Kulan

Equus hemionus kulan


© 2002 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Pferde (Equidae) aus der Ordnung der Unpaarhufer (Perissodactyla) umfasst weltweit lediglich sieben Arten: Neben dem Urwildpferd (Equus caballus), von dem als Wildform einzig das Przewalski-Pferd (Equus caballus przewalskii) überlebt hat, sind dies zum einen drei Zebraarten, nämlich das Steppenzebra (Equus burchelli/quagga), das Bergzebra (Equus zebra) und das Grevy-Zebra (Equus grevyi), zum anderen drei Wildeselarten, nämlich der Afrikanische Wildesel (Equus africanus), der Halbesel oder Asiatische Wildesel (Equus hemionus) und der Kiang oder Tibet-Wildesel (Equus kiang). Die Pferdefamilie bildet damit eine der kleinsten Familien von Grosssäugetieren.

Ihrer Artenarmut zum Trotz hat die Familie der Pferde die Geschichte der Menschheit besonders stark beeinflusst, denn ihr entstammen zwei unserer wichtigsten Nutztiere: das Hauspferd (Equus caballus f. ferus) und der Hausesel (Equus africanus f. asinus). Jahrtausendelang bildeten sie an Land die beiden wichtigsten «Transportmittel» des Menschen. Erst seit es - seit 1885 - gelingt, Fahrzeuge zu bauen, die von Verbrennungsmotoren angetrieben werden, ist ihre Bedeutung als Nutztier geschwunden.

Als Stammvater all unserer Hauseselrassen gilt der Afrikanische Wildesel. Die beiden asiatischen Eselarten - der Halbesel und der Kiang - scheinen bei der Entstehung des Hausesels keine nennenswerte Rolle gespielt zu haben. Nichtsdestotrotz wollen wir uns auf diesen Seiten dem Halbesel und speziell einer seiner Unterarten, dem Kulan, zuwenden.

 

Vier überlebende Halbesel-Unterarten

Der Halbesel ist in seiner Gestalt unverkennbar ein Mitglied der Pferdefamilie. Erwachsene Individuen weisen im Allgemeinen eine Widerristhöhe von 110 bis 130 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von 200 bis 240 Zentimetern, eine Schwanzlänge um 50 Zentimeter und ein Gewicht zwischen 220 und 360 Kilogramm auf, wobei zwischen den Männchen und den Weibchen keine markanten Unterschiede bestehen.

Das Verbreitungsgebiet des Halbesels hatte sich einst über weite Bereiche der osteuropäischen und zentralasiatischen Trockensteppen-, Halbwüsten- und Wüstenregionen südlich etwa des 52. Breitengrads erstreckt - vom Dnjepr im Westen bis zum Amur im Osten. Ausserdem umfasste es einen Grossteil des Nahen und Mittleren Ostens - von Kleinasien südwärts bis zur Arabischen Halbinsel und ostwärts bis zum Indus.

Innerhalb dieses weiten Areals hatten sich im Laufe langer Zeiträume verschiedene geografische Unterarten herausgebildet. Die Ansichten der Wissenschaftler über deren Zahl gehen - wie so oft - auseinander. Wir wollen das hier nicht diskutieren, sondern halten uns wie üblich an die von der Weltnaturschutzunion (IUCN) angewendete Gliederung des Halbesels in sechs Unterarten: den Syrischen Halbesel (Equus hemionus hemippus) im Nahen Osten, den Onager (E.h. onager) im Mittleren Osten, den Khur (E.h. khur) im Bereich des Indus, den Nordmongolischen Dschiggetai (E.h. hemionus) und den Gobi-Dschiggetai (E.h. luteus) im Bereich der heutigen Mongolei und schliesslich den Kulan (E.h. kulan) im Bereich der osteuropäischen und zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken.

Alle sechs Unterarten haben schon früh unter der Bejagung durch den Menschen und unter dem Wettstreit mit dessen Nutztieren um Nahrung und Wasser gelitten. Ihre einst umfangreichen Populationen schwanden zusehends und wurden in immer engere Rückzugsgebiete abgedrängt. Heute überleben nur noch kleine bis winzige Restbestände von Onager, Khur, Gobi-Dschiggetai und Kulan im Iran, in Indien, in der Mongolei, in China und in Turkmenistan, während der Syrische Halbesel und der Nordmongolische Dschiggetai ausgestorben sind. Erfreulicherweise ist es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen, einerseits in Israel und Jordanien und andererseits in Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan und der Ukraine kleine Bestände von Onagern bzw. Kulanen in geeigneten Schutzgebieten wiederanzusiedeln und so die Überlebenschancen dieser beiden Unterarten zu verbessern.

