Bedrohte Tierarten Liechtensteins
Europäischer Iltis - Mustela putorius
Flussregenpfeifer - Charadrius dubius
Europäischer Laubfrosch - Hyla arborea
Schmetterlingshaft - Libelloides coccajus
© 1989 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Im Herzen Europas, eingebettet zwischen Österreich
und der Schweiz, liegt das Fürstentum Liechtenstein. Mit
einer Fläche von nur 160 Quadratkilometern und 28 000 Einwohnern
gehört es zu den kleinsten Nationen Europas. Von seinen
mitteleuropäischen Nachbarländern unterscheidet sich
Liechtenstein unter anderem durch das späte Einsetzen der
industriellen Entwicklung. 1809 schrieb der Landvogt Josef Schuppler
über Liechtenstein: «Es ist das ärmste Land,
das es in der Welt geben mag.» Und noch 1923 hiess es in
einem Bericht des Schweizerischen Bundesrats: «Der wichtigste
Erwerbszweig der liechtensteinischen Bevölkerung ist die
Viehzucht. Viele Liechtensteiner und Liechtensteinerinnen wandern
jährlich aus, um als Maurer, Gipser, Waldarbeiter, Dienstmädchen
usw. namentlich in der Schweiz ihr Brot zu verdienen.»
Diese Situation hat sich dann nach dem Zweiten Weltkrieg
schlagartig geändert: Seit 1965 zählt Liechtenstein
zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Nur noch knapp drei
Prozent der Bevölkerung sind heute in der Land- und Forstwirtschaft
tätig.
Grosse Vielfalt natürlicher Lebensräume
Innerhalb der engen Grenzen Liechtensteins trifft
man auf eine enorme Vielfalt natürlicher Lebensräume.
Massgebend hierfür ist vor allem die starke vertikale Gliederung
des am Nordrand der Zentralalpen gelegenen Kleinstaats. Bei einer
Länge von lediglich 25 Kilometern und einer durchschnittlichen
Breite von rund sechs Kilometern gibt es Höhenunterschiede
von über 2000 Metern: Während der liechtensteinische
Anteil des Rheintals auf einer Höhe von rund 450 Metern
ü.M. liegt, erreicht der höchste Punkt des Landes,
die im Südosten gelegene «Grauspitze», eine
Höhe von 2599 Meter ü.M. Entsprechend vielfältig
ist die in Liechtenstein heimische Tier- und Pflanzenwelt - oder
vielmehr war, denn der Sprung von der bäuerlichen zur hochindustrialisierten
Nation war leider auch in Liechtenstein begleitet von schweren
Verlusten an Naturwerten.
Entwässerung des Rheintals
Die stärksten, durch die zivilisatorische Entwicklung
des Landes ausgelösten landschaftlichen Veränderungen
erfolgten sicherlich im liechtensteinischen Rheintal, auf welches
etwa dreissig Prozent der Landesfläche entfallen. Schon
ab dem 11. Jahrhundert hatten die Talbewohner den ungezähmten
Lauf des Rheins eingedämmt, um ihre Felder und Siedlungen
vor Überschwemmungen zu schützen. Trotz der Rheineindämmung
war aber der Talraum Liechtensteins noch lange von Feuchtgebieten
aller Art geprägt gewesen. 1830 wurde dann mit der systematischen
Entwässerung der Talsohle mittels Kanälen begonnen,
und bis zum Zweiten Weltkrieg war der Grossteil der Sumpfgebiete
in Ackerland umgewandelt.
Vollendet wurde die Trockenlegung des Talraums schliesslich
in den fünfziger Jahren durch die Ausbaggerung des Rheinkieses.
Damals war das «graue Gold», der Kies, als Baumaterial
entdeckt worden, und bis 1973 wurden rund 15 Millionen Kubikmeter
Kies dem Fluss entnommen. Dadurch senkte sich die Rheinsohle
um etwa vier Meter - und gleichzeitig sank das umgebende Grundwasser
ab. So wurden nicht nur praktisch die letzten Feuchtgebietsreste
entwässert. Auch über 90 Kilometer Fliessgewässer
wurden ganz oder zumindest zeitweise trockengelegt.
Viele Fliessgewässer verschwanden im übrigen
- im wörtlichen Sinn - von der Erdoberfläche, weil
sie besonders im Bereich der Siedlungen verrohrt wurden. Bis
heute sind von den unterhalb der 800-Meter-Höhenlinie vorkommenden
Bächen sage und schreibe neunzig Prozent verbaut worden!
