Kuba-Amazone

Amazona leucocephala


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Ozeanische Inseln haben im Vergleich zu Festländern ziemlich fragile Ökosysteme, denn erstens ist aufgrund ihrer Abgeschiedenheit das tierliche und pflanzliche Artenspektrum stets sehr beschränkt und zweitens sind wegen der Begrenztheit ihrer Fläche die Bestände der vorhandenen Tier- und Pflanzenarten immer sehr klein. Inselökosysteme sind deshalb sehr anfällig auf grobe Eingriffe, wie sie beispielsweise durch Wirbelstürme, besonders aber durch den Menschen bewirkt werden.

Die Inseln Westindiens, im Bereich des Karibischen Meers gelegen, sind Musterbeispiele dafür, wie schnell, tiefgreifend und unwiderruflich der unachtsame weisshäutige Mensch die Flora und Fauna tropischer Inseln zu schädigen vermag. Aufzeigen lässt sich dies beispielsweise anhand der farbenprächtigen Inselpapageien: Zur Zeit der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus und andere europäische Seefahrer lebten mindestens 28 Papageienarten auf den Westindischen Inseln (exkl. den vor Venezuela liegenden Inseln Trinidad, Tobago, Margarita, Bonaire, Curaçao und Aruba): 7 Aras (Gattung Ara), 9 Keilschwanzsittiche (Gattung Aratinga) und 12 Amazonen (Gattung Amazona). Heute, fünfhundert Jahre später, leben davon nur noch 12 Arten: Vollständig verschwunden sind im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte die Aras, von den Keilschwanzsittichen ist über die Hälfte ausgestorben, und von den Amazonen hat ein Viertel nicht überlebt.

Dieses Schicksal hat zum Glück die Kuba-Amazone (Amazona leucocephala), von der im folgenden die Rede sein soll, nicht ereilt. Doch hat auch sie in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet starke Bestandseinbussen erlitten.

 

Die fünf Rassen der Kuba-Amazone

Amazonen (Gattung Amazona) kommen ausschliesslich in der Neuen Welt vor. Man findet sie in 27 Arten von Mexiko im Norden bis Argentinien im Süden. 16 Arten leben im Bereich der Westindischen Inseln, und davon sind 9 endemisch, also nur gerade hier zu finden. Zu diesen «eingeborenen» westindischen Amazonen zählt auch die Kuba-Amazone. Man findet sie auf Kuba selbst und der vorgelagerten Isla de Pinos, ferner auf den 250 Kilometer weiter südlich befindlichen Cayman-Inseln, und ausserdem auf den nördlich des Karibischen Meers liegenden Bahama-Inseln.

