Leistenkrokodil
Crocodylus porosus
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Das mächtigste Reptil unserer Zeit
Das Zeitalter der Saurier, jene frühe Epoche
der Erdgeschichte, während der die Reptilien die beherrschende
Tiersippe auf dem Land, in der Luft und im Wasser waren, nahm
in der späteren Kreidezeit, vor ungefähr 60 Millionen
Jahren, ein abruptes Ende. Damals starben nicht nur die sagenumwobenen
Dinosaurier, sondern auch viele weitere Zweige der artenreichen
Reptilienverwandtschaft innerhalb kurzer Zeit aus - vermutlich
wegen einer globalen Klimakatastrophe, welche durch den Einschlag
eines riesenhaften Meteoriten hervorgerufen worden war.
Seit jenem grossen «Sauriersterben» spielen
die Reptilien im Tierreich unseres Planeten eine ziemlich untergeordnete
Rolle: Die meisten von ihnen sind verhältnismässig
kleine, unauffällige Lebewesen. Ein paar spektakuläre
Formen gibt es allerdings auch unter den modernen Reptilien.
Zu nennen sind sicherlich die meereslebende Lederschildkröte
(Dermochelys coriacea) sowie die landlebenden Seychellen-
und Galapagos-Riesenschildkröten (Geochelone gigantea
et elephantopus), ferner der Netzpython (Python reticulatus)
und die Anakonda (Eunectes murinus) aus der Familie der
Riesenschlangen, dann der Komodowaran (Varanus komodensis)
aus der Echsenverwandtschaft und - nicht zuletzt - die Krokodile
und Alligatoren (Crocodylia). Sie alle vermitteln uns eine Ahnung
davon, wie es seinerzeit gewesen sein muss, als die Reptilien
die Welt dominierten.
Als das grösste der heutigen Krokodile und mithin
als das mächtigste Reptil unserer Zeit gilt allgemein das
Leistenkrokodil (Crocodylus porosus), von dem auf diesen
Seiten die Rede sein soll. Wie gross es maximal werden kann,
ist allerdings schwer zu sagen. Denn wie so oft, wenn es um Superlative
im Tierreich geht, dürfte auch hinsichtlich der Grösse
des Leistenkrokodils häufig übertrieben worden sein.
9 oder gar 10 Meter lange Exemplare scheint es jedenfalls nur
in der Phantasie von Jägern gegeben zu haben, die mit solchen
Angaben ihren Ruhm mehren wollten. Das grösste, nachweislich
richtig vermessene Leistenkrokodil wies eine Länge von 6,2
Metern auf. Es handelte sich um ein männliches Tier, das
sich in den siebziger Jahren in einem Fischernetz bei der Fly-River-Mündung
in Papua-Neuguinea verfangen hatte und ertrunken war. Nimmt man
den Schädel dieses Tiers als Richtmass, so muss jenes Leistenkrokodil,
das einst vom Radscha von Kanika in Orissa (Indien) erlegt worden
war und dessen Schädel uns erhalten blieb, eine Länge
von ungefähr 7,5 Metern gehabt haben. Letzteres gilt deshalb
als Rekordhalter unter allen neuzeitlichen Krokodilen. Tiere
dieses «Kalibers» können im übrigen deutlich
über eine Tonne auf die Waage bringen.
Ein hochseetaugliches Krokodil
Das Leistenkrokodil ist im süd-, südost-
und australasiatischen Raum beheimatet. Sein weites Verbreitungsgebiet
reicht von Sri Lanka über die Küsten von Ostindien,
Bangladesch und Myanmar (Burma) bis zur Malaiischen Halbinsel,
den Andamanen und den Nikobaren. Ferner findet man es an den
Küsten von Thailand, West- und Ostmalaysia, Kambodscha,
Vietnam, Indonesien und den Philippinen. Und zudem kann man ihm
an den Küsten von Neuguinea, dem Bismarck-Archipel und den
Salomonen sowie Nordaustralien begegnen.
Die geografisch entlegenste Population des Leistenkrokodils
befindet sich schliesslich auf Palau, einer kleinen, etwa 750
Kilometer östlich der Philippinen im Nordwestpazifik gelegenen
Inselgruppe. Innerhalb der Republik Palau lebt das Leistenkrokodil
hauptsächlich in den flachen, mangrovenbewachsenen Küstenabschnitten
der Insel Babelthuap, welche mit einer Fläche von 404 Quadratkilometern
rund 80 Prozent der Landfläche des kleinen Archipels ausmacht.
Daneben besiedelt es noch die Chelbacheb-Inseln, eine aus über
zweihundert Eilanden bestehende Inselgruppe südwestlich
von Babelthuap.
Die überaus weite Verbreitung des Leistenkrokodils,
welche unzählige ozeanische Inseln umfasst, ist eine Folge
der guten Salzwasserverträglichkeit des mächtigen Reptils.
