Kubasittich

Aratinga euops


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Mit einer Fläche von 110 000 Quadratkilometern ist Kuba die weitaus grösste Insel im Karibischen Meer, gut zweieinhalb mal so gross wie die Schweiz, und sie weist dementsprechend von allen Karibikinseln die bei weitem artenreichste Tierwelt auf. Hier wie anderswo haben sich jedoch die Aktivitäten des Menschen schädlich auf die heimische Fauna ausgewirkt: Manche Tierarten sind ausgestorben, einige stehen am Rand der Ausrottung, und viele sind in ihrem längerfristigen Fortbestand mehr oder weniger stark gefährdet.

Die Mitglieder der Familie der Papageien (Psittacidae) veranschaulichen das Schicksal der kubanischen Tierwelt beispielhaft: Von ursprünglich drei kubanischen Papageienarten ist der endemische (also nur hier heimische) Kuba-Ara (Ara tricolor) ausgestorben. Letztmals konnte 1885 ein Exemplar dieser Art beobachtet werden. Der ebenfalls endemische Kubasittich (Aratinga euops), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll, ist recht selten geworden. Er wird als «verletzlich» eingestuft. Einzig die Kuba-Amazone (Amazona leucocephala), welche ausser auf Kuba noch auf den benachbarten Bahamas und Cayman-Inseln vorkommt, hat sich einigermassen gut in der vom Menschen veränderten Umwelt zurechtgefunden. Mit einem Gesamtbestand von schätzungsweise 8000 Individuen wird sie lediglich als «fast gefährdet» eingestuft.

 

Papageien sind Tropenvögel

Die Papageienfamilie umfasst weltweit mehr als 350 verschiedene Arten und ist damit eine der vielgestaltigsten Vogelfamilien. Die überwiegende Mehrzahl aller Papageienarten kommt in den Tropen vor, wobei Lateinamerika besonders viele von ihnen beherbergt - mehr noch als das ebenfalls papageienreiche Australasien (Australien und Neuguinea).

Die meisten Papageienarten Lateinamerikas kommen auf dem Festland vor. Nur wenige von ihnen sind Inselbewohner. Das spiegelt sich auch in der Verteilung der rund zwanzig Keilschwanzsittiche der Gattung Aratinga wieder, zu denen der Kuba-Sittich gehört: Zwölf Arten sind in Südamerika zu Hause, sechs in Mittelamerika und nur drei im Bereich der westindischen Inselwelt. Bei letzteren handelt es sich 1. um den Kubasittich auf Kuba, 2. um den Haitisittich (Aratinga chloroptera) auf der Insel Hispaniola, 3. um den Aztekensittich (Aratinga nana), der auf Jamaika sowie im östlichen Bereich der mittelamerikanischen Landbrücke lebt. (Eine vierte Keilschwanzsittichart, der Braunwangensittich (Aratinga pertinax), ist in unserem Jahrhundert vom Menschen auf den Jungferninseln eingebürgert worden und hat kürzlich von da aus auch das benachbarte Puerto Rico besiedelt.)

Mit einer Gesamtlänge von durchschnittlich 26 Zentimetern und einem Gewicht um 100 Gramm ist der Kubasittich ein verhältnismässig kleines Mitglied der Keilschwanzsittichsippe. Er sieht dem auf der Nachbarinsel Hispaniola heimischen Haitisittich wie auch dem in Südamerika weitverbreiteten Pavuasittich (Aratinga leucophthalmus) äusserlich sehr ähnlich. Wahrscheinlich stammen diese drei Arten von gemeinsamen Vorfahren ab.

