Griechische Landschildkröte
Testudo hermanni
© 1991 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni),
ein Mitglied der etwa 40 Arten umfassenden Familie der Landschildkröten
(Testudinidae), ist ausschliesslich in Europa beheimatet. Ihr
Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom nordöstlichen Spanien
ostwärts durch das südliche Europa bis zur europäischen
Türkei und zum Donaudelta in Rumänien. Die Population
ist jedoch innerhalb dieses weiten Areals keineswegs zusammenhängend,
sondern besteht aus vielen vereinzelten, weit voneinander getrennten
Beständen.
In Spanien, Frankreich, Italien und Jugoslawien lebt
die Griechische Landschildkröte hauptsächlich im Küstenbereich
und kommt nur hier und dort auch einige Kilometer landeinwärts
vor. Etwas flächiger verbreitet ist sie in Griechenland,
Bulgarien und Rumänien. Kleinere Bestände findet man
sodann auf Korsika, Sardinien, Sizilien, den Balearen und ein
paar weiteren Mittelmeerinseln, wobei mehrere dieser Inselpopulationen
ihren Ursprung der «Hilfe» des Menschen verdanken.
Bedächtig, aber nicht stumpfsinnig
Der Panzer, welcher die Schildkröten so unverwechselbar
macht, ist eine starre, aus Knochenplatten zu sammengesetzte
und mit Hornschildern bedeckte Struktur. Man unterscheidet den
nach oben gewölbten Rückenpanzer («Carapax»)
einerseits und den flachen oder leicht nach innen gewölbten
Bauchpanzer («Plastron») andererseits. Beide Panzerteile
sind seitlich durch die «Brücke» miteinander
verbunden.
Die Wirbelsäule wie auch die Rippen der Schildkröten
sind zurückgebildet und mit der Innenseite des Rückenpanzers
verwachsen. Die Lungen liegen unmittelbar unter dem Rückenpanzer
und können nicht wie bei den «normalen» Wirbeltieren
durch das Weiten des Brustkorbs gedehnt und wieder zusammengezogen
werden. Um trotzdem atmen zu können, besitzen die Schildkröten
besondere Lungenmuskeln, welche den Druck der übrigen Innenorgane
auf die Lungen verändern und so für das Füllen
und Entleeren des Atmungsorgans sorgen.
Der Panzer der Landschildkröten umschliesst den
Rumpf der Tiere so vollständig, dass im entspannten Zustand
nur Kopf, Gliedmassen und Schwanz heraus ragen. Bei Gefahr können
die Tiere zudem ihren Kopf durch eine s-förmige Krümmung
des Halses unter den Panzer ziehen. Zu diesem Zweck wurden im
Verlauf der Stammesgeschichte die Halswirbel stark umgeformt.
Eine Verkürzung des Halses konnte dadurch umgangen werden,
denn ein genügend langer Hals ist für die Nahrungsaufnahme
und das Überblicken der Umgebung wichtig. Bei den Gliedmassen
kam aufgrund der beschränkten Anzahl Gelenke eine vergleichbare
Umformung nicht in Frage. Damit sie trotzdem einziehbar sind,
wurden sie möglichst stark verkürzt und bestehen heute
aus im Querschnitt rundlichen Säulenbeinen mit «Klumpfüssen»,
aus denen nur noch die Krallen herausragen.
Der schwere Knochenpanzer und die dicken, kurzen Beine
machen aus den Schildkröten keine «leichtfüssigen»
Wesen, sondern im Gegenteil sprichwörtlich langsame, schwerfällige
Kriechtiere. Wohl deshalb gelten sie vielfach auch als «stumpfsinnig».
Zu Unrecht: Nicht nur ihr Geruchssinn ist ausgezeichnet; auch
ihre geistigen Fähigkeiten sind bemerkenswert. So verfügen
sie über ein sehr beachtliches Orientierungs- und Erinnerungsvermögen.
Sie sind durchaus imstand zu lernen und entwickeln beispielsweise
in Menschenobhut einen überraschenden Sinn für bestimmte
regelmässige Fütterungszeiten.
Alle Landschildkröten sind im Grunde genommen
Allesesser. Sie ernähren sich aber vorwiegend von pflanzlicher
Kost, da ihnen aufgrund ihrer gemächlichen Gangart höchstens
ähnlich langsame Kleintiere wie Schnecken und Würmer
zum Opfer fallen. Im übrigen verschmähen sie in gewissem
Ausmass auch Aas und tierlichen Kot nicht. Für die Nahrungszerkleinerung
stehen ihnen keine Zähne zur Verfügung. Sie verfügen
jedoch über scharfkantige Hornschneiden auf ihren Kiefern,
welche ein Abbeissen von Nahrungsstücken ermöglichen.