Gemäss ihres geografischen Vorkommens wird die Kuba-Amazone in fünf verschiedene Unterarten gegliedert, von denen jede aufgrund der jahrtausendelangen Isolation in ihrer jeweiligen Inselheimat gewisse Eigenheiten hinsichtlich des Körperbaus und der Lebensweise entwickelt hat. Auf Kuba, dem «Stammland» der Kuba-Amazone, finden sich zwei Unterarten: die Östliche Kuba-Amazone (Amazona leucocephala leucocephala), welche im östlichen und zentralen Kuba zu Hause ist, und die Westliche Kuba-Amazone (Amazona leucocephala palmarum), welche im westlichen Kuba und auf der Isla de Pinos vorkommt. Der Bestand dieser beiden Unterarten wird auf zusammen ungefähr 5000 Individuen geschätzt. Auf den Bahamas lebt die Bahama-Amazone (Amazona leucocephala bahamensis). Sie scheint einst auf allen grösseren Inseln des Archipels heimisch gewesen zu sein. Heute findet man sie aber nur noch auf den beiden Inseln Great Abaco ganz im Norden der Bahamas und auf Great Inagua ganz im Süden. Der Bestand umfasst auf Great Abaco rund 800 bis 1200 Vögel, auf Great Inagua 400 bis 500. Zwei weitere Unterarten der Kuba-Amazone finden sich sodann auf den Cayman-Inseln. Die Grand-Cayman-Amazone (Amazona leucocephala caymanensis) bewohnt die Hauptinsel Grand Cayman, während die Cayman-Brac-Amazone (Amazona leucocephala hesterna) auf der kleineren Insel Cayman Brac vorkommt. Der Bestand der Grand-Cayman-Amazone wird auf 1400 bis 1800 Vögel geschätzt, derjenige der Cayman-Brac-Amazone auf 300 bis 400.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Unterarten der Kuba-Amazone betreffen hauptsächlich die Färbung des Gefieders im Kopfbereich. So sind beispielsweise die roten Flächen auf den Kopfseiten bei der Grand-Cayman-Amazone kleiner als bei den anderen Rassen und deutlich durch grüne Federn von der roten Kehlfärbung abgetrennt. Auch die Grundfärbung des Gefieders ist nicht bei allen fünf Unterarten der Kuba-Amazone einheitlich. So sind etwa die beiden Rassen auf den Cayman-Inseln heller grün gefärbt als die beiden Rassen auf Kuba. Des weiteren bestehen Unterschiede hinsichtlich der Körpergrösse. Die Grand-Cayman-Amazone ist beispielsweise im Mittel etwas grösser als die durchschnittliche Kuba-Amazone, die Cayman-Brac-Amazone dagegen kleiner.

Interessanterweise zeigen sich selbst in bezug auf die Wesensart Unterschiede zwischen den verschiedenen Rassen der Kuba-Amazone. So ist die Cayman-Brac-Amazone in freier Wildbahn ein eher stiller und scheuer Vogel, während sich die Grand-Cayman-Amazone gewöhnlich recht auffällig und laut verhält.

 

Spechte und Pilze leisten Vorarbeit

Kuba-Amazonen leben in fest «verheirateten» Paaren, bei minimaler Scheidungsrate. Wie die meisten Papageien nisten sie in der Regel in Baumhöhlen. Diese vermögen sie allerdings nicht selbst herzustellen, sondern sind bei gesunden Bäumen auf die Vorarbeit von Spechten, Termiten und anderen «Zimmerern» unter den Tieren angewiesen, bei kranken und toten Bäumen auf die Tätigkeit von Pilzen und Bakterien. Die Amazonen beschränken sich darauf, solch vorfabrizierte Nisthöhlen mit ihren kräftigen Schnäbeln noch etwas nach ihren Wünschen zu erweitern und auszubessern.

Die Fortpflanzungszeit der farbenprächtigen Vögel beginnt jeweils im Februar und März damit, dass jedes Paar eine geeignete Nisthöhle besetzt und alle Artgenossen aus der näheren Umgebung vertreibt. Mit der Errichtung des Nistterritoriums gehen Balzhandlungen und Paarungen des Amazonenpaars einher.

Jeweils im April legt dann das Weibchen 3 bis 4 Eier in die Nisthöhle, und im Mai, nach einer Brutdauer von vier Wochen, schlüpfen daraus die Jungen. Diese wechseln im Alter von einem Monat ihr anfängliches Daunenkleid gegen ein erstes Federkleid, und schon einen weiteren Monat später, gegen Ende Juli, sind sie flügge und verlassen im Gefolge ihrer Eltern das Nest. Bis zum Beginn der nächsten Brutsaison halten die Kleinfamilien zusammen. Dann macht sich der Nachwuchs selbständig.

Die Kuba-Amazone ernährt sich zur Hauptsache von allerlei Früchten, Nüssen und Sämereien, die sie in ihrem Lebensraum auf Bäumen und Sträuchern zusammensucht. Sie erweist sich dabei als wenig wählerisch, sondern richtet sich einfach nach dem lokalen und saisonalen Angebot. Unter den Futterpflanzen befinden sich beispielsweise der Mangobaum (Mangifera indica), der Durantestrauch (Duranta repens), der Terpentinbaum (Bursera simaruba), die Karibikkiefer (Pinus caribaea), die Wildguave (Tetrazygia bicolor) und der Papayabaum (Carica papaya).

