Litauen


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Neringa hiess eine schöne Meerjungfrau, die in uralten Zeiten ihr Leben der Aufgabe widmete, in Seenot geratenen Fischern im Bereich der litauischen Küste beizustehen. Tobten die Stürme aber allzu stark, so waren ihre Bemühungen mitunter erfolglos, und mancher Fischer ertrank in den aufgewühlten Wogen. Dies verdross Neringa. Doch da kam ihr eine Idee: Sie sammelte Ostseesand - ganze Dünen - und schüttete zum Schutz der Fischer eine grosse Sandzunge auf. Das ärgerte den Herrn der Winde ungemein, und er liess Luft und Wasser gegen den neugeschaffenen Wall anrennen. Zwölf Tage lang tobten die Stürme und die Wogen, doch Neringas Werk hielt stand. Schliesslich liessen die Winde erschöpft ab, und die Fischer konnten von nun an in dem abgegrenzten Teil des Meers, dem Haff, in Ruhe ihrem Gewerbe nachgehen. Aus Dankbarkeit gaben sie dem auf geschütteten Sandstreifen den Namen der Jungfrau: Neringa. Und so nennen sie ihn noch heute.

Die Wissenschaftler haben natürlich für die Entstehung des insgesamt 98 Kilometer langen und 0,5 bis 4 Kilometer breiten Sandstreifens vor der baltischen Küste eine andere Erklärung als das litauische Volk: Von Süden nach Norden verlaufende Meeresströmungen und der hier in die Ostsee mündende Nemunas sollen für seine Bildung verantwortlich sein.

Wie auch immer die Kurische Nehrung und das Kurische Haff entstanden sein mögen: Als die ansässige Küstenbevölkerung vor Jahrhunderten den auf der Nehrung gewachsenen Wald allzu stark nutzte, da ergaben sich grössere Probleme. Die Winde häuften den Sand zu hohen Wanderdünen auf, die sich in Richtung Haff bewegten. Dabei begruben sie - und das ist keine Legende - zwölf Fischerdörfer unter sich. Der Mensch musste rasch handeln: Er forstete wieder auf, säte geeignete Gräser aus und zäunte gefährdete Gebiete ein. So ist das heutige, überaus malerische Landschaftsbild auf der Kurischen Nehrung entstanden, das viele Besucher und Feriengäste hierherlockt.

 

2500 Seen, 700 Flüsse, 0 Berge

Mit einer Fläche von 65 200 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von 3,7 Millionen Menschen ist Litauen die grösste der drei baltischen Republiken - anderthalb mal so gross, aber nur rund halb so dicht bevölkert wie die Schweiz.

Litauen liegt an der östlichen Ostseeküste und nimmt, grob gesehen, die tiefliegende Landschaft im Einzugsgebiet des mittleren und unteren Nemunas ein. Man sieht hier nirgendwo mächtige Berge, denn der höchste Punkt dieser ausgedehnten Niederung liegt keine 250 Meter über dem Meeresspiegel. In ganz Litauen geht Flachland in liebliche Hügel über, lösen alte Fichtenwälder saftige Wiesen und Felder ab. Zwischen den Rechtecken des Ackerlands sieht man die roten Giebeldächer einzeln stehender Gehöfte. Und hier und dort gliedert sich ein Dorf um eines der Fliessgewässer, die sich durch die Senken schlängeln. 700 Flüsse und Flüsschen hat man in Litauen insge samt gezählt, von denen der Nemunas und sein Zufluss Neris die grössten sind. Ferner soll es landesweit über 2500 Seen geben, wobei der grösste, der Druksiai, immerhin eine Fläche von 45 Quadratkilometern aufweist.