So gross die Einschränkungen auch sein mögen,
welche die Landschildkröten bezüglich Geschwindigkeit,
Beweglichkeit, Nahrungsangebot usw. hinnehmen müssen, so
ist der knöcherne Panzer, in den sie sich bei Gefahr jederzeit
retten können, doch offensichtlich eine vortreffliche entwicklungsgeschichtliche
Erfindung: Schildkröten gibt es jedenfalls seit nunmehr
rund 200 Millionen Jahren auf unserem Planeten und die ältesten
fossilen «Urschildkröten», die wir kennen, sahen
kaum anders aus als ihre heutigen, «modernen» Nachfahren.
Verwirrende Namengebung
Vor rund 200 Jahren fassten die Gelehrten sämtliche
damals bekannten Schildkrötenarten in der Gattung Testudo
zusammen. Als in der Folge mehr und mehr Arten bekannt wurden
und zudem genauere anatomische Studien teils erhebliche Unterschiede
zwischen den einzelnen Arten aufzeigten, da wurden verschiedentlich
Arten aus Testudo ausgegliedert und eigenen Gattungen
zugeordnet. Übrig blieben in der Gattung Testudo
ein paar Schildkrötenarten, welche nicht eindeutig zu einer
der neugeschaffenen Gattungen gehörten, aber auch nicht
unbedingt untereinander näher verwandt waren. Diese unbefriedigende
Situation wurde 1957 insofern geklärt, als in der Gattung
Testudo nur noch jene fünf gutbekannten Landschildkröten
belassen wurden, welche im Mittelmeerraum vorkommen und untereinander
eng verwandt sind, während alle «Zweifelsfälle»
in eine neue Gattung, Geochelone, gestellt wurden. (In
den drei Jahrzehnten seither haben eingehende Untersuchungen
dieser «Zweifelsfälle» sowie unser erweitertes
Wissen über die Stammesgeschichte der Schildkröten
es erlaubt, mehrere von ihnen wieder aus Geochelone zu
entfernen und jeweils eigenen Gattungen zuzuweisen.) Die meisten
Wissenschaftler anerkennen also heute fünf Testudo-Arten,
nämlich: 1. die Maurische Landschildkröte (Testudo
graeca), welche rund um das Mittelmeer vorkommt, 2. die Griechische
Landschildkröte (Testudo hermanni) aus dem südlichen
Europa, 3. die Vierzehen-Landschildkröte (Testudo horsfieldi)
aus West- und Zentralasien, 4. die Ägyptische Landschildkröte
(Testudo kleinmanni) aus Ägypten und Israel, 5. die
Breitrandschildkröte (Testudo marginata) aus Griechenland.
Die Griechische Landschildkröte wird im allgemeinen
in zwei Unterarten gegliedert: die östliche Rasse in Süditalien,
auf Sizilien und auf der Balkanhalbinsel einerseits und die westliche
Rasse in Ostspanien, Südfrankreich, auf Korsika, Sardinien
und den Balearen andererseits. Die westliche Rasse ist durchschnittlich
etwas kleiner, weist eine etwas kontrastreichere Zeichnung auf
und hat einen etwas stärker gewölbten Rückenpanzer
als die östliche Rasse, wobei es allerdings oft schwierig
ist, ein bestimmtes Individuum unbekannter Herkunft eindeutig
der einen oder anderen Rasse zuzuordnen. Bis vor kurzem trug
die Ostrasse den wissenschaftlichen Namen Testudo hermanni
hermanni, und die Westrasse hiess Testudo hermanni robertmertensi.
Nun fanden aber findige Experten aufgrund eingehender Literaturstudien
heraus, dass gemäss den Regeln der zoologischen Namengebung
nicht die Ostrasse, sondern die Westrasse Testudo hermanni
hermanni zu heissen habe, und dass die Ostrasse nun richtigerweise
in Testudo hermanni boettgeri umzutaufen sei. Dieses hübsche
akademische Problem ist eigentlich nur deshalb erwähnenswert,
weil die westliche Rasse weit stärker bedroht ist als die
östliche und darum seit geraumer Zeit die besondere Aufmerksamkeit
der Naturschützer geniesst. Letztere müssen sich jetzt
wohl oder übel daran gewöhnen, nicht mehr über
robertmertensi zu sprechen, sondern über hermanni
was bislang die weniger gefährdete Rasse war, die nun boettgeri
heisst...