 

Von Kochtöpfen, Piraten und Mungos

Leider haben die Kuba-Amazonen in allen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets im Zuge der Kolonisierung Westindiens durch europäische Siedler erheblichen Schaden erlitten. Berichte über den Fang und Abschuss der bunten Vögel erscheinen besonders in der frühen Chronik der Westindischen Inseln häufig. Ungezählte Amazonen landeten damals im Kochtopf oder in Käfigen. Und ungezählte Jungvögel wurden aus ihren Nisthöhlen geholt, gezähmt und dann an vorüberziehende Seefahrer verkauft.

Schwer gelitten haben die Kuba-Amazonen in der frühen Siedlungsgeschichte aber auch infolge die Umwandlung der natürlichen Waldgebiete in Kultur- und Siedlungsland, wodurch sie auf breiter Front ihrer angestammten Nistplätze und Futterquellen beraubt wurden. Und nicht zuletzt fielen manche der Papageien, besonders in jugendlichem Alter, den von den Europäern eingeschleppten Mungos und Katzen zum Opfer, denn auf solche Raubsäuger waren sie nicht gefasst.

In jüngerer Zeit sind es besonders die im Rahmen der Tourismusförderung durchgeführten Landerschliessungsprojekte, welche den natürlichen Lebensraum der Kuba-Amazonen schmälern und so zum Rückgang der Vögel beitragen. Als Folge davon sind die grossen Papageien vermehrt gezwungen, ins Kulturland auszuweichen, um ihren Hunger zu stillen, geraten dadurch verstärkt in den Ruf von Ernteschädlingen und werden deshalb öfters von geschädigten Pflanzern abgeschossen, auch wenn dies illegal ist.

 

Die Situation auf den Cayman-Inseln

Die Cayman-Inseln wurden am 10. Mai 1503 durch Christoph Kolumbus auf seiner vierten und letzten Fahrt in die Neue Welt entdeckt. Es handelt sich um die aus dem Meer aufragenden Gipfel eines submarinen Gebirgszugs, des Cayman-Rückens, der sich vom mittelamerikanischen Belize nach Kuba erstreckt. Alle drei Cayman-Inseln sind tiefliegende, aus verkarstetem Kalkstein aufgebaute Eilande ohne Fliessgewässer und weisen daher eine ziemlich schüttere, trockenheitsverträgliche Vegetation auf. Entsprechend der geografischen Lage des kleinen Archipels sind Luft und Wasser das ganze Jahr über tropisch warm.

Grand Cayman ist mit einer Landfläche von 197 Quadratkilometern die grösste der Cayman-Inseln. Sie ragt maximal 18 Meter über den Meeresspiegel auf. Ein auffälliges Landschaftselement ist die seichte, mangrovengesäumte North-Sound-Lagune, welche mit einer Fläche von über 100 Quadratkilometern den Westen der langgezogenen Insel vom Osten trennt (und neuerdings zu einem modernen Jachthafen ausgebaut wird). Die Inselbevölkerung umfasst rund 25 000 Personen, von denen der Grossteil entlang der Westküste der Insel wohnt. Denn dort befindet sich George Town, die Hauptstadt des Archipels, und dort erstreckt sich auch - im Bereich der Seven Mile Beach - ein traumhaftes Urlaubsparadies mit ungezählten Hotels, Appartmentblocks, Bungalowanlagen und Villen. Über eine halbe Million sonnenhungrige Touristen besuchen alljährlich die Cayman-Inseln.

