Gazelle eine Überlebenschance erhält. Gelingt es, die Wilderei innerhalb nützlicher Frist zu bannen, so müsste sich die Arabische Kropfgazelle eigentlich weitherum zu erholen vermögen. Denn glücklicherweise verfügt sie wie alle Gazellen über ein recht hohes Vermehrungspotential und vermag ausgedünnte Bestände rasch aufzufüllen, wenn die Umweltbedingungen günstig sind.




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