Bevorzugter Lebensraum: Macchie
Die Griechische Landschildkröte bewohnt eine
recht grosse Vielfalt verschiedenartiger Lebensräume, darunter
Wiesländer, buschreiche Hügelgebiete, lichte Wälder,
Kulturland, bewachsenes Dünengelände und sogar Schuttplätze.
Sie bevorzugt jedoch Stellen mit dichter Vegetation, wie sie
im besonderen die Macchie darstellt, jener wohlriechende Buschwald
aus Ginster, Oleander, Zistrose, Lorbeer, Myrte und anderen immergrünen
Sträuchern, der im Mittelmeerraum auf grossen Flächen
gedeiht und häufig mit Eichen, Kiefern und Kastanien durchsetzt
ist. In diesem Vegetationstyp findet man die grössten Bestandsdichten
der Griechischen Landschildkröte. Im Bereich des «Massif
des Maures» beispielsweise, einem an der südfranzösischen
Côte d'Azur zwischen Toulon und Cannes gelegenen Hügelgebiet,
beträgt die Dichte der lokalen Schildkrötenpopulation
über 10 Individuen je Hektar. In den meisten Bereichen des
Verbreitungsgebiets der Griechischen Landschildkröte liegt
die Populationsdichte allerdings wesentlich tiefer.
Den Winter verschlafen die Griechischen Landschild
kröten in ihrer südeuropäischen Heimat an einer
vor grösseren Temperaturschwankungen und vor Fressfeinden
gut geschützten Stelle im Boden. Aktiv sind sie jeweils
von März bis November. Während dieser Periode bewegt
sich jedes Individuum innerhalb eines verhältnismässig
kleinen Wohngebiets umher, in welchem es alle seine Bedürfnisse
zu decken vermag und jeden Winkel kennt. Einzelne Weibchen sind
allerdings mitunter gezwungen, auf der Suche nach einem geeigneten
Eiablageplatz grössere Wanderungen durchzuführen, wenn
sich kein solcher innerhalb ihres Wohngebiets findet.
Paarungen erfolgen zu allen Zeiten während der
Aktivphase der Tiere, treten aber gehäuft im Frühling
und im Spätsommer auf. Es sind immer die Männchen,
welche dabei die Initiative ergreifen. Das Paarungsvorspiel ist
eine ziemlich unromantische Angelegenheit - zumindest aus menschlicher
Sicht. Es besteht daraus, dass das Männchen dem Weibchen
nachläuft und heftig nach dessen Beinen schnappt, um es
zum Stillstand zu bringen. Dann «rammt» das Männchen
das Weibchen mit aller Kraft oder verbeisst sich in dessen Panzer
und zerrt es umher oder versucht es auf den Rücken zu drehen
- bis das Weibchen endlich zur Paarung bereit ist. Dieses Verhalten
hat schon manchen Beobachter zu einem verständnislosen Kopfschütteln
veranlasst. Das scheinbar «ungalante» Werben des
Männchens hat aber durchaus seinen Sinn: Das Weibchen erhält
auf diese Weise die Gelegenheit, Kraft und Ausdauer seines «Freiers»
zu messen, und wird letztlich nur einem gesunden, starken Männchen
erlauben, seinen Nachwuchs zu zeugen.
Die Paarung selber ist keine einfache Sache, da die
Männchen oft vom glatten Panzer ihrer Partnerin abrutschen.
Während der Paarung erzeugen die sonst stummen Männchen
eine Folge piepsender Laute, welche manchmal an das Winseln eines
jungen Hundes erinnern und mehrere Meter weit hörbar sind.
Die Eiablage erfolgt meistens während des Frühsommers.
Das Gelege besteht im allgemeinen aus drei bis fünf weissen,
hartschaligen, nahezu kugelrunden Eiern, welche das Weibchen
im lockeren Boden verscharrt. Die Zeitigungsdauer ist vom örtlichen
Klima und der Besonnung des Eiablageplatzes abhängig, erstreckt
sich aber in der Regel über rund drei Monate. Die frisch
geschlüpften Schildkröten sehen im Grunde aus wie die
Erwachsenen, haben aber einen etwas stärker gewölbten
Panzer und eine deutlichere Zeichnung. Sie sorgen vom ersten
Tag an für sich selbst.