 

Sie kreischen in der Luft

In welchem Lebensraum sich der Kubasittich vorzugsweise aufhält, ist nicht ganz klar. Die historischen Berichte zu diesem Thema sind widersprüchlich. In jüngerer Zeit konnte die Art in einem recht breiten Spektrum unterschiedlicher Lebensräume beobachtet werden: von immergrünen Wäldern im Tiefland und dichten Bergwäldern über lichte Waldungen in Grasländern bis hin zu offenen, palmenbestandenen Savannen, gehölzdurchsetzten Sumpfgebieten und baumreichen Kulturländern. Allerdings scheint der Kubasittich jahreszeitliche Wanderungen auf seiner Heimatinsel durchzuführen und manche dieser Lebensräume nur kurzfristig zu nutzen. Vieles deutet darauf hin, dass er längerfristig nur dort zu überleben vermag, wo er Zugang zu grösserflächigen Gebieten mit ursprünglicher, artenreicher Waldvegetation hat.

Wie die allermeisten seiner krummschnäbligen Vettern ist der Kubasittich ein strikter Vegetarier. Er ernährt sich vor allem von Früchten, Beeren und Samen aller Art, nimmt aber auch gewisse Nüsse, Blüten und Blattknospen zu sich. Typische Nahrung sind die Samen hochwüchsiger Gräser, ferner die Früchte der Königspalme (Roystonea regia), des Ayua-Baums (Xynthoxylon sp.) und des Jucaro-Baums (Terminalia sp.). Gerne macht sich der Kubasittich aber auch über Mangos, Papayas, Guaven und andere vom Menschen angebaute Früchte sowie über Maiskörner, Hirsesamen und Kaffeebeeren her. Tatsächlich galt er deswegen früher als arger «Ernteschädling».

Ausserhalb der Fortpflanzungszeit erweist sich der Kubasittich als ein recht geselliger Vogel: Er bewegt sich gewöhnlich in kleinen Schwärmen von acht bis zehn Vögeln umher. Früher, als die Sittichbestände noch umfangreicher gewesen waren, soll es auch deutlich grössere Verbände von bis zu hundert Individuen gegeben haben. Heute wie früher bilden die Kubasittiche im übrigen zeitweilig Schwarmgemeinschaften mit Kuba-Amazonen.

Bei ihren Ortsverschiebungen sind die Kubasittiche pfeilschnell und «zielstrebig» unterwegs. Im Flug äussern sie ständig schrille Kreischlaute, so dass ein vorüberziehender Schwarm von ihnen nicht zu überhören ist. Sobald sie dann aber - alle gleichzeitig - auf einem erspähten Futterbaum einfallen, verhalten sie sich sehr unauffällig. Nur hie und da äussern sie während des Umherkletterns im Gezweig ein sanftes Zwitschern. Sie sind dann nur schwer auszumachen, denn mit ihrem überwiegend grünen Gefieder «verschmelzen» sie förmlich mit dem umgebenden Blattwerk.

 

Spechthöhlen als Kinderstuben

Die Brutzeit der Kubasittiche fällt in die regenreichen Monate Mai bis August. Die Kleinpapageien beziehen dann eine Höhlung im Stamm einer möglichst isoliert stehenden Palme oder eines anderen Baums. Niemals schaffen sie ihre Nisthöhle selbst, doch passen sie die ausgewählte Nisthöhle unter Schnabeleinsatz ihren Bedürfnissen entsprechend an. Nistmaterial wird keines eingetragen, denn die mit dem Schnabel abgeklaubten Holzspäne übernehmen praktischerweise gleich die Funktion der Nestpolsterung.

In den meisten Fällen handelt es sich bei den von den Kubasittichen bezogenen Baumhöhlungen um Spechthöhlen, besonders solche des Grünrückenspechts (Xiphidiopicus percussus). Diese befinden sich häufig in abgestorbenen Palmstämmem, hin und wieder aber auch in (noch benutzten) Baumnestern von Termiten. Es konnte einmal beobachtet werden, wie ein Sittichpaar ein Spechtpaar aktiv aus dessen neu angelegter Höhlung in einem Termitennest vertrieb und keine zwei Wochen später mit der Eiablage in diesem Nest begann. Wie häufig solche Enteignungen stattfinden, wissen wir nicht. Es ist jedoch anzunehmen, dass in vielen Fällen unbewohnte Nisthöhlen zum Einsatz kommen, welche bereits in früheren Jahren gute Dienste als Kinderstuben geleistet haben.

