Malaienbär

Ursus malayanus


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Grossbären (Ursidae) ist mit weltweit acht Arten zwar eine der kleinsten, aber dennoch eine der bekanntesten Säugetierfamilien, gehören ihr doch so populäre Tiere wie der Braunbär (Ursus arctos) oder der Grosse Panda (Ailuropoda melanoleuca) an. Leider hat die Sympathie, die wir «Meister Petz» im allgemeinen entgegenbringen, ihre Grenzen. Jedenfalls lehrt die Geschichte, dass der Mensch, wo immer er sich niederliess, sogleich den örtlichen Bären den Kampf ansagte - sei es aus Angst um das eigene Leben, zum Schutz der Haustiere oder einfach, weil man als «Bärentöter» besonders viel Jagdruhm erlangen konnte. So drängte der Mensch die Bären immer weiter zurück, je weiter er in ihre Lebensräume vorstiess. Und so stehen denn heute neben dem Grossen Panda noch weitere fünf Bärenarten auf der betrüblichen Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere. Unter ihnen befindet sich der Malaienbär (Ursus malayanus), von dem hier die Rede sein soll.

 

Der kleinste Grossbär

Als Ganzes gesehen hat die Bärenfamilie ein überaus weites Verbreitungsgebiet, das sich sozusagen über die gesamte nördliche Erdhalbkugel erstreckt und in Südamerika und Südostasien sogar über den Äquator auf die südliche Erdhalbkugel reicht. Während das kälteverträglichste Mitglied der Bärenfamilie unbestritten der Eisbär ist, der in den unwirtlichen Eiswüsten der Arktis lebt, ist das «tropentauglichste» Familienmitglied zweifellos der Malaienbär: Er bewohnt schwergewichtig die feuchtwarmen Tiefland- und Hügelregenwälder im tropischen Südostasien.

Das Verbreitungsgebiet des Malaienbären reicht von den Chittagong-Bergen in Bangladesch über Burma, Thailand, Laos, Vietnam, Kambodscha und Westmalaysia bis zu den beiden Sundainseln Sumatra und Borneo. Früher ist der Malaienbär auch noch in den beiden südwestchinesischen Provinzen Szetschuan und Yünnan vorgekommen, scheint aber inzwischen dort ausgestorben zu sein.

Über die Verbreitung des Malaienbären in Laos, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, sind keine genaueren Angaben erhältlich. Fachleute äussern aber die Ansicht, dass man der Art noch in praktisch allen Regionen des Landes begegnen könne, da Laos noch immer eines der waldreichsten Länder Südostasiens ist und somit der Malaienbär als strikter Waldbewohner noch fast überall geeigneten Lebensraum findet.

Gilt die im südlichen Alaska beheimatete Unterart des Braunbären, der Kodiakbär (Ursus arctos middendorffi), mit einem Gewicht von bis zu 750 Kilogramm und einer Kopfrumpflänge von bis zu 270 Zentimetern als der grösste der heutigen Grossbären, so steht der Malaienbär als kleinster aller Grossbären am anderen Ende der Skala: Erwachsene Männchen weisen ein Gewicht von lediglich 35 bis 65 Kilogramm, eine Kopfrumpflänge von 110 bis 140 Zentimetern und eine Schulterhöhe um 70 Zentimeter auf. Die Weibchen sind im Durchschnitt sogar noch etwa zwanzig Prozent kleiner. In Anpassung an das feuchtwarme Klima in seiner tropischen Heimat hat der Malaienbär im übrigen von allen Bären das kurzhaarigste Fell. Er unterscheidet sich hierdurch deutlich von seinen weiter nördlich lebenden Vettern, welche gewöhnlich eine recht zottelige Erscheinung haben.

