Eurasischer Luchs

Lynx lynx


© 2000 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Eurasische Luchs (Lynx lynx) ist ein mittelgrosses Mitglied der Katzenfamilie (Felidae): Ausgewachsene Männchen wiegen durchschnittlich etwa 22 Kilogramm, die Weibchen ungefähr 18. Die Kopfrumpflänge der stummelschwänzigen Katzen bemisst sich gewöhnlich auf 80 bis 110 Zentimeter, ihre Schulterhöhe auf etwa 65 Zentimeter. Damit ist der Eurasische Luchs deutlich grösser als die Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris) und auch als der auf der Iberischen Halbinsel heimische Pardelluchs (Lynx pardina) - und ist also die grösste Katze Europas.

Diese Aussage gilt es allerdings zu relativieren: Noch zur mittleren Eiszeit, vor rund einer Million Jahren, streiften nämlich verschiedene mächtige Säbelzahnkatzen (Gattung Homotherium) durch die frostigen Steppen und Wälder Europas; noch zur jüngsten Eiszeit, vor rund 100 000 Jahren, war der Höhlenlöwe (Panthera leo spelaea), der mehr als 300 Kilogramm auf die Waage brachte, in Mitteleuropa weit verbreitet; und noch bis im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte in Südosteuropa der Asiatische Löwe (Panthera leo persica), dessen Männchen immerhin auch bis 190 Kilogramm wiegen können. Im Vergleich zu diesen ausgestorbenen europäischen Grosskatzen ist der Eurasische Luchs doch ein recht zierliches Raubtier.

Nichtsdestotrotz wurde er bei uns in Mitteleuropa vom Menschen lange Zeit gnadenlos bejagt. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: weil er manchmal ein Schaf tötete, weil sich aus seinem dichten Fell prächtige Wintermäntel fertigen liessen, weil er den Jägern die Rehe «wegstahl», und weil viele Menschen einfach Angst vor Raubtieren haben. So kam es, dass der Luchs im 19. Jahrhundert fast überall im zentralen Europa ausgerottet war.

Die Einstellung des Menschen dem Eurasischen Luchs gegenüber hat sich in jüngerer Zeit zum Glück gewandelt. Mehr und mehr setzt sich die Ansicht durch, dass auf unserem Planeten genügend Platz sowohl für den Menschen als auch für den Luchs ist. Diesem Umdenken - das die Naturschützer grosse Überzeugungsarbeit gekostet hat - ist es zu verdanken, dass die elegante Katze in den letzten drei Jahrzehnten in Österreich, Frankreich und der Schweiz erfolgreich wieder eingebürgert werden und in Deutschland von sich aus wieder einwandern konnte.

Zwar spielt noch immer - trotz besseren Wissens - hier und dort altes Gedankengut mit, werden Luchse abgeschossen und vergiftet. Wo dem Luchs aber nicht regelmässig nachgestellt wird, da zeigt er eine bemerkenswerte Anpassungs- und Überlebensfähigkeit und vermag durchaus auch in der unmittelbaren Nachbarschaft des Menschen ein Auskommen zu finden. Er scheut sich nicht, bei einem Wohnhaus auf Jagd zu gehen, tagsüber in einem Weizenfeld zu ruhen oder fünfzig Meter neben einem Holzplatz seine Jungen grosszuziehen. So gelingt es ihm, auch Gebiete zurückzuerobern, aus denen er vormals verschwunden war - sofern man ihn nur lässt. Insgesamt beurteilen die Fachleute seine Zukunft in Mitteleuropa recht zuversichtlich. Dies umso mehr, als noch nie ein Luchs einen Menschen angegriffen hat und somit niemand Angst vor dem Luchs zu haben braucht.

 

Von der Arktis bis zum Himalaja

Der Eurasische Luchs hat eines der weitesten Verbreitungsgebiete aller Katzen, ja sogar aller Säugetiere: Es reicht von den Pyrenäen im Westen quer durch Eurasien bis zur Pazifikküste im Osten und von den Nordhängen des Himalajas im Süden bis jenseits des Polarkreises im Norden. Keine andere Katzenart - auch nicht der Kanadaluchs (Lynx canadensis) - dringt weiter nach Norden vor, keine ist offenbar so gut an frostiges Klima angepasst wie er.

