Kuba-Pfeifgans
Dendrocygna arborea
© 1988 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Pfeifgänse (Gattung Dendrocygna) gelten
als die ursprünglichsten Vertreter der Entenvögel (Familie
Anatidae). Die Urahnen der heute alle Regionen der Welt besiedelnden
149 Enten, Gänse, Schwäne und Säger dürfen
wir uns also ungefähr so vorstellen wie die heutigen Pfeifgänse.
Sie hatten sich vor rund 24 Millionen Jahren auf unserem Planeten
herausgebildet.
Zur Gattung der Pfeifgänse zählen insgesamt
acht Arten: die Tüpfelpfeifgans (Dendrocygna guttata),
die Herbstpfeifgans (D. autumnalis), die Fahlpfeifgans
(D. bicolor), die Wanderpfeifgans (D. arcuata),
die Sichelpfeifgans (D. eytoni), die Witwenpfeifgans (D.
viduata), die Indien-Pfeifgans (D. javanica) und die
Kuba-Pfeifgans (D. arborea). Ihnen allen gemeinsam sind
- wie der deutsche Gattungsname sagt - charakteristische helle
Pfeiflaute, die wie «siriri» klingen. Auch sehen
alle Pfeifgänse in Gestalt und Färbung einander sehr
ähnlich: Sie sind langhalsige, hochbeinige, zierliche Entenvögel
mit hauptsächlich braun-weiss-schwarzem Gefieder.
Der wissenschaftliche Name der Gattung, Dendrocygna,
bedeutet «Baumschwan» und weist - ebenso wie die
häufig gebrauchte deutsche Bezeichnung «Baumente»
- auf die Gewohnheit einiger Pfeifgänse hin, auf Bäumen
zu ruhen und zu schlafen. Dies trifft ganz besonders auf die
Kuba-Pfeifgans zu. Ihr «Baumleben» ist so ausgeprägt,
dass die Wissenschaftler in ihrem Artnamen, arborea («baumlebend»),
gleich noch ein zweites Mal auf diese Besonderheit hingewiesen
haben.
Nicht nur auf Kuba zu Hause
Der deutsche Artname der Kuba-Pfeifgans ist etwas
irreführend. Der hübsche Wasservogel kommt nämlich
ausser auf Kuba noch auf einer ganzen Reihe weiterer Inseln im
Bereich der Westindischen Inseln vor: Von den Bahamas sind es
die Inseln Abaco, New Providence, Andros, San Salvador, Long,
Crooked und Inagua, von den Grossen Antillen die Cayman-Inseln,
Hispaniola und Puerto Rico, von den Kleinen Antillen die Jungfern-Inseln
und Barbuda. Einst fand man die Kuba-Pfeifgans auch auf Jamaika;
seit 1960 konnte sie aber dort nicht mehr beobachtet werden.
Innerhalb ihres Verbreitungsgebiets bewohnt die Kuba-Pfeifgans
alle Arten von Süsswasser- und Brackwasser-Sümpfen
sowie die daran angrenzenden Wälder und Mangrovendickichte.
Tagsüber rastet sie in kleinen Grüppchen an geschützten
Uferstreifen oder auf Ästen von im Wasser stehenden Bäumen.
Ihr braun-weiss-schwarz geschecktes Gefieder tarnt sie in dieser
Umgebung ausgezeichnet und schützt sie so vor etwaigen Fressfeinden.
Als solche kommen auf Inagua das vom Menschen eingebürgerte
Wildschwein (Sus scrofa) in Frage, auf den Cayman-Inseln
die Hauskatze und der Haushund und auf den Jungfern-Inseln die
ebenfalls dort eingeschleppte Goldstaub-Manguste (Herpestes
auropunctatus).
Die Kuba-Pfeifgans lebt überwiegend von pflanzlicher
Nahrung und geht mit Vorliebe nachts auf Futtersuche. In erster
Linie nimmt sie Baumfrüchte aller Art zu sich, wobei ihr
die Früchte der Königspalme besonders gut zu munden
scheinen. Manchmal pickt sie aber auch am Boden nach Grashalmen.