Viele tierliche und pflanzliche Bewohner der Feuchtgebiete
und Fliessgewässer verloren durch diese enormen landschaftlichen
Umwälzungen ihren Lebensraum unwiederbringlich. Die Sibirische
Schwertlilie und die Sumpfgladiole waren beispielsweise um 1920
noch in riesigen Beständen zu finden. Heute stehen sie auf
der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten des Fürstentums.
Auch Feuersalamander, Flusskrebs und Flussmuschel sind Opfer
dieser wasserbaulichen Massnahmen geworden: Sie gelten in Liechtenstein
als ausgestorben.
Modernisierung der Landwirtschaft
Zur ökologischen Verarmung des liechtensteinischen
Talraums hat ab den fünfziger Jahren auch wesentlich die
landwirtschaftliche Nutzungsintensivierung durch reichlichen
Dünger- und Pestizideinsatz geführt. Dieser Entwicklung
fiel vor allem in den siebziger Jahren der grösste Teil
der damals noch verbliebenen Magerwiesen zum Opfer - jenen hinsichtlich
Blütenpflanzen und Insekten enorm reichhaltigen Lebensräumen,
die im Volksmund schlicht «Blumenwiesen» heissen.
Ausserdem verschwanden Hecken und Feldgehölze sowie ungenutzte
Raine und Wegränder aufgrund der Umgestaltung der ehemals
kleinflächigen Felder in grosse, maschinengerechte Produktionsflächen.
Leider sind die Magerwiesen im gleichen Zeitraum auch
im bergigen «Hinterland» Liechtensteins stark zurückgegangen,
da die traditionelle Berglandwirtschaft aus Rentabilitätsgründen
weitgehend aufgegeben wurde. Die einstmals als Heumatten und
Viehweiden genutzten Magerwiesen fielen brach und wurden allmählich
von der subalpinen, weit artenärmeren Waldgesellschaft zurückerobert.
Rund ein Viertel aller Pflanzenarten Liechtensteins
ist heute stark gefährdet; allein 68 Arten gelten als ausgestorben
oder verschollen. Von den 145 nachgewiesenen Brutvogelarten sind
ihrerseits 41 Prozent stark gefährdet. Und auch bei den
Amphibien und Insekten dürfte die Bilanz kaum besser sein.
Nachfolgend soll die Situation von vier Tierarten, die in Liechtenstein
in ihrem Fortbestand stark gefährdet sind, etwas näher
beleuchtet werden.
Der Iltis
Der Iltis (Mustela putorius) gehört innerhalb
der Ordnung der Raubtiere zur Familie der Marder. Männliche
Iltisse erreichen eine Kopfrumpflänge von 40 bis 45 cm,
eine Schwanzlänge von 15 cm und ein Gewicht bis 1500 g.
Die Weibchen sind beträchtlich kleiner und leichter und
weisen einen deutlich schlankeren Kopf auf.
Wegen seiner einzelgängerischen und nächtlichen
Lebensweise war lange Zeit nur wenig bekannt über die Gewohnheiten
des Iltisses. Neueren Studien des Schweizer Biologen Darius Weber
zufolge scheint sich das Leben der mitteleuropäischen Iltisse
aber in zwei grundlegend verschiedene Abschnitte zu gliedern:
Im Frühling, Sommer und Herbst sind die Tiere halbnomadische
Waldbewohner mit Streifgebieten von mehreren Quadratkilometern
und sehr aktive Amphibienjäger, die nur selten und zufällig
in Kontakt mit dem Menschen kommen. Den Winter verbringen sie
dagegen als ausgeprägte Kulturfolger unauffällig in
unmittelbarer Nähe des Menschen - so vor allem im Heu und
Stroh von Bauernhöfen, Ställen und Feldscheunen. In
dieser Jahreszeit leben sie mehr als Sammler denn als Jäger
und verspeisen eine Mischkost aus Kleinsäugern (vor allem
Spitzmäusen), Amphibien, Eiern, Aas und allerlei Abfällen.
