Mähnenspringer

Ammotragus lervia


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Als Nutztiere sind uns allen die Ziege und das Schaf bestens bekannt. Seit der Jungsteinzeit, also seit mehr als 8000 Jahren, leben sie in enger Gemeinschaft mit dem Menschen und werden von ihm als Fleisch-, Milch-, Wolle- und Lederlieferanten sehr geschätzt.

Weniger bekannt sind dagegen die über zwanzig verschiedenen wildlebenden Verwandten von Hausschaf und Hausziege, obschon sie auf der nördlichen Erdhalbkugel weit verbreitet sind. Mit einem von ihnen wollen wir uns hier beschäftigen: dem in Nordafrika beheimateten Mähnenspringer (Ammotragus lervia), der vielfach auch Mähnenschaf genannt wird.

 

Eine vielgestaltige Verwandtschaft

Innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) gehören die Schafe und die Ziegen zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae). Dort werden sie als Unterfamilie der Ziegenartigen (Caprinae) von den übrigen Hornträgern abgetrennt. 24 Arten von Ziegenartigen werden im allgemeinen unterschieden. Die Palette reicht vom wendigen, ostasiatischen Goral (Nemorhaedus goral), der ein Gewicht von höchstens 40 Kilogramm und eine Schulterhöhe von 80 Zentimetern erreicht, bis hin zum zottelhaarigen, arktischen Moschusochsen (Ovibos moschatus), der ein Gewicht von bis zu 650 Kilogramm und eine Schulterhöhe von bis zu 145 Zentimetern aufweisen kann.

Die Ziegenartigen werden von den Fachleuten in drei Sippen aufgeteilt:

1. die Gemsenartigen (Rupicaprini). Sie gelten als die ursprünglichsten Vertreter der Ziegenartigen. Der Goral, die Seraue (Capricornis spp.; Ostasien), die Schneeziege (Oreamnos americanus; Nordamerika) und die Gemse (Rupicapra rupicapra; Europa und Westasien) gehören hierzu.

2. die Schafochsen (Ovibovini). Zu ihnen zählen der Moschusochse und der rätselhafte Takin (Budorcas taxicolor), welcher in den Bergbambuswäldern Chinas, Burmas und Bhutans umherstreift.

3. die Böcke (Caprini). Sie sind höherentwickelte Ziegenartige mit grossen Unterschieden zwischen den Geschlechtern hinsichtlich Grösse und Aussehen. Diese Sippe setzt sich zusammen aus dem Mähnenspringer, den Tharen (Hemitragus spp.; Arabien, Südindien, Himalaja), dem Blauschaf (Pseudois nayaur; Himalaja), den «echten» Schafen der Gattung Ovis (Wildschafe, Mufflon, Schneeschaf, Dickhornschafe) und den «echten» Ziegen der Gattung Capra (Bezoarziege, Steinböcke, Schraubenziege).

 

Halb Schaf, halb Ziege

Dia Ziegenartigen weisen eine lange Stammesgeschichte auf. Sie lässt sich etwa 35 Millionen Jahre zurückverfolgen. Die frühen Vorfahren aus jenen längst vergangenen Epochen dürften wohl den heutigen Serauen und dem Goral in Gestalt und Lebensweise recht ähnlich gewesen sein: kleine, «stämmige» Paarhufer mit kurzen Hörnern, kurzem Schwanz und struppigem Fell. Im Laufe ihrer Stammesgeschichte passten sie sich immer stärker in Lebensräume ein, die durch steiles, felsiges Gelände und oftmals rauhes Klima gekennzeichnet waren. So eroberten sie allmählich viele Wüstengebiete, die eurasischen Hochgebirge und die arktischen Tundren, während sich die übrigen Hornträger vor allem über die offenen Grasländer der Tropen und Subtropen sowie die lockeren Wälder der gemässigten Klimazone ausbreiteten.

