Macau


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Unter «China» versteht man im allgemeinen jenes riesenhafte ostasiatische Land, das 1949 von einem kommunistischen Regime übernommen wurde und seither «Volksrepublik China» heisst. Zu China gehören aber im Grunde genommen auch noch drei kleine Territorien, die nicht kommunistisch sind: Taiwan, eine ehemalige Provinz Chinas und von Peking noch immer als solche beansprucht, Hongkong, eine britische Kronkolonie, welche 1997 an China zurückfallen wird, und schliesslich Macau, ein portugiesisch verwaltetes Territorium, das 1999 von China zurückgenommen wird und von dem hier die Rede sein soll.

 

An der Perlfluss-Mündung gelegen

Macau ist die älteste noch bestehende Niederlassung von Europäern im Fernen Osten, letzter Rest des seinerzeit weltumspannenden portugiesischen Kolonialreichs. Seine überragende wirtschaftliche Bedeutung von einst hat es längst eingebüsst, und die oft zweifelhaften Segnungen unseres modernen technischen Zeitalters haben es erst gestreift. So hat Macau heute den Charakter eines idyllischen Relikts aus der Kolonialzeit, das wie verloren in Raum und Zeit an der Küste des Südchinesischen Meers liegt und über dem noch immer die grünrote Flagge Portugals weht. Wie ein Schleier liegt die Melancholie über vergangene Grösse, an welcher Portugiesen und Chinesen gleichermassen Freude wie Nutzen hatten, über dem zusammengeschachtelten Gewirr der Altstadt und den zwar bröckelnden, aber noch immer wunderschönen Villen in rosafarbenen und gelben Pastelltönen. Macau ist wohl der letzte Ort im Fernen Osten, an dem man jene alte Zeit der Ostasienfahrer, der Kaufleute und der Missionare nachzuempfinden vermag. Überall sonst hat der Bagger ihre Hinterlassenschaft längst vernichtet.

Macau ist an der Südostküste Chinas, am westlichen Ufer der Perlfluss-Mündung, gelegen, rund 65 Kilometer westlich von Hongkong und etwa ebensoweit südlich von Kanton. Es besteht aus der Halbinsel Macau (5,5 km2), die durch eine Nehrung mit dem Festland verbunden ist, sowie den beiden südlich vorgelagerten Inseln Taipa (3,5 km2) und Coloane (6,5 km2), zu welchen eine Brücke beziehungsweise ein Strassendamm hinführen. Die Landschaft wird von Granithügeln geringer Höhe bestimmt. Die höchste Erhebung befindet sich auf Coloane und misst 174 Meter.

Macau liegt am nördlichen Wendekreis, etwa auf der gleichen Höhe wie Kalkutta, Mekka oder Havanna, und befindet sich damit in der Übergangszone von subtropischem zu tropischem Klima. Die Regenzeit dauert von April bis September. In ihr fallen über 80 Prozent der insgesamt 1360 Millimeter messenden Jahresniederschläge. Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei 22° Celsius, wobei der heisseste Monat der Juli ist mit Durchschnittstemperaturen um 29° und der Januar der «kälteste» mit durchschnittlich 15°.

Die Bevölkerung Macaus umfasst heute rund 430 000 Personen und besteht zu etwa 97 Prozent aus Chinesen. Nur etwa 12 000 Einwohner (rund 3 Prozent) sind Portugiesen und portugiesisch-chinesische Mischlinge. Auf die drei Landstücke, aus denen Macau besteht, verteilt sich die Bevölkerung sehr ungleichmässig: Etwa 410 000 Einwohner (95 Prozent) wohnen in der Hauptstadt Macau auf der gleichnamigen Halbinsel; nur rund 15 000 leben dagegen auf Taipa und lediglich 5000 auf Coloane. Die Stadt Macau ist denn auch völlig übervölkert. Mit einer Bevölkerungdichte von ungefähr 75 000 Einwohnern pro Quadratkilometer zählt sie zu den dichtestbesiedelten Gebieten der Welt.

