Löwe

Panthera leo


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Grosskatzen»)



Gesamtlänge: 210 - 330 cm
Schwanzlänge: 70 - 105 cm
Schulterhöhe: 75 - 115 cm
Gewicht: 120 - 250 kg
Tragzeit: 100 - 116 Tage
Wurfgrösse: 1 - 6, meist 2 - 3 Junge
Geburtslänge: 40 - 55 cm
Geburtsgewicht: 1200 - 1500 g
Höchstalter: frei 16 - 20 Jahre, im Zoo bis 34 Jahre

 

Kein anderes Raubtier hat den Menschen von alters her so beeindruckt wie der Löwe - der vielzitierte «König der Tiere». Was ist es denn, was den Löwen so majestätisch macht? Zu nennen ist wohl in erster Linie die prächtige Mähne, welche Kopf und Vorderleib des Löwenmannes umwallt. Sie verleiht ihm - zusammen mit dem ruhigen Blick aus den riesengrossen Bernsteinaugen - einen höchst würdevollen Ausdruck. Beeindruckend ist aber auch sein an den Donner erinnerndes Gebrüll, das zumeist nachts erschallt und mehrere Kilometer weit hörbar ist. Wie furchterregend muss dieses durch Mark und Bein dringende Gebrüll dem früheren Menschen erschienen sein, der nur mit Pfeil und Bogen oder mit der Lanze bewaffnet unterwegs war!

Der Löwe unterscheidet sich von allen anderen Katzentieren dadurch, dass er nicht als Einzelgänger, sondern gesellig in Rudeln lebt. Diese setzen sich gewöhnlich aus zwei bis drei männlichen, fünf bis zehn weiblichen Tieren und deren Jungen zusammen, können aber im Extremfall bis 40 Tiere umfassen. Der «harte Kern» der Löwenrudel sind die ausgewachsenen Löwinnen. Sie sind eng miteinander verwandt, denn sie leben von Geburt an in ihrem Rudel und bleiben ihm in der Regel auch bis zu ihrem Tod treu. Diese Grossmütter, Tanten, Schwestern, Töchter und Nichten halten ein festes, zumeist seit vielen Generationen unverändertes Revier besetzt, dessen Grösse sich nach der Menge der vorhandenen Beutetiere richtet und 20 - 400 Quadratkilometer messen kann. Fremden Löwinnen, welche in das Revier eindringen, wird «das Fell gegerbt»; sie werden fortgejagt, manchmal sogar getötet.

Die Löwen des Rudels sind mit den Löwinnen im allgemeinen nicht näher verwandt und eigentlich nur Gäste auf deren «Hoheitsgebiet». Und als solche führen sie sich auch auf: Weder beteiligen sie sich an der Nahrungsbeschaffung noch scheren sie sich um den Nachwuchs. Sie sind regelrechte Faulpelze, die sich von den «Damen» aushalten lassen. Dieses schöne Leben ist allerdings meist nur von kurzer Dauer: Ständig müssen sie nämlich die Angriffe herumstreunender Löwenmänner abwehren, welche auch gern einen «Harem» besitzen möchten. Früher oder später - meist schon nach zwei bis drei Jahren - gelingt es einer Bande junger, kräftiger Löwen, die ansässigen Herren zu verjagen. Für die Vertriebenen fängt dann der Ernst des Lebens wieder an. Den Neuankömmlingen ergeht es aber nach ein paar Jahren nicht anders. So lösen sich die männlichen Löwen, die sich an der Seite einer Löwinnengruppe aufhalten, immer wieder ab. Und das ist ausgesprochen sinnvoll: Auf diese Weise können sich nämlich immer nur die stärksten Löwenmänner fortpflanzen, was für die Überlebensfähigkeit der Art von grosser Bedeutung ist. Bei den Kämpfen rivalisierender Löwen zeigt sich übrigens, dass ihre Mähne nicht nur Schmuck ist: Sie bietet einen guten Schutz gegen die Prankenhiebe der Nebenbuhler. Trotzdem kommen viele bei solchen Auseinandersetzungen um und werden mitunter sogar von ihren Rivalen verzehrt.

Löwen pflanzen sich zu jeder Jahreszeit fort. Die Tragzeit dauert rund dreieinhalb Monate. Kurz vor dem Gebären verlässt das hochtragende Muttertier das Rudel, um seine meist zwei oder drei Jungen an einer gegen Sonne, Wind und Sicht geschützten Stelle zur Welt zu bringen. Die Löwenbabys sind anfangs gefleckt und machen in den ersten Wochen einen ziemlich unbeholfenen Eindruck. Im Alter von sechs bis acht Wochen, wenn sie einigermassen laufen können, werden sie von ihrer Mutter ins Rudel eingeführt und dort auch von anderen Löwinnen umsorgt. Zwar kümmert sich jede Mutter besonders um ihre eigenen Kinder, doch lässt sie auch fremde Junge bereitwillig saugen. Manchmal kommt es vor, dass ein hungriges Baby von einer «Tante» zur nächsten wandert, bis schliesslich nach dem Besuch von drei oder vier solcher «Tankstellen» sein Hunger gestillt ist. Auch kinderlose Löwinnen lecken und bewachen die Kleinen mütterlich. Und selbst die «Herren der Schöpfung» dulden - wenn auch manchmal fauchend -, dass die Löwenkinder mit ihnen spielen.