Durch Heimtierhandel gefährdet
Untersuchungen haben gezeigt, dass dort, wo der Mensch
auf traditionelle Weise das Land bestellt und ein kleinflächiges,
abwechslungsreiches Lebensraummosaik schafft, die Landschildkröten
der Gattung Testudo im allgemeinen in dichteren Beständen
vorkommen als dort, wo grossflächige Naturlandschaften ungestört
sich selbst überlassen bleiben. Dieser Nutzen, den die Landschildkröten
aus der Nachbarschaft des Menschen zu ziehen vermögen, ist
allerdings nicht der Rede wert, vergleicht man ihn mit den enormen
Schäden, welche der Mensch durch den Fang der Tiere für
den Heimtierhandel anrichtet. Besonders die Bestände der
Griechischen und der Maurischen Landschildkröte haben hierunter
enorm gelitten. Zehntausende der Tiere wurden noch im Verlauf
der siebziger Jahre - hauptsächlich aus Jugoslawien und
der Türkei - in die EG- und EFTA-Staaten importiert.
Über den Sinn bzw. Unsinn der Landschildkröten-Haltung
in unseren Breiten ist schon viel geschrieben worden. Wir wollen
uns deshalb kurz fassen. Obschon die Landschildkröten keine
«Kuscheltiere» sind, so geht doch eine Faszination
von ihnen aus, denen sich die meisten Menschen nicht entziehen
können. Der Haltung von Landschildkröten als Heimtiere
mag nicht zuletzt ihres ruhigen, ausgeglichenen Lebensstils und
ihres jahreszeitlichen Lebensrhythmus' wegen auch ein gewisser
erzieherischer Wert zukommen. Das sei nicht bestritten. In den
allermeisten Fällen können aber die Lebensbedürfnisse
der wärmebedürftigen Tiere in unseren Breitengraden
nicht erfüllt werden. So siechen sie - als besonders zähe
Tiere - über Jahre hinweg dahin, bis sie schliesslich eines
Tages sterben, und während dieser ganzen Zeit sind sie bloss
ein Schatten ihrer selbst, nicht zu vergleichen mit ihren aufmerksamen,
bewegungsfreudigen Kusinen in der freien Wildbahn. Ganz bestimmt
gibt es geeignetere Heimtiere als Landschildkröten - Tiere,
die sich in unserem Klima wohlfühlen, die Nähe des
Menschen lieben und sich in Menschenobhut auch leicht züchten
lassen.
Zum Massenfang für den Tierhandel, unter dem
die europäischen Landschildkröten schon seit langer
Zeit leiden, kommt in jüngerer Zeit als menschgemachter
Schadfaktor die rasche Qualitätsminderung ihres Lebensraums
hinzu. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit all ihren negativen
Begleiterscheinungen, der Ausbau des Strassennetzes und die Errichtung
touristischer und anderer Grossüberbauungen spielen hierbei
die Hauptrollen. Katastrophal wirken sich aber jeweils auch Busch-
und Waldbrände aus, welche vor allem im Spätsommer
im Küstenbereich des Mittelmeers ausbrechen - und von denen
es heisst, sie würden nicht selten absichtlich gelegt, um
auf diese Weise Bauland zu schaffen.
Der Handel mit Landschildkröten ist glücklicherweise
in den achtziger Jahren stark eingedämmt worden. So sind
beispielsweise Import und Export europäischer Landschildkröten,
welche aus der freien Wildbahn stammen, in den EG-Mitgliedsstaaten
nicht mehr erlaubt. Alle europäischen Arten sind ferner
in Anhang II der «Berner Konvention» aufgeführt,
was die Unterzeichnerstaaten dieses Naturschutzabkommens dazu
verpflichtet, Gesetze zu erlassen, welche die Erhaltung der Tiere
selbst wie auch ihrer Lebensräume gewährleisten.
Die grösste französische Festlandpopulation
der Griechischen Landschildkroete im Massif des Maures ist im
übrigen das Objekt eines grossangelegten Schutzprogramms,
welches von einem eigens geschaffenen Schildkrötenzentrum
koordiniert wird. Im Rahmen dieses Programms wird zum einen der
Lebensraum der Landschildkröten durch verschiedene Massnahmen
gepflegt und nach Möglichkeit optimiert, zum anderen werden
Eier, welche von den Landschildkröten-Weibchen an ungünstigen
Orten abgelegt werden, gesammelt und - vor tierlichen Nestplünderern
wie Steinmarder und Dachs geschützt - ausgebrütet.
Anschliessend werden die Jungtiere an geeigneten Stellen freigesetzt.
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