Tatsächlich ist der Eurasische Luchs gegen das bissig kalte Klima im Gebirge und im hohen Norden hervorragend gewappnet: Sein Winterfell gehört zu den dichtesten im Tierreich. Mit seinen hohen Beinen vermag er mühelos selbst durch 40 bis 50 Zentimeter hohen Neuschnee zu «stelzen». Seine breiten Pfoten vermindern auf altem Schnee das kräftezehrende Einsinken erheblich. Und ein dichtes Haarpolster auf den Pfotenunterseiten schützt ihn vorzüglich gegen die Bodenkälte.

Drei Viertel des Verbreitungsgebiets des Eurasischen Luchses liegen in Russland. Hier, insbesondere in der endlosen sibirischen Taiga, ist er praktisch flächendeckend anzutreffen. Weiter westlich und südlich ist sein Vorkommen hingegen lückenhaft: Die Populationen in Weissrussland, im Baltikum und in Skandinavien sind immerhin untereinander sowie mit derjenigen in Russland verbunden. Die Population im Bereich der Karpaten - in der Slowakei, Südpolen, Rumänien und der Ukraine - ist hingegen isoliert. Und dasselbe gilt für die verschiedenen kleineren Populationen, die in den französischen Pyrenäen, den Vogesen, im Jura (auf französischer und schweizerischer Seite), in mehreren Bereichen der Alpen (in Frankreich, der Schweiz, Italien, Österreich und Slowenien), auf der Balkanhalbinsel und im Böhmerwald/Bayerischen Wald (im deutsch-tschechischen Grenzgebiet) zu finden sind und teils auf erfolgreiche Ansiedlungsprogramme zurückgehen.

Überall in seinem weiten Verbreitungsgebiet erweist sich der Eurasische Luchs als eine ausgesprochene Waldkatze. Mit Vorliebe bewohnt er alte, hohe Laub- und Mischwälder mit dichtem Unterwuchs und vielen umgestürzten Bäumen. Hier bietet ihm das bodennahe Pflanzengewirr gute Deckung bei der Jagd. Gebietsweise kommt er aber auch in verhältnismässig offenen, lückig bewaldeten Lebensräumen vor, so vor allem in Zentralasien, wo er mitunter sogar oberhalb der Baumgrenze anzutreffen ist.

 

1 Luchs je 100 Quadratkilometer

Wie die meisten Katzen streift der Eurasische Luchs im allgemeinen einzelgängerisch umher. Das hat damit zu tun, dass er im Alleingang die weitaus besseren Chancen hat, seine Beutetiere unbemerkt anzupirschen, als wenn er dies im Paar oder in der Gruppe versuchen würde. Aktiv ist er in den meisten Bereichen des Artverbreitungsgebiets vor allem in der Morgendämmerung und während der Nacht.

Jeder erwachsene Luchs bewohnt ein festes Revier, in welchem er keine anderen Luchse des gleichen Geschlechts duldet. Regional gesehen sind die Männchenreviere stets grösser als die Weibchenreviere, weshalb jedes Männchenrevier jeweils eines, manchmal auch zwei Weibchenreviere vollständig umschliesst. Während das Männchen sein Territorium ziemlich regelmässig durchstreift, hält sich das Weibchen besonders häufig in bestimmten Bereichen seines Reviers auf. Dies mit gutem Grund: Während es seine Jungen aufzieht, kann es sich nicht allzu weit von der «Kinderstube» entfernen.

Die Grösse der Luchsreviere richtet sich vor allem nach der örtlichen Beutetierdichte und ist deshalb von Region zu Region unterschiedlich. In den Schweizer Alpen bemisst sich das Streifgebiet eines Luchsmännchens auf durchschnittlich etwa 350 Quadratkilometer, jenes eines Weibchens auf ungefähr 200 Quadratkilmeter; in Skandinavien wurden Grössen von 250 bzw. 170 Quadratkilometern festgestellt. In beiden Regionen muss man also von einer mittleren Bestandsdichte von nur rund einem Luchs je 100 Quadratkilometer Lebensraum ausgehen. In gewissen Bereichen Osteuropas, wo Beutetiere reichlich vorhanden sind, kann die Art hingegen Bestandsdichten von teilweise über zehn Individuen je 100 Quadratkilometer erreichen.

 

Am liebsten Reh, Gämse oder Moschustier

Zur Hauptsache ernährt sich der Eurasische Luchs von mittelgrossen Huftieren wie Rehen (Capreolus capreolus), Gämsen (Rupicapra rupicapra) und Moschustieren (Moschus moschiferus) sowie jungen Rothirschen (Cervus elaphus), Renen (Rangifer tarandus) und Wildschafen (Ovis spp.). Zwar verschmäht er auch kleinere Säugetiere wie Hasen und Murmeltiere und grössere bodenlebende Vögel, insbesondere Rauhfusshühner, keineswegs; in gewissen Gebieten und zu gewissen Zeiten können solche sogar seine hauptsächlich Kost ausmachen. Nicht selten erlegt er zudem körperlich unterlegene Raubtiere wie Füchse, Katzen und Marder. Die bevorzugte Beute bilden jedoch die erwähnten Huftiere.

