Kurzkammleguan

Brachylophus fasciatus


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Leguane (Iguanidae) ist eine sehr umfangreiche Reptiliensippe mit insgesamt rund 700 Arten unterschiedlichster Gestalt und Grösse. Dreissig der grösseren Leguanarten werden in der Unterfamilie der Eigentlichen Leguane (Iguaninae) zusammengefasst. Es handelt sich um: Amblyrhynchus cristatus, die Galapagos-Meerechse, Conolophus spp., die Galapagos-Landleguane, Ctenosaura spp., die Schwarzleguane Mittelamerikas, Cyclura spp., die Wirtelschwanzleguane des karibischen Raums, Dipsosaurus dorsalis, den Wüstenleguan des südwestlichen Nordamerikas, Iguana spp., die Grünen Leguane Mittel- und Südamerikas, Sauromalus spp., die Chuckwallas Nordamerikas und - nicht zuletzt - Brachylophus spp., die südpazifischen Leguane, von denen auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Die Südpazifikleguane sind «Aussenseiter»

Obschon die Leguane zu den stammesgeschichtlich älteren Reptilien und damit zu den ältesten Landtierformen unseres Planeten gehören, sind sie noch immer überaus lebenstüchtig. Sehr erfolgreich besiedeln sie die verschiedenartigsten Lebensräume, von heissen, sandigen Wüsten bis hin zu kalten, felsigen Hochländern und von feuchten, tropischen Regenwäldern bis hin zu dürren Buschländern. Ein wesentlicher Teil ihres Erfolgsrezepts ist sicherlich die Tatsache, dass sie hinsichtlich ihrer Körperform und Lebensweise sehr wandlungsfähig sind und sich optimal an ihre jeweilige Wohnstätte anzupassen vermögen. So gibt es heute grosse bodenlebende Leguane mit langen, peitschenartig ausgezogenen Schwänzen ebenso wie baumbewohnende Leguane mit Greifschwänzen und Haftballen an den Zehen und kleine, wüstenbewohnende Leguane mit kurzen, dornenbewehrten Schwänzen.

Ein paar Gemeinsamkeiten existieren aber dennoch: So sind die meisten Leguane gekennzeichnet durch einen stacheligen Rückenkamm. Ferner weisen sie im allgemeinen eine farbige, dehnbare Kehlhaut auf, mit der sie optische Signale abgeben können. Viele Leguane können zudem ihre Hautfarbe in einem gewissen Ausmass verändern und dadurch ihrer jeweiligen Stimmung Ausdruck verleihen. Beides dient vor allem der Verständigung mit Artgenossen, sei es beim Zusammentreffen mit gleichgeschlechtlichen Rivalen oder aber bei der Begegnung mit möglichen Geschlechtspartnern.

Die Heimat der Leguane ist die Neue Welt, also Nord-, Mittel- und Südamerika, und zwar von Kanada südwärts bis Chile und Argentinien. Keinen einzigen Leguan findet man dagegen auf den drei Kontinenten Afrika, Asien und Australien. Dort wird ihre «Rolle» im Gefüge der Natur übernommen von den Agamen (Agamidae), einer stammesgeschichtlich etwas jüngeren, aber nicht minder formenreichen und erfolgreichen Echsenfamilie.

Vergleicht man die Vertreter der beiden Familien miteinander, so stellt man fest, dass manch eine Leguanart in der Neuen Welt genau dieselbe ökologische Nische besetzt wie eine Agamenart in der Alten Welt und dass sie ihrem Gegenstück auch «aufs Haar» gleicht. Die Biologen nennen dieses Phänomen der Formengleichheit bei miteinander nicht näher verwandten Tiergruppen «Konvergenz». Sie zeigt, dass die Natur selbst bei unterschiedlichem «Ausgangsmaterial» und an geografisch weit auseinanderliegenden Orten unter vergleichbaren Umweltbedingungen jeweils zum gleichen «Resultat» kommt, also jeweils dieselben, optimal angepassten Tiergestalten herauszüchtet. Tatsächlich ist es so, dass selbst der Laie einen Skink, einen Gecko oder ein Chamäleon auf den ersten Blick richtig anzusprechen vermag, Leguane und Agamen jedoch an keinem einzigen äusseren Merkmal sicher auseinanderhalten kann. Das einzige zuverlässige Merkmal zur Unterscheidung der Vertreter der beiden Echsenfamilien ist die Stellung der Zähne, die bei den Leguanen an der Innenseite der Kieferknochen sitzen, bei den Agamen aber auf deren Oberseite.