 

Sie weiden täglich 14 Stunden lang

Im Unterschied zu seinem asiatischen Vetter, dem im Hochland von Tibet heimischen Kiang, hält sich der Halbesel stets in tiefen Lagen, gewöhnlich unterhalb der 1000-Meter-Höhenlinie, auf. Zur Hauptsache bewohnt er offene, mehr oder weniger karge Landstriche. Dort ernährt er sich wie alle Mitglieder der Pferdefamilie ausschliesslich von pflanzlicher Kost. Diese setzt sich in der Regel zu fünfzig bis siebzig Prozent aus Gräsern und Seggen zusammen. Den Rest machen diverse Kräuter, Stauden und - in geringem Ausmass - Teile von Büschen aus.

Der Wechsel zwischen aktiven und passiven Phasen ist bei den Halbeseln weniger ausgeprägt, als wir das von vielen anderen Tieren her kennen: Man kann sie zu jeder Tages- und Nachtzeit weiden oder ruhen sehen. Durchschnittlich widmen sie sich während etwa vierzehn Stunden je Tag der Nahrungsaufnahme, verbringen ungefähr drei Stunden mit Ortsverschiebungen und ruhen oder schlafen - in Phasen von maximal zwei Stunden - während der restlichen sieben Stunden.

Stark beeinflusst wird der Alltag der Halbesel durch das im Jahresverlauf schwankende Klima und, damit zusammenhängend, durch das Nahrungs- und Wasserangebot: Im Frühling stellt das überall in den Lebensräumen der Halbesel frisch spriessende Grün eine reiche Nahrungsquelle dar. Es ist nicht nur besonders nährstoffreich, sondern enthält auch reichlich Flüssigkeit. So können die Halbesel das für ihren Stoffwechsel benötigte Wasser allein aus ihrer Nahrung gewinnen und brauchen nicht unbedingt zu trinken. Sie bewegen sich in dieser «Zeit des Überflusses» frei in ihren grossen Streifgebieten umher, oft weit entfernt von jeglichem Gewässer.

Im Frühsommer, wenn die Nahrung allmählich trockener wird, kommt gelegentlich der Zeitpunkt, da die Halbesel ihren Flüssigkeitsbedarf nicht mehr über die Nahrung decken können, sondern auf Trinkwasser angewiesen sind. Sie ziehen dann in die Nähe von Gewässern, bleiben in den folgenden Monaten in deren Umfeld und stillen an ihnen täglich ihren Durst.

Wenn im Herbst die ersten Regen fallen, geht die enge Bindung der Halbesel an Wasserstellen zu Ende. Mit dem Einsetzen der winterlichen Schneefälle wird ihre Bewegungsfreiheit allerdings erneut eingeschränkt. Ab einer gewissen Höhe und Härte lässt sich der Schnee nämlich bei der Nahrungsaufnahme nicht mehr mit der Schnauze beiseite schieben, sondern muss mit den Hufen frei gescharrt werden, was zeit- und Energie raubend ist. Die Halbesel weichen deshalb innerhalb ihrer üblichen Streifgebiete zunächst an Stellen aus, wo weniger Schnee liegt. Unter Umständen sind sie aber auch zu weiten Wanderungen gezwungen. Dies liess sich früher zum Beispiel regelmässig bei den Kulanbeständen beobachten, welche ihr Sommerhalbjahr in Nordkasachstan, geografisch gesehen also in Südsibirien verbrachten. Die im Sommerhalbjahr in kleinen Trupps weit verstreut lebenden Tiere fanden dann zu kopfstarken Verbänden von manchmal bis zu tausend Individuen zusammen und wanderten gemeinsam mehrere hundert Kilometer weit nach Süden in klimatisch günstigere Gegenden. Dort blieben sie, bis im Frühjahr die Schneeschmelze einsetzte, worauf sie sich allmählich wieder zurück in ihre Sommerquartiere bewegten.

