Liberia-Kusimanse

Liberiictis kuhni


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Schätzungsweise erst ein Zehntel aller auf der Erde lebenden Tierarten sind bisher wissenschaftlich beschrieben und benannt worden. Von dieser Zahl darf man sich allerdings nicht täuschen lassen: Bei den noch nicht erfassten Arten handelt es sich nämlich fast ausnahmslos um Insekten und andere wirbellose Tiere, von denen die meisten winzig klein und vielfach bodenlebend, also für den Laien kaum wahrnehmbar sind. Hinsichtlich der höheren Wirbeltiere und insbesondere der Säuger sieht die Situation ganz anders aus: Die allermeisten von ihnen sind der Wissenschaft bereits vor der letzten Jahrhundertwende bekannt gewesen.

Bei den Säugetierarten, die in unserem Jahrhundert neu entdeckt worden sind, handelt es sich in der Regel wiederum nicht um aufsehenerregende Fälle: Es sind mehrheitlich kleine, unscheinbare Wesen aus den beiden artenreichen Säugetierordnungen der Nagetiere und der Fledertiere, welche überdies ihren nächsten, bereits bekannten Verwandten zum Verwechseln ähnlich sehen. Höchst selten gelang in unserem Jahrhundert hingegen die Entdeckung einer neuen Tierart aus den Ordnungen der Raubtiere, der Primaten und der Paarhufer - und falls doch, dann galt es stets als spektakuläres Ereignis. Eine solche Neuentdeckung des 20. Jahrhunderts ist die Liberia-Kusimanse (Liberiictis kuhni) aus der Ordnung der Raubtiere, von der auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

1989 erstmals fotografiert

Anfang der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts sammelte der deutsche Anthropologe Hans Himmelheber anlässlich einer Expedition ins nordöstliche Liberia (Westafrika) nebst vielen anderen Dingen acht kleine Raubtierschädel. Er übergab diese nach seiner Rückkehr einem deutschen Experten für westafrikanische Säugetiere, Hans-Jürg Kuhn, der zwar erkannte, dass sie von einem Mitglied der Mangustensippe stammten, die genaue Art jedoch trotz der reichen ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht zu identifizieren vermochte. Kuhn sandte die Schädel deshalb weiter an das Britische Naturhistorische Museum in London, wo der Säugetierkundler R.G. Hayman alsbald feststellte, dass es die Schädel einer noch unbekannten Mangustenart sein mussten. Seine Untersuchungen ergaben, dass die Art ziemlich nah verwandt ist mit den Kusimansen der Gattung Crossarchus. Die Unterschiede im Schädelbau waren jedoch so gewichtig, dass ihn die Schaffung einer selbständigen Gattung für diese neue Art gerechtfertigt erschien. 1958 benannte Hayman die Gattung nach dem Land, wo die Schädel herstammten; den Artnamen wählte er zu Ehren von Kuhn, der die Besonderheit des Funds richtig eingeschätzt hatte.

Zwar hatte die Liberia-Kusimanse nun ihren wissenschaftlichen Namen. Es dauerte jedoch noch geraume Zeit, bis die Wissenschaftler eine Vorstellung davon bekamen, wie das Tier leibhaftig ausschaut. Erst 1971 gelang es nämlich US-amerikanischen Zoologen auf einer Forschungsreise durch Liberia, von Jägern zwei frischtote Exemplare zu erwerben. Sie stammten aus dem im östlichen Liberia gelegenen Gbi-Nationalwald, wenig südlich von der Stelle, wo Himmelheber die ersten Schädel gesammelt hatte. So konnte 1974 die erste vollständige Beschreibung der Liberia-Kusimanse publiziert werden. Die ersten Fotografien eines lebenden Individuums gelangen schliesslich 1989 Mark Taylor. Er führte im Auftrag des zoologischen Gartens von Toronto (Kanada) eine Expedition in den Gbi-Nationalwald durch und konnte bei dieser Gelegenheit einem ansässigen Jäger ein soeben in einer Schlinge gefangenes Exemplar abkaufen.