Wie so oft in der Natur bestätigen zwei Ausnahmen die Regel, wonach die Leguane Neuweltbewohner sind: Zum einen bewohnen sieben Arten von Kielschwanzleguanen (Gattungen Oplurus und Chalarodon) den Inselkontinent Madagaskar vor der Ostküste Afrikas; zum anderen findet man zwei Arten von eigentlichen Leguanen auf den Tonga- und den Fidschiinseln im südwestlichen Pazifik.

Die Frage, wie es wohl zum derart isolierten Vorkommen dieser Tiere, fernab vom Verbreitungsgebiet ihrer Verwandtschaft, gekommen sein mag, hat die Zoologen lange Zeit beschäftigt. Im Falle der Madagaskarleguane ist man heute der Ansicht, dass die Leguane einst auch in Afrika heimisch waren, dort aber im mittleren Tertiär (vor rund 30 Millionen Jahren) von den neu einwandernden Agamen verdrängt wurden und nur in Madagaskar, das von den Agamen nicht erreicht wurde, überlebten. Im Falle der Südpazifikleguane dürfte es hingegen so sein, dass die Vorfahren dieser Tiere in grauer Vorzeit auf Treibgut von Amerikas Westküste aus über den Stillen Ozean reisten und so nach Tonga und Fidschi gelangten.

 

«Kon-Tiki» erbrachte den Beweis

Wie man erwarten darf, ist die Reptilienfauna der pazifischen Inselwelt im Westen, wo Südostasien und Australien unerschöpfliche Quellen für einwandernde Lebewesen bilden, am artenreichsten und wird gegen Osten hin rasch ärmer. Auf den winzigen, über eine riesige Wasserfläche verstreuten Inselchen des Zentralpazifiks findet man dann nur noch sehr wenige Arten. Es handelt sich im wesentlichen um ein paar pantropische Gecko- und Skinkarten, welche ausgesprochene Spezialisten im Besiedeln von Neuland sind und dazu nicht selten die (unwissentliche) Hilfe des Menschen und seiner Transportmittel in Anspruch nehmen.

Dieses generelle Verbreitungsmuster der Kriechtiere im pazifischen Raum wird nur von zwei Reptiliengruppen durchbrochen, nämlich den Südseeboas der Gattung Candoia (3 Arten), welche zwischen Sulawesi und Samoa vorkommen, sowie den Südpazifikleguanen der Gattung Brachylophus (2 Arten), welche auf Tonga und Fidschi und neuerdings auch auf Vanuatu heimisch sind. Weder die Südseeboas noch die Südpazifikleguane haben in Südostasien oder Australien nahe Verwandte; ihre Brüder und Schwestern leben in Mittelamerika, in der Karibik und auf den Galapagosinseln. Sie müssen also vom Osten her in den Pazifik vorgedrungen sein, und man nimmt heute an, dass ihre Vorfahren die weite Reise - passiv und unfreiwillig - auf einem natürlichen Floss (etwa einem ins Wasser gestürzten mächtigen Baum) unternommen haben.

Dass eine solche passive Reise durchführbar ist, hat 1947 der norwegische Völkerkundler Thor Heyerdahl demonstriert, als er sich mit seinem Floss «Kon-Tiki» unter Ausnützung des Südäquatorialstroms von Peru bis zu den Tuamotu-Inseln (Französisch Polynesien) treiben liess. Einen weiteren unumstösslichen Beweis liefert ein «Flaschenpost»-Brief, welcher auf den Galapagos-Inseln ins Meer geworfen und einige Monate später bei Fidschi an Land gespült wurde.

Bleibt die Frage, wie es möglich war, dass Tiere diese über mehr als 10 000 Kilometer führende Ozeanfahrt heil überstanden. Im Falle der Südpazifikleguane wäre es denkbar, dass ein trächtiges Weibchen die lange Reise begann, dann, nach seinem Tod, die von ihm unterwegs abgelegten Eier einen Grossteil der Strecke zurücklegten und schliesslich die kurz vor der Landung geschlüpften Jungtiere die Inselbesiedlung vornahmen. Im Falle der lebendgebärenden Boas versagt dieses Modell jedoch. Hier musste mindestens ein trächtiges Weibchen die gesamte Ozeanreise überleben - und am Schluss erst noch gesunde Junge zur Welt bringen.

