Norfolk-Laufsittich

Cyanoramphus novaezelandiae cookii


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Auf Inseln gelten andere Gesetze als auf dem Festland. Man könnte sie als «Gesetze der begrenzten Fläche» bezeichnen, denn auf Inseln gibt es nichts Selbstverständlicheres als ihre Grenzen. Zufolge dieser Gesetze hat sich viel Entwicklungsgeschichte abgespielt: Tiere, die - von Stürmen durch die Luft getragen oder auf Schwemmholz über das Meer getrieben - auf ozeanischen Inseln Fuss fassen konnten, haben sich im Lauf vieler Generationen in neue Arten verwandelt, die völlig anders aussehen als ihre Verwandten auf dem Festland.

Über viele dieser Inselformen weiss man erst wenig, und doch sind sie bereits oder aber bald für immer vernichtet. Denn Isolation beinhaltet auch grosse Gefahren: Ein paar auf eine Insel eingeschleppte Ziegen, Ratten oder Katzen können ausreichen, um Inselpflanzen und -tiere auszurotten: Ihre Populationen sind beschränkt und nicht gegen fremde Räuber und Nahrungskonkurrenten gewappnet. Auch Feuer, Entwaldung, Erosion und neuerdings der Tourismus treiben Hunderte von Inselformen an den Rand der Ausrottung. Tatsächlich waren 200 der 217 Vogelarten, welche im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte von unserem Planeten verschwanden, Inselformen. Und auch in der von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) herausgegebenen «Roten Liste der gefährdeten Tierarten» sind die Inselwesen weit in der Überzahl.

 

Bedrängte Inselbewohner: die Laufsittiche

Arg bedrängte Inselbewohner sind die mit dem Wellensittich nah verwandten Laufsittiche der Gattung Cyanoramphus. Ihren deutschen Namen verdanken sie der Tatsache, dass sie sich häufig am Boden aufhalten und ähnlich wie die Hühner mit den Füssen scharren, um Insekten und andere Kleintiere freizulegen. Die Heimat der Laufsittiche sind Neuseeland und ein paar benachbarte Inseln im südwestlichen Pazifik.

Von den ursprünglich sechs verschiedenen Laufsittich-Arten sind zwei bereits ausgestorben: der Braunkopf-Laufsittich (Cyanoramphus ulietanus) im Jahr 1774 und der Tahiti-Laufsittich (C. zealandicus) im Jahr 1844. Die überlebenden Arten sind der Springsittich (C. auriceps), der Einfarb-Laufsittich (C. unicolor), der Orangestirn-Laufsittich (C. malherbi) und der «eigentliche» Laufsittich (C. novaezelandiae).

Der «eigentliche» Laufsittich bewohnt in insgesamt acht Unterarten eine ganze Reihe von Inseln zwischen Neukaledonien im Norden und Macquarie im Süden: Auf der Insel Norfolk lebt der Norfolk-Laufsittich (C.n. cookii) - so benannt nach dem englischen Weltumsegler James Cook, der die rund 35 Quadratkilometer grosse Vulkaninsel 1774 entdeckte und den Vogel als erster beschrieb. Auf Neuseeland und den Auckland-Inseln lebt die namensgebende Form C.n. novaezelandiae, auf der Antipoden-lnsel C.n. hochstetteri, auf den Kermadec-Inseln C.n. cyanurus, auf den Chatham lnseln C.n. chathamensis und auf Neukaledonien C.n. saisseti. Bereits ausgestorben sind C.n. subflavescens von der Lord-Howe-lnsel (1869) und C.n. erythrotis von der Macquarie-Insel (1913).

Im folgenden wollen wir uns mit der Situation des Norfolk-Laufsittichs befassen.