So überrascht die Natur Litauens zwar nicht mit Kontrasten, die ins Auge springen. Aber eintönig ist die baltische Republik keineswegs. Wer der «Palmen-Exotik» ferner Länder überdrüssig ist, dem gefällt die malerische Landschaft Litauens bestimmt. Umsomehr, als in dem Land ein gemässigtes kontinentales Klima herrscht, das durch die Nähe der Ostsee noch gemildert wird. Die Monatsdurchschnittstemperaturen bewegen sich zwischen -5°C im Januar und 17°C im Juli; starker Frost oder grosse Hitze sind hier eine Seltenheit.

Ein Viertel des litauischen Territoriums ist von dichtem Wald bestanden, wo bei sich die grössten Waldgebiete im Osten und Süden des Landes befinden. Diese Wälder stellen einen grossen Reichtum Litauens dar, dessen sich die Bevölkerung von alters her bewusst ist. So ist noch heute die überlieferte Gepflogenheit lebendig, wonach der Litauer anstelle eines gefällten Baums drei neue pflanzen soll.

Überhaupt hüten und pflegen die Litauer die Natur ihrer Heimat sorgsam. Die Republik verfügt über 170 staatlich unterhaltene Naturschutzgebiete. Das grösste davon ist der ganz im Osten gelegene, 1974 gegründete Nationalpark Aukstaitija, der sich über 300 Quadratkilometer ausdehnt. Gut drei Viertel seiner Fläche sind Wälder, über ein Zehntel Seen. Litauen will mit dem Nationalpark eine seiner interessantesten Naturlandschaften in unverfälschtem Zustand erhalten und es den Naturwissenschaftlern ermöglichen, unter natürlichen Bedingungen zu forschen. Die Botaniker haben bis heute 777 verschiedene Pflanzenarten auf dem Areal des Parks gezählt. Und auch für ein breites Spektrum von Wildtieren - darunter Elche, Wölfe, Luchse, Birkhühner und andere Säugetiere und Vogelarten, die im westlichen Europa bereits sehr selten geworden sind - ist der Park ein sicheres Zuhause.

 

Zum dritten Mal unabhängig

Etwa zu Beginn des 9. Jahrhunderts hatten sich die Litauer am Nemunas niedergelassen, nachdem sie von ihren ursprünglichen Siedlungsstätten an der Oka und der Wolga, im Bereich des heutigen Gorkij, verdrängt worden waren. Hier errichteten sie ihre Dörfer und befassten sich mit Ackerbau, Viehzucht, Jagd, Fischfang und Bienenzucht. Im 11. und 12. Jahrhundert waren aus den einstigen Stammesverbänden mehrere Fürstentümer hervorgegangen, die dann um das Jahr 1240 von Fürst Mindaugas zum Grossfürstentum Litauen vereinigt wurden. Die Litauer waren gute Waffenschmiede und mutige Kämpfer, die sich des Ansturms der deutschen Ordensritter im Westen wie der Tataren im Osten stets erfolgreich zu erwehren wussten. Die vermoosten Türme mittelalterlicher Schlösser, die man hier und dort auf den litauischen Hügeln erblickt, sind stumme Zeugen dieses jahrhundertelangen Kampfs des litauischen Volks gegen fremdländische Eindringlinge.

In diese bewegte Zeit fällt die Gründung von Litauens Hauptstadt Vilnius, welche rund 300 Kilometer von der Ostseeküste entfernt im äussersten Osten der Republik liegt. Grossfürst Gediminas, so heisst es, habe zu Beginn des 14. Jahrhunderts einmal von seinem prächtigen Wasserschloss Trakai aus (das heute ein vielbesuchtes Historisches Museum beherbergt) einen Jagdausflug in die dichten Wälder des östlichen Litauens unternommen. Als er auf dem Hügel am Zusammenfluss von Neris und Vilija übernachtete, da träumte ihm, oben auf der Hügelkuppe stehe ein eiserner Wolf und heule markdurchdringend. Gediminas' heidnischer Oberpriester deutete in der Folge den Traum dahingehend, dass es der Wille der Götter sei, dass der Grossfürst seine Residenz zu besagtem Hügel verlege und dort eine Stadt bauen lasse. Sie müsse so fest wie Eisen sein, dann werde ihr Ruhm weit durch die Welt hallen. Mit Göttern soll man bekanntlich nicht streiten - also baute Gediminas die Stadt und nannte sie Vilnius.