So oder so grenzt die von den Vorfahren der Südpazifikleguane und der Südseeboas erfolgreich abgeschlossene Ozeanüberquerung an ein Wunder, und man kann nur darüber spekulieren, wieviele «Anläufe» zuvor gescheitert waren, bis das scheinbar Unmögliche geschafft war.

 

Blaugraue Streifen auf smaradgrünem Grund

Der Kurzkammleguan (Brachylophus fasciatus) wurde der abendländischen Wissenschaft im Jahr 1800 vom französischen Zoologen A. Broyniart zur Kenntnis gebracht: Er lieferte eine kurze Beschreibung und eine Zeichnung eines in Alkohol konservierten Tiers. Der zugehörige wissenschaftliche Name tauchte seltsamerweise erst etwa zwanzig Jahre später auf.

Das Exemplar, welches Broyniart für seine Untersuchungen zur Verfügung gestanden hatte, war nicht auf direktem Weg, sondern erst nach langer Irrfahrt in seine Hände gelangt: Gesammelt hatte es der französische Naturforscher Riche, als er an einer Expedition teilnahm, deren Ziel es war, den vermissten Grafen von Peyrouse und dessen Schiffe zu finden. Die beiden Grossegler, mit denen die Suche durchgeführt wurde, fuhren vorerst der Küste Afrikas entlang, umrundeten dann Australien und erreichten schliesslich im Jahr 1792 die Tongainseln, ohne fündig geworden zu sein. Später, auf Java, vernahmen die durch Krankheiten und feindliche Übergriffe von Südseeinsulanern bereits arg geschwächten Expeditionsteilnehmer von den kriegerischen Ereignissen, die sich im Rahmen der Französischen Revolution in ihrer Heimat abspielten. Ihre unterschiedlichen Standpunkte in dieser Frage führten in der Folge zur Aufgabe des ganzen Unternehmens, und die Teilnehmer verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Riches biologische Sammlung wurde vorübergehend von den Briten konfisziert, später aber an Frankreich ausgehändigt. Unter den zahlreichen interessanten Sammlungsstücken befand sich der besagte Kurzkammleguan, den Riche 1792 auf der tongaischen Hauptinsel Tongatapu erhalten hatte. 1797, also erst fünf Jahre später, erreichte das Tier Paris, und weitere drei Jahre vergingen, bis es im Jahr 1800 durch Broyniart seine Wertschätzung erhielt.

Der Kurzkammleguan ist auf mehreren Inseln sowohl des Tonga- als auch des Fidschiarchipels heimisch. In der Tongagruppe findet man ihn auf Tongatapu, Eua, Ha'apai, Vava'u und möglicherweise noch weiteren Inseln. In der Fidschigruppe bewohnt er neben den beiden Hauptinseln Viti Levu und Vanua Levu unter anderem Kadavu, Taveuni und die Lau-Gruppe. Eine weitere Population existiert neuerdings auf der zu Vanuatu gehörenden Insel Efate. Sie ist aber nicht auf natürlichem Weg dorthin gelangt, sondern geht auf ein paar Individuen zurück, welche ein Tierhändler in den siebziger Jahren dort freigesetzt hat.

In seiner südpazifischen Inselheimat hält sich der Kurzkammleguan bevorzugt in mässig feuchten Waldgebieten auf; echten Regenwald und trockene Buschzonen meidet er im allgemeinen. Wie alle eigentlichen Leguane ernährt er sich hauptsächlich von pflanzlicher Kost, so besonders von Früchten und Blättern. In Menschenobhut hat man beobachtet, dass er sehr gerne dargebotene Insekten verzehrt, und man glaubt deshalb, dass er in freier Wildbahn zumindest als «Zwischenverpflegung» auch wirbellose Kleintiere zu sich nimmt.

Die Paarungszeit der Kurzkammleguane fällt auf den südlichen Frühsommer, wenn die Lufttemperaturen allmählich etwas ansteigen. Die Weibchen legen in der Folge ihre Eier in einer selbstgegrabenen Erdhöhle ab und decken sie sorgfältig mit der ausgehobenen Erde wieder zu. Die Gelegegrösse ist mit drei bis sechs Eiern eher klein; manche Weibchen scheinen aber im selben Jahr zweimal Eier abzulegen. Die Eier sind ungefähr drei Zentimeter lang.