 

Der Norfolk-Laufsittich ist ein Höhlenbrüter

Männliche Norfolk-Laufsittiche erreichen eine Länge von 30 Zentimetern. Ihre Grundfärbung ist grün, wobei die Unterseite einen etwas helleren und gelblicheren Farbton aufweist als die Oberseite. Stirn, Ohr und zwei Flecke beiderseits des Bürzels sind rot gefärbt. Auffällig sind ferner die blauen Aussenseiten der Handschwingen. Der Schnabel des kleinen Papageis ist bläulich mit schwarzer Spitze, die Beine graubraun. Die Weibchen sind etwas kleiner als die Männchen. Ausserdem unterscheiden sie sich von den Männchen durch einen schmaleren Schnabel und eine weniger ausgeprägte Rotfärbung der Ohrregion.

Häufigste Rufe des Norfolk-Laufsittichs sind rasche «ki-ki-ki-ki»- oder «kek-kek-kek-kek»-Serien, die im Flug geäussert werden. Beim Sitzen lässt er manchmal einen schrillen dreisilbigen Ruf oder ein weiches «tu-tu-tu-tu» vernehmen. Bei der Nahrungssuche ist mitunter ein zartes Schnattern zu hören.

Norfolk-Laufsittiche leben paarweise oder in kleinen Trupps. Sie sind hauptsächlich in der ersten Tageshälfte aktiv. Kurz nach Sonnenaufgang verlassen sie ihre Schlafplätze und begeben sich auf die Nahrungssuche. Dabei halten sie sich im allgemeinen auf Bäumen und Sträuchern auf, wo sie Früchte aller Art sowie Blüten und Blattknospen zu sich nehmen. Nach echter Laufsittich-Manier kommen sie aber gelegentlich auch auf den Erdboden herunter, um hier besonders nach tierlicher Nahrung Ausschau zu halten.

Futterpflanzen des hübschen Sittichs sind vielerlei einheimische wie auch von den weissen Siedlern eingeführte Pflanzenarten. Manchmal fliegen sie in Obstgärten ein und machen sich über die reifen Früchte - z.B. Pfirsiche oder Guaven - her. Dabei zeigen sie nur wenig Scheu vor dem Menschen, weshalb man sich ihnen gut nähern kann. Auf anderen Inseln sollen die Laufsittiche sogar so zahm sein, dass man sie mit etwas Geschick von blosser Hand fangen kann.

Am späten Vormittag brechen die Norfolk Laufsittiche ihre Nahrungssuche ab und begeben sich an einen sonnigen sowie wind- und sichtgeschützten Ruheplatz im oberen Bereich einer Baumkrone. Dort widmen sie sich vorerst der Pflege ihres Gefieders und ruhen dann während des Rests des Tages.

Über das Fortpflanzungsverhalten des Norfolk-Laufsittichs ist nur wenig bekannt: Vor der Brutsaison bilden sich Paare, welche ein Stück Wald besetzen und sämtliche Artgenossen energisch daraus vertreiben. Innerhalb dieses Territoriums legt das Weibchen zwischen Oktober und Dezember in eine Baumhöhle durchschnittlich fünf weisse Eier. Das Weibchen bebrütet die Eier allein. Bei der Aufzucht der Jungen, welche nach einer Brutzeit von 19 Tagen schlüpfen, hilft aber dann das Männchen wieder tatkräftig mit. 5 bis 6 Wochen nach dem Schlüpfen sind die jungen Laufsittiche flügge und nach weiteren 2 bis 3 Wochen selbständig.

 

Nur noch 20 Überlebende

Der Norfolk-Laufsittich war einstmals in fast allen Regionen seiner Inselheimat ein recht häufiger Vogel. Heute steht er mit dem Vermerk «vom Aussterben bedroht» auf der Roten Liste, und der Handel mit dem Vogel ist gemäss dem Internationalen Abkommen über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES) strikt untersagt.