In den Schweizer Alpen bestehen 90 Prozent der Nahrung der Luchse aus Rehen und Gämsen, wenn man von der Zahl der gerissenen Beutetiere ausgeht. Nach dem Gewicht beurteilt beträgt deren Anteil sogar 98 Prozent. Die Beobachtungen der Schweizer Luchsforscher zeigen im übrigen, dass ein Luchs ungefähr ein Reh oder eine Gämse je Woche für seine Ernährung benötigt.

Die typische Jagdtechnik des Eurasischen Luchses besteht aus Pirschen, Anschleichen und Überraschen. Beim Anschleichen eines ausgespähten Beutetiers erweist sich die mittelgrosse Katze als unglaublich geduldig und umsichtig. Steht etwa der Wind nicht günstig, so zieht sie sich sogleich zurück und nähert sich dem Tier allmählich von einer anderen Seite her. Sichert das mögliche Opfer, so lauert und wartet sie lange Zeit regungslos in geduckter Stellung, um ja nicht seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So kann die Jagd auf ein bestimmtes Beutetier viele Stunden oder sogar tagelang dauern - so lange halt, bis sich dem Luchs schliesslich eine erfolgversprechende Gelegenheit für den Angriff bietet. Dann schnellt er unvermittelt - wie ein lebender Pfeil - mit wenigen Riesensätzen auf sein Opfer zu, welchem in der Regel überhaupt keine Zeit mehr für eine Fluchtreaktion bleibt. Er reisst es mit seinen scharfen Krallen zu Boden und tötet es sofort mit einem kraftvollen Biss ins Genick oder in die Kehle.

Den leblosen Körper schleppt der Jäger in der Folge ein paar Dutzend, manchmal auch ein paar hundert Meter weit fort in eine Deckung und beginnt erst dort mit dem Verspeisen. Hat er seinen Magen gefüllt, so deckt er die Reste seiner Mahlzeit mit Gräsern, Laub oder Schnee zu, um sie vor den Blicken anderer Fleischesser zu verbergen. Dann ruht er sich in der nahen Umgebung von den «Strapazen» aus. In der folgenden Nacht kehrt er zurück und isst weiter an seinem Riss. Zuletzt bleiben von der Beute gewöhnlich nur das Fell, die Hufe, der Schädel, ein paar grobe Knochen, der Magen und der Darm übrig.

 

Altersrekord: 25 Jahre

Die Paarungszeit der Eurasischen Luchse fällt meistenorts in die Monate März und April. Im Mai oder Juni, nach einer Tragzeit von etwa siebzig Tagen, bringt das Weibchen dann in einem sorgfältig ausgesuchten Versteck, oft unter einem umgestürzten Baum oder einem überhängenden Felsen gewöhnlich zwei oder drei Junge zur Welt. Die Neugeborenen sind wie alle Katzenkinder typische «Nesthocker»: Sie wiegen bei der Geburt lediglich etwa 250 Gramm, haben während ungefähr zwölf Tagen fest verschlossene Augenlider und sind völlig hilflose kleine Fellbündel.

Etwa zehn Wochen lang werden die Jungluchse von ihrer Mutter gesäugt. Schon im Alter von etwa sieben Wochen beginnen sie jedoch, ihr zu gerissenen Beutetieren nachzufolgen und da auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Im Alter von sechs bis sieben Monaten unternehmen sie ihre ersten Jagdversuche, anfänglich noch ziemlich ungeschickt und zumeist erfolglos. Doch sie lernen rasch hinzu. Im März oder April lösen sie sich schliesslich von ihrer Mutter und ziehen auf eigene Faust los.

Nun beginnt eine schwierige Phase in ihrem Leben: Für wenige Wochen bleiben sie noch im mütterlichen Revier, wo sie auf vertrautem Terrain jagen können. Dann, etwa zu dem Zeitpunkt, da ihre Mutter den nächsten Wurf zur Welt bringt, machen sie sich auf die Suche nach einem eigenen Revier. Sie durchstreifen in der Folge Gegenden, die ihnen fremd sind und in denen sie nie wissen, wo sich Beutetiere und sichere Schlafplätze finden. Ständig müssen sie sich um die Reviere erwachsener Luchse herumdrücken. Immer wieder kreuzen sie Strassen, kommen an Siedlungen vorbei und setzen sich dabei zahlreichen Gefahren aus. Und nicht zuletzt führt ihre mangelnde Jagderfahrung dazu, dass sie oft Hunger leiden müssen.