 

Eine mittelgrosse Manguste

Die Liberia-Kusimanse gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur 37 Arten umfassenden Familie der Mangusten (Herpestidae). Bis vor wenigen Jahren waren die Mangusten als Teil der Familie der Schleichkatzen (Viverridae) betrachtet worden, zu der ferner 34 Arten von Zibetkatzen, Palmenrollern, Frettkatzen und Otterzivetten gehören. Heute werden sie jedoch als eigenständige Familie betrachtet, die sich aus zwei Unterfamilien zusammensetzt: den Madagaskar-Mungos (Galidiinae) und den Mangusten (Herpestinae). Zu letzterer gehören 32 Arten von Mangusten, Echten Mungos, Ichneumons, Kusimansen und Erdmännchen. Das Spektrum bezüglich Körpergrösse reicht vom winzigen, nur 300 Gramm schweren Südlichen Zwergichneumon (Helogale parvula) bis zum katzengrossen, fünf Kilogramm schweren Weissschwanzichneumon (Ichneumia albicauda). Die Liberia-Kusimanse ist in dieser Hinsicht «Mittelmass»: Die Kopfrumpflänge erwachsener Tiere beträgt ungefähr 42 Zentimeter, die Schwanzlänge etwa 20 Zentimeter und das Gewicht rund 2 Kilogramm.

Die Mangusten bewohnen eine Vielzahl von Lebensräumen in den tropischen und subtropischen Regionen der Alten Welt: Man kann ihnen in praktisch ganz Afrika begegnen, ferner im Nahen und Mittleren Osten sowie in Süd- und Südostasien, ostwärts bis zu den Philippinen. Eine Art, der Eigentliche Ichneumon (Herpestes ichneumon), hat sogar von Afrika aus, wo er weitverbreitet vorkommt, Südeuropa (Spanien und Portugal) zu besiedeln vermocht. Und der Kleine Mungo (Herpestes javanicus) kommt heute auf manchen Inseln weit ausserhalb seines südostasiatischen Verbreitungsgebiets vor, so etwa auf Kuba, Fidschi und Hawaii. Er war dort von den Europäern zur Kolonialzeit als Rattenbekämpfer (hauptsächlich zum Schutz von Zuckerrohrplantagen) angesiedelt worden. (In der Folge rottete das flinke Kleinraubtier jedoch vor allem die auf Fressfeinde nicht eingerichteten Inseltierarten aus...)

Das Verbreitungsgebiet der Liberia-Kusimanse ist verglichen mit dem der beiden genannten Arten überaus klein. Die paar wenigen Exemplare, welche in den siebziger und achtziger Jahren tot von liberianischen Jägern erworben werden konnten, stammten allesamt aus einem Gebiet im nordöstlichen Liberia, welches keine hundert mal hundertfünfzig Kilometer gross ist. Die Fachleute vermuteten aber stets, dass die Art weiter verbreitet sei und wahrscheinlich auch im südlichen Liberia, im östlichen Nachbarland Elfenbeinküste und im nördlich angrenzenden Guinea-Conakry vorkomme. Diesbezügliche Nachforschungen im liberianischen Sapo-Nationalpark, nur achtzig Kilometer südlich des Gbi-Nationalwalds gelegen, blieben allerdings erfolglos. 1990 konnte jedoch die kanadische Biologin Mary Gartshore im Tai-Nationalpark in der Republik Elfenbeinküste, unweit der Grenze zu Liberia, überraschend eine Manguste bei der Nahrungssuche in einem Bachbett beobachten, bei der es sich ihrer Meinung nach nur um eine Liberia-Kusimanse gehandelt haben konnte. Die Bestätigung, dass sie recht hatte, kam 1997, als Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO, die im Bereich des Tai-Nationalparks tätig waren, eine tote Manguste fanden, die später als Liberia-Kusimanse identifiziert werden konnte.