In der Tat bewohnt es - vergleichbar dem im mittelamerikanischen
Raum heimischen Spitzkrokodil (Crocodylus acutus) - vorzugsweise
brackige Flussmündungen, Mangrovensümpfe und andere
Küstenlebensräume im Grenzbereich zwischen dem Süss-
und dem Meerwasser. Dabei schwimmen immer wieder einzelne Tiere
- wahrscheinlich auf der Suche nach neuem Wohnraum - auf das
offene Meer hinaus, und so hat die Art im Laufe der Zeit praktisch
sämtliche Inseln, Inselchen und Eilande im gesamten indomalaiischen
und australasiatischen Raum zu besiedeln vermocht.
Dass die Art auch heute noch fortfährt, Neuland
zu erobern, zeigt die Tatsache, dass wiederholt einzelne Individuen
weit ausserhalb der Grenzen ihres eigentlichen Vorkommens beobachtet
worden sind. So war vor Zeiten beispielsweise ein grosses Männchen
bei der zu den Föderierten Staaten von Mikronesien gehörenden
Insel Pohnpei aufgetaucht. Es hatte eine Strecke von mindestens
1400 Kilometern (von der nächstgelegenen Population auf
Palau aus gemessen) über das offene Meer zurückgelegt.
Ein anderes Exemplar hatte einst die Kokos-Keeling-Inseln im
Indischen Ozean, welche 1100 Kilometer südlich von Java
liegen, erreicht.
Neben der guten Salzwasserverträglichkeit spielen
drei weitere Faktoren eine wichtige Rolle bei der erstaunlichen
Ausbreitungsfähigkeit der Leistenkrokodile: Erstens zeigen
die erwachsenen Tiere eine ausgeprägte Territorialität.
Sie teilen die ihnen zur Verfügung stehenden Küstenstriche
in Reviere auf, aus denen sie alle Artgenossen unnachgiebig vertreiben.
Dies vergrössert natürlich die Bereitschaft der jüngeren,
besitzlosen Individuen, auf der Suche nach einem eigenen Grundstück
nicht nur der Küste entlang, sondern auch auf das Meer hinaus
zu schwimmen.
Zweitens sind die Leistenkrokodile im Bereich der
von ihnen bewohnten Küstengewässer die beherrschenden
Raubtiere, vor denen kein anderes Tier sicher ist, das sich ins
oder ans Wasser begibt. Dies bedeutet, dass sie praktisch überall,
wo sie auf ihren Wanderungen hingelangen, einen reich gedeckten
Tisch vorfinden und sich somit meist mühelos anzusiedeln
vermögen.
Drittens scheinen die Leistenkrokodile - wie andere
grosse Reptilien - sehr langlebige Tiere zu sein. Vermutlich
können sie über hundert Jahre alt werden. Dies verbessert
natürlich stark die Chance, dass ein einzelnes Tier an einer
neuentdeckten Küste noch im Laufe seines Lebens Gesellschaft
durch einen Geschlechtspartner erhält.
«Komposthaufen» als Brutschrank
Wie alle Krokodile vermehrt sich das Leistenkrokodil
mittels weisser, hartschaliger Eier von Gänseei-Grösse.
Ein Gelege besteht aus 25 bis 90, zumeist aber rund 50 Eiern.
Für die Eiablage legt das Weibchen an einem günstigen
Ort in Gewässernähe einen grossen Bruthügel aus
lebenden und toten Pflanzenteilen an. Mehrere Nächte nacheinander
reisst es mit dem Mund geeignetes Material von Büschen und
Stauden ab oder scharrt verstreute Pflanzenreste mit den Füssen
zusammen. Ein fertiggestellter Bruthügel kann eine Höhe
von 30 bis 80 Zentimetern und einen Durchmesser von 120 bis 250
Zentimetern aufweisen. Mittendrin befindet sich das Gelege.
Wie in einem Komposthaufen verrottet in der Folge
das angehäufte Pflanzenmaterial und erzeugt dabei Fäulniswärme,
so dass die Temperatur im Umfeld der Eier deutlich über
der der Umgebung liegt. Der Bruthügel dient also - ähnlich
wie bei einigen Grossfusshühnern (Megapodiidae) - als «Brutschrank».
Zweifellos wird die Entwicklung der Keimlinge dadurch erheblich
beschleunigt.
Früher war man allgemein der Ansicht, dass sich
das Leistenkrokodil-Weibchen nach dem Anhäufen des Bruthügels
und dem Ablegen der Eier nicht weiter um seinen Nachwuchs kümmert.
Das stimmt aber nicht. Wir wissen heute, dass es während
der gesamten Entwicklungszeit der Keimlinge und sogar noch nach
dem Schlüpfen der Jungen eine bemerkenswerte Brutfürsorge
zeigt. Und das mit gutem Grund, sind doch nicht nur die Eier
begehrte Leckerbissen für eine ganze Reihe von Fressfeinden,
darunter Warane und Schweine. Auch die frischgeschlüpften
Jungen werden von Stelzvögeln, grossen Fischen und nicht
zuletzt älteren Artgenossen gern verspeist. Wie alle ihre
Verwandten sind die Leistenkrokodile nämlich kannibalisch
veranlagt und essen ohne Zögern auch Jungtiere der eigenen
Art.