 

Einst Zentrum der Missionare, heute Dorado der Glücksspieler

Im Jahr 1513, nur 15 Jahre nachdem der Seeweg nach Indien gefunden worden war, erreichte der portugiesische Seefahrer Jorge Alvarez das Mündungsgebiet des Perlflusses und die Stadt Kanton. Der erste Kontakt zwischen dem bis dahin nur aus wenigen Reiseberichten bekannten, sagenumwobenen «Reich der Mitte» und einer europäischen Macht war hergestellt. Die Portugiesen kamen damals keineswegs als Eroberer, sondern waren lediglich, wie es Vasco da Gama 1497 treffend formuliert hatte, «auf der Suche nach Christen und Gewürzen». Sie siedelten sich zuerst auf Liampo an, einer kleinen Insel südlich von Schanghai. 1555 bezogen sie dann die Halbinsel Macau und gründeten hier den ersten europäischen Handelsposten an Chinas Küste. Sie unterstützten in der Folge die Chinesen massgeblich - wenn auch nicht ganz uneigennützig - beim Kampf gegen die aus unzähligen Dschunken bestehende Flotte der Küstenpiraten im Bereich der Perlfluss-Mündung. Und als Anerkennung hierfür wurde ihnen 1557 vom Mandarin von Kanton das kleine Halbinselterritorium Macau offiziell überlassen. Dieses Zugeständnis beinhaltete allerdings nicht die vollständige Inbesitznahme: China behielt sich die Oberhoheit vor, und Portugal anerkannte diese Souveränität Chinas durch jährliche Pachtzahlungen und Handelsabgaben.

Für Portugal begann nun ein florierender Handel. Lange Zeit lief der gesamte Warenaustausch zwischen China, Japan und Europa ausschliesslich durch portugiesische Hände, da China gegenüber allen anderen Mächten eine Isolationspolitik betrieb. Macau bildete das einzige Tor zum Reich der Mitte und glänzte daher bald durch üppigen Reichtum.

Natürlich zog dieser Wohlstand auch Neider an. So versuchten 1622 die Niederländer, in das gewinnträchtige portugiesische Handelszentrum einzubrechen. Eine mächtige Flotte der holländischen Ostindienkompanie kreuzte vor Macau auf. Den überraschten und schlecht ausgerüsteten Portugiesen gelang es jedoch in einer verzweifelten Aktion, die Angreifer zurückzuschlagen: Ein Glückstreffer liess ein Pulverfass der Holländer hochgehen, worauf diese den Rückzug antraten. Der Anschlag war den Portugiesen allerdings eine Lehre: In den folgenden Jahren wurde Macau zu einer wehrhaften Festung ausgebaut.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts verlor Portugal zwar sein Monopol für den Chinahandel. Keine der anderen europäischen Handelsnationen erhielt jedoch ein permanentes Niederlassungsrecht an Chinas Südküste, und so wurde Macau zum Wohnort von Kaufleuten und Kapitänen aller Länder. Hunderte neuer Lagerhäuser, Bürogebäude und Villen kündeten vom damaligen Wirtschaftsboom. Später durften sich mit kaiserlicher Erlaubnis auch Chinesen in Macau niederlassen, was zusätzlich viele chinesische Geschäftsleute anlockte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es dann die Briten, welche versuchten, Macau in ihre Hand zu bekommen, um sich so von der lästigen portugiesischen Aufsicht freizumachen. Wahrscheinlich wäre ihnen das auch gelungen, wenn da nicht im entscheidenden Moment die Chinesen mit dem Säbel gerasselt und - für den Fall der gewaltsamen Übernahme Macaus - mit ihrem Eingreifen gedroht hätten. So verlegten sich die Briten halt zwecks freierer Handelsmöglichkeiten auf die Suche nach einer eigenen Niederlassung und wurden schliesslich am gegenüberliegenden Ufer der Perlfluss-Mündung fündig: 1842 kam es dort zur Gründung der britischen Kronkolonie Hongkong. Und gleichzeitig begann der Niedergang Macaus. Ausschlaggebend hierfür war, dass Macaus Hafen gegen über demjenigen Hongkongs nicht konkurrenzfähig war: Durch die vom Perlfluss mitgeführten Sedimente versandete er zusehends und war für grössere, tiefgehende Frachtschiffe bereits zu seicht. Wie gelähmt vom Aufstieg Hongkongs fiel Macau in immer tiefere Bedeutungslosigkeit. Der portugiesische Bevölkerungsanteil schwand massiv. Eine Firma nach der anderen siedelte nach Hongkong über. Einzig als Ausflugs- und Vergnügungsstätte mit Spielsalons, Opiumhöhlen und Bordellen für die Hongkong-Chinesen sowie - in merkwürdigem Gegensatz dazu - als Stadt der Missionsschulen und Zentrum der christlichen Bildung und Lehre konnte sich Macau einen gewissen Ruf bewahren.