Das Verbreitungsgebiet des Iltisses erstreckt sich
über ganz Europa - von den Mittelmeerküsten nordwärts
bis zum Rand der skandinavischen Nadelwälder. Besonders
in Mitteleuropa haben die Bestände der hübschen Marderart
jedoch stark abgenommen. Hauptgrund hierfür scheint der
allgemeine Rückgang der Amphibienbestände zu sein,
ausgelöst durch die Zerstörung von Laichplätzen
auf breiter Front und der modernen, amphibienfeindlichen Land-
und Forstwirtschaft. Als Amphibienjäger steht der Iltis
im übrigen an der Spitze einer langen Nahrungskette, und
es wird vermutet, dass Pestizide, welche sich entlang von Nahrungsketten
anreichern, den Iltis zusätzlich geschädigt haben könnten.
Der Flussregenpfeifer
Der Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) bewohnt
in Mitteleuropa Sand- und Kiesufer von Binnengewässern sowie
Schuttplätze aller Art. Dort fällt er vor allem durch
seine Rufe auf. Am häufigsten ist ein weich abfallender
Pfiff, der wie «tiüh» klingt. Seine Nahrung
besteht aus Insekten, Spinnen, kleinen Schnecken, Würmern
usw.
Das Nest des Flussregenpfeifers ist eine flache Mulde
am Boden, die nicht gepolstert, sondern höchstens mit ein
paar Steinchen, Schneckenschalen oder ähnlichen Dingen belegt
wird. Die meistens vier sandfarbenen, dunkelgefleckten Eier sind
in dieser Umgebung ausgezeichnet getarnt. Sie werden von Männchen
und Weibchen abwechselnd 22 bis 26 Tage lang bebrütet. Die
Jungen verlassen bald nach dem Schlüpfen den Brutplatz,
werden dann aber noch mehrere Wochen lang von beiden Eltern geführt.
In manchen Bereichen Europas hat sich der Flussregenpfeifer
in den letzten Jahrzehnten beträchtlich ausbreiten können.
Als Hauptgrund hierfür nimmt man günstige Klimaveränderungen
an. Deutliche Bestandszunahmen gab es beispielsweise in Belgien,
den Niederlanden und Grossbritannien.
In Liechtenstein ist die Situation des Flussregenpfeifers
hingegen eher kritisch: Zwischen 1981 und 1984 konnten jeweils
nur fünf brütende Paare gezählt werden. Sie alle
lebten entlang des dreissig Kilometer langen Rheinbords, welches
die westliche Grenze des Kleinstaats bildet. Die Gründe
für die bedrohliche Lage der liechtensteinischen Flussregenpfeifer-Population
sind naheliegend: Die Begradigung und Eindämmung des ursprünglichen
Flusslaufs sowie der Bau elektrischer Wasserkraftwerke hat zum
Verschwinden der meisten natürlichen Kiesbänke im Rheintal
geführt, wodurch die Vögel ihrer Nist- und Nahrungsplätze
beraubt wurden.
Der Europäische Laubfrosch
Der bis fünf Zentimeter lange Europäische
Laubfrosch (Hyla arborea) ist in Mitteleuropa der einzige
Vertreter der in den Tropen sehr zahlreich vorkommenden Familie
der Laubfrösche. Unter den heimischen Froschlurchen besitzt
er als einziger die Fähigkeit, Büsche, ja sogar Bäume
zu erklimmen. Seine charakteristischen Haftscheiben an Finger-
und Zehenenden geben ihm dabei einen sicheren Halt.
Laubfrösche halten sich vorzugsweise an kleinen
Stillgewässern mit gesunder Ufervegetation und angrenzendem
Laubbaumbestand auf. Im ufernahen Röhricht gehen sie dann
nachts auf Insektenjagd. Von Ende März bis Mitte Juni kann
man die lauten Chöre der männlichen Laubfrösche
hören. Eine grosse Schallblase am Kinn dient ihnen dabei
als Verstärker. Von dieser «Musik» angelockt
gesellen sich die Weibchen zu den Männchen, paaren sich
mit ihnen und legen anschliessend ihre kleinen Laichklumpen im
Wasser ab.
Die Verbreitung des Laubfroschs erstreckt sich über
den grössten Teil Europas ostwärts bis zum Ural. In
den meisten Bereichen Mitteleuropas ist sein Fortbestand heute
jedoch ernsthaft gefährdet, denn für die Entwicklung
seiner Kinder ist er ausgerechnet auf den meistbedrohten Lebensraumtyp
des Kontinents, die Feuchtgebiete, angewiesen.