«Primitives» Brutverhalten
Männchen und Weibchen der Kuba-Pfeifgans unterscheiden
sich äusserlich nicht. Ausgewachsene Tiere gehen eine Verbindung
auf Lebenszeit ein und bekunden ihre Zusammengehörigkeit
immer wieder durch ausgiebige gegenseitige Gefiederpflege. Ihre
Nester legen die «verheirateten» Paare gerne in Baumhöhlen
an; manchmal befinden sich diese aber auch unter Gruppen von
Bromelien (Ananasgewächsen). Aus den spärlichen Beobachtungen
zu schliessen, die über das Brutverhalten der Kuba-Pfeifgans
bisher gemacht wurden, finden die meisten Bruten in den Monaten
April bis August statt. Die Gelege können 6 bis 19 auffällig
rundliche, milchigweisse Eier umfassen. Beide Partner bebrüten
abwechselnd 30 Tage lang die Eier und ziehen anschliessend auch
gemeinsam die Jungen auf.
Interessanterweise gilt die von beiden Geschlechtern
gemeinsam besorgte Brutpflege bei den Entenvögeln als «primitiv».
Arbeitsteilung, bei der das Weibchen für die Jungenaufzucht
zuständig ist und das Männchen seine Kräfte im
Wettstreit um die Weibchen und um günstige Niststellen einsetzt,
stuft man hingegen als «modern» ein. Ob sich eine
Entenvogelart hinsichtlich ihres Brutverhalten altertümlich
oder fortschrittlich verhält, lässt sich leicht an
ihrem Gefieder ersehen: Während bei ursprünglichen
Arten - etwa der Kuba-Pfeifgans - beide Geschlechter ein unauffälliges
Tarnkleid tragen, sind bei den höher entwickelten Arten
- zum Beispiel der Mandarinente - ausgeprägte Geschlechtsunterschiede
feststellbar: Die unscheinbaren Weibchen stehen farbenprächtigen
Männchen gegenüber. In jedem Fall ist das Gefieder
Ausdruck der geschlechtsspezifischen Rolle beim Brutgeschäft.
Viele Ursachen führen zum Rückgang
Über den genauen Bestand der Kuba-Pfeifgans gibt
es keine genauen Schätzungen. Das ist kein Wunder: Der hübsche
Entenvogel ist nämlich erstens recht selten, zweitens in
vielen kleinen Populationen über ein riesiges Areal verteilt,
und drittens lebt er zumeist sehr versteckt in unzugänglichen
Sumpfgebieten. Es ist deshalb überaus schwierig, sich einen
Überblick über den Gesamtbestand der Art zu verschaffen.
Kleine und offensichtlich stabile Pfeifgans-Bestände leben
derzeit auf den beiden Bahama-Inseln Andros und Inagua. Eine
gesunde Population findet sich auf Barbuda. Und ziemlich häufig
wird die kleine Gans auf Kuba und den Cayman-Inseln gesehen.
Das sind ungefähr alle Informationen, welche zur Zeit über
den Artbestand der Kuba-Pfeifgans erhältlich sind.
Der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP)
stuft die Kuba-Pfeifgans in seinem 1978/79 veröffentlichten
Rotbuch als «verletzlich» ein. Dies besagt, dass
die Kuba-Pfeifgans als längerfristig in ihrem Bestand gefährdet
gilt, jedoch noch nicht direkt vom Aussterben bedroht ist (Kategorie
«bedroht»). In Kürze soll die Situation der
Kuba-Pfeifgans genauer abgeklärt werden.
Fest steht aber auf jeden Fall schon heute, dass die
Bestände der Kuba-Pfeifgans in allen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets
ständig zurückgehen. Und dafür ist eine ganze
Reihe von Ursachen verantwortlich:
1. Lebensraumverlust. Auf vielen Westindischen
Inseln sind im Laufe unseres Jahrhunderts weite Sumpfgebiete
trockengelegt worden. Dadurch ist das Lebensraumangebot für
die Kuba-Pfeifgans entscheidend geschmälert worden.
Landwirtschaftliche Anbauflächen sind auf kleinen
ozeanischen Inseln ein seltenes Gut, und es ist daher für
die Inselbewohner naheliegend, «unnützes» Sumpfland
in fruchtbaren Ackerboden umzuwandeln. Früher wurden zur
Gewinnung von Landwirtschaftsfläche einfach - Stück
für Stück - die Wälder gerodet. Heute ist man
sich der überlebenswichtigen Rolle des Waldes für den
Wasserhaushalt der Inseln bewusst und schützt ihn vor weiterer
Zerstörung. Umso grösser ist darum der Druck der Inselbevölkerung
auf die letzten Sumpfgebiete.