Zwar erweisen sich auch in diesem Fall die Wissenschaftler als «Spielverderber»: Archäologen fanden nämlich bei Ausgrabungen Hinweise darauf, dass es am Zusammenfluss von Neris und Vilija schon im 11. Jahrhundert eine grössere Siedlung gegeben haben muss. Erste urkundliche Erwähnung von Vilnius findet sich aber tatsächlich erst in einem Brief des Grossfürsten Gediminas aus dem Jahr 1323 - und so feierte Vilnius denn, der Wissenschaft gewissermassen zum Trotz, 1973 sein 650jähriges Bestehen. Für die Legende spricht im übrigen noch, dass sich Vilnius im späten Mittelalter und in der Renaissance tatsächlich zu einer der prächtigsten und reichsten Städte Osteuropas entwickelte und damals in einem Zug mit Prag und Krakau genannt wurde. Manche wunderschönen Gebäude aus dieser Blütezeit der Stadt sind noch erhalten und prägen das Bild des Altstadtkerns.

Nach langem Werben des polnischen Adels stimmten 1386 die litauischen Adligen einer Union ihres Lands mit Polen zu einem mächtigen Grossreich zu. Dessen Einfluss reichte vorübergehend von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Allmählich sank dann aber der Stern der «Rzeczpospolita» genannten polnisch litauischen Union. Nach langen Wirren wurde sie letztlich im Jahr 1795 zwischen Russland, Preussen und Österreich aufgeteilt, und dabei fiel der grösste Teil Litauens an das russische Zarenreich; der Rest folgte 1815 nach.

Die daraufhin einsetzende brutale «Russifizierung» des baltischen Territoriums trieb zwar viele Litauer in die Emigration, doch vermochte sie nicht das starke Nationalbewusstsein des litauischen Volks zu brechen. Als 1917 die «Sozialistische Oktoberrevolution» der russischen Bolschewisten (ihres Zeichens radikaler Flügel der sozialdemokratischen Partei) den Niedergang des Zarenreichs herbeiführte, da zögerten die Litauer nicht lange: Am 16.2.1918 erklärten sie sich für unabhängig. Sie waren nicht gewillt, ihre souveränen Rechte erneut von einer fremden Macht, diesmal vom neugebildeten Sowjetstaat mit Wladimir Lenin an der Spitze, beschränken zu lassen. Zwar wurden sie dennoch vorübergehend - vom Dezember 1918 bis zum Mai 1920 - unter sowjetisches Joch gezwungen. Dann aber war Litauen endlich wieder ein unabhängiger Staat.

Allerdings nur für 20 Jahre. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs fiel die kleine Republik nämlich erneut den Grossmächten zum Opfer: Im Hitler-Stalin-Pakt von 1939 wurde Litauen wie das übrige Baltikum dem Sowjetimperium zugeschlagen und am 21.7.1940 offiziell der UdSSR einverleibt. In der Folge blühten zwar die im Krieg ausgeplünderte und weitgehend zerstörte Industrie und die Landwirtschaft auf. Doch das litauische Nationalbewusstsein und der Drang nach Unabhängigkeit blieben stark im Volk verwurzelt. Kaum lockerte sich Ende der achtziger Jahre - im Zug der von Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow eingeleiteten Reformpolitik der innere Zusammenhalt des Vielvölkerstaats UdSSR etwas, da nahm Litauen seine Chance sofort wieder wahr und erklärte erneut, als erste der 15 Sowjetrepubliken, seine Unabhängigkeit (vgl. Kasten Seite 4). Das freiheitsliebende litauische Volk trug damit massgeblich zum Zerfall der UdSSR bei.