 

Kräftige Krallen, lange Zunge

Über die Lebensgewohnheiten des Malaienbären in freier Wildbahn haben wir nur wenige gesicherte Kenntnisse. Das hängt mit der heimlichen Lebensweise des kleinen Bären ebenso zusammen wie mit der Unwegsamkeit seines Lebensraums und der zumeist sehr geringen Dichte seiner Bestände. Die meisten Informationen, die uns vorliegen, basieren entweder auf anekdotischen, von der ansässigen Bevölkerung übermittelten Erzählungen oder auf Beobachtungen an Malaienbären in Gefangenschaft und sind deshalb mit der nötigen Vorsicht zu behandeln. Das wenige, das wir einigermassen sicher wissen, sei hier kurz zusammengefasst:

Im Gegensatz zu den meisten anderen Grossbären scheint der Malaienbär hauptsächlich nachts unterwegs zu sein, während er den Tag schlafend in einem sicheren Versteck verbringt. Ob er sich hierzu des öfteren ein Baumnest aus abgebrochenen Ästen baut, so wie es auch der Orang-Utan (Pongo pygmaeus) tut, wird zwar immer wieder behauptet, ist aber bislang nicht sicher nachgewiesen.

Gewiss ist hingegen, dass der Malaienbär - wie die meisten Grossbären - ein Allesesser ist, der sich seine Kost möglichst abwechslungsreich zusammenstellt. Neben Früchten aller Art nimmt er beispielsweise Palmenschösslinge, kleine Echsen, Speicherwurzeln, Vogeleier, Termiten und Honig zu sich. Mit den kräftigen Krallen seiner Vordertatzen kann er Termiten- und Bienennester mühelos aufreissen, und mit seiner ungewöhnlich langen Zunge vermag er sodann die Termiten und ihre Eier wie auch den Honig und die Bienenmaden leicht herauszuholen.

Bei der Nahrungssuche besucht der Malaienbär regelmässig den Kronenbereich der Regenwaldbäume, um sich dort zu verköstigen. Sein verhältnismässig geringes Gewicht, seine kurzen, muskulösen Gliedmassen und seine krallenbewehrten Füsse machen ihn zu einem gewandten Kletterer. In der Tat dürfte er sich von allen Grossbären am meisten im Geäst der Bäume aufhalten.

Das Fortpflanzungsgeschehen scheint beim Malaienbären nicht saisonal gebunden zu sein. In Menschenobhut haben Malaienbärenweibchen jedenfalls schon zu allen Jahreszeiten Junge zur Welt gebracht, und dies dürfte - für tropenlebende Tiere nicht ungewöhnlich - auch in freier Wildbahn der Fall sein.

Je Wurf bringt das Bärenweibchen - nach einer Tragzeit von ungefähr drei Monaten - im Schutz einer Baumhöhle oder zwischen den grossen Brettwurzeln eines Regenwaldbaums ein oder zwei Junge zur Welt. Diese wiegen bei der Geburt lediglich 300 bis 350 Gramm. Sie öffnen mit vier Wochen die zuvor fest verschlossenen Augen, und mit acht Wochen brechen ihre ersten Zähne durch. Im Alter von zehn Wochen können sie bereits ihrer Mutter auf den Fresswanderungen durch das Wohngebiet folgen, und mit fünfzehn Wochen fangen sie bereits an zu klettern. Malaienbären werden mit drei bis vier Jahren geschlechtsreif und können ein Alter von über fünfundzwanzig Jahren erreichen.

 

Ein grimmiger Waldbewohner

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als müsse für einen Bären, dessen Heimat der üppige tropische Regenwald ist, stets reichlich Futter vorhanden sein. Dies erweist sich jedoch als Trugschluss: Man muss nämlich berücksichtigen, dass in den Tropenwäldern nicht alle Bäume gleichzeitig Früchte tragen, sondern dass die verschiedenen Baumarten zu unterschiedlichen Zeiten blühen und fruchten. Auf einer bestimmten Fläche tragen deshalb stets nur einige wenige Bäume Früchte - und um diese herrscht dann zwischen den verschiedenen fruchtessenden Tieren des Regenwalds ein erheblicher Wettstreit. Diese natürliche «Futterknappheit» ist der Grund dafür, weshalb der Malaienbär wie die meisten regenwaldbewohnenden Grosssäuger von Natur aus in sehr geringer Bestandsdichte vorkommt. Der Artbestand des Malaienbären dürfte deshalb - seinem verhältnismässig weiten geografischen Vorkommen zum Trotz - nie besonders hoch gewesen sein.