Der Vollständigkeit halber muss hier allerdings
angemerkt werden, dass auf den Inseln Puerto Rico und Kuba die
Entwicklung in den letzten Jahren gerade gegenläufig war:
Die Feuchtgebietsflächen dieser Inseln sind beträchtlich
angewachsen. Auf Puerto Rico liess man weite Flächen ehemaligen
Sumpflandes wieder überfluten, nachdem sie mehrere Jahre
lang landwirtschaftlich genutzt worden waren. Und auf Kuba wurden
im Rahmen des staatlichen Süsswasser-Versorgungsprogramms
29 grossflächige Wasserstaubecken geschaffen. In beiden
Fällen hat die Kuba-Pfeifgans von dieser Lebensraumzunahme
profitiert.
2. Schädlingsbekämpfungsmittel. Wo
immer der Mensch landwirtschaftliche Monokulturen - beispielsweise
augedehnte Getreide-, Mais- oder Reisfelder - anlegt, werden
sie rasch von allerlei Krankheiten und Parasiten befallen. In
der Folge müssen Schädlingsbekämpfungsmittel -
sogenannte Pestizide - gegen sie eingesetzt werden. Leider vernichten
diese chemischen Stoffe in aller Regel nicht allein die Schädlinge,
gegen die sie eingesetzt werden, sondern schädigen - über
den Weg der Nahrungsketten - auch deren natürliche Feinde
sowie völlig harmlose, unbeteiligte «Aussenstehende».
Zu letzteren gehört auch die Kuba-Pfeifgans, denn infolge
der massiven Lebensraumverknappung gehen die Vögel mitunter
in den landwirtschaftlichen Kulturen auf Nahrungssuche und können
sich dabei arg vergiften. So brach beispielsweise 1974 der Bestand
der Kuba-Pfeifgans in einem Feuchtgebiet auf Kuba dramatisch
zusammen, nachdem in den benachbarten Reisfeldern ein Schädlingsbekämpfungsmittel
gespritzt worden war.
3. Tourismus. Auf den Westindischen Inseln
übt auch der Tourismus starken Druck auf die letzten Landreserven
aus. Überall wird bisheriges «Unland» in devisenbringende
Hotel- und Bungalowanlagen umgewandelt. So sollen beispielsweise
auf der Insel Grand Cayman im Rahmen eines riesigen touristischen
Erschliessungsprogramms in den nächsten Jahren sage und
schreibe 97 Prozent der Feuchtgebiete der Insel zerstört
werden. Zwar wird die Kuba-Pfeifgans nicht in allen Fällen
durch die touristische Landnutzung direkt geschädigt. Die
Zerstörung natürlicher Landschaften führt aber
in jedem Fall zu Veränderungen des ohnehin empfindlichen
Insel-Ökosystems und wirkt sich letztlich auch negativ auf
die zierliche Gans aus.
4. Jagd. Die Vogeljagd ist auf vielen Westindischen
Inseln ein beliebter Sport, und die Kuba-Pfeifgans ist als grosser
und schmackhafter Vogel leider ein sehr leichtes und lohnendes
Ziel. Bitter wirkt sich hierbei die enge Partnerbindung der Pfeifgänse
aus: Wird ein Vogel abgeschossen, so ergreift sein Partner meistens
nicht die Flucht, sondern bleibt in der Nähe seines toten
Gefährten und fällt dann oft auch noch dem Schützen
zum Opfer. So leistet die Jagd einen nicht zu unterschätzenden
Beitrag zur Abnahme der Kuba-Pfeifgans in ihrer Inselheimat.
5. Nahrungs- und Nistplatz-Wettstreit. Die
mit der Kuba-Pfeifgans nah verwandte Fahlpfeifgans rundet den
Katalog von Ursachen für den Bestandsrückgang der Kuba-Pfeifgans
ab. Die Fahlpfeifgans, die über nicht weniger als drei Kontinente
(Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika) verbreitet ist,
hat es in jüngerer Zeit geschafft, von Mittelamerika her
die Grossen Antilleninseln Kuba, Hispaniola und Puerto Rico zu
kolonisieren - zum Leidwesen der Kuba-Pfeifgans, denn die Fahlpfeifgans
tritt nunmehr in direkten Wettstreit mit ihr um Nahrung und Nistplätze.