Die Grand-Cayman-Amazone kommt fast in allen Inselbereichen vor, doch ist die Bestandsdichte in der östlichen Inselhälfte deutlich höher als im stark erschlossenen Westteil. Die Trockenlegung der ursprünglichen Sumpfgebiete und Waldungen zwecks Schaffung von Kultur- und Siedlungsland hat den Papageienlebensraum im Westen weitflächig vernichtet und die Art dadurch aus weiten Bereichen dieser Inselhälfte verdrängt. Die Brutgebiete der Vögel befinden sich heute vor allem in den zentralgelegenen, schwer zugänglichen Brackwassersümpfen, wo grössere Bestände der knorrigen Schwarzen Mangrove (Avicennia germinans) wachsen. Und an diesen schwer zugänglichen Orten haben die Grand-Cayman-Amazonen auch ganzjährig ihre Schlafplätze: Jeweils kurz nach Sonnenaufgang verlassen sie die schutzbietenden Mangrovenwaldungen, um in nahegelegenen Gehölzen, Strauchdickichten, Plantagen und Gärten auf Nahrungssuche zu gehen, und kehren erst bei Sonnenuntergang wieder zurück.

Cayman Brac, 100 Kilometer weiter östlich gelegen, misst 36 Quadratkilometer und ist auf weiten Strecken mit Trockenwald bedeckt. Am Ostrand der Insel ragt über tosender Brandung ein 43 Meter hohes Kalksteinkliff auf; gegen Westen fällt das Gelände in sanften Stufen zum Meer hin ab. Die rund 1500 Inselbewohner siedeln fast alle an der windgeschützten Nordküste in vier kleinen Dörfern.

Die Hügelkuppe beim Kliff ist verhältnismässig flach, und dort, in einem undurchdringlichen Dickicht aus Bäumen Sträuchern und Kakteen, befindet sich das Rückzugsgebiet der Cayman-Brac-Amazonen, in dem sie jeweils die Nacht verbringen und, wenn die Zeit gekommen ist, ihre Jungen aufziehen. Wie auf Grand Cayman schwärmen die Vögel jeweils am Morgen aus, um die übrigen Inselteile nach Essbarem abzusuchen, und kehren gegen Abend wieder in den Schutz des Dickichts auf dem Hügel zurück.

 

Regierung und National Trust arbeiten Hand in Hand

Da die Kuba-Amazone zum einen für ihr Wohlbefinden auf Naturwald angewiesen und zum anderen ein auffälliger, leicht zu beobachtender Vogel ist, stellt sie einen guten «Indikator» dafür dar, wie gesund bzw. wie stark geschädigt die Natur auf ihren Heimatinseln ist. In der Tat spiegeln Vorkommen und Bestandsdichte des Papageis exakt das Muster der menschlichen Einflussnahme auf den betreffenden Inseln wider. Nicht zuletzt in Erkenntnis dieser Sachlage hat die Regierung der Cayman-Inseln in jüngerer Zeit wichtige Schritte unternommen, um den Fortbestand der Grand-Cayman-Amazone und der Cayman-Brac-Amazone zu sichern. Unter anderem wurden zwei Vogelschutzgebiete - Meagre Bay Pond und Collies Bay Pond - eingerichtet. Des weiteren wurden die Papageien von der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen und unter gesetzlichen Schutz gestellt. Und zudem wurde das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA) unterzeichnet, das den internationalen Handel mit sämtlichen Unterarten der Kuba-Amazone strikt untersagt, so dass nun auch die Ausfuhr der Vögel illegal ist.

Im übrigen hat der National Trust der Cayman-Inseln, eine private Natur- und Heimatschutzorganisation, ein Langzeitprogramm zum Schutz der beiden einheimischen Amazonen eingeleitet. Neben breitangelegter und fundierter Information der Inselbevölkerung und der Inselgäste über den besonderen Wert und die Schutzbedürftigkeit der beiden Papageien werden auch kontinuierlich Abklärungen über ihre Bestandssituation vorgenommen, damit nötigenfalls noch umfassendere Schutzmassnahmen getroffen werden können.

Dank dieses gemeinschaftlichen Einsatzes der Regierung und der privaten Naturschützer auf den Cayman-Inseln sieht die Zukunft der Grand-Cayman-Amazone wie auch die der Cayman-Brac-Amazone heute wieder etwas rosiger aus.




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