 

Knochenfunde stimmen nachdenklich

Bis vor wenigen Jahren war der Kurzkammleguan der einzige bekannte Südpazifikleguan gewesen. 1978 wurde dann aber überraschenderweise eine weitere Art entdeckt: der Haubenleguan (Brachylophus vitiensis). Er lebt nur auf Fidschi, und zwar auf den kleinen Inselchen der Yasawa-Gruppe nordwestlich der Hauptinsel Viti Levu. Kennzeichnendes und namengebendes Körpermerkmal ist ein ausgeprägter Buckel im Nackenbereich.

Interessanterweise hat die Auswertung archäologischer Funde, die im Tongaarchipel gemacht worden sind, kürzlich ergeben, dass einst sogar noch eine dritte Leguanart im Südpazifik gelebt haben muss. Bei den untersuchten Funden handelt es sich um Siedlungsabfälle, die hauptsächlich aus dem ersten Jahrtausend vor Christus stammen, also aus jener Epoche, in der sich die ersten polynesischen Siedler auf der entlegenen Inselgruppe niedergelassen hatten.

Die gefundenen Echsenknochen lassen sich zweifelsfrei der Gattung Brachylophus zuordnen. Sie sind jedoch fast doppelt so gross wie diejenigen der beiden lebenden Arten, stammen also offensichtlich von einer dritten, recht grossen Art. Das Vorhandensein der Knochen in Abfallgruben der frühen Siedler (zusammen mit Knochen von Meeresschildkröten und mehreren Vogelarten, darunter drei ausgestorbenen Tauben und eines ausgestorbenen Grossfusshuhns) zeigt, dass der grosse Leguan damals als Nahrungsmittel gedient haben muss, und dies dürfte wohl auch der Grund dafür sein, dass er später ausstarb. Wann das gewesen ist, wissen wir allerdings nicht.

Es ist gut bekannt, dass noch vor gar nicht so langer Zeit auch der Kurzkammleguan seines schmackhaften Fleisches wegen von den Tongaern und Fidschianern bejagt und verspeist worden ist und dass einige seiner Teilpopulationen auf dem Fidschiarchipel unter den Nachstellungen arg gelitten haben. Dass bei einer der wenigen archäologischen Fundstätten im Südpazifik gleich Knochen von einer ausgestorbenen Leguanart und vier ausgestorbenen Vogelarten zum Vorschein kamen, stimmt darum nachdenklich: War die Fauna der pazifischen Inseln möglicherweise vor der Ankunft der Polynesier, Melanesier und Mikronesier bedeutend reichhaltiger, als sie sich uns heute präsentiert? Gab es im speziellen noch andere Leguanarten, welche rasch verschwanden, als der Mensch begann, die Inseln zu bebauen und Jagd auf die essbaren Wildtiere zu machen? Die Tatsache, dass einige sehr alte Felsskulpturen auf der Osterinsel von den Fachleuten als Leguandarstellungen identifiert werden, scheint jedenfalls in diese Richtung zu deuten.

Die beiden existierenden Südpazifikleguane, der Kurzkamm- und der Haubenleguan, werden von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) heute als «verletzlich» eingestuft. Für so kategorisierte Tierarten wird befürchtet, dass sie schon bald von der Ausrottung bedroht sein werden, wenn die gegenwärtige Bestandsentwicklung weiter anhält. Beide Leguanarten werden darum auch in Anhang I des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) geführt. Dies bedeutet, dass der kommerzielle Handel mit den Tieren zwischen den rund 110 WA-Unterzeichnerstaaten strikt untersagt ist, damit zumindest die von dieser Seite drohende Gefährdung wegfällt.

Leider stehen aber noch immer weder der Kurzkammleguan noch der Haubenleguan in ihrer südpazif schen Inselheimat unter Jagdschutz. Der Kurzkammleguan scheint überdies in keinem der vorhandenen tongaischen Schutzgebiete vorzukommen. Entsprechende Massnahmen müssten dringend getroffen werden. Ein wenig besser sieht heute die Situation des Haubenleguans aus, nachdem vor kurzem mit der Unterstützung des Welt Natur Fonds (WWF) die Insel Yaduataba, auf der die grösste bekannte Haubenleguan-Population lebt, zum ersten Naturreservat Fidschis erklärt worden ist.




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