Viele von ihnen überleben diese jugendliche Such- und Wanderphase nicht. Diejenigen aber, die es schaffen und sich schliesslich in einem geeigneten Gebiet niederzulassen vermögen, haben unter natürlichen Bedingungen gute Chancen, etwa fünfzehn weitere Jahre als stille nächtliche Beutegreifer zu erleben. Der Altersrekord in Menschenobhut liegt bei 25 Jahren.

 

Ein urtümlicher Wald

In Weissrussland, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kommt der Eurasische Luchs zum einen in den nördlichen Landesteilen vor; schwergewichtig liegt sein Vorkommen jedoch im Westen des Landes, namentlich im Belovezhskaya-Pushcha-Wald, welcher mit dem Bialowieza-Wald in Polen zusammenhängt. Es handelt sich um ein Biosphären-Reservat, welches eine Fläche von nahezu 1800 Quadratkilometern aufweist und einen fast 800 Quadratkilometer grossen Nationalpark einschliesst, an welchen weitere 100 Quadratkilometer geschützter Waldfläche in Polen grenzen.

Ökologisch gesehen gilt dieses Waldgebiet - das von der Unesco zum «Weltnaturerbe» ernannt worden ist - als eine der bedeutendsten Naturlandschaften Europas: Hier finden sich unter anderem prächtige alte Eichen-Buchen-Wälder, Überbleibsel jenes Urwaldtyps, der vor langen Zeiträumen weite Teile Mittel- und Osteuropas bedeckt hatte. Mit einem gesunden Bestand an Eurasischen Luchsen, aber auch an Wölfen (Canis lupus), Bibern (Castor fiber), Wisenten (Bison bonasus) und zahlreichen weiteren Wildtierarten lässt uns dieses bemerkenswerte Ökosystem einen Blick auf das «prähistorische Europa» werfen. Zu diesem Juwel müssen wir grösste Sorge tragen.

 

 

 

Legenden


Der Eurasische Luchs (Lynx lynx) ist ein mittelgrosses Mitglied der Katzenfamilie: Ausgewachsene Männchen weisen eine Kopfrumpf-länge von gewöhnlich 80 bis 110 Zentimetern, eine Schulterhöhe um 65 Zentimeter und ein Gewicht von durchschnittlich 22 Kilogramm auf. Die sprungstarken Hinterbeine der stummelschwänzigen Katze sind deutlich länger als die Vorderbeine, wodurch ihr Körper vorne «tiefer gelegt» erscheint.

Überall in seinem weiten eurasischen Verbreitungsgebiet, das von den Pyrenäen ostwärts bis zur Pazifikküste und vom Himalaja nordwärts bis über den Polarkreis hinaus reicht, erweist sich der Eurasische Luchs als eine ausgeprägte Waldkatze. Mit Vorliebe bewohnt er alte, hohe Laub- und Mischwälder mit dichtem Unterwuchs und vielen umgestürzten Bäumen. Hier bietet ihm das bodennahe Pflanzengewirr gute Deckung bei der Jagd.

Die jungen Eurasischen Luchse kommen nach einer Tragzeit von etwa siebzig Tagen zumeist im Mai oder Juni zur Welt. Sie sind typische Nesthocker: Erst ab dem Alter von etwa sieben Wochen verlassen sie zeitweilig ihre sichere, oft unter einem umgestürzten Baum befindliche Kinderstube, um ihrer Mutter zu gerissenen Beutetieren nachzufolgen und dort an der Mahlzeit teilzunehmen.

Noch bis zum Ende ihres ersten Winters bleiben die Jungluchse mit ihrer Mutter zusammen und lernen nach und nach an ihrem Beispiel das anspruchsvolle Handwerk des Beutegreifens. Dann erst lösen sie sich von ihr und machen sich auf die Suche nach einem eigenen Revier.

Zwar verschmäht der Eurasische Luchs kleinere Säugetiere wie Hasen und Murmeltiere keineswegs, und in gewissen Gebieten und zu gewissen Zeiten können solche sogar seine hauptsächliche Kost ausmachen. Die bevorzugte Beute bilden jedoch kleinere Huftiere, allen voran das Reh.




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