 

Die singende Nation

«Vorläufig» - «im Moment» - «nicht mehr lange»: Diese Ausdrücke kennzeichnen Litauen heute, ein Land im Aufbruch. Noch ist ungewiss, wie sich die Fülle der Probleme, welche sich aus über 50 Jahren sozialistischer Diktatur ergeben und die neu gewonnene Freiheit überschatten, auf die Zukunft der baltischen Republik auswirken wird. Immerhin dürfte es Litauen etwas leichter haben als andere ehemalige Sowjetrepubliken, denn die Landwirtschaft ist recht hoch entwickelt, die Industrie vergleichsweise modern, die Fischerei leistungsfähig. Und von den gut ausgebauten Häfen profitierte einst die gesamte UdSSR.

Noch etwas dürfte im übrigen den Litauern den Weg in die Zukunft erleichtern: ihre aussergewöhnlich reiche Folklore und das Zusammengehörigkeitsgefühl, das aus ihr entspringt. Die Litauer waren eines der letzten heidnischen Völker in Europa gewesen. Erst nach dem Zusammenschluss mit dem katholischen Polen liessen sich zunächst der Grossfürst, dann die Adligen und schliesslich unter deren Druck auch die Bauern taufen. Aber noch bis ins 16. und 17. Jahrhundert hielt die Mehrzahl der Litauer an der Verehrung der alten Naturgötter fest. Und auch danach verschwanden die alten Sitten und Gebräuche nicht, sondern wurden nur in ein - teils recht fadenscheiniges - christliches Gewand gekleidet. Das Ergebnis ist eine aussergewöhnliche Fülle von Legenden, Liedern, Tänzen und Bräuchen. Das Institut für Sprache und Literatur der Universität in Vilnius hat sage und schreibe 60 000 litauische Märchen und 400 000 Lieder gesammelt. Dieser kostbare Schatz wird sorgsam gepflegt und gefördert. Und er ist im Volk lebendig und kittet die Nation zusammen.

Altes Brauchtum und neue Lebenslust vereinigen sich besonders augenfällig bei allerlei Festen. Da ist das allerorts gefeierte Frühlingsfest mit Eierfärben und Eierrollen, da ist das Fest der Sommersonnenwende, da sind auf dem Land die herbstlichen Erntefeste und an den Küsten die Fischertage, da sind die Winterfeste mit Fastnachtsbräuchen, und da ist nicht zuletzt das traditionsreiche «Fest des Lieds». Es findet alle fünf Jahre auf Republikebene in der Hauptstadt Vilnius statt und erfreut sich grösster Beliebtheit. Hunderte von Gesangs-, Tanz- und Musikgruppen mit Zehntausenden von Sängern, Tänzern und Musikern nehmen am fröhlichen Fest und den farbenfrohen Umzügen teil. Sie beweisen jedesmal von neuem, dass die Litauer zu Recht als «singende Nation» bezeichnet werden.

 

 

Kasten:  Litauens Weg hin zur Unabhängigkeit

Am 11. März 1990 erklärte Litauen als erste der drei baltischen Sowjetrepubliken - und damit als erste Sowjetrepublik überhaupt - seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Hier die Chronik der wichtigsten Ereignisse:

1990
Am 24.2. wurden die ersten freien Wahlen in Litauen durchgeführt. Die Kandidaten der Volksbewegung «Sajudis» erzielten dabei grosse Erfolge und gewannen die Mehrheit im Staatsparlament der Republik.

Am denkwürdigen 11.3. fand die konstituierende Sitzung des neugewählten Parlaments statt. Es setzte die Verfassung der UdSSR ausser Kraft, benannte das Territorium in «Republik Litauen» (vorher: «Sozialistische Sowjetrepublik Litauen») um, wählte Vytautas Landsbergis zu seinem neuen Vorsitzenden und verabschiedete eine «Erklärung über die Unabhängigkeit Litauens» von der UdSSR.