 

Würmer und Larven als Hauptspeise

Wie man sich vorstellen kann, sind unsere Kennnisse von der Lebensweise der Liberia-Kusimanse sehr beschränkt. Sie beruhen hauptsächlich auf den Berichten der Dorfbewohner, die innerhalb des Verbreitungsgebiets dieser langschnauzigen Mangustenart leben, ferner auf den Beobachtungen, welche Mark Taylor am einzigen Individuum machen konnte, das jemals lebend in Menschenobhut gelangte - jenem jungen Männchen, das er 1989 im Gbi-Nationalwald erwarb und das danach mehrere Jahre lang im Metro Toronto Zoo lebte.

Die Liberia-Kusimanse scheint überwiegend tagaktiv zu sein und sich hauptsächlich auf dem Boden umherzubewegen. Die Nacht verbringt sie offenbar in einer Baumhöhlung oder in einem ähnlichen Versteck. Sie soll sich zumeist im Bereich von kleinen Wasserläufen mit tiefem, weichem Boden und dichtem Pflanzenwuchs aufhalten und im allgemeinen in Gruppen von drei bis fünf Individuen anzutreffen sein. Dass die Liberia-Kusimanse ein geselliges Tier sein soll, ist nicht allzu überraschend, da auch andere Mangustenarten, darunter die nah verwandten Crossarchus-Kusimansen, in Familientrupps umherstreifen und ein reiches Sozialverhalten zeigen. Dadurch unterscheidet sie sich allerdings von vielen anderen Kleinraubtieren, welche gewöhnlich ein einzelgängerisches Leben führen.

Es deutet im übrigen manches darauf hin, dass die Liberia-Kusimanse eine Nahrungsspezialistin ist, die sich zur Hauptsache von Würmern, Larven und anderen weichleibigen, bodenlebenden Wirbellosen ernährt. Dies würde zum einen erklären, weshalb sie sehr kleine, schwache Backenzähne besitzt: Solche Beute muss nicht zermahlen werden. Zum anderen würde es ihre überaus robusten Krallen an den Vorderpfoten erklären: Mit ihnen lässt sich solche Beute mühelos freigraben. (Tatsächlich führte das Individuum, welches Gartshore im Tai-Nationalpark beobachten konnte, genau dies aus: Es buddelte emsig mit seinen Vorderpfoten im tiefen Schwemmsand, wie er an Bachufern zu finden ist, wobei es ähnlich wie ein Hund seine beiden Pfoten abwechselnd einsetzte, um dann plötzlich mit seiner langen Schnauze ins freigescharrte Loch vorzustossen.) Es würde schliesslich auch erklären, weshalb sich die Liberia-Kusimanse vor allem in dichtbewachsenen Waldgebieten mit kleinen Wasserläufen aufhält: Sie findet dort ganzjährig feuchte Böden, die sich zum Graben eignen und in denen eine Vielzahl ihrer bevorzugten Beutetiere gedeihen.

 

Von Brandrodern und Schlingenlegern

Die Aussagen der liberianischen Jäger deuten darauf hin, dass die Liberia-Kusimanse heute nirgendwo mehr zahlreich vorkommt und dass sie aus vielen Gebieten vollständig verschwunden ist, wo sie früher üblicherweise zu finden war. Als Ursache für diese wenig erfreuliche Situation ist zweifellos die unheilvolle Kombination von Lebensraumzerstörung und Bejagung zu nennen.

Die sehr lange Besiedlung Westafrikas durch den Menschen hat die einst ausgedehnten, von Senegal im Westen bis Togo im Osten reichenden Regenwälder dieser Region auf ein paar wenige, kleine Reststücke schrumpfen lassen, und selbst diese sind längst nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand. Die Gewinnung von Brenn-, Bau- und Edelholz zum einen und die Schaffung landwirtschaftlicher Nutzflächen zum anderen sind die Hauptgründe für die ungezügelte Waldvernichtung.