In Liechtenstein galt der Laubfrosch früher als
häufige Amphibienart. Heute kommt er nur noch an wenigen
Stellen vor und gilt als stark gefährdet. Möglicherweise
haben zum Rückgang des Laubfroschs auch die in der Landwirtschaft
eingesetzten Insektizide beigetragen, welche via seine Nahrung
in seinen Körper gelangen. Es gibt jedenfalls Hinweise darauf,
dass der Laubfrosch eine besonders starke Empfindlichkeit auf
solche chemischen Giftstoffe aufweist.
Der Schmetterlingshaft
Der Schmetterlingshaft (Libelloides coccajus oder
Ascalaphus libelluloides), dessen Flügelspannweite fünf
bis sechs Zentimeter beträgt, ist weder mit den Schmetterlingen
noch mit den Libellen näher verwandt, wie man vielleicht
auf den ersten Blick meinen könnte, sondern er ist ein Vertreter
der Netzflügler (Neuroptera), zu denen beispielsweise auch
die Florfliegen und die Ameisenjungfern gehören.
Schmetterlingshafte sind typische Bewohner artenreicher
Blumenwiesen, wo sie vorwiegend an warmen Sommertagen unterwegs
sind. Ähnlich den Libellen fliegen sie dann in schnellem,
bodennahem Flug umher und erbeuten allerlei kleinere Insekten
wie Fliegen und Kleinschmetterlinge. Gerne sonnen sie sich mit
ausgebreiteten Flügeln. In Ruhe werden diese jedoch dachartig
über den Körper gelegt.
In Liechtenstein - wie auch anderswo - ist der Schmetterlingshaft
heute eine bedrohte Tierart, da sein Lebensraum, die blüten-
und insektenreichen Trockenrasen, weitgehend verschwunden sind.
Naturschutz in Liechtenstein
Schon kurz nach der Jahrhundertwende bildete sich
in Liechtenstein - angesichts der Bedrohung des Naturreichtums
durch die Industrialisierung - eine Naturschutzbewegung. Gefordert
wurde die Erhaltung «natürlicher Zustände»,
wobei vor allem der Schutz von Einzelobjekten gemeint war. Folgerichtig
galten die ersten gesetzlichen Bestimmungen 1903 dem Schutz des
Edelweisses und weiterer Alpenpflanzen.
Ein liechtensteinisches Naturschutzgesetz trat dann
1933 in Kraft. Für die damalige Zeit modern, stellte es
eine lange Liste von Tieren und Pflanzen unter Artenschutz. Auch
wollte es bemerkenswerte «Naturgebilde» wie Wasserfälle,
geologische Formationen, Standorte seltener Pflanzen usw. erhalten.
Dieses Gedankengut fand jedoch wenig Echo, und der gesetzliche
Schutz wurde kaum in die Praxis umgesetzt.
Ab Beginn der fünfziger Jahre änderte sich
das. Der Naturschutzgedanke erhielt nun vermehrt Beachtung. Das
führte 1952 zur Gründung des Pflanzenschutzgebiets
Malbuntal und 1961 zur Ausweisung des Riedgebiets Schwabbrünnen-Aescher
sowie des Gampriner Seeleins als Naturschutzgebiete. Weitere
Reservate kamen im Lauf der Jahre hinzu, darunter - mit Unterstützung
des WWF - das bedeutendste Naturschutzgebiet des Landes, das
Ruggeller Riet, ein Flachmoor im Ausmass von fast 100 Hektaren.
1973 wurde die Liechtensteinische Gesellschaft für
Umweltschutz (LGU) gegründet. In ihr sind alle Gruppierungen
zusammengefasst, welche Teilgebiete des Natur- und Umweltschutzes
bearbeiten, so etwa Alpenverein, Jagdorganisationen, Forstverband
und Vogelschutzvereine. Die LGU hat unter anderem ein Inventar
der Naturgebiete Liechtensteins erstellt, welches weitere 41
schützenswerte Objekte mit ungefähr 280 ha Fläche
ausweist und deren Schutzlegung fordert. Überdies wird die
Schaffung eines 1363 ha grossen Nationalparks im unteren Saminatal
angeregt.
Das Augenmerk der liechtensteinischen Naturschützer
gilt heute vermehrt auch der Förderung einer umweltfreundlichen
Landwirtschaft und dem Schutz der verbliebenen Freiräume
im Kleinstaat vor Überbauung.
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