Am 15.3. erklärte der Volksdeputiertenkongress in Moskau die Unabhängigkeitserklärung des litauischen Parlaments für illegal und ungültig.

Am 31.3. richtete der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow eindringliche Warnungen an das Volk und das Parlament Litauens und forderte die unverzügliche Aufhebung der Unabhängigkeitserklärung. Litauen liess sich dadurch nicht beeindrucken.

Am 13.4. drohte Gorbatschow Litauen mit der Einstellung der Güterlieferungen aus den anderen Sowjetrepubliken. Die litauische Führung blieb dabei, dass die Unabhängigkeitserklärung volle Gültigkeit habe.

Am 16.4. verhängte Moskau eine teilweise Wirtschafts- und weitgehende Energieblockade gegen Litauen (welches in seiner Öl- und Erdgasversorgung zu 97 Prozent von der Sowjetunion abhängig war).

Am 20.4. traten in Litauen Sparmassnahmen in Kraft: Die Beheizung der Wohnungen wurde eingestellt; jeder Autofahrer erhielt monatlich nur noch 30 Liter Benzin.

Am 28.5. musste das grösste Elektrizitätswerk des Lands seinen Betrieb einstellen, da es seine Ölreserven aufgebraucht hatte. Zahlreiche Betriebe mussten wegen Energiemangels schliessen.

Am 14.6. entwickelte Gorbatschow angesichts der Unabhängigkeitsbestrebungen der übrigen Sowjetrepubliken die Idee, die Sowjetunion in eine «Union souveräner Staaten» umzuwandeln, und kündigte die Lockerung der Sanktionen gegen Litauen an.

Am 10.11. beschloss das Parlament die Ausgabe eigener Pässe, für deren Erhalt die Litauer auf die sowjetische Staatsbürgerschaft verzichten mussten.

Am 1.12. fand in Vilnius die erste gemeinsame Konferenz der Parlamente der drei baltischen Republiken statt, die mit dem Aufruf an die Sowjetunion endete, die Sowjetarmee von ihren Territorien abzuziehen, sowie mit dem Aufruf an die westlichen Staaten, die Unabhängigkeit Litauens, Lettlands und Estlands anzuerkennen.

Am 19.12. rief Gorbatschow alle Unruhe-Republiken zur Ordnung und drohte damit, den Ausnahmezustand zu verhängen und bestimmte Regionen unter seine Verwaltung zu stellen.

1991
Am 10.1. forderte Gorbatschow erneut das litauische Parlament auf, die Gültigkeit der sowjetischen Verfassung in vollem Umfang wiederherzustellen und alle eigenen, «verfassungswidrigen» Gesetze aufzuheben. Das litausche Parlament lehnte die Forderung ab.

Am 11.1. besetzten sowjetische Fallschirmjäger in Vilnius das Verteidigungsministerium, das Pressehaus und das Fernmeldeamt und riegelten die Zufahrten ab.

In der Nacht zum 13.1. stürmten sowjetische Soldaten mit Panzern die Sendezentrale des Rundfunks in Vilnius, wobei 14 Menschen getötet und mehr als 150 verletzt wurden. Das Militär verhängte zudem eine nächtliche Ausgangssperre über Vilnius und unterstellte die Stadt einem Militärkommandanten. Das gewaltsame Vorgehen Moskaus löste weltweite Bestürzung aus.

Am 18.1. beschloss das litauische Parlament, im Februar eine Volksbefragung über die Unabhängigkeit der Republik durchzuführen - dies als Kompromiss in der Auseinandersetzung mit Moskau. Die Bürger sollten auf die Frage antworten, ob Litauen «auch weiterhin als demokratische und unabhängige Republik bestehen soll».

Am 6.2. bezeichnete Gorbatschow die angekündigte Volksbefragung als «illegal» und ihr Ergebnis als «juristisch unhaltbar».

Am 9.2. entschieden sich bei der Volksbefragung rund 90 Prozent der Bürger (bei einer Wahlbeteiligung von 84 Prozent) für die Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion.