Wissenschaftlich haltbare Schätzungen gibt es zwar weder zur heutigen noch zur einstigen Grösse des Gesamtbestands des kleinen Grossbären. Eines hingegen wird von niemandem bezweifelt: Es gibt heute beträchtlich weniger Malaienbären als früher. Die fortwährende Zerstörung des Lebensraums und die unablässige Bejagung durch den Menschen haben die Bestände überall massiv schrumpfen lassen.

Die Vernichtung der südostasiatischen Regenwälder zwecks Gewinnung von Tropenholz, Schaffung von Kulturland und Siedlungsfläche, Abbau von Bodenschätzen, Errichtung von Wasserkraftwerken usw. ist in den vergangenen Jahrzehnten mit erschreckender Geschwindigkeit vonstatten gegangen - und dürfte vorerst ungebremst weiterschreiten. Solange der Wald dabei nicht radikal gerodet wird, hat dies keine allzu grossen Auswirkungen auf den Malaienbären. Er ist recht anpassungsfähig und kann durchaus auch in Wäldern ein Auskommen finden, aus denen selektiv bestimmte Hölzer entnommen wurden - sofern man ihn lässt. Leider ist das kaum je der Fall: Praktisch überall, wo der Mensch - sei es als Siedler, Pflanzer, Strassenbauer, Holzfäller oder in anderer Funktion - in den natürlichen Lebensraum des Malaienbären vordringt, wird alsbald Jagd auf den ansässigen Bärenbestand gemacht.

Zwei Hauptgründe sind hierfür zu nennen: Zum einen wird der Malaienbär als Ernteschädling verketzert. Tatsächlich kann er in waldnahen Pflanzungen mitunter erhebliche Schäden anrichten. Zum anderen steht er im Ruf, einer der grimmigsten und für den Menschen gefährlichsten Regenwaldbewohner Südostasiens zu sein. Auch dies enbehrt nicht jeglicher Grundlage, doch ist anzumerken, dass der Malaienbär wie die meisten Wildtiere den Kontakt mit dem Menschen keineswegs sucht, sondern nach Möglichkeit meidet. Wird er jedoch in die Enge getrieben, an seinem Ruheplatz überrascht, oder wähnt ein Weibchen seine Jungen in Gefahr, so greift er ohne Zögern an. Obschon er nicht über dieselben «Bärenkräfte» verfügt wie seine grösseren Vettern, erweist er sich doch mit seinen langen Krallen und seinem massiven Gebiss als schrecklicher Gegner. In der Nähe besiedelter und kultivierter Gebiete wird der Malaienbär deshalb niedergeschossen, wann immer er sich zeigt.

 

Begehrte Gallenblase

Schädlichkeit und Gefährlichkeit treten allerdings als Gründe für die Bejagung des Malaienbären in jüngerer Zeit mehr und mehr in den Hintergrund. Immer gravierendere Auswirkungen hat dagegen die gezielte Verfolgung des schwarzen Tropenbären wegen des Werts, den veschiedene Teile seines Körpers in der ostasiatischen Volksheilkunde haben. Besonders begehrt ist seine Gallenblase. Sie wird - hauptsächlich in Südkorea und Japan - zur Stärkung der Manneskraft ebenso eingesetzt wie gegen Kopfweh, Magengeschwüre und ein ganzes Spektrum weiterer «Gebresten». Dieser Aberglaube wirkt sich für den Malaienbären - wie auch für die anderen Bären Südostasiens - verheerend aus. Denn mit dem Sinken der asiatischen Bärenbestände steigen die Preise für «Bärengallen» in unglaubliche Höhen. Südkoreanische Händler bieten mittlerweile 250 US-Dollars und mehr für eine einzige, vielleicht 70 Gramm schwere Gallenblase! Kein Wunder wird der Jagddruck auf die verbleibenden Bärenbestände immer massiver.