Im Verlauf dieses Prozesses erfolgte denn auch die Trennung der Böcke in Schafe (Gattung Ovis) einerseits und Ziegen (Gattung Capra) andererseits. Eine Art hat dieser Aufspaltung in die beiden Gattungen allerdings «widerstanden»: der Mähnenspringer. Bis heute können sich die Fachleute nicht entscheiden, ob dieser Vertreter aus der Sippe der Böcke eher zu den Ziegen oder eher zu den Schafen zu rechnen ist. Für jedes ziegenähnliche Merkmal weist er nämlich auch ein schafähnliches auf. Schädel- und Skelettbau zum Beispiel sind eher ziegenartig, die Zusammensetzung der Bluteiweisse und das Verhalten hingegen eher schafähnlich.

Halb Ziege, halb Schaf - der Mähnenspringer gilt heute als lebende Version jenes längst ausgestorbenen Hornträgers, aus dem sowohl die «echten» Schafe als auch die «echten» Ziegen hervorgegangen sind.

 

Beinkleider und Halskrause

Der Mähnenspringer ist ein recht grosser Vertreter der Ziegenartigen: Die männlichen Tiere erreichen eine Schulterhöhe von bis zu 112 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 145 Kilogramm. Die Weibchen werden maximal 100 Zentimeter gross und wiegen bis 70 Kilogramm.

Besondere Merkmale im Erscheinungsbild der Mähnenspringer sind ihr muskulöser Hals und die überaus kräftigen Vorderbeine. Besonders auffällig ist jedoch die Mähne, welche den Tieren zu ihrem Namen verholfen hat. Bei beiden Geschlechtern zieht sie sich vom Kinn her der Unterseite des Halses entlang bis zu den Vorderbeinen. Dort setzt sie sich fort bis zu den Knien, sodass der Eindruck entsteht, die Tiere trügen Hosen. Die Mähne wird ergänzt durch eine Halskrause am Halsansatz, die aber im allgemeinen wenig ausgeprägt ist.

Mähnenspringer beiderlei Geschlechts tragen Hörner. Bei den Männchen sind sie aber deutlich grösser und auch massiger als bei den Weibchen: Sie können bis 85 Zentimeter lang werden, während diejenigen der Weibchen zumeist unter 50 Zentimeter, ja häufig noch viel weniger messen. Die Hörner sind relativ stark gekrümmt und erinnern daher eher an die Stirnwaffen der Schafe als an die der Ziegen.

 

Seine zweite Heimat ist Nordamerika

Die ursprüngliche Heimat des Mähnenspringers sind die felsigen Wüstengebirge Nordafrikas und der Sahara. Einstmals wies die Art ein sehr weites Verbreitungsgebiet auf, das sich von der Atlantikküste im Bereich der heutigen Westsahara quer durch den ganzen afrikanischen Kontinent bis zu den Hügelregionen am Roten Meer im Bereich des nordöstlichen Sudans und des südöstlichen Ägyptens erstreckte. Aus den meisten Teilen dieses ehemaligen Verbreitungsgebiets ist der Mähnenspringer aber inzwischen verschwunden. Heute findet man ihn nur noch in einigen isolierten Gebirgsmassiven im Herzen der Sahara. Zu diesen letzten Rückzugsgebieten zählen der Adrar in Mauretanien, der Hoggar in Algerien, das Tassili-Djado-Gebirge im Grenzbereich zwischen Algerien und Niger, das Aïr-Gebirge in Niger, der Adrar-des-Iforhas in Mali, das Tibesti-Ennedi-Massiv im Tschad und der Meibob im Sudan.

Diese isolierten Gebirgszüge sind jedoch nicht die einzigen Orte, an denen freilebende Mähnenspringer vorkommen: Seit dem letzten Jahrhundert werden die hübschen Ziegenverwandten gerne in den Zoologischen Gärten Europas, seit der Jahrhundertwende auch in solchen Amerikas gehalten. Sie sind keine anspruchsvollen Pfleglinge und pflanzen sich in Gefangenschaft regelmässig fort, sodass mancherorts recht umfangreiche Herden entstanden sind. Aus solchen Beständen sind schon vor vielen Jahren im Südwesten der USA einige Tiere entflohen. Möglicherweise waren sie auch absichtlich ausgesetzt worden; man ist sich darüber nicht ganz im klaren. Auf jeden Fall hat den Mähnenspringern das Klima und das Nahrungsangebot in den Wüstengebieten Nordamerikas sehr zugesagt, und sie haben sich stark vermehrt und beträchtlich ausgebreitet. Heute kann man freilebende Mähnenspringerherden sowohl in Texas und Kalifornien als auch in Neumexiko antreffen.