Schon um die Jahrhundertwende wurde der dramatische Bestandsrückgang des Norfolk-Laufsittichs von aufmerksamen Inselbewohnern bemerkt. Und bereits 1908 stellte ihn die örtliche Regierung unter gesetzlichen Schutz. Genehmigungen zum Abschuss von Norfolk-Laufsittichen konnten allerdings weiterhin erworben werden, wenn ein Obstgarten immer wieder von den Vögeln geplündert wurde. 1969 ergab eine inselweite Untersuchung die Zahl von nurmehr 20 überlebenden Norfolk-Laufsittichen. 1977/78 zeigte sich, dass die Bestandszahl zwischen minimal 17 und maximal 30 Tieren lag und dass nur rund ein Zehntel der Inselfläche von den Papageien bewohnt war. 1983 wurde die Population erneut auf lediglich etwa 20 Tiere geschätzt.

 

Pennant-Sittiche verdrängen die Norfolk-Laufsittiche

Die Gründe für die traurige Situation des Norfolk-Laufsittichs sind vielfältig. Die Probleme des Vogels begannen, nachdem die westliche Welt auf das kleine Eiland im Pazifik aufmerksam geworden war: Seeleute gingen fortan mit ihren Segelschiffen in den Buchten Norfolks vor Anker, um sich mit frischem Wasser und mit Nahrung einzudecken. Nachweislich bereicherte damals auch der Norfolk-Laufsittich den Speisezettel der Seefahrer.

Von 1825 bis 1856 befand sich eine Kolonie von Sträflingen auf der Insel. Die Männer waren weitgehend Selbstversorger und trugen wesentlich zum Rückgang der Vögel auf Norfolk bei. Damals gelangten auch die ersten Siedler auf die idyllische Insel im Pazifik. Die vulkanische Erde erwies sich als sehr fruchtbar, weshalb ausgedehnte Bereiche der Insel zu landwirtschaftlichen Nutzflächen umgewandelt wurden. Die natürliche Pflanzendecke - und damit der Lebensraum des Sittichs - wurde weitgehend zerstört. Nur an den Hängen des Mount Pitt blieben einige Fetzen eines ursprünglichen Waldtyps unberührt, der sich zur Hauptsache aus Norfolktannen (Araucaria heterophylla) zusammensetzt - einer bis zu 70 Meter hohen Kiefernart, die bei uns als Zimmerpflanze beliebt ist. Diese Reste natürlicher Inselvegetation sind mittlerweile zur letzten Zufluchtsstätte des Norfolk-Laufsittichs geworden. Sie bedecken gesamthaft eine Fläche von 4 Quadratkilometern und stehen heute unter Naturschutz. Leider ist die Bewachung dieses Reservats am Mount Pitt unzureichend, weshalb der Lebensraum des Norfolk-Laufsittichs weiterhin an Fläche verliert.

Zum Rückgang der Art trägt leider bis in die heutige Zeit auch die Bejagung bei. Denn unsinnigerweise ist die alte Regelung, wonach in Ausnahmefällen Vögel abgeschossen werden dürfen, bis heute erhalten geblieben.

Die grösste Gefahr für die letzten überlebenden Norfolk-Laufsittiche dürfte allerdings nicht vom Menschen direkt, sondern von einer anderen Papageienart ausgehen: dem Pennant-Sittich (Platycercus elegans). Dieser vorwiegend rot gefärbte Papagei stammt urspünglich aus Australien, wurde vom Menschen auf Norfolk eingeführt und hat sich hier stark vermehrt. Er ist sehr nah verwandt mit dem Norfolk-Laufsittich, ernährt sich auf die gleiche Weise wie dieser und ist ebenfalls ein Höhlenbrüter. Er ist allerdings stärker und kampflustiger als sein «eingeborener» Vetter und scheint heute im Wettstreit um Nahrung und Nistgelegenheiten die letzten Norfolk-Laufsittiche in ihrem engen Rückzugsgebiet allmählich zu verdrängen.