Erschwerend wirkt sich ferner aus, dass junge Malaienbären - vorab in Thailand - als prestigemehrende Heimtiere sehr gefragt sind. Mit ihren auffallenden O-Beinen und den «Dackelfalten» auf der Stirn, die man wegen der kurzen Haare gut sieht, wirken sie besonders drollig. Und zudem sind sie in der Jugend nicht nur überaus gutmütig und zutraulich, sondern erweisen sich auch als sehr intelligent und lernfähig. Sie lassen sich deshalb gut zähmen und zu allerlei Kunststückchen abrichten. Zwar werden auch diese zahmen Malaienbären beim Erreichen der Geschlechtsreife ausnahmslos zu unberechenbaren und gefährlichen Tieren. Doch selbst dann sind sie für den Besitzer noch von Nutzen, lassen sich doch ihre diversen Körperteile jederzeit als Heilmittel verkaufen. Auf dem thailändischen Schwarzmarkt wurden deshalb schon bis zu 5000 US-Dollars für einen jungen Malaienbären bezahlt. Dies macht neben dem Abschuss der erwachsenen Tiere auch den Fang von Jungtieren zu einem einträglichen Geschäft und verstärkt den Druck auf den Malaienbären zusätzlich.

 

Wann tritt Laos dem Washingtoner Abkommen bei?

Obschon der Malaienbär in Laos noch weitverbreitet ist, gilt er als in seinem Fortbestand gefährdet. Denn in den meisten Regionen des Landes wird ihm gezielt nachgestellt. Es scheint, als würde Laos in immer stärkerem Mass zum Lieferanten von Jungbären und Bärenprodukten für Japan, Südkorea, Thailand und andere südostasiatische Staaten, in denen die lokalen Bärenbestände entweder bereits weitgehend vernichtet oder aber wirksam geschützt sind. Zwar ist dieser Handel in den wenigsten Fällen legal, da der Malaienbär in Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (WA) aufgeführt und der Handel zwischen den Unterzeichnerstaaten des Abkommens also strikt untersagt ist. Leider hat aber gerade Laos das Abkommen noch nicht unterzeichnet. Und da der Malaienbaer in Laos auch nicht unter Naturschutz steht, sind Jagd, Fang und Ausfuhr von Gallenblasen, Krallen, Fellen und anderen Körperteilen sowie von lebenden Jungbären kein Problem.

Zwar deutet manches darauf hin, dass Laos in naher Zukunft dem WA beitreten wird. Und es ist auch ein Naturschutzgesetz in Vorbereitung, das unter anderem den Fang und Abschuss des Malaienbären verbieten wird. Ob allerdings Laos - als eines der ärmsten Länder Südostasiens - dereinst die Mittel aufzubringen vermag, um den Vollzug des Washingtoner Abkommens und des genannten Naturschutzgesetzes durchzusetzen, ist eher unwahrscheinlich - zumindest ohne fremde Hilfe.

Aus dieser Erkenntnis heraus unterstützt die Weltnaturschutzunion (IUCN) die Regierung von Laos schon heute fachlich und finanziell bei diversen Naturschutzaufgaben, so auch beim Aufbau eines Netzes von Naturreservaten. Mit dieser Hilfe von internationaler Seite soll das Land in die Lage versetzt werden, sein reiches natürliches Erbe zu erhalten, anstatt es dem kurzfristigen Profit zu opfern. Einigen besonders reichhaltigen Regenwaldgemeinschaften Südostasiens - und mithin dem kleinsten Grossbären unseres Planeten - wird durch diese Bestrebungen eine echte Überlebenschance geboten.




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