Bereits mit den ersten kühnen Seefahrern waren portugiesische Priester und Ordensleute in den Fernen Osten gekommen. In Macau sahen sie den idealen Ausgangspunkt für ihre Christianisierungszüge in Südostasien und bauten es in der Folge zu einem der bedeutendsten Zentren christlicher Missionstätigkeit aus. Ihr Einfluss reichte von Goa über die Molukken bis nach Nagasaki. Zu erwähnen sind vor allem die Jesuiten, welche sich 1565 in Macau niederliessen. Ihre philosophische Gelehrsamkeit, ihre umfassende, auch naturwissenschaftliche Bildung und ihr politisches Geschick trugen zu einem nicht unwesentlichen Teil dazu bei, dass die chinesischen Herrscher mit der portugiesischen Niederlassung gerne kooperierten. Auch die Christianisierungsbemühungen im weitläufigen China waren erfolgreich, solange sie unter Führung der Jesuiten von Toleranz - beispielsweise gegenüber der traditionellen chinesischen Ahnenverehrung - geprägt waren. Als Angehörige anderer Orden jedoch engere Auffassungen von der Reinheit der Christenlehre vertraten und schliesslich (1762) sogar mit dem Segen des Papstes die Ausweisung der Jesuiten aus Macau erwirken konnten, da war es aus mit den Missionserfolgen. Denn quasi im Gegenzug verbot nun der chinesische Kaiser allen Orden die Tätigkeit in seinem Reich. Die Missionare mussten sich aus China zurückziehen.

Der Zustrom von Flüchtlingen nach der Invasion der Japaner in China 1937, erneut nach der Eroberung Hongkongs durch die Japaner 1941 und abermals nach der Machtübernahme der Kommunisten in China 1949 liess die Bevölkerung Macaus schlagartig auf über eine Viertelmillion anwachsen und riss so die portugiesische Besitzung aus ihrem Dornröschenschlaf. Macau verarmte nun noch ganz und konnte sich nurmehr mit Küstenfischerei, der Herstellung von Feuerwerkskörpern, Zündhölzern und Räucherstäbchen sowie Dienstleistungen aller Art eher schlecht als recht über Wasser halten.

Seine einstige Bedeutung als Hafen und Warenumschlagsplatz hat Macau bis heute nicht mehr wiedererlangt. Da auch ein Flughafen fehlt, müssen sämtliche Güter und Touristen über Hongkong nach Macau gelangen (was mit den modernen, ständig hin und her pendelnden Tragflügelbooten in weniger als einer Stunde möglich ist). Zu einträglicher Blüte - und mithin zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor Macaus - hat sich jedoch dank der Spielleidenschaft der Chinesen das Betreiben von Glücks- und Wettspielen entwickelt. Mehrere rund um die Uhr geöffnete Spielcasinos, allwöchentlich stattfindende Hunde- und Pferderennen sowie ein Grand Prix im November locken jährlich mehrere Millionen Hongkong-Chinesen an. Daneben ist die seit den späten sechziger Jahren aufgebaute Textil- und Bekleidungsindustrie zu einer wichtigen Grundlage des Wirtschaftslebens geworden. Sie bestreitet 70 Prozent des Exportvolumens. Rund 60 Prozent der erwerbstätigen Macanesen sind heute im Dienstleistungssektor tätig, fast 40 Prozent in der Industrie und nur knapp 1 Prozent in der Fischerei und der Landwirtschaft. Letzterer stehen ja auch nur zwei Prozent der Fläche zur Verfügung.

 

1999 räumt Portugal seine letzte Kolonie

Als die neue kommunistische Regierung 1949 alle internationalen Verträge früherer chinesischer Regierungen für nichtig erklärte, da hing Macau gewissermassen in der Luft. Die neuen Machthaber in Peking verhielten sich jedoch gutmütig, denn sie anerkannten, dass Portugal stets Wert auf Kooperation und nicht auf militärische Gewalt gelegt hatte. 1967 spitzte sich die Lage dennoch bedrohlich zu, als im Gefolge gewalttätiger, von pekingfreundlichen Chinesen angezettelter Unruhen acht Rotgardisten von portugiesischen Soldaten erschossen wurden. Zu diesem brisanten Zeitpunkt tat der damalige portugiesische Gouverneur einen geschickten Schachzug: Um weiteres Blutvergiessen zu vermeiden, bot er China überraschend die bedingungslose Räumung Macaus an. Die Pekinger Regierung sah sich überrumpelt, denn nichts wäre dem internationalen Vertrauen in das enorm gewinnbringende Hongkong abträglicher gewesen als die Vertreibung der Portugiesen aus ihrem 400 jährigen Überseeterritorium. Die Verunsicherung der Geschäftswelt mit der daraus resultierenden Kapitalflucht hätte verheerende Folgen gehabt. So verzichtete Peking «grosszügig» auf die Einverleibung Macaus und verlangte lediglich eine öffentliche Entschuldigung und Entschädigungszahlungen.