Hat die Kuba-Pfeifgans noch eine Chance?
Die Fachleute sind sich darüber einig, dass die
Kuba-Pfeifgans der Hilfe bedarf, wenn sie in der heutigen Welt
eine Überlebenschance haben soll. Wichtigste Massnahme ist
dabei zweifellos die Erhaltung möglichst vieler der noch
verbleibenden Feuchtgebiete innerhalb ihres Verbreitungsgebiets.
Dies gilt beispielsweise für die augedehnten Brackwasser-
und Mangrovensümpfe auf den Bahamas, welche auf lange Sicht
allesamt gefährdet sind. Auf den Bahamas setzt sich der
Bahamas National Trust, eine nichtstaatliche Naturschutzorganisation,
seit vielen Jahren für die Ausweisung bedrohter Naturlandschaften
als Naturschutzgebiete ein. Acht gesetzlich geschützte Nationalparks
sind bereits geschaffen worden, und zumindest der Inagua-Nationalpark
beherbergt mit Sicherheit eine kleine Zahl von Kuba-Pfeifgänsen.
Ein wichtiger Schritt zur Erhaltung der Kuba-Pfeifgans
ist ferner die Einschränkung der Jagd auf den seltenen Entenvogel.
Auf Kuba, Puerto Rico, den Bahamas und den Jungfern-Inseln ist
das Abschiessen der Kuba-Pfeifgans bereits ganzjährig verboten.
Und in der Dominikanischen Republik auf Hispaniola wird dem Vogel
eine Schonzeit gewährt. Der Vollzug dieser Jagdbestimmungen
stösst allerdings an gewisse Grenzen. Besonders auf Kuba
scheint die Kuba-Pfeifgans weiterhin recht häufig das Opfer
von Jägern zu werden - wobei man den Schützen nicht
unbedingt schlechten Willen unterstellen darf: Die Kuba-Pfeifgans
ist nämlich leicht verwechselbar mit der häufigeren
Fahl-Pfeifgans, welche nicht geschützt ist.
Die menschbedingten Probleme der Kuba-Pfeifgans zu
mildern, ist sicherlich kein einfaches Unterfangen - es ist aber
bestimmt auch kein Ding der Unmöglichkeit. In den Wettstreit
der Kuba-Pfeifgans mit der Fahlpfeifgans einzugreifen, ist hingegen
kaum denkbar. Wie in vielen ähnlich gelagerten Fällen
erweist sich die Festlandart nämlich gegenüber der
Inselart als die anpassungsfähigere und darum im zwischenartlichen
Wettstreit als die erfolgreichere Art.
Könnte also die Kuba-Pfeifgans - auch ohne Zutun
des Menschen - am Ende ihrer Existenz angelangt sein? Würde
sie ohnehin ihrer anpassungsfähigeren Verwandten Platz machen
müssen? Verbindet man solche Überlegungen mit der Tatsache,
dass die Kuba-Pfeifgans in vielen Tiergärten auf der ganzen
Welt ein häufiger und sich eifrig fortpflanzender Pflegling
ist, so ist man fast geneigt, der Natur ihren Lauf lassen zu
wollen und die Kuba-Pfeifgans ihrem traurigen Schicksal zu überlassen.
Auf diese Weise könnte man die menschbedingten Probleme
der Vögel «vergessen» und von den oft wenig
populären sowie kostspieligen Schutzmassnahmen absehen.
Wir haben aber nicht das Recht, so zu überlegen.
Denn sonst würde man bald für alle vom Aussterben bedrohten
Tier- und Pflanzenarten ähnliche Entschuldigungen - sprich:
Ausreden - finden. Wir sind es unseren Mitgeschöpfen in
jedem Fall schuldig, ihre vom Menschen verursachten Nöte
auf ein Minimum zu reduzieren. Dann soll die Natur ihren Lauf
nehmen. Nur so erhält die Kuba-Pfeifgans eine echte Überlebenschance
im Zweikampf mit ihrer Rivalin vom Festland und vermag sich dadurch
hoffentlich noch lange Zeit in den Feuchtgebieten der Westindischen
Inseln zu halten.
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