Um das Gelege vor Nestplünderern zu schützen,
gräbt sich das Weibchen neben dem Bruthügel eine Suhle,
die sich mit Sickerwasser füllt, so dass es fast unsichtbar
das Gelege bewachen kann. Zudem bespritzt es von dort aus den
Bruthaufen von Zeit zu Zeit mit Wasser, wohl um den Fäulnisprozess
in Gang zu halten.
Ungefähr drei Monate verstreichen zwischen der
Eiablage und dem Schlüpfen der Jungen. Haben diese die harte
Schale ihrer Eier aufgebrochen, so äussern sie quäkende
Rufe, worauf das Weibchen unverzüglich das Gelege freilegt
und dadurch seinem Nachwuchs den Start ins Leben erleichtert.
Anschliessend befördert es seine Jungen sicher zum Wasser,
indem es jeweils mehrere von ihnen vorsichtig mit seinen Kiefern
packt und im weiten Schlund fortträgt. In der Folge unterhält
es in einem ruhigen Winkel seines Reviers eine «Kinderstube»
und wacht dort etwa zwei Monate lang über das Wohl seiner
Jungen. Dann müssen sie für sich selbst sorgen.
Bis sie eine Länge von etwa einem Meter aufweisen,
ernähren sich die jungen Leistenkrokodile vornehmlich von
Krabben, Krebsen und Insekten, nehmen aber auch kleinere Fische
zu sich, derer sie habhaft werden können. Danach wenden
sie sich mehr und mehr grösseren Tieren zu - von Echsen,
Schlangen und Fischen bis hin zu Vögeln und Säugetieren.
Die Geschlechtsreife erreichen die weiblichen Jungtiere
im Alter von etwa zehn Jahren, bei einer Länge von ungefähr
2,2 Metern. Die jungen Männchen sind sogar erst mit etwa
16 Jahren und ungefähr 3,2 Metern Länge fortpflanzungsfähig.
Krokodilledermode als Verhängnis
Früher war das Leistenkrokodil bedeutend häufiger
und sein Vorkommen weit weniger «löcherig» gewesen
als heute. Doch nun steht es als «gefährdet»
auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten: Mehrere
regionale Bestände sind vollständig ausgerottet; die
restlichen sind stark geschwächt.
Der Niedergang der Art erfolgte zur Hauptsache um
die Mitte unseres Jahrhunderts, nachdem aus Krokodilleder gefertigte
Taschen, Schuhe und andere Modeartikel in den wohlhabenden Ländern
der westlichen Welt zu begehrten Luxusartikeln geworden waren.
Zwar waren Leistenkrokodile schon zuvor vom Menschen bejagt worden,
teils wegen ihres Fleischs, teils weil ihnen hie und da ein Mensch
oder ein Nutztier zum Opfer fiel. Dies geschah aber nie systematisch.
Als sich aber dann die Krokodiljagd zu einem einträglichen
Geschäft entwickelte, da wurden die Tiere überall unbarmherzig
verfolgt und niedergeschossen.
Hunderttausende von Leistenkrokodilen wurden in den
fünfziger und sechziger Jahren Jahr für Jahr abgeschlachtet.
Nach und nach verschwanden praktisch alle grossgewachsenen Individuen
im fortpflanzungsfähigen Alter. Als unausweichliche Folge
hiervon brach die Nachzucht der Tiere weitgehend zusammen. Eine
Erholung der massiv ausgedünnten Bestände konnte unmöglich
mehr stattfinden.
Angesichts seiner akuten Gefährdung wurde das
Leistenkrokodil dann Ende der siebziger Jahre in Anhang I des
Washingtoner Artenschutzabkommens (WA) aufgenommen. Jeglicher
kommerzielle Handel mit Leistenkrokodilen und ihren Häuten
war dadurch zwischen den Unterzeichnerstaaten des Abkommens verboten
und kam alsbald zum Erliegen. Damit nahm sofort auch der Jagddruck
auf die imposanten Reptilien ab. Denn wo die Nachfrage nach einem
Tierprodukt wegfällt, da fehlt unweigerlich auch der Anreiz
für die Verfolgung der betreffenden Tierart.
Etwa zur selben Zeit wurde mit dem Aufbau von Krokodilfarmen
begonnen, in denen die Tiere gezüchtet und später teils
genutzt, teils ausgewildert wurden. Und zudem wurden in den siebziger
und achtziger Jahren vielerorts Naturschutzgebiete in Küstenregionen
geschaffen, wodurch auch die lokalen Krokodile begünstigt
wurden. Alle diese Anstrengungen haben dazu geführt, dass
die Bestände des Leistenkrokodils mancherorts erfreulich
angewachsen sind. Gebietsweise ist heute sogar wieder eine beschränkte
Nutzung der Tiere - unter Berücksichtigung ihrer natürlichen
Nachzuchtrate - möglich. Der Fortbestand des Leistenkrokodils
scheint vorerst gesichert.
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