Die traditionelle Landwirtschaft beruht in Westafrika von alters her auf der Brandrodungstechnik: Um ein Stück Pflanzland zu gewinnen, wird zunächst das nutzbare Holz in einem begrenzten Waldstück geschlagen, dann die restliche Vegetation abgebrannt, um so erstens den Boden freizulegen und zweitens denselben mit der anfallenden Asche zu düngen. Danach wird angepflanzt. Ist der Nährstoffgehalt des Bodens nach zwei oder drei Ernten erschöpft, wird die Rodung sich selbst überlassen, und der ganze Vorgang beginnt irgendwo in der Nähe von neuem.

Als die menschliche Bevölkerung in Westafrika noch klein war, liess man die verlassenen Rodungen oft während mehrerer Jahrzehnte brachliegen. Da sie im allgemeinen kleinflächige Wunden in ausgedehnten Waldgebieten darstellten, waren sie alsbald wieder überwuchert, der Wald kehrte zurück. Mit dem steten Anwachsen der menschlichen Bevölkerung mussten jedoch immer mehr Rodungen angelegt werden, und die alten Rodungen mussten in immer kürzeren Intervallen wiederbesucht werden. Letztlich vermochte auf weiten Flächen höchstens noch Strauchdickicht aufzukommen. Solches Gestrüpp vermag aber den wenigsten Waldtierarten eine Lebensgrundlage zu bieten. Unter anderem trocknet es saisonal stark aus, weshalb es beispielsweise für die Liberia-Kusimanse, welche ganzjährig feuchte Böden als «Jagdgründe» benötigt, unbewohnbar ist.

Neben der Aktivität der Kleinpflanzer haben dem westafrikanischen Regenwald auch verschiedene Grossprojekte geschadet. Beispielsweise wurden weite Waldareale abgeholzt, um grossflächige Ölpalmen-, Ananas-, Kaffee- oder Kakaoplantagen anzulegen.

So schrumpften die westafrikanischen Wälder Stück für Stück. Sie wurden in immer kleinere Fragmente zerteilt. Und diese waren für die ansässige Bevölkerung immer besser zugänglich. Entsprechend stieg der Jagddruck auf die Wildtiere mehr und mehr an, denn überall in Westafrika war und ist die Bevölkerung abseits der Städte zur Deckung ihres Eiweissbedarfs stark auf Wildtiere, sog. «Buschfleisch», angewiesen. Alle zugänglichen Gebiete wurden und werden deshalb von ganzen Scharen von Jägern mit Fallen, Schlingen, Hunden und Gewehren heimgesucht, welche alles erlegen, was essbar ist - so auch die Liberia-Kusimanse.

Wie die meisten Tierarten könnte die Liberia-Kusimanse einen gewissen Jagddruck durchaus verkraften. Die überaus intensive Bejagung in allen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets, verbunden mit der ständigen Verminderung ihres Lebensraums, hat aber zwangsläufig zu einem starken Rückgang der Art geführt, der leider vorderhand ungebremst fortschreitet. Denn unglücklicherweise mussten die Naturschutzbestrebungen innerhalb Liberias aufgrund der anhaltenden Bürgerkriegswirren schon vor mehreren Jahren eingestellt werden. Hinsichtlich des Überlebens der Liberia-Kusimanse in Liberia sind die Prognosen der Fachleute deshalb düster.

 

Letzte Zuflucht im Tai-Nationalpark

Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass die Liberia-Kusimanse auch im Tai-Nationalpark in der Republik Elfenbeinküste vorkommt. Dieses Schutzgebiet, das sich über eine Fläche von 3300 Quadratkilometern ausdehnt und seit 1982 auf der UNESCO-Liste der Weltnaturdenkmäler steht, stellt das grösste vollständig unter Schutz stehende Stück westafrikanischen Regenwalds dar. Obschon auch hier gewisse Probleme mit illegalem Holzschlag und Wilddieberei bestehen, beherbergt der Tai-Nationalpark gesunde Populationen diverser westafrikanischer Waldtierarten. Für mehrere von ihnen - so auch für die Liberia-Kusimanse - stellt er wohl die letzte wirkliche Chance für ihren längerfristigen Fortbestand auf unserem Planeten dar.




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