Am 12.2. erkannte Island als erstes westliches Land Litauen als unabhängigen Staat an.

Am 22.8. - unmittelbar nach dem Scheitern des Putschversuchs in Moskau - wurden die KPdSU und der KGB in Litauen verboten.

Am 27.8. verständigten sich die Aussenminister der zwölf EG-Staaten darauf, diplomatische Beziehungen zu den baltischen Staaten aufzunehmen.

Am 2.9. gaben die USA als einer der letzten Staaten der westlichen Welt die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den baltischen Staaten bekannt.

Am 5.9. besiegelte der Kongress der Volksdeputierten in Moskau das Ende der bisherigen Sowjetunion und beschloss ein Gesetz über die Umwandlung der UdSSR in einen Bund unabhängiger Republiken mit neuen Staatsorganen.

Am 6.9. sprach der neugeschaffene Staatsrat in Moskau die Anerkennung der Souveränität Litauens aus. Damit hatte das Land 51 Jahre nach seiner Zwangseingliederung in die UdSSR seine Unabhängigkeit endgültig zurückgewonnen.

Am 17.9. wurde Litauen in die UN aufgenommen.

 

 

Legenden

Als «Land der tausend Seen» gilt im allgemeinen Finnland, aber auch Litauen hat über 2500 Seen vorzuweisen. In welche Richtung man auch fährt, welche Anhöhe man auch besteigt: Immer und überall erblickt man die spiegelnde Oberfläche eines Sees. Litauens Seen sind gewöhnlich flach, und viele von ihnen verlanden allmählich. Dabei fällt reichlich Torf an, den die Litauer von alters her als Brennstoff und Düngemittel sowie für medizinische Zwecke nutzen.

Dort, wo sich das Kurische Haff mit der Ostsee vereinigt, liegt Klaipeda, mit ungefähr 200 000 Einwohnern Litauens drittgrösste Stadt und sein wichtigster Hafen. Schiffahrt und Handel haben hier jahrhundertealte Tradition, was etwa anhand der hübschen alten Bürgerhäuser in Klaipedas Altstadt erkennbar ist.

Uns «Mitteleuropäer» mag es überraschen, doch haben es Geografen mit wissenschaftlicher Genauigkeit und damit zweifelsfrei berechnet: Das geografische Zentrum Europas liegt bei 25°19' östlicher Länge und 54°54' nördlicher Breite - und damit exakt 22 Kilometer nördlich von Litauens Hauptstadt Vilnius beim 40-Seelen-Dorf Purnuskes.

Ein Gewinner und ein Verlierer: Links Vytautas Landsbergis (Jg. 1932) im litauischen Parlamentsgebäude; er ist seit dem 11.3.1990 Präsident der unabhängigen RepublikLitauen. Rechts Wladimir Lenin (1870-1924) in einem litauischen Hinterhof; er war nach dem 7.11.1917 der erste Regierungschef des damals neugegründeten und mittlerweile aufgelösten Sowjetstaats.

Etwa die Hälfte der Landesfläche Litauens wird landwirtschaftlich genutzt, teils für den Anbau von Roggen, Zuckerrüben, Kartoffeln und anderen Feldfrüchten, teils für die Zucht von Rindern, Schweinen, Pferden und weiteren Nutztieren. Über drei Millionen Hektaren fruchtbaren Bodens haben die Litauer in unserem Jahrhundert durch umfangreiche Meliorationen aus versumpften oder überfeuchteten Böden gewinnen können.

Die vorherrschende Konfession in Litauen ist die katholische mit landesweit 630 Glaubensgemeinden. Nach über einem halben Jahrhundert der staatlich organisierten Herabwürdigung von Religion und Kirche blüht überall im Land die Bekennung zum katholischen Glauben wieder auf. Tausende, die lange nicht die Gottesdienste zu besuchen wagten, zelebrieren heute ihren alt-neuen Glauben wieder.




ZurHauptseite