Im Alter von drei Monaten begleiten die Jungen das Rudel erstmals auf der Jagd und erlernen nun allmählich das schwierige Handwerk des Beutegreifens. Erst im Alter von zwei Jahren - später als jede andere Katze - sind sie vollwertige Jäger. Geschlechtsreif werden sie im vierten Altersjahr; voll ausgewachsen sind sie mit etwa sechs Jahren.

Während die jungen Löwinnen in aller Regel im Rudel bleiben, in dem sie geboren sind, müssen die Söhne des Rudels ihre Heimat stets verlassen: Sie werden im Alter von dreieinhalb Jahren, wenn ihre Mähne zu spriessen beginnt, von den erwachsenen Löwenmännern der Sippe verjagt. Sie schliessen sich dann mit anderen Leidensgenossen zu Banden zusammen und streifen weit umher. Im Alter von fünf bis sechs Jahren beginnen diese Junggesellen, die männlichen Tiere fremder Rudel anzugreifen und übernehmen schliesslich - nach manchem erfolglosen Anlauf - eine Löwinnengruppe.

Als Lebensraum dienen den Löwen alle Formen von Grasländern. Sie steigen auch bis etwa 4000 Meter hoch ins Gebirge, meiden aber stets den dichten Wald. Wichtig für ihr Vorkommen sind vor allem Beutetiere in ausreichender Zahl: hauptsächlich verschiedene Antilopen- und Gazellenarten sowie Zebras und Büffel. Letztere, welche drei- oder viermal so schwer sein können wie ein Löwe, sind aber recht schwierige Beutetiere. Schon mancher unerfahrene Junglöwe musste beim Versuch, einen Kaffernbüffel niederzureissen, sein Leben lassen.

Die eigentliche Jagdzeit der Löwen ist die Nacht; am Tag ruhen sie meistens im Gebüsch oder unter schattenspendenden Bäumen. Löwen sind ausgezeichnete Anschleichjäger: Geduldig pirschen sie sich an ihre Beutetiere und nutzen dabei geschickt jede Deckung, die sich ihnen bietet. Aus kurzer Entfernung stürmen sie dann unvermittelt auf ihre überraschten Opfer los und reissen sie zu Boden. Bei diesen Blitzangriffen können sie Geschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometern erreichen!

Oftmals wenden die Löwen bei ihren Pirschjagden auch folgende List an: Ein Teil des Rudels versteckt sich im hohen Gras, während sich der andere Teil in einem weiten Bogen um die Beutetiere herumschleicht, diese dann von der entgegengesetzten Seite her angreift und geradewegs auf die im Gras wartenden Rudelangehörigen zutreibt. Löwen lauern im übrigen auch gerne an Wasserstellen auf ihre Opfer. Und nicht selten vertreiben sie Hyänen, Geparde und andere Raubtiere von deren Beute.

Wie erwähnt, überlassen die Löwenmänner die Nahrungsbeschaffung im allgemeinen dem weiblichen Geschlecht. Sie warten ruhig den Ausgang der Jagd ab, dann erst kommen sie heran und nehmen sich ihren Anteil. So liebenswürdig der Umgang der Rudellöwen untereinander im Tagesverlauf ist, so rücksichtslos wird am Beutetier die eigene Stärke ausgespielt. Jeder versucht, seinen Anteil an der Beute mit Knurren, Fauchen und Tatzenschlagen zu ergattern. Wenn sich dann alle den Bauch ordentlich gefüllt haben, kehrt wieder Ruhe und Frieden im Rudel ein, und alle sind wieder lieb und nett.

Viele Leute halten den Löwen für eine typisch afrikanische Katzenart. Das stimmt aber nicht ganz. Ursprünglich kam der Löwe ausser in Afrika nämlich auch im südlichen Asien von der Türkei bis nach Indien vor. Und selbst im südöstlichen Europa, auf der Balkanhalbinsel, war er einst heimisch. Aus Europa verschwand die gesellige Katze aber infolge der übermässigen Bejagung durch den Menschen bereits um 100 v.Chr. Zwischen 1850 und 1950 wurde sie dann auch in Nordafrika, im südafrikanischen Kapland, in Vorderasien und um ein Haar in Indien ausgerottet. Hier konnten aber in buchstäblich letzter Minute einige wenige Löwen im eigens errichteten Gir-Wildschutzgebiet erhalten werden. Von 13 Tieren im Jahr 1908 ist ihre Zahl auf heute rund 200 Tiere angewachsen. Sie sind die letzten überlebenden Löwen ausserhalb Afrikas. Südlich der Sahara in Afrika gilt der Loewe derzeit nicht als bedroht, doch setzt die allgemeine Umwandlung der Savannen in Viehweiden und Getreidefelder langfristig auch ihm zu.




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