Tatsächlich ergibt sich heute die paradoxe Situation, dass der Mähnenspringer in seiner angestammten Heimat immer seltener wird und mancherorts bereits ausgestorben ist, während er in Amerika so gut gedeiht, dass er an einigen Orten gar das einheimische Dickhornschaf (Ovis canadensis) zu verdrängen droht.

 

Eine Vorliebe für Akazienblüten

Wie die meisten Ziegenartigen bewohnt der Mähnenspringer mit Vorliebe zerklüftetes Gelände mit steilen Felswänden und unwegsamen Geröllfeldern. Hier vermag er sich dank seiner harten Hufe und seiner kräftigen Beine schnell und gewandt fortzubewegen und dabei Stellen zu erreichen, an die ihm fast kein anderes Tier folgen kann. Das bietet zwei grosse Vorteile: Zum einen kann er Raubfeinden wie Leopard und Löwe mühelos entkommen. Zum anderen kann er eine «Nahrungsnische» nutzen, welche anderen pflanzenessenden Huftieren nicht zugänglich ist.

Hinsichtlich seiner Nahrung ist der Mähnenspringer nicht allzu wählerisch. Das kann er sich angesichts des recht spärlichen Pflanzenwuchses in seiner Wüstenheimat auch gar nicht leisten. Tatsächlich «nascht» der hübsche Hornträger so ziemlich von jeder Pflanze, auf die er bei der Futtersuche trifft. Das schliesst nicht aus, dass auch dem Mähnenspringer gewisse Pflanzen besser munden als andere. So wurde etwa bei Untersuchungen im Air-Gebirge in Niger festgestellt, dass die dort lebenden Mähnenspringer besonders gern die Blüten und Früchte der Akazien verzehren, welche in den trockenen Flusstälern (Wadis) wachsen.

 

Mähnenspringer sind streitbare Wesen

Mähnenspringer leben selten einzelgängerisch. Gewöhnlich bilden sie Kleingruppen aus jeweils einem erwachsenen Männchen, mehreren Weibchen und deren Kindern. Die «überzähligen» Männchen schliessen sich zu sogenannten «Junggesellengruppen» zusammen.

Wie die meisten Ziegenartigen - aber eher im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung von den friedliebenden Schafen - sind sowohl die männlichen wie auch die weiblichen Mähnenspringer recht streitbare Tiere. Die meisten Auseinandersetzungen zwischen den Männchen finden naturgemäss während der Brunftzeit statt. Sie kämpfen dann heftig untereinander um das Vorrecht zur Paarung mit den Weibchen. Aber auch ausserhalb der Brunftzeit kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen den rivalisierenden Männchen. Bei den Weibchen sind die Machtkämpfe etwa gleichmässig über das ganze Jahr verteilt. Sie dienen dazu, die Rangordnung innerhalb der Gruppe festzulegen.

Die spektakulärsten Kämpfe finden aber auf jeden Fall zwischen den rivalisierenden Männchen statt. Sie erweisen sich als völlig skrupellose Kämpfer, denen jede Kampftechnik recht ist, um den Gegner zu überwältigen: Zum Beispiel stechen sie mit ihren scharfen Hornspitzen zu, wenn sich Gelegenheit dazu bietet. Oder sie rennen mit gesenktem Kopf auf den Feind los. Sehr häufig stellen sie sich seitlich zum Gegner, haken ihre Hörner bei den seinigen ein und versuchen dann, ihn durch Reissen und Zerren aus dem Stand zu bringen. Diese allgemein übliche Kampfform dürfte übrigens erklären, warum die Halsmuskulatur der Mähnenspringermännchen dermassen stark entwickelt ist: Sie bietet Schutz vor den enormen Zugkräften, die beim «Hörnerhakeln» auf die Halswirbelsäule wirken, und verhindern so, dass die Kämpfer einen Genickbruch erleiden.

