Lederschildkröte
Dermochelys coriacea
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion,
Groth AG, Unterägeri)
Die meereslebende Lederschildkröte (Dermochelys
coriacea) ist der unbestrittene Gigant unter den Schildkröten:
Mit einer Gesamtlänge von bis zu 250 Zentimetern und einem
Gewicht von bis über 900 Kilogramm übertrifft sie bei
weitem nicht nur alle anderen Meeresschildkröten, sondern
auch ihre grossen landbewohnenden Schwestern, die Riesenschildkröten
von den Galapagosinseln und den Seychellen. Ihren Namen verdankt
die Lederschildkröte der Tatsache, dass bei ihr der für
die Schildkröten sonst typische starre Knochen- und Hornpanzer
durch eine dicke, lederartige Haut ersetzt ist.
Die Heimat der Lederschildkröte sind die tropischen,
subtropischen und teils auch gemässigten Zonen sowohl des
Atlantiks als auch des Indopazifiks. In fast jeder Hinsicht ist
sie eine vollendete Meeresbewohnerin. Nur bezüglich ihres
Fortpflanzungsverhaltens hat sie es in ihrer jahrmillionenlangen
Stammesgeschichte nicht geschafft, sich ganz vom Land zu lösen,
von der aus ihre Urahnen seinerzeit das Meer erobert hatten:
Sie legt auch heute noch ihre Eier auf dem Land ab.
In meist dreijährigem Zyklus wandert das Lederschildkrötenweibchen
zur Paarungszeit aus der Weite der Ozeane, wo es ein einzelgängerisches
Leben führt, zu seinem angestammten Niststrand, an dem es
einst zur Welt kam. In der Nähe des Strandes angelangt,
paart es sich mit den ebenfalls eingetroffenen Männchen.
In einer der nächsten Nächte begibt es sich dann mit
grösster Vorsicht an Land und schleppt sich langsam den
Sandstrand hinauf. Gut oberhalb der Flutmarke gräbt es mit
seinen Hinterflossen eine Grube in den Sand und legt 60 bis 100
kugelrunde weisse Eier hinein. Dann schaufelt es das Loch wieder
zu und presst den Sand fest. Damit hat es seine Schuldigkeit
getan: Die Brutpflege überlässt es dem schützenden
Sand und der wärmenden Sonne. Nach ein- bis zweistündigem
Landaufenthalt kehrt es erschöpft ins Meer zurück.
Nach rund zwei Monaten schlüpfen die winzigen,
nur sechs bis sieben Zentimeter langen und dreissig Gramm schweren
Schildkrötenbabys aus den Eiern und hasten sofort dem Meer
zu. Instinktiv wissen sie, dass es dieses so schnell wie möglich
zu erreichen gilt, denn am Strand sind sie eine leichte Beute
für Möwen, Krabben, Echsen, Schleichkatzen und andere
Raubfeinde. Haben sie einmal das Meer erreicht und fallen nicht
gleich einem hungrigen Raubfisch zum Opfer, so machen sie sich
auf zu einem Leben des Wanderns in den Ozeanen. Ihren «Heimathafen»
werden sie erst wieder anlaufen, wenn sie im Alter von zehn oder
mehr Jahren den Drang verspüren, sich fortzupflanzen.
Als einzige Meeresschildkröte ernährt sich die Lederschildkröte
fast ausschliesslich von Quallen. Aus dieser Spezialkost erwächst
dem grossen Reptil leider mehr und mehr eine ernste Gefahr. Denn
offensichtlich kann die Lederschildkröte nur schwer unterscheiden
zwischen Quallen und Plastikbeuteln, die der Mensch achtlos wegwirft
und die heute in erschreckenden Mengen frei in allen Meeren treiben.
Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa die Hälfte aller
Lederschildkröten Kunststoffabfälle in ihrem Magendarmtrakt
haben. Diese dürften in vielen Fällen schwere Verdauungsstörungen
und letztlich sogar den Tod der betroffenen Tiere hervorrufen.
Aber auch ganz direkt stellt der Mensch eine erhebliche
Gefahr für den Fortbestand der Lederschildkroete dar. Zwar
bejagt er die riesenhafte Schildkröte kaum ihres Fleisches
wegen, da dieses wenig bekömmlich ist. Auch liefert ihr
Panzer kein Schildpatt. Doch plündert er weltweit ihre Gelege,
weil Meeresschildkröteneier - roh gegessen - müde Männer
munter machen sollen. So gehen die Bestände der Lederschildkröte
in allen Ozeanen merklich zurück. Niemand weiss genau, wieviele
Lederschildkröten es weltweit noch gibt. Bekannt ist aber,
dass die Zahl der eierlegenden Weibchen an allen untersuchten
Niststränden in den letzten Jahrzehnten auf etwa ein Drittel
des ursprüngliches Werts gefallen ist.
Die wichtigsten Niststrände der Lederschildkröte
liegen an der Pazifikküste Mexikos, der Nordostküste
Malaysias und der Atlantikküste Französisch Guyanas.
Mit Unterstützung des WWF werden heute grosse Teile dieser
traditionellen Eiablagestrände während der Fortpflanzungszeit
Tag und Nacht überwacht. Zusätzlich werden Tausende
von Eiern eingesammelt, in Aufzuchtstationen erbrütet und
die Jungen später an sicheren Stellen ausgesetzt. Bleibt
zu hoffen, dass sich die Bestände der mächtigen Meeresschildkröte
durch diese Schutzmassnahmen allmählich wieder zu erholen
vermögen.
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