Zu allem Überfluss wurde 1977 bei den Norfolk-Laufsittichen eine Infektionskrankheit festgestellt, welche in manchen Fällen zum Tod erkrankter Tiere führte. Der Erreger stammte von den Pennant-Sittichen, welche im Jahr zuvor davon befallen gewesen und in grosser Zahl gestorben waren. Die langfristigen Auswirkungen dieses Erregers sind völlig unbekannt.

Schliesslich sind als gefährdender Faktor noch die verwilderten Hauskatzen und die vom Menschen eingeschleppten Ratten zu nennen, welche im Mount-Pitt-Reservat recht häufig sind. Leider ist bis heute kein Versuch unternommen worden, diese das Gleichgewicht des Inselökosystems aufs schwerste schädigenden Tierarten zu vermindern.

 

Die Überlebenschancen stehen schlecht

Von Mai 1977 bis Dezember 1978 führte die australische Naturschutzbehörde in Zusammenarbeit mit einer lokalen Naturschutzgruppe eine Langzeitstudie durch mit dem Ziel, die Situation des Norfolk-Laufsittichs in seiner Inselheimat zu klären und ein Rettungsprogramm zu erarbeiten. Leider hat diese Arbeit bis heute kaum Früchte getragen: 1982 genehmigte zwar das Parlament von Norfolk das im Rahmen des Rettungsprogramms vorgeschlagene Projekt zur Zucht der Sittiche in Gefangenschaft, und es wurden ein paar der seltenen Vögel gefangengenommen und in Volieren eingesetzt. Leider sind aber bisher nur sehr wenige Jungtiere zur Welt gekommen - und dies, obschon andere Unterarten des Laufsittichs als problemlose Volierenvögel auf der ganzen Welt sehr beliebt und weitverbreitet sind.

Kürzlich wurde nun im Parlament über den Vorschlag diskutiert, ein paar Norfolk-Laufsittiche auf der Lord-Howe-Insel auszusetzen. Einige Fachleute sind der Auffassung, dass sie dort die Lebensnische einnehmen könnten, welche früher vom (ausgestorbenen) Lord-Howe-Laufsittich besetzt worden war. Ein gewichtiges Argument, das gegen diesen Versuch spricht, ist jedoch die Tatsache, dass 1929 bereits einige Norfolk-Laufsittiche auf Lord Howe ausgesetzt worden waren, sich aber auf der mit Ratten verseuchten Insel nicht halten konnten. Die Frage ist derzeit noch offen.

So sieht die Zukunft des Norfolk-Laufsittichs leider sehr düster aus. Die Chancen, dass sich seine verzweifelte Lage in absehbarer Zukunft wesentlich verbessern wird, stehen schlecht, und es ist zu befürchten, dass er über kurz oder lang wie seine Brüder von Lord Howe und Macquarie für immer von der Erde verschwinden wird.

 

5 ausgestorbene Formen, 4 Todeskandidaten

Was hier am Beispiel des Norfolk-Laufsittichs aufgezeigt worden ist, gilt leider noch für eine ganze Reihe weiterer endemischer, also weltweit nur gerade hier heimischer Vogelarten: Von ursprünglich vier endemischen Arten sind zwei bereits ausgestorben: eine Taube und ein Papagei. Und eine weitere, der Weissbrust-Brillenvogel (Zosterops albogularis), wird als stark bedroht eingestuft.

Von den einstmals zehn endemischen Vogelunterarten gibt es heute drei bereits nicht mehr: eine Taube, einen Raupenschmätzer und einen Star. Und drei weitere sind aufs höchste gefährdet: der Norfolk-Buschkauz (Ninox novaeseelandiae undulata), die Norfolk-Südseedrossel (Turdus poliocephalus poliocephalus) und der Norfolk-Laufsittich. Fünf ausgestorbene Formen und vier Todeskandidaten - das ist wahrhaftig keine erfreuliche, für die Bewohner kleiner Ozeaninseln aber leider nur allzu typische Bilanz.




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