Die Brunftzeit fällt sowohl in Afrika als auch in Nordamerika schwergewichtig in die Herbstmonate. Die Tragzeit beträgt 22 bis 23 Wochen, sodass die meisten Jungen zwischen März und Mai zur Welt kommen. Vereinzelte Paarungen und Geburten können aber durchaus auch in den anderen Monaten des Jahres stattfinden. Die jungen Mähnenspringer sind bei der Geburt bereits vollständig entwickelt und vermögen schon nach wenigen Stunden ihrer Mutter über Stock und Stein nachzulaufen.

 

Gefahr droht durch die haustiergewordene Verwandtschaft

Eigenartigerweise hat der Mensch nie versucht, den Mähnenspringer zum Haustier zu machen, obschon er sich verhältnismässig leicht zähmen lässt und einfach zu halten ist. Genutzt - auf die eine oder andere Weise - hat er ihn aber von alters her. Tatsächlich haben die in der Sahara lebenden Nomaden praktisch für jeden Körperteil des Mähnenspringers irgendeine Verwendung gefunden. Fell, Haar, Sehnen und Hörner des wüstenliebenden Paarhufers waren begehrte Rohstoffe zur Herstellung von allerlei Gegenständen des täglichen Bedarfs, sein Fleisch willkommenes Nahrungsmittel.

Die traditionelle Bejagung des Mähnenspringers hat seine Bestände nie ernsthaft in Gefahr gebracht. Bedrohlich wurde es erst, als mit vierradgetriebenen Geländefahrzeugen und automatischen Waffen Jagd auf ihn gemacht wurde. Grosser Schaden entstand auch, als geologische Expeditionstrupps auf der Suche nach Erdöl und anderen Bodenschätzen selbst in die abgeschiedensten Wüstengegenden vordrangen und sich ihr Fleisch «vor Ort» beschafften. Nun verschwand der Mähnenspringer innerhalb weniger Jahrzehnte aus weiten Teilen seines ehemaligen Verbreitungsgebiets. Immerhin hat ihn seine Fähigkeit, Zuflucht in zerklüftetem Gelände zu finden, davor bewahrt, ganz so radikal ausgelöscht zu werden wie etwa die Säbelantilope (Oryx dammah) und die Mendesantilope (Addax nasomaculatus), welche die offenen Gebiete der Sahara bewohnen.

So stellt denn heute die Bejagung auch nicht die grösste Gefahr für den Mähnenspringer dar. Weit schlimmer wirkt sich der Nahrungswettstreit mit Hausschaf und Hausziege aus. Deren Zahl nimmt von Jahr zu Jahr rapid zu, denn sie gelten bei den nomadischen Völkern der Sahara als Zeichen des Wohlstands. Da sie sich beinahe ebenso geschickt im felsigen Gelände fortzubewegen vermögen wie der Mähnenspringer, zerstören sie vielerorts in zunehmendem Mass dessen karge Nahrungsgrundlage. Und ohne diese ist natürlich ein Überleben auch für den widerstandsfähigen Mähnenspringer undenkbar.

Noch immer kommt der Mähnenspringer in einigen Gebieten ziemlich häufig vor. Zwei davon - die Aïr-Ténéré-Region in Niger und die Tibesti-Ennedi-Region im Tschad - stehen heute glücklicherweise unter Naturschutz. Die Ausweisung dieser für den Mähnenspringer äusserst wichtigen Gebirgslandschaften erfolgte mit fachlicher und finanzieller Unterstützung des Welt Natur Fonds (WWF) und der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN). Zwar wurde die Tibesti-Ennedi-Region mitsamt ihren menschlichen und tierlichen Bewohnern durch die kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre arg in Mitleidenschaft gezogen. Neuerdings besteht aber die Hoffnung, dass der Friede im Tschad wieder einkehrt - zum Wohl der tschadischen Bevölkerung als auch all der einzigartigen wüstenlebenden Wildtiere dieses Erdteils.




ZurHauptseite