Das Gelege des Kubasittichpaars besteht normalerweise aus drei bis fünf Eiern, die das Weibchen in Abständen von je zwei Tagen legt. Die Brut beginnt gewöhnlich mit dem zweiten Ei und dauert 22 oder 23 Tage. Das Männchen beteiligt sich zwar nicht am Bebrüten der Eier, schläft aber nachts ebenfalls in der Nisthöhle. Und es hilft später eifrig mit, die nimmersatte Jungenschar zu füttern.

Die jungen Kubasittiche sind beim Schlupf blind und fast nackt. Nach ungefähr einer Woche tragen sie bereits ein dichtes Daunenkleid, das sie wirksam vor Auskühlung schützt, und sie können dann auch schon ihre Augen öffnen. Nach und nach wird in der Folge das «Kinderkleid» durch das einheitlich grüne Jugendgefieder ersetzt, bis die jungen Sittiche schliesslich - im Alter von sieben bis acht Wochen - flugfähig sind und unter der Führung ihrer Eltern das Nest verlassen können. Noch etwa zwei Wochen lang werden sie von den beiden Altvögeln betreut und zugefüttert, danach bewegen sie sich eigenständig umher. Ihrerseits schreiten sie erst im Alter von zwei oder drei Jahren zur Brut, und wie die meisten Papageien können sie ein beachtlich hohes Alter erreichen.

 

Ein zutraulicher Käfigvogel

Zwar gibt es keine genauen Erhebungen über die aktuelle Grösse der Kubasittichpopulation. Unbestritten ist aber, dass die Art im Verlauf der letzten zweihundert Jahre stark zurückgegangen und vielerorts vollständig verschwunden ist.

Der Kubasittich war einstmals über ganz Kuba verbreitet gewesen und kam auch auf der vorgelagerten, 2200 Quadratkilometer grossen Isla de Pinos, auch «Isla de Juventud» genannt, vor. Bald nachdem sich europäische Siedler im 16. Jahrhundert im Bereich der Nordwestküste (in und um die heutige Hauptstadt Havanna) niedergelassen hatten, war er jedoch aus dieser Inselregion verschwunden. Aus immer weiteren Inselteilen zog er sich in der Folge zurück, und schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam er nur noch in wenigen Inselbereichen in gesunden Beständen vor. Die damaligen Hauptrückzugsgebiete waren der weitläufige, schwer zugängliche Zapata-Sumpf auf der gleichnamigen Halbinsel im mittleren Süden Kubas, das angrenzende Gebiet rund um die Schweinebucht und der ebenfalls nahegelegene Hügelzug nördlich von Trinidad, ferner die Niederungen bei Bayano im Osten der Insel, und schliesslich die erwähnte Isla de Pinos. Heute finden sich nennenswerte Bestände des kleinen Keilschwanzsittichs praktisch nur noch im Bereich des Zapata-Sumpfs und in ein paar abgelegenen Bergregionen.