1977 bot dann Portugal - im Zuge der Auflösung seines Kolonialreichs - China abermals die Rückgabe Macaus an, diesmal aus freien Stücken. Doch erneut winkte Peking ab. Denn nur solange die portugiesische Flagge über Macau wehte, liess sich mit dem kapitalistischen Zwerg an Chinas Südküste das grosse Geld machen und gleichzeitig vor der Weltöffentlichkeit das kommunistische Gesicht wahren. Die inoffizielle Oberherrschaft in Macau hatte China ja ohnehin, lag doch die innere Macht längst in den Händen einer kleinen, Peking nahe stehenden Gruppe chinesischer Grosskapitalisten, «das Syndikat» genannt. Ihnen gehörten die Tragflächenboote, die Casinos und die Hotels und sie beherrschten somit Handel, Glücksspiele und Tourismus. Die hochkarätigen Mitglieder des Syndikats waren die echten Regenten Macaus - und sind es bis heute.

Die vorläufig letzte Episode des portugiesischen Aussenpostens begann im Juni 1986, als Vertreter Portugals in Peking Gespräche über die Zukunft Macaus aufnahmen. Sie fanden im März 1987 mit der «Gemeinsamen Erklärung zur Macau-Frage» ihren Abschluss. Gemäss diesem Abkommen, das dem Muster des Hongkong-Vertrags nachgebildet ist, fällt Macau am 20. Dezember 1999 an China zurück. Portugal scheint seine letzte Kolonie also doch noch loszuwerden.

 

Barocke Kirchen neben chinesischen Tempeln

Die meisten Passagiere, die in hellen Scharen mit den schnellen, von Hongkong her anrauschenden Tragflächenbooten eintreffen, bekommen von Macau nicht viel mehr zu sehen als den Fähranleger am Äusseren Hafen, das kurze Stück Weg bis zu einem der Spielkasinos und schliesslich das Kasino selbst. Es sind fast ausnahmslos Hongkong-Chinesen, welche hier am Wochenende dem in Hongkong verbotenen Glück mit Kugeln, Würfeln und Karten nachjagen.

Sind am Wochenende alle Betten fest in Hongkonger Hand, so hat der echte Besucher das portugiesische Territorium während der Woche fast für sich allein. Und es ist nicht schwer, die Geheimnisse dieser noch immer bezaubernden Stadt mit ihrer unvergleichlichen Mixtur portugiesisch-chinesischer Lebensformen zu ergründen. Am besten lasst man sich einfach treiben, lässt sich von fremden Düften, Klängen und Bildern hier- und dorthin locken. Denn der Charme Macaus liegt gerade in seiner Beengtheit: Die Halbinsel ist nicht mehr als vier Kilometer lang und nirgendwo breiter als 1,7 Kilometer. Sie hat damit die richtigen Ausmasse, um zu Fuss erkundet zu werden.

Den Reiz der durch Reichtum, Kultur und Religion geprägten kolonialen Vergangenheit findet man hauptsächlich in der zwischen die Hügel gezwängten Altstadt mit ihren gewundenen, kopfsteingepflasterten und von pastellfarbenen Häusern gesäumten Strassen und Gässchen. Hier begegnet man auf Schritt und Tritt historischen und architektonischen Kostbarkeiten der auf eine mehrhundertjährige Geschichte zurückblickenden Niederlassung. Den Puls der Gegenwart spürt man dagegen besonders stark beim Inneren Hafen mit seinen vielen Dschunken und Sampans, den unzähligen Verkaufsständen und Strassenküchen, den dunklen, geheimnisvollen Werkstätten und dem bunten chinesischen Leben. Beide Bereiche stehen in erregendem Kontrast zueinander und formen das einzigartige Bild dieser gleichermassen europäischen wie chinesischen Stadt, in der scheinbar Gegensätzliches harmonisch nebeneinander besteht.

Wer die Augen offenhält, wird aber leider feststellen, dass sich auch in Macau die Zeugen der Neuzeit in Form von Stahlbeton und verspiegelten Glasfronten rücksichtslos zwischen die Kolonialbauten zwängen und diese aus Mangel an dem für ihre Restaurierung notwendigen Geld allmählich verfallen. Noch ist das kleine Paradies mit seinen vielen malerischen Ecken einigermassen intakt. Die Spuren des Verfalls werden jedoch immer offensichtlicher, sei es in Gestalt eines modernen vielstöckigen Bürogebäudes mitten in der Altstadt, eines riesenhaften Feriendorfs am Südstrand von Coloane oder einer Trabrennbahn auf Taipa. Die Gier nach dem schnellen Dollar droht leider über kurz oder lang auch das Idyll von Macau zu zerstören.