 

Territoriale Hengste

Hinsichtlich seiner Gesellschaftsform erinnert der Halbesel stark an den Kiang, den Afrikanischen Wildesel und das Grevy-Zebra, unterscheidet sich darin jedoch deutlich vom Przewalski-Pferd, vom Steppenzebra und vom Bergzebra. Während letztere im Allgemeinen in festen Familiengruppen («Haremsgruppen») leben, die sich aus einem Leithengst, ein paar Stuten und deren Nachwuchs zusammensetzen, weist der Halbesel ein territoriales Gesellschaftssystem auf: Die kräftigsten Hengste besetzen grossflächige Territorien, aus denen die nach Kräften - und besonders unnachgiebig während der Paarungszeit - alle Geschlechtsgenossen fernhalten. Sie erstreiten sich auf diese Weise nicht unerhebliche Vorteile gegenüber den besitzlosen Männchen: Die Stuten lassen sich nämlich nur von Hengsten mit Grundbesitz decken. Allein die kampfstarken Männchen, die sich ein Territorium anzueignen vermögen, können also ihr Erbgut weitergeben.

Hengste, welche kein Territorium besitzen, bilden meistens mit ihresgleichen lockere, nomadisch umherstreifende Trupps. Länger währende Bindungen zwischen solchen «Junggesellen» sind ebenso wenig festzustellen wie zwischen den erwachsenen Stuten. Zwar bilden letztere gerne untereinander - und mit ihrem Nachwuchs zusammen - lockere Verbände. Die Grösse und Zusammensetzung dieser Weibchen-Jungen-Gruppen (die sich im Gegensatz zu den Junggesellentrupps ungehindert in den Territorien der Männchen umherbewegen können) ändert jedoch immer wieder. Die einzige gesellschaftliche Bindung von Dauer ist die zwischen der Stute und ihrem Fohlen. Die beiden halten gewöhnlich mindestens ein Jahr lang eng zusammen.

Wo es die klimatischen Bedingungen zulassen, bleibt das territoriale Gefüge der Halbeselhengste das ganze Jahr über bestehen. Anderenorts wird es zumindest für die Dauer der Paarungszeit errichtet. Letztere fällt gewöhnlich in den späten Frühling. Da die Tragzeit ungefähr elfeinhalb Monate beträgt, hat dies zur Folge, dass die Fohlen wiederum im Frühling zur Welt kommen, also zu einem Zeitpunkt, da das Nahrungsangebot für die säugenden Mütter optimal ist.

Die jungen Halbesel wiegen bei der Geburt ungefähr 25 Kilogramm. Sie werden acht bis zehn Monate lang von ihrer Mutter gesäugt, doch beginnen sie schon im Alter von einem Monat, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Die Weibchen werden gewöhnlich in ihrem zweiten Lebensjahr geschlechtsreif, die Männchen in ihrem dritten. In freier Wildbahn pflanzen sich allerdings nur erstere schon in solch jugendlichem Alter tatsächlich fort. Die Junghengste hingegen erhalten erst etwa ab dem fünften Lebensjahr die Gelegenheit dazu. Denn erst dann sind sie «im besten Alter» und haben reale Chancen, sich im Wettstreit mit den anderen Männchen ein Grundstück als Territorium zu sichern. Das Höchstalter der Halbesel liegt in Menschenobhut bei über 25 Jahren. In der freien Wildbahn mit all ihren Unwägbarkeiten dürften allerdings wenige ein solch «biblisches» Alter erreichen.

 

Der Kulan in Kasachstan

In Kasachstan, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, war die regionale Unterart des Halbesels, der Kulan, noch in historischer Zeit ein weit verbreitetes und keineswegs seltenes Wildtier gewesen. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren seine Bestände jedoch stark ausgedünnt. Die Bejagung durch den Menschen hatte dabei zweifellos eine wichtige Rolle gespielt, denn von alters her wurde das Kulanfleisch als Speise geschätzt, wurden aus der Kulanhaut hochwertige Lederwaren gefertigt und fanden verschiedene Körperteile in der Volksheilkunde Verwendung. Die Hauptursache für den massiven Bestandsschwund scheint allerdings der Wettstreit mit den Nutztieren des Menschen um Nahrung und besonders um den Zugang zu den verfügbaren Tränken gewesen zu sein. Je mehr die menschliche Bevölkerung in Kasachstan anwuchs und je mehr Nutztiere sich infolgedessen in den kasachischen Steppengebieten breit machten, desto stärker wurde der Kulan in immer entlegenere Gebiete mit immer schlechteren Lebensbedingungen abgedrängt. Nach und nach verschwand die Art aus den meisten Landesteilen. Ende der 1930er-Jahre starb schliesslich auch der letzte Kulanbestand aus, der südlich des Baikalsees im Tal des Ili-Flusses überdauert hatte.