Dreierlei ist dem Kubasittich zum Verhängnis geworden: Erstens sind die ursprünglichen Wälder Kubas auf breiter Front abgeholzt worden, wodurch er grossflächig seiner Lebensräume beraubt wurde. Zweitens war er lange Zeit als Ernteschädling verrufen und wurde deshalb mit allen möglichen Mitteln, darunter Giftködern, Schlingen und Leimruten, verfolgt. Drittens war er einst als zutraulicher und ruhiger Käfigvogel bei «Papageienliebhabern» auf der ganzen Welt begehrt, weshalb seine Nester eifrig geplündert und die Jungvögel vermarktet wurden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielt der bekannte kubanische Ornithologe J. Gundlach besorgt fest, dass der Fang von Kubasittichen auf der Isla de Pinos dermassen intensiv und verschwenderisch erfolge, dass diese Vogelart dort wohl schon bald ausgerottet sein werde. Um der Jungvögel habhaft zu werden, wurden damals gewöhnlich die Palmen gefällt, in denen sich die Nisthöhlen befanden. Dadurch wurden nicht nur die Nistgelegenheiten der zierlichen Papageien in grosser Zahl zerstört, sondern es kamen auch unzählige Jungvögel dabei unnötig ums Leben. Kein Wunder wurde Gundlachs Befürchtung alsbald bittere Tatsache: Seit der Jahrhundertwende konnten auf der Isla de Pinos keine Kubasittiche mehr beobachtet werden.

 

Eher optimistische Prognosen

Obschon die Jagd und der Fang von Kubasittichen seinerzeit sehr intensiv betrieben wurden und die Bestände zumindest örtlich stark schwächten, scheint der massive Rückgang der Art aber doch hauptsächlich auf den Lebensraumverlust durch die masslose Vernichtung der kubanischen Urwälder in den vergangenen zweihundert Jahren zurückzuführen zu sein.

Als sich die ersten Europäer zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf Kuba niederliessen, waren weite Teile der fruchtbaren Karibikinsel noch mit Wald bedeckt gewesen. Zwar war Kuba schon vor mindestens 6000 Jahren von Indianern erreicht und besiedelt worden. Deren Populationsgrösse war aber stets sehr gering gewesen und lag zu Beginn des 16. Jahrhunderts bei wenigen hunderttausend Menschen. (Sie starben im Verlauf der nächsten fünfzig Jahren infolge von Epidemien fast vollständig aus.)

Auch die europäische Bevölkerung blieb anfänglich klein, weshalb zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch rund 90 Prozent der Insel eine ursprüngliche Walddecke aufwiesen. Danach wurden jedoch mehr und mehr Teile der Insel urbar gemacht. Die Urwälder wichen grossflächigen Zuckerrohrplantagen und anderen Pflanzungen sowie ausgedehnten Viehweiden. Grosse Gebiete wurden auch zwecks Gewinnung von Bau- und Brennholz sowie Holzkohle gerodet. Im Jahr 1900 waren darum nur noch rund 50 Prozent der Insel mit Urwald bedeckt, 1959 gar nur noch 14 Prozent.

Erfreulicherweise hat sich das Tempo der Urwaldzerstörung auf Kuba ab der Mitte unseres Jahrhunderts wesentlich verlangsamt. Man schätzt die jährliche Abnahme auf derzeit noch rund ein Prozent der verbleibenden Naturwaldfläche. Erfreulich ist auch, dass heute Jagd, Fang und Ausfuhr von Kubasittichen gemäss der kubanischen Gesetzgebung strikt verboten sind, wodurch die Verfolgung der Vögel merklich zurückgegangen ist. Die Gefährdung der verbleibenden Sittichbestände hat sich also inzwischen wesentlich abgeschwächt, und tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Situation der Restpopulation einigermassen stabil ist.

Der Kubasittich kommt nachweislich im 1750 Quadratkilometer grossen Zapata-Halbinsel-Nationalpark vor, ferner im 600 Quadratkilometer grossen Alexander-von-Humboldt-Nationalpark, im 100 Quadratkilometer grossen Cupeyal-del-Norte-Naturreservat und wohl noch in einer Reihe weiterer Schutzgebiete. Die Prognosen der Fachleute bezüglich des längerfristigen Fortbestands des kleinen Keilschwanzsittichs auf seiner Heimatinsel Kuba fallen deshalb heute recht optimistisch aus. Dies umso mehr als sich die kubanische Naturschutzbehörde im Rahmen eines nationalen Programms für die Erhaltung dieser Vogelart einsetzt.




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