 

 

 

Kasten: A-Ma

«Es war einmal eine Dschunke, die geriet in einen schrecklichen Taifun. Schwere Brecher krachten gegen das schwache Boot, es drohte zu kentern. Da geschah ein Wunder: Eine Frau, die erst im letzten Augenblick an Bord gekommen war, erhob sich und befahl den Elementen, sich zu beruhigen. Tatsächlich legte sich der Sturm, die See glättete sich, und die Dschunke erreichte wohlbehalten eine kleine Halbinsel an der Südküste Chinas. Besatzung und Passagiere wollten sich bei der unbekannten Frau für ihre wundersame Rettung bedanken, doch als diese das Land betrat, fuhr sie gen Himmel und wurde nie mehr gesehen.»

So erzählt man sich in Südchina über A-Ma, die Beschützerin der Fischer und Seeleute. Ihr zu Ehren wurde an der Landungsstelle der glücklichen Dschunke im 14. Jahrhundert der A-Ma-Tempel erbaut. Als später, im 16. Jahrhundert, die Portugiesen nach dem Namen jener kleinen Halbinsel, auf welcher der Tempel stand, fragten, da erhielten sie zur Antwort «A-Ma Gao» («Bucht der A-Ma»). Und daraus wurde dann «Macau».

Noch heute steht der A-Ma-Tempel. Er ist das älteste Bauwerk Macaus und besteht aus vielgestaltigen Tempeln, Untertempeln und Opfernischen, welche sich in der zerklüfteten Felswand zwischen knorrigen Banyan-Bäumen verstecken. Bis zum heutigen Tag kommen die Fischer und Seeleute hierher, um A-Ma Opfergaben darzubringen und für sich Schutz vor den Naturgewalten zu erbitten. Wie eh und je bieten alte, schwarzgekleidete Frauen Räucherstäbchen an und strecken ihre runzligen Hände nach einigen Patacas aus. Und noch immer ist am Tag der A-Ma ein grosser chinesischer Feiertag. Es ist der 23. Tag im dritten «Mond» und fällt meistens in den April.

 

 

 

Bildlegenden

Von der Fortaleza do Monte, der alles überragenden und noch immer kanonenbestückten Festung Macaus, fällt der Blick über die Altstadt und den Inneren Hafen auf das jenseitige Festland, das bereits zur Volksrepublik China gehört. 1999, nach genau 444jähriger Existenz wird Macau, die älteste noch bestehende Niederlassung von Europäern im Fernen Osten, an den mächtigen Nachbarn zurückfallen.

Macaus Beschaulichkeit bietet in vielfacher Hinsicht einen angenehmen Kontrast zur weltmarktbezogenen Dynamik des nur 65 Kilometer entfernten Hongkongs. In den engen, verwinkelten, kopfsteingepflasterten Strässchen der Altstadt fühlt man sich trotz des chinesischen Lokalkolorits - unweigerlich an ein von Geschichte und Kultur geprägtes mediterranes Küstenstädtchen erinnert.

Imposantes Wahrzeichen Macaus war einst die Basilika Sao Paulo, seinerzeit grösste Kathedrale ganz Asiens. Seit einem verheerenden Taifun im Jahr 1835 mit nachfolgender Feuersbrunst ist sie jedoch nur noch eine Fassade, durch deren Fenster der blaue Himmel scheint und in deren Nischen sich Moose und Farne mit den Heiligenfiguren angefreundet haben. Gleichwohl kann man sich angesichts des aussergewöhnlichen Baudenkmals gut vorstellen, dass die Basilika den «heidnischen» Chinesen wie eine Zitadelle erschien, von der aus das Himmelreich erobert werden sollte.

Als «Monte Carlo des Fernen Ostens» wird Macau gelegentlich bezeichnet, denn Glücksspiele sind Macaus heftigst sprudelnde Geldquelle. Von der Eleganz Monte Carlos hat Macau allerdings nichts aufzuweisen. Die Kasinos - im Bild das Hotel Casino Lisboa - sind architektonisch bedenkliche Neubauten ohne jeden Luxus, und an den Spieltischen drängeln sich hemdsärmlig die herbeigeeilten Hongkong-Chinesen. Fragen des Dekors und der Garderobe sind zweitrangig, denn man kommt am Wochenende einzig hierher, um dem in Hongkong verbotenen Glück mit Kugeln, Würfeln und Karten nachzujagen.




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