Auch in den übrigen Bereichen seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets erging es dem Kulan nicht besser. Überall erloschen seine Bestände - mit einer einzigen Ausnahme: Im südlichsten Zipfel Turkmenistans, im Grenzbereich zum Iran und zu Afghanistan, vermochte sich eine kleine Kulanpopulation zu halten. Zum Schutz dieser allerletzten frei lebenden Kulane wurde 1941 das 877 Quadratkilometer grosse Badchys-Reservat eingerichtet. Und tatsächlich gelang es, sie vor dem Aussterben zu bewahren. Der Bestand erholte sich allmählich; in den 1990er-Jahren hatte er eine Grösse von mehreren tausend Individuen erreicht.

Von diesen letzten Kulanen wurden im Laufe der Zeit verschiedentlich Tiere eingefangen und in andere Schutzgebiete sowohl in Turkmenistan als auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken gebracht, um sie dort wiederanzusiedeln. Unter anderem wurden zwischen 1953 und 1964 mehrmals turkmenische Kulane auf die im Aralsee liegende, zu Kasachstan gehörende und als Reservat ausgewiesene Insel Barsa Kelmes eingesetzt. Sie fanden sich dort gut zurecht und vermehrten sich erfreulich. Nachdem ihr Bestand im Verlauf der 1970er-Jahre auf über 150 Individuen angewachsen war, entschloss sich die kasachische Naturschutzbehörde, einzelne von ihnen einzufangen und sie in anderen geeigneten Reservaten des Landes anzusiedeln. Zwischen 1978 und 1991 verliessen gegen 200 Individuen Barsa Kelmes, ohne dass die Inselpopulation darunter litt. Sie bildeten den Grundstock für die drei Kulanbestände, welche heute in den kasachischen Reservaten Altyn-Emel, Andasaiski und Aktau-Busatchinski umherstreifen. Ein Happyend also für dieses attraktive Huftier? Das ist - wie bei allem, was die Natur betrifft - schwer vorhersagbar, aber im Moment deutet eigentlich alles darauf hin.

 

 

 

Legenden

Der Halbesel (Equus hemionus) gehört zu den kleineren Mitgliedern der Pferdefamilie: Erwachsene Individuen weisen im Allgemeinen eine Widerristhöhe von 100 bis 130 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 220 und 360 Kilogramm auf. Das Bild ist - wie auch alle nachfolgenden - in Kasachstan aufgenommen, zeigt also die regionale Halbeselunterart namens Kulan (Equus hemionus kulan). Auf dem Titelbild ist ein Kulan-Junggesellentrupp in Turkmenistan zu sehen.

Das Verbreitungsgebiet des Halbesels hatte sich einst über die Trockensteppen-, Halbwüsten- und Wüstenregionen Osteuropas, Innerasiens sowie des Nahen und Mittleren Ostens erstreckt. Heute überleben nur noch kleine bis winzige Restbestände der widerstandsfähigen Tiere in engen, inzwischen zumeist unter Schutz gestellten Rückzugsgebieten. Die Nahrung der Halbesel setzt sich im Allgemeinen mindestens zur Hälfte aus Gräsern und Seggen zusammen; die restliche Kost besteht aus diversen Kräutern, Stauden und Teilen von Gehölzpflanzen.

Halbesel sind überaus wachsame und hoch flüchtige Wesen: Keine Regung in ihrem Lebensraum entgeht ihnen, und zeigt sich eine Gefahr, so flüchten sie unverzüglich mit grosser Geschwindigkeit und Ausdauer. Über mehrere Kilometer hinweg können sie mit über sechzig Kilometern je Stunde dahingaloppieren und so selbst den schnellsten Pferden mit Reiter enteilen.

Die jungen Halbesel kommen nach einer Tragzeit von elfeinhalb Monaten fast ausnahmslos als «Einzelkinder» zur Welt. Sie werden acht bis zehn Monate lang von ihrer Mutter gesäugt, doch beginnen sie schon im Alter von einem Monat, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Stute und Fohlen halten mindestens ein Jahr lang eng zusammen. Es ist dies innerhalb der Halbeselgesellschaft die einzige Beziehung von Dauer.

In Kasachstan starb die regionale Unterart des Halbesels, der Kulan, gegen Ende der 1930er-Jahre aus. Erfolgreiche Wiedereinbürgerungen von aus Turkmenistan stammenden Individuen haben dazu geführt, dass dieses attraktive Huftier heute wieder in vier kasachischen Reservaten